27.

Ausflug nach TullnerbachPreßbaum ; . Schillers Einleitung zur Braut v. Messina ; . eErster Versuch eines Kom[m]entars zu Em. Bachs Generalbaß-Lehre. 1

*

So lange Menschen sehen werden, daß nur die Kuh oder Ziege ihnen Milch liefert, laufen sie nicht Gefahr, z. B. einen Elefanten oder einen Hund u. dgl. für eine Kuh zu halten; der Nutzen der Milch wird stets der zuverlässige Erkenntnismesser sein. Wehe freilich, wenn sie alle Kühe ausrotten würde.
Aehnlich geht es den Menschen mit ihren Genies: So wenig sie auch deren letzte Natur kennen, nähren sie sich doch, so gut sie können, mit ihrer Geistesmilch u. da ist mir kaum bange, daß sie plötzlich Hunde zu melken anfangen würden u. zw. schon deshalb allein, weil sie deren Milch verschmähen. Auch hier zeigt der Nutzen den Weg – zum Genie.

*

Es fällt auf, daß mit zunehmendem Alter fast sämtliche Genies desto demonstrativer an ältere Traditionen anknüpfen, so z. B. Goethe an griechische Kunst, Schiller ebenfalls, Beethoven träumt von Kirchen- {259} tonarten, ebenso Brahms u. s. f. Diese auffallende Erscheinung erklärt sich in natürlicher Weise so, daß sie in der ersten Befangenheit der Jugend nicht fähig waren, das Wesen der Kunst in seiner Unwandelbarkeit zu verstehen u. eigensinnig auf Neues sannen, im Glauben, dadurch die Unwahrhaftigkeit einer früheren Kunst aufzudecken. Nach langen Experimenten sahen sie aber ein, daß alle Wahrheit der Kunst eine Wahrheit des Stoffes ist, die ebenso in Griechenland vor Jahrhunderten, wie in der Gegenwart erschöpft werden konnte. Sie begreifen, daß die künstlerische Erledigung eines dichterischen Problems alle Merkmale der Wahrheit schon vor ihnen gehabt haben konnte, u. bemühen sich nun, diese Erfahrung im Bereiche der eigenen Ideen nutzbar zu machen. Mit anderen Worten: In ihrer Jugend glaubten sie von Neuem anfangen zu müssen u. zu können u. sahen später ein, daß man über gewisse Grenzen der Kunst ebensowenig hinweg könne, wie sonst im Leben. Und so nähern sie sich demütig denjenigen Meistern, die schon vor alter Zeit die Kunst an ihre Grenzen in ihrer Art geführt haben. Sofern in der künstlerischen Ausführung der Stoff seine latente Wahrheit erfüllt findet, ist kein Teil der Ausführung als unwahr oder antiquirt zu bezeichnen. Es kommt alles darauf an, die Wahrheit des Stoffes zu erkennen u. es fügt sich ohneweiters auch die Wahrheit der Ausführung. (All das ist auch vom Chor in der griechischen Tragödie zu verstehen, u. auch von den Stimmführungs-Prinzipien der älteren Musik, die ja vom Standpunkt der Stimmführung ihre Wahrheit behalten hat. Daß wir heute Chöre nicht mehr gebrauchen u. in der Musik mit Stufen arbeiten, hebt die Wahrheit der antiken Chöre u. Stimmführung nicht auf[)].

*{260}

© Transcription Marko Deisinger.

27.

Trip to TullnerbachPreßbaum. [I read] the introduction to Schiller's The Bride of Messina. First attempt at a commentary on C. P. E. Bach's thoroughbass study. 1

*

So long as people can see that only a cow or goat can give milk, they do not run the risk of, say, mistaking an elephant or a dog for a cow; the value of milk will always be the trustworthy measure of recognition. Woe to them, should they should render the cow extinct.
For people, it is the same with geniuses. However little they understand their true essence, they nonetheless nourish themselves as best they can with their spiritual milk. And so I am hardly worried that they would suddenly start milking dogs, and indeed only because they despise their milk. In this respect, too, value points the way – to the genius.

*

It is striking how, as they grow older, nearly all geniuses align themselves all the more demonstratively with older traditions, thus for example Goethe with Greek art, Schiller likewise; Beethoven dreams of the church {259} modes, likewise Brahms, and so on. This striking phenomenon may be explained naturally in this way: that, in the first self-consciousness of youth, they were incapable of understanding the essence of art in its immutability, and were obstinate in speculating about the new belief that they could thereby uncover the untruthfulness of an older art. After long experimentation, however, they realized that all truth in art is a truth in the materials, which could be exhausted in ancient Greece centuries ago, just as it could in the present. They understand that the artistic solution to a poetic problem could have had all the attributes of truth before their arrival, and now endeavor to make this experience useful in the realm of their own ideas. In other words: in their youth they believed that they must, and could, begin from something new, and later they realized that one could not get beyond certain boundaries in art any more than one is otherwise able to in life. And so they humbly approached those masters who in their own way had already led art to its limits. So long as the material fulfills it intrinsic truth by being realized artistically, no part of that realization is to be regarded as untrue or antiquated. Everything depends on recognizing the truth of the material, and the truth of the realization follows without further ado. (All of this can be understood from the chorus in Greek tragedy, and also from the principles of voice leading of older music, which from the standpoint of voice leading has retained its truthfulness. That we no longer need choruses today, and work with harmonic degrees in music, does not invalidate the ancient choruses and voice leading.

*{260}

© Translation William Drabkin.

27.

Ausflug nach TullnerbachPreßbaum ; . Schillers Einleitung zur Braut v. Messina ; . eErster Versuch eines Kom[m]entars zu Em. Bachs Generalbaß-Lehre. 1

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So lange Menschen sehen werden, daß nur die Kuh oder Ziege ihnen Milch liefert, laufen sie nicht Gefahr, z. B. einen Elefanten oder einen Hund u. dgl. für eine Kuh zu halten; der Nutzen der Milch wird stets der zuverlässige Erkenntnismesser sein. Wehe freilich, wenn sie alle Kühe ausrotten würde.
Aehnlich geht es den Menschen mit ihren Genies: So wenig sie auch deren letzte Natur kennen, nähren sie sich doch, so gut sie können, mit ihrer Geistesmilch u. da ist mir kaum bange, daß sie plötzlich Hunde zu melken anfangen würden u. zw. schon deshalb allein, weil sie deren Milch verschmähen. Auch hier zeigt der Nutzen den Weg – zum Genie.

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Es fällt auf, daß mit zunehmendem Alter fast sämtliche Genies desto demonstrativer an ältere Traditionen anknüpfen, so z. B. Goethe an griechische Kunst, Schiller ebenfalls, Beethoven träumt von Kirchen- {259} tonarten, ebenso Brahms u. s. f. Diese auffallende Erscheinung erklärt sich in natürlicher Weise so, daß sie in der ersten Befangenheit der Jugend nicht fähig waren, das Wesen der Kunst in seiner Unwandelbarkeit zu verstehen u. eigensinnig auf Neues sannen, im Glauben, dadurch die Unwahrhaftigkeit einer früheren Kunst aufzudecken. Nach langen Experimenten sahen sie aber ein, daß alle Wahrheit der Kunst eine Wahrheit des Stoffes ist, die ebenso in Griechenland vor Jahrhunderten, wie in der Gegenwart erschöpft werden konnte. Sie begreifen, daß die künstlerische Erledigung eines dichterischen Problems alle Merkmale der Wahrheit schon vor ihnen gehabt haben konnte, u. bemühen sich nun, diese Erfahrung im Bereiche der eigenen Ideen nutzbar zu machen. Mit anderen Worten: In ihrer Jugend glaubten sie von Neuem anfangen zu müssen u. zu können u. sahen später ein, daß man über gewisse Grenzen der Kunst ebensowenig hinweg könne, wie sonst im Leben. Und so nähern sie sich demütig denjenigen Meistern, die schon vor alter Zeit die Kunst an ihre Grenzen in ihrer Art geführt haben. Sofern in der künstlerischen Ausführung der Stoff seine latente Wahrheit erfüllt findet, ist kein Teil der Ausführung als unwahr oder antiquirt zu bezeichnen. Es kommt alles darauf an, die Wahrheit des Stoffes zu erkennen u. es fügt sich ohneweiters auch die Wahrheit der Ausführung. (All das ist auch vom Chor in der griechischen Tragödie zu verstehen, u. auch von den Stimmführungs-Prinzipien der älteren Musik, die ja vom Standpunkt der Stimmführung ihre Wahrheit behalten hat. Daß wir heute Chöre nicht mehr gebrauchen u. in der Musik mit Stufen arbeiten, hebt die Wahrheit der antiken Chöre u. Stimmführung nicht auf[)].

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© Transcription Marko Deisinger.

27.

Trip to TullnerbachPreßbaum. [I read] the introduction to Schiller's The Bride of Messina. First attempt at a commentary on C. P. E. Bach's thoroughbass study. 1

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So long as people can see that only a cow or goat can give milk, they do not run the risk of, say, mistaking an elephant or a dog for a cow; the value of milk will always be the trustworthy measure of recognition. Woe to them, should they should render the cow extinct.
For people, it is the same with geniuses. However little they understand their true essence, they nonetheless nourish themselves as best they can with their spiritual milk. And so I am hardly worried that they would suddenly start milking dogs, and indeed only because they despise their milk. In this respect, too, value points the way – to the genius.

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It is striking how, as they grow older, nearly all geniuses align themselves all the more demonstratively with older traditions, thus for example Goethe with Greek art, Schiller likewise; Beethoven dreams of the church {259} modes, likewise Brahms, and so on. This striking phenomenon may be explained naturally in this way: that, in the first self-consciousness of youth, they were incapable of understanding the essence of art in its immutability, and were obstinate in speculating about the new belief that they could thereby uncover the untruthfulness of an older art. After long experimentation, however, they realized that all truth in art is a truth in the materials, which could be exhausted in ancient Greece centuries ago, just as it could in the present. They understand that the artistic solution to a poetic problem could have had all the attributes of truth before their arrival, and now endeavor to make this experience useful in the realm of their own ideas. In other words: in their youth they believed that they must, and could, begin from something new, and later they realized that one could not get beyond certain boundaries in art any more than one is otherwise able to in life. And so they humbly approached those masters who in their own way had already led art to its limits. So long as the material fulfills it intrinsic truth by being realized artistically, no part of that realization is to be regarded as untrue or antiquated. Everything depends on recognizing the truth of the material, and the truth of the realization follows without further ado. (All of this can be understood from the chorus in Greek tragedy, and also from the principles of voice leading of older music, which from the standpoint of voice leading has retained its truthfulness. That we no longer need choruses today, and work with harmonic degrees in music, does not invalidate the ancient choruses and voice leading.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 The second part of Bach's Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen (Berlin 1753–62). The 5th edition of this treatise is known to have been in Schenker's personal library at the time of his death: see Musik und Theater enthaltend die Bibliothek des Herrn † Dr. Heinrich Schenker, Wien (Vienna: Antiquariat Heinrich Hinterberger, n.d.), item 8.