Sanatorium
Bad Wörishofen
15 Februar 1933

Verehrter und lieber Herr Dr.! 1

Sie waren so freundlich, sich in Ihrem Brief vom 20 Jänner 2 nach meiner Gesundheit zu erkundigen. Bis heute konnte ich darauf nicht antworten und das kam so: Kurz nach Neujahr, nachdem ich gute 8 Wochen Kur gemacht hatte, trat eine Unterbrechung derselben ein. Diese ist hier allgemein üblich, dauert ca. 14 Tage, worauf dann die Kur als sog. Nachkur noch 6 Wochen fortgesetzt wird. Diese Unterbrechung habe ich zu einer Autofahrt in italienischen Gefilden benützt. Ich war nach etwa 10 Tage wieder in Wörishofen zurück und hatte Frl. Boy in San Remo zurückgelassen. Nachdem ich nun eine Woche Kur gemacht hatte kam ein Telegramm, welches besagte, dass Frl. Boy in San Remo von einer Angina befallen worden war. Da sie nun dort ganz allein war, dazu noch per Auto, und ich ihr die Rückfahrt allein nach überstandener Krankheit nicht zumuten konnte, fuhr ich hin. Vorige Woche sind wir nun wieder hier eingetroffen, sie aber noch nicht ganz erholt und ich mit einer leichten Grippe. Jetzt ist alles überstanden, sodass ich auf Ihre Frage antworten kann: es geht uns beiden gut.

Nach Wien bin ich, obwohl ich es vorhatte, nun nicht gekommen. Nach beendeter Kur aber, Ende März voraussichtlich, wollen wir wieder eine Autofahrt antreten mit längerem Aufenthalt an der Riviera, wo es im Januar noch kalt und trübe war. Diese Reise, die zugleich unsere Hochzeitsreise sein wird, wird uns dann wohl auch nach Wien bringen. Wir denken so Mitte Mai dort zu sein und hoffen Sie dort in guter Gesundheit anzutreffen. Gearbeitet habe ich nicht; wenn ich nicht während der kommenden Wochen noch etwas schaffe werde ich Ihnen nichts zu zeigen haben.

Von Dr. Jonas erhielt ich kürzlich einen Brief, worin er mir seine Lage auseindersetzt, der noch ebenso trostlos zu sein scheint, wie im vergangenen Jahr. Die neue Regierung wird hieran auch wenig ändern können. Auf sein Buch 3 hat er nun etwa 100 Subskribenten, eine betrübend kleine Zahl für eine Sache die, ausser ihre musikalische Bedeutung, noch so ausgesprochen deutsch ist. Er bittet mich nun, ob ich helfend eingreifen will und ich werde mir das gerne überlegen wenn ich einigermassen weiss, wieweit Sie die Summe, die ich Ihnen für die Drucklegung des "Freien Satzes" versprochen habe, in Anspruch nehmen werden. Hierüber können wir dann im Mai sprechen. Sind Sie nun mit Kalmus schon etwas weiter gekommen?

Das Interesse seitens Hofrat Marx ist sehr erfreulich. Wenn ich Ihren Brief richtig verstehen, will er eine sehr verkürzte Ausgabe Ihrer Lehre, 4 den wie sollte sonst einen Betrag von 100 Sch. Bei der U.E. ausreichen, wenn es sich um ein grösseres Buch handeln würde?

Indessen hoffe ich dass es Ihnen in jeder Hinsicht gut geht, dass auch Ihre Frau wohlauf ist und verbleibe, mit den besten Grüssen von Frl. Boy,


Ihr sehr ergebener
[unsigned]

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2017


Sanatorium
Bad Wörishofen
February 15, 1933

Revered and dear Dr. [Schenker], 1

You were kind enough in your letter of January 20 2 to inquire as to my health. Until today I was not able to answer on that point, and for the following reason: shortly after New Year's, after I had taken a cure for a good eight weeks, an interruption occurred. This is common here, and lasts about two weeks, at which point the cure is then continued for eight weeks as a so-called post-cure. I used this interruption for an automobile trip in the Italian countryside. I was back in Wörishofen after ten days and had left Miss Boy in San Remo. After I had taken my cure for one week, a telegram arrived with notification that Miss Boy had suffered an angina attack in San Remo. She was completely alone there, and by car at that; and I could not have her make the return trip alone having just survived an illness, so I went down there. Last week we arrived back here, she still not completely recovered and I with a slight case of flu. Now we are over everything, so that I can answer your question: we are both well.

I have not yet been to Vienna, although I had planned to. But as soon as the cure is completed ‒ I expect at the end of March ‒ we will again take a car trip with a longish stay on the Riviera, where in January it was still cold and dreary. This trip, which will also be our wedding trip, will then probably bring us to Vienna too. We expect to be there the middle of May and hope to find you there in good health. Of work I have done none; if during the coming weeks I still produce nothing, I will have nothing to show you.

I recently received a letter from Dr. Jonas in which he described his situation, which appears to be just as cheerless as last year. The new government too will not be able to bring much change. For his book 3 he now has 100 subscribers, a disappointingly small number for something which, aside from its musical significance, is so thoroughly German. He asks me now whether I can provide help, and I would like to think about that when I have some idea of how much you will need of the money I have pledged for the printing of the Free Composition . About this, then, we can speak in May. Have you made any progress with Kalmus?

The interest on Court Counselor Marx's part is most gratifying. If I understand your letter correctly, he wants a much-abridged edition of your theory, 4 for how otherwise would a sum of 100 shillings suffice at Universal Edition if it were a question of a larger book?

For all that, I hope you are well in all respects, that your wife too is well, and I remain, with best greetings from Miss Boy,


Your very devoted
[unsigned]

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2017


Sanatorium
Bad Wörishofen
15 Februar 1933

Verehrter und lieber Herr Dr.! 1

Sie waren so freundlich, sich in Ihrem Brief vom 20 Jänner 2 nach meiner Gesundheit zu erkundigen. Bis heute konnte ich darauf nicht antworten und das kam so: Kurz nach Neujahr, nachdem ich gute 8 Wochen Kur gemacht hatte, trat eine Unterbrechung derselben ein. Diese ist hier allgemein üblich, dauert ca. 14 Tage, worauf dann die Kur als sog. Nachkur noch 6 Wochen fortgesetzt wird. Diese Unterbrechung habe ich zu einer Autofahrt in italienischen Gefilden benützt. Ich war nach etwa 10 Tage wieder in Wörishofen zurück und hatte Frl. Boy in San Remo zurückgelassen. Nachdem ich nun eine Woche Kur gemacht hatte kam ein Telegramm, welches besagte, dass Frl. Boy in San Remo von einer Angina befallen worden war. Da sie nun dort ganz allein war, dazu noch per Auto, und ich ihr die Rückfahrt allein nach überstandener Krankheit nicht zumuten konnte, fuhr ich hin. Vorige Woche sind wir nun wieder hier eingetroffen, sie aber noch nicht ganz erholt und ich mit einer leichten Grippe. Jetzt ist alles überstanden, sodass ich auf Ihre Frage antworten kann: es geht uns beiden gut.

Nach Wien bin ich, obwohl ich es vorhatte, nun nicht gekommen. Nach beendeter Kur aber, Ende März voraussichtlich, wollen wir wieder eine Autofahrt antreten mit längerem Aufenthalt an der Riviera, wo es im Januar noch kalt und trübe war. Diese Reise, die zugleich unsere Hochzeitsreise sein wird, wird uns dann wohl auch nach Wien bringen. Wir denken so Mitte Mai dort zu sein und hoffen Sie dort in guter Gesundheit anzutreffen. Gearbeitet habe ich nicht; wenn ich nicht während der kommenden Wochen noch etwas schaffe werde ich Ihnen nichts zu zeigen haben.

Von Dr. Jonas erhielt ich kürzlich einen Brief, worin er mir seine Lage auseindersetzt, der noch ebenso trostlos zu sein scheint, wie im vergangenen Jahr. Die neue Regierung wird hieran auch wenig ändern können. Auf sein Buch 3 hat er nun etwa 100 Subskribenten, eine betrübend kleine Zahl für eine Sache die, ausser ihre musikalische Bedeutung, noch so ausgesprochen deutsch ist. Er bittet mich nun, ob ich helfend eingreifen will und ich werde mir das gerne überlegen wenn ich einigermassen weiss, wieweit Sie die Summe, die ich Ihnen für die Drucklegung des "Freien Satzes" versprochen habe, in Anspruch nehmen werden. Hierüber können wir dann im Mai sprechen. Sind Sie nun mit Kalmus schon etwas weiter gekommen?

Das Interesse seitens Hofrat Marx ist sehr erfreulich. Wenn ich Ihren Brief richtig verstehen, will er eine sehr verkürzte Ausgabe Ihrer Lehre, 4 den wie sollte sonst einen Betrag von 100 Sch. Bei der U.E. ausreichen, wenn es sich um ein grösseres Buch handeln würde?

Indessen hoffe ich dass es Ihnen in jeder Hinsicht gut geht, dass auch Ihre Frau wohlauf ist und verbleibe, mit den besten Grüssen von Frl. Boy,


Ihr sehr ergebener
[unsigned]

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2017


Sanatorium
Bad Wörishofen
February 15, 1933

Revered and dear Dr. [Schenker], 1

You were kind enough in your letter of January 20 2 to inquire as to my health. Until today I was not able to answer on that point, and for the following reason: shortly after New Year's, after I had taken a cure for a good eight weeks, an interruption occurred. This is common here, and lasts about two weeks, at which point the cure is then continued for eight weeks as a so-called post-cure. I used this interruption for an automobile trip in the Italian countryside. I was back in Wörishofen after ten days and had left Miss Boy in San Remo. After I had taken my cure for one week, a telegram arrived with notification that Miss Boy had suffered an angina attack in San Remo. She was completely alone there, and by car at that; and I could not have her make the return trip alone having just survived an illness, so I went down there. Last week we arrived back here, she still not completely recovered and I with a slight case of flu. Now we are over everything, so that I can answer your question: we are both well.

I have not yet been to Vienna, although I had planned to. But as soon as the cure is completed ‒ I expect at the end of March ‒ we will again take a car trip with a longish stay on the Riviera, where in January it was still cold and dreary. This trip, which will also be our wedding trip, will then probably bring us to Vienna too. We expect to be there the middle of May and hope to find you there in good health. Of work I have done none; if during the coming weeks I still produce nothing, I will have nothing to show you.

I recently received a letter from Dr. Jonas in which he described his situation, which appears to be just as cheerless as last year. The new government too will not be able to bring much change. For his book 3 he now has 100 subscribers, a disappointingly small number for something which, aside from its musical significance, is so thoroughly German. He asks me now whether I can provide help, and I would like to think about that when I have some idea of how much you will need of the money I have pledged for the printing of the Free Composition . About this, then, we can speak in May. Have you made any progress with Kalmus?

The interest on Court Counselor Marx's part is most gratifying. If I understand your letter correctly, he wants a much-abridged edition of your theory, 4 for how otherwise would a sum of 100 shillings suffice at Universal Edition if it were a question of a larger book?

For all that, I hope you are well in all respects, that your wife too is well, and I remain, with best greetings from Miss Boy,


Your very devoted
[unsigned]

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2017

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/6, p. 3813, February 17, 1933: "Von v. Hoboken (Br.): er heirate – vielleicht ein Wiedersehen im Mai – Hochzeitsreise – Jonas überwälzt er auf mich – „deutsch“ taucht wieder beziehungsvoll auf." ("From Hoboken (letter): he is getting married – possibly a get-together in May – honeymoon – he is offloading Jonas onto me – "German" is again surfacing in a telling way.").
Later the same day, Schenker records: "Vor dem Abendessen an Karpath (Br. diktirt): lege den Brief von v. H. bei: das Urteil des Ausländers Furtwängler, des Ausländers van Hoboken über den Skandal – man reißt mir den letzten Bissen aus dem Munde – Lie-Liechen schreibt den Brief bis 12h nachts." ("Before supper, to Karpath (letter, dictated): I enclose the letter from Hoboken: the judgment of the foreigner Furtwängler, the foreigner Hoboken in the scandal – people are snatching the last crust from out of my mouth. – Lie-Liechen writes the letter until midnight."). He wrote a letter to Furtwängler the next day.

2 = OJ 89/6, [1].

3 Oswald Jonas, Das Wesen des musikalischen Kunstwerks: Eine Einführung in die Lehre Heinrich Schenkers (Vienna: Saturn-Verlag, 1934), to be published in July 1934.

4 A greatly reduced version of Schenker's Harmonielehre for student use, to be placed on the syllabus of the Academy for Music and Performing Art.

Commentary

Rights Holder
Heirs of Anthony van Hoboken, published here by kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Anthony van Hoboken February 3, 2007. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.
Format
1p letter, carbon copy, typewritten salutation, message, and valediction (no signature)
Provenance
Hoboken, Anthony van ([document date]-1983)--Schneider, Hans (19??-2007)--University of California, Riverside (2007--)

Digital version created: 2017-12-04
Last updated: 2012-11-19