Mittwoch, 15. 1.
[Note: all paragraphs heavily edited by Schenker in blue crayon; final version only given here:]

Gesellschaftskonzert: 1 J. S. Bach Motette mit Orch.begl. vorgeführt in üblicher Ungezogenheit ‒ ohne dynamische Schattierung u. ohne jegliches Heraustreiben der Formen[.]

Von Hausegger : Requiem nach Hebbel: 2 Ohne psychologische Rundung. Ans Ende der Komp. gehört ‒ u. zw. nicht nur aus rein musikalischen Gründen (z.B. der Wiederholung, der Liedform u. dgl.) ‒ ‒ doch wieder die erste Strophe „u. in den heiligen Gluten, Die den Armen die Liebe schürt“ u.s.w. Verfährt hier doch auch Hebbel selbst bereits im musikalischen Sinne, indem er zu Ende des Gedichtes mindestens: „Seele, vergiß sie nicht[“] u.s.w. setzt, um so des Zuhörers (bz. Lesers) Gefühl wieder in die schönen Bahn der „heiligen Gluten, der Liebe“ zurück zu leiten. (besser freilich wäre es gewesen, wenn es (wie Goethe z.B. in „Erster Verlust“) noch deutlicher auf die erste Strophe zurück zu kommen wäre.) Der Musiker hätte es aber unter allen Umständen tun müssen: für ihn war es ein Gebot, ans letzte Ende, als Ausklang u. Coda „Liebe, Wärme“ 3 zu setzen. (Vgl. Brahms Schicksalslied.[)]

Von Claude Debussy : „Die Auserkorene“ Ein weithinflutendes Nichts; Nirgends auch nur ein Brocken Form; Klänge in der Luft hängend; daher auch nicht ins Herz dringend.

{64} Schubert ’s „Mirjams Siegesgesang“ fehlt die durchdringende Erfindung, wie er sie selbst den Erstlingen dieser weit ausholenden Technik sonst immer noch zu verleihen pflegte. Eine längst bewährte Technik im Schaffen fast eben immer mehr allein noch begriffen. 4

Busoni spielt Beeth. Chorphant . u. Liszt’s „Totentanz“ in seiner schlangenhaft fascinierenden kalten Weise. 5

Abends zu Tisch eben mit B., Schalk , Fl., Schülern u. Schülerinnen der „Meisterschule“ etc. Busoni ’s Paradoxen immer steiler, immer abschüssiger ‒ verderbliche Lehre an die Jugend, übrigens auch verderbliches Beispiel des Lebens.

Rauhreif. ‒ Beim Anblick der Bäumen, Sträucher, Gitter, u.s.w. die Empfindung, als wollte gelegentlich einmal auch die Natur bei sich selbst studieren, ihre eigene Formen durch Nachzeichnen erforschen,‒ so treu u. deutlich zieht der Reif die dunklen Linien der Gegenstande nach! Ein Märchenbild.

*

Farman 6 glückt der erste Flugversuch. Nun hat der menschliche Körper endlich auch Fliegen gelernt, nur die Seele leider fliegt noch nicht höher!

*

Im amerikanischen Jargon ausgedrückt: die Welt ‒ ein Truß der Dummheit.

*

Von der Menschheit ist es wohl zu erwarten, daß ein einfacher Übersetzungsfehler 7 aus dem Hebraischen ins Griechische („alma“ übersetzt statt mit „junge Frau“ mit „Jungfrau“) das katolische Dogma von der „Jungfrau“ Maria, u. was alles sonst des Weiteren noch damit zusammenhängt, veranlaßt, u. sodann die Menschheit unterjocht haben konnte! (Welche Strömen von Menschenblut floßen doch {65} wegen jenes Übersetzungsfehlers, u. wie viel Menschenwehe klammert sich gerade an die „Jungfrau“ Maria![)] („Delitzsch“ 8 )

© Transcription Ian Bent, 2017, 2017


Wednesday, January 15
[Note: all paragraphs heavily edited by Schenker in blue crayon; final version only given here:]

Society concert: 1 J. S. Bach motets accompanied by orchestra, presented in the customary impertinent manner ‒ without dynamic shading and without articulating the forms. ‒

By Hausegger : Requiem to Hebbel's poem: 2 without psychological ramifications. Heard at the end of the composition ‒ indeed, not only on purely musical grounds (e.g. repetition, songform, and the likes) ‒ ‒ but again the first strophe "in the holy glow that love stokes for the poor" etc. Even Hebbel proceeds here himself already in a musical sense, in that at the end of the poem at least he sets "Soul, do not forget them," etc. in order to lead the listener's (and reader's) feelings back again to the delightful path of "the holy glow ... of love." (Admittedly, it would have been better if (like Goethe, e.g. in Erster Verlust) it had returned more clearly to the first strophe.) But the musician would have had to do it under all circumstances: for him it was a necessity, as he approached the end, to set "Love, Warmth" 3 as the closing tones and coda. (Cf. Brahms' Song of Destiny .)

By Claude Debussy : La demoiselle élue : a nothingness flowing far-and-wide; never once even the smallest semblance of form; sonorities suspended in the air; accordingly not impressing itself on the heart.

{64} Schubert's "Miriam's Victory Song" lacks that pervasive invention of the sort that he himself was accustomed to imparting to the first examples of this sweeping technique. A tried and tested technique in composition, still increasingly being adopted by composers. 4

Busoni plays Beethoven's Choral Fantasy and Liszt's Totentanz in his snakily fascinating, cold way. 5

In the evening, to dinner with Busoni, Schalk, Floriz, and pupils from the "master school" etc. Busoni's paradoxes are ever steeper, ever more precipitous ‒ disastrous way of teaching the young, what's more, disastrous example of how to live.

Hoar frost: At the sight of trees, shrubs, trellises, etc, one gets the feeling that even Nature perhaps wanted to study her own realm, to research her own forms by tracing round them, ‒ so faithfully and clearly does the frost delineate the dark outlines of the objects! A fairy-tale picture.

*

Farman 6 was successful at the first attempt at flight. Now finally the human body has even learned to fly; sadly only, the soul cannot fly any higher!

*

Couched in American jargon: the world ‒ a bundle of stupidity.

*

It is clearly to be expected of mankind that a simple error in translation 7 from the Hebrew to the Greek (alma translated not as "young woman" but as "virgin") opened the door to the Catholic dogma of the "Virgin" Mary and all the rest that goes along with it; and that's how mankind came to be subjugated. (What a shedding of human blood occurred on account of {65} that translation error, and how much human misery then turned itself directly to the "Virgin" Mary!) (Delitzsch 8 ).

© Translation Ian Bent, 2017, 2017


Mittwoch, 15. 1.
[Note: all paragraphs heavily edited by Schenker in blue crayon; final version only given here:]

Gesellschaftskonzert: 1 J. S. Bach Motette mit Orch.begl. vorgeführt in üblicher Ungezogenheit ‒ ohne dynamische Schattierung u. ohne jegliches Heraustreiben der Formen[.]

Von Hausegger : Requiem nach Hebbel: 2 Ohne psychologische Rundung. Ans Ende der Komp. gehört ‒ u. zw. nicht nur aus rein musikalischen Gründen (z.B. der Wiederholung, der Liedform u. dgl.) ‒ ‒ doch wieder die erste Strophe „u. in den heiligen Gluten, Die den Armen die Liebe schürt“ u.s.w. Verfährt hier doch auch Hebbel selbst bereits im musikalischen Sinne, indem er zu Ende des Gedichtes mindestens: „Seele, vergiß sie nicht[“] u.s.w. setzt, um so des Zuhörers (bz. Lesers) Gefühl wieder in die schönen Bahn der „heiligen Gluten, der Liebe“ zurück zu leiten. (besser freilich wäre es gewesen, wenn es (wie Goethe z.B. in „Erster Verlust“) noch deutlicher auf die erste Strophe zurück zu kommen wäre.) Der Musiker hätte es aber unter allen Umständen tun müssen: für ihn war es ein Gebot, ans letzte Ende, als Ausklang u. Coda „Liebe, Wärme“ 3 zu setzen. (Vgl. Brahms Schicksalslied.[)]

Von Claude Debussy : „Die Auserkorene“ Ein weithinflutendes Nichts; Nirgends auch nur ein Brocken Form; Klänge in der Luft hängend; daher auch nicht ins Herz dringend.

{64} Schubert ’s „Mirjams Siegesgesang“ fehlt die durchdringende Erfindung, wie er sie selbst den Erstlingen dieser weit ausholenden Technik sonst immer noch zu verleihen pflegte. Eine längst bewährte Technik im Schaffen fast eben immer mehr allein noch begriffen. 4

Busoni spielt Beeth. Chorphant . u. Liszt’s „Totentanz“ in seiner schlangenhaft fascinierenden kalten Weise. 5

Abends zu Tisch eben mit B., Schalk , Fl., Schülern u. Schülerinnen der „Meisterschule“ etc. Busoni ’s Paradoxen immer steiler, immer abschüssiger ‒ verderbliche Lehre an die Jugend, übrigens auch verderbliches Beispiel des Lebens.

Rauhreif. ‒ Beim Anblick der Bäumen, Sträucher, Gitter, u.s.w. die Empfindung, als wollte gelegentlich einmal auch die Natur bei sich selbst studieren, ihre eigene Formen durch Nachzeichnen erforschen,‒ so treu u. deutlich zieht der Reif die dunklen Linien der Gegenstande nach! Ein Märchenbild.

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Farman 6 glückt der erste Flugversuch. Nun hat der menschliche Körper endlich auch Fliegen gelernt, nur die Seele leider fliegt noch nicht höher!

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Im amerikanischen Jargon ausgedrückt: die Welt ‒ ein Truß der Dummheit.

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Von der Menschheit ist es wohl zu erwarten, daß ein einfacher Übersetzungsfehler 7 aus dem Hebraischen ins Griechische („alma“ übersetzt statt mit „junge Frau“ mit „Jungfrau“) das katolische Dogma von der „Jungfrau“ Maria, u. was alles sonst des Weiteren noch damit zusammenhängt, veranlaßt, u. sodann die Menschheit unterjocht haben konnte! (Welche Strömen von Menschenblut floßen doch {65} wegen jenes Übersetzungsfehlers, u. wie viel Menschenwehe klammert sich gerade an die „Jungfrau“ Maria![)] („Delitzsch“ 8 )

© Transcription Ian Bent, 2017, 2017


Wednesday, January 15
[Note: all paragraphs heavily edited by Schenker in blue crayon; final version only given here:]

Society concert: 1 J. S. Bach motets accompanied by orchestra, presented in the customary impertinent manner ‒ without dynamic shading and without articulating the forms. ‒

By Hausegger : Requiem to Hebbel's poem: 2 without psychological ramifications. Heard at the end of the composition ‒ indeed, not only on purely musical grounds (e.g. repetition, songform, and the likes) ‒ ‒ but again the first strophe "in the holy glow that love stokes for the poor" etc. Even Hebbel proceeds here himself already in a musical sense, in that at the end of the poem at least he sets "Soul, do not forget them," etc. in order to lead the listener's (and reader's) feelings back again to the delightful path of "the holy glow ... of love." (Admittedly, it would have been better if (like Goethe, e.g. in Erster Verlust) it had returned more clearly to the first strophe.) But the musician would have had to do it under all circumstances: for him it was a necessity, as he approached the end, to set "Love, Warmth" 3 as the closing tones and coda. (Cf. Brahms' Song of Destiny .)

By Claude Debussy : La demoiselle élue : a nothingness flowing far-and-wide; never once even the smallest semblance of form; sonorities suspended in the air; accordingly not impressing itself on the heart.

{64} Schubert's "Miriam's Victory Song" lacks that pervasive invention of the sort that he himself was accustomed to imparting to the first examples of this sweeping technique. A tried and tested technique in composition, still increasingly being adopted by composers. 4

Busoni plays Beethoven's Choral Fantasy and Liszt's Totentanz in his snakily fascinating, cold way. 5

In the evening, to dinner with Busoni, Schalk, Floriz, and pupils from the "master school" etc. Busoni's paradoxes are ever steeper, ever more precipitous ‒ disastrous way of teaching the young, what's more, disastrous example of how to live.

Hoar frost: At the sight of trees, shrubs, trellises, etc, one gets the feeling that even Nature perhaps wanted to study her own realm, to research her own forms by tracing round them, ‒ so faithfully and clearly does the frost delineate the dark outlines of the objects! A fairy-tale picture.

*

Farman 6 was successful at the first attempt at flight. Now finally the human body has even learned to fly; sadly only, the soul cannot fly any higher!

*

Couched in American jargon: the world ‒ a bundle of stupidity.

*

It is clearly to be expected of mankind that a simple error in translation 7 from the Hebrew to the Greek (alma translated not as "young woman" but as "virgin") opened the door to the Catholic dogma of the "Virgin" Mary and all the rest that goes along with it; and that's how mankind came to be subjugated. (What a shedding of human blood occurred on account of {65} that translation error, and how much human misery then turned itself directly to the "Virgin" Mary!) (Delitzsch 8 ).

© Translation Ian Bent, 2017, 2017

Footnotes

1 The Neue freie Presse for January 14, 1908, p. 12, reports an open rehearsal for this concert in the large hall of the Musikverein Building, at 7.30 p.m., but does not appear to record the main event on the 15th. No performers are listed, and no musical details given, but presumably the Bach motets, Hausegger Requiem (mixed chorus), Debussy La demoiselle élue (soprano, female chorus, and orchestra), and Schubert "Mirjams Siegesgesang" (soprano, SATB, and piano) were all part of the same program.

2 Siegmund von Hausegger, Requiem for 8-voice mixed chorus (1807), a setting of Christian Friedrich Hebbel's poem "Requiem" ("Seele, vergiss sie nicht") (also set by Max Reger and Peter Cornelius). Presumably it was part of the same Gesellschaft concert as the Bach motets.

3 "Wärme" ("Warmth"): the reading of this word is uncertain. Moreover, "Wärme" does not occur in Hebbel's poem, nor does any other plausible reading of Schenker's writing.

4 "Eine längst ... begriffen": the meaning of this sentence is far from clear. Perhaps Schenker intended to write "nicht" after "noch": "A tried and tested technique in composition, to this day still almost entirely not understood [or adopted]."

5 Busoni's recital took place, according to the Neue freie Presse, January 14, 1908, p. 12, on January 15 in the Bösendorfer Recital Hall. The program comprised Chopin, Twenty-four Preludes; Brahms, Paganini Variations; Liszt, "Italie" (Année de pélerinage, Book 2), and Don Juan Fantasy.

6 Henry Farman (1874‒1958), winner of the Deutsch-Archdeacon Prize on January 13, 1908.

7 The first draft ‒ "Der Welt heiß es nur zu ähnlich, daß ein Übersetzungsfehler ..." ("With the world it is all too much the same, that an error in translation ...") ‒ is much clearer than this awkward revised construction.

8 Franz Delitzsch (1813‒90), Lutheran theologian and Hebraist who published commentaries on many books of the Old Testament and translated the New Testament into Hebrew.