25. VII. 14

Nachmittags trifft die erste Meldung von der Belgrader Note 1 ein. Die Hälfte der Energie zur rechten Zeit verwendet hätte der Monarchie die Ehre u. dem Troh Thronfolger das Leben erhalten. Die „Langmut“, worauf sich die Regierung als Ehrentitel beruft, ist eine unwürdigen Nachbarn gegenüber deplacierte [sic] Tugend gewesen. Das Leben, in diesem Falle auch das politische, zeigt aber deutlich, wie absurd die Lehre des Religionsstifters ist, der auch in einem solchen Falle davon spricht, die zweite Wange hinzuhalten. Alle solchen Lehren setzen voraus, daß der Bekenner das Wesen des ethischen Grundsatzes begreift u. es liegt auf der Hand, daß Christus , bezw. die Apostel übersehen haben, daß es in den meisten Fällen notwendig ist, durch Zwang, Peitsche u. allerhand scharfe Maßnahmen die Fähigkeit zum Bekenntnis erst zu entwickeln.

Wer die Slaven kennt, müßte im voraus wissen, daß ihnen nur durch Züchtigung zu einer kultiviertenren Form geholfen werden kann; zumal heute, da alle diese Natiönchen durch weitverbreitete falsche Lehren zum Größenwahn aufgestachelt worden sind. Wie grottesk [sic] nimmt sich die Stimme eines serbischen Militärs aus, der da plötzlich, wie die Zeitungen mitteilen, davon faselt, daß die 12 Millionen Serben der Menschheit „zu kulturellem Dienst verpflichtet“ seien! Mit demselben dem selben Recht könnte ein hergelaufenes Scribentchen, bevor es Proben einer Göthe- oder Schiller-Natur abgelegt, größenwahnige Konsequenzen daraus ziehen, daß es „der Menschheit verpflichtet“ sei. Es ist sehr bedauerlich, daß sich noch kein Philosoph, kein Soziologe, kein Ethiker gefunden hat, der den Größenwahn als den schrecklichsten Krankheitserreger der modernen Psyche entlarvt hat. Donnernd müßte man einem Natiönchen sagen, daß es nicht am Gefühl der Verpflichtung, sondern an der Tat liege, u. daß daraus, wie die serbische Nation die Jahrtausendhunderte bis heute absolviert hat, schon mit Sicherheit geschlossen werden kann, daß die größenwahnig u. emphatisch vorgetragene „Verpflichtung“ nie in Taten münden wird. Man kann diesen Schluss mit einer ebenso großen Bestimmtheit vortragen, als man von irgend einem beliebigen Musiker sagen kann, daß er niemals mehr ein Beethoven wird. Sehr bezeichnend für die gegenwärtige Epoche ist auch die Wendung der Note, die sich mit der Presse befaßt: wieder [recte wider] {625} die Presse als Störenfried! Bei so wenig Nutzen so viel Schaden – möchte das doch einer ganz u. gar verkrämerten Welt zu denken geben! Und doch fürchte ich, daß das ewige Kalkulieren die letzten Verstandespartikel rauben wird, die dazu gehören, um den Schaden der Presse zu begreifen.

Des Abends verbreitet sich ein Gerücht, daß Serbien das Ultimatum unter Protest angenommen habe.

*

© Transcription Marko Deisinger.

July 25, 1914.

In the afternoon, the first report from the Belgrade dispatch arrives. 1 Half the energy used at the right time would have saved the honor of the monarchy and the life of its successor to the throne. The "forbearance" upon which the government appeals, as a badge of honor, was a misplaced virtue with respect to an unworthy neighbor. Life, in this case also political life, clearly shows the absurdity of the teaching of the religious founder, who even in such a case speaks of turning the other cheek. All such teachings are based on the fact that the confessor comprehends the meaning of the ethical principle; and it is self-evident that Christ and his apostles overlooked the fact that, in most cases, it is necessary first to develop the capacity for affirmation of faith by compulsion, discipline and all manner of strict measures.

Anyone who knows the Slavs ought to know at the outset that they can be helped to become a more educated people only through chastisement; all the more so today, since all these tiny nations have been goaded into megalomania by widespread false teachings. How grotesquely does the voice of a Serbian military express itself when suddenly, as the newspapers announce, it drivels on about twelve million Serbs being "obliged to provide cultural service" to humanity! With the same right, some stray scribbler, before taking the tests of a Goethe or Schiller, could draw the megalomaniacal inference that he is "obliged to humanity." It is very regrettable that no philosopher, no sociologist, no ethicist has been found who can expose megalomania as the most terrifying pathogenic agent of the modern psyche. One ought to have to say thunderously to a little nation that it is not a question of feeling obligation but of deeds and that it can safely be concluded, as the Serbian nation has shown for centuries and up to the present day, that the megalomaniacal and emphatically demonstrated "obligation" will never be transformed into deeds. One can pronounce this conclusion with just as much conviction as one can say about any musician that he will never again be a Beethoven. Very characteristic of the present epoch is also the remark in the dispatch about the press: {625} against the press as disturber of peace! Being of so little use and causing so much damage – may that, however, give a world totally ruined by commercialism something to think about! And yet I fear that the eternal calculation will take away the last particles of reason by which the damage caused by the press may be understood.

In the evening, rumor spreads that Serbia has accepted the ultimatum under protest.

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© Translation William Drabkin.

25. VII. 14

Nachmittags trifft die erste Meldung von der Belgrader Note 1 ein. Die Hälfte der Energie zur rechten Zeit verwendet hätte der Monarchie die Ehre u. dem Troh Thronfolger das Leben erhalten. Die „Langmut“, worauf sich die Regierung als Ehrentitel beruft, ist eine unwürdigen Nachbarn gegenüber deplacierte [sic] Tugend gewesen. Das Leben, in diesem Falle auch das politische, zeigt aber deutlich, wie absurd die Lehre des Religionsstifters ist, der auch in einem solchen Falle davon spricht, die zweite Wange hinzuhalten. Alle solchen Lehren setzen voraus, daß der Bekenner das Wesen des ethischen Grundsatzes begreift u. es liegt auf der Hand, daß Christus , bezw. die Apostel übersehen haben, daß es in den meisten Fällen notwendig ist, durch Zwang, Peitsche u. allerhand scharfe Maßnahmen die Fähigkeit zum Bekenntnis erst zu entwickeln.

Wer die Slaven kennt, müßte im voraus wissen, daß ihnen nur durch Züchtigung zu einer kultiviertenren Form geholfen werden kann; zumal heute, da alle diese Natiönchen durch weitverbreitete falsche Lehren zum Größenwahn aufgestachelt worden sind. Wie grottesk [sic] nimmt sich die Stimme eines serbischen Militärs aus, der da plötzlich, wie die Zeitungen mitteilen, davon faselt, daß die 12 Millionen Serben der Menschheit „zu kulturellem Dienst verpflichtet“ seien! Mit demselben dem selben Recht könnte ein hergelaufenes Scribentchen, bevor es Proben einer Göthe- oder Schiller-Natur abgelegt, größenwahnige Konsequenzen daraus ziehen, daß es „der Menschheit verpflichtet“ sei. Es ist sehr bedauerlich, daß sich noch kein Philosoph, kein Soziologe, kein Ethiker gefunden hat, der den Größenwahn als den schrecklichsten Krankheitserreger der modernen Psyche entlarvt hat. Donnernd müßte man einem Natiönchen sagen, daß es nicht am Gefühl der Verpflichtung, sondern an der Tat liege, u. daß daraus, wie die serbische Nation die Jahrtausendhunderte bis heute absolviert hat, schon mit Sicherheit geschlossen werden kann, daß die größenwahnig u. emphatisch vorgetragene „Verpflichtung“ nie in Taten münden wird. Man kann diesen Schluss mit einer ebenso großen Bestimmtheit vortragen, als man von irgend einem beliebigen Musiker sagen kann, daß er niemals mehr ein Beethoven wird. Sehr bezeichnend für die gegenwärtige Epoche ist auch die Wendung der Note, die sich mit der Presse befaßt: wieder [recte wider] {625} die Presse als Störenfried! Bei so wenig Nutzen so viel Schaden – möchte das doch einer ganz u. gar verkrämerten Welt zu denken geben! Und doch fürchte ich, daß das ewige Kalkulieren die letzten Verstandespartikel rauben wird, die dazu gehören, um den Schaden der Presse zu begreifen.

Des Abends verbreitet sich ein Gerücht, daß Serbien das Ultimatum unter Protest angenommen habe.

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© Transcription Marko Deisinger.

July 25, 1914.

In the afternoon, the first report from the Belgrade dispatch arrives. 1 Half the energy used at the right time would have saved the honor of the monarchy and the life of its successor to the throne. The "forbearance" upon which the government appeals, as a badge of honor, was a misplaced virtue with respect to an unworthy neighbor. Life, in this case also political life, clearly shows the absurdity of the teaching of the religious founder, who even in such a case speaks of turning the other cheek. All such teachings are based on the fact that the confessor comprehends the meaning of the ethical principle; and it is self-evident that Christ and his apostles overlooked the fact that, in most cases, it is necessary first to develop the capacity for affirmation of faith by compulsion, discipline and all manner of strict measures.

Anyone who knows the Slavs ought to know at the outset that they can be helped to become a more educated people only through chastisement; all the more so today, since all these tiny nations have been goaded into megalomania by widespread false teachings. How grotesquely does the voice of a Serbian military express itself when suddenly, as the newspapers announce, it drivels on about twelve million Serbs being "obliged to provide cultural service" to humanity! With the same right, some stray scribbler, before taking the tests of a Goethe or Schiller, could draw the megalomaniacal inference that he is "obliged to humanity." It is very regrettable that no philosopher, no sociologist, no ethicist has been found who can expose megalomania as the most terrifying pathogenic agent of the modern psyche. One ought to have to say thunderously to a little nation that it is not a question of feeling obligation but of deeds and that it can safely be concluded, as the Serbian nation has shown for centuries and up to the present day, that the megalomaniacal and emphatically demonstrated "obligation" will never be transformed into deeds. One can pronounce this conclusion with just as much conviction as one can say about any musician that he will never again be a Beethoven. Very characteristic of the present epoch is also the remark in the dispatch about the press: {625} against the press as disturber of peace! Being of so little use and causing so much damage – may that, however, give a world totally ruined by commercialism something to think about! And yet I fear that the eternal calculation will take away the last particles of reason by which the damage caused by the press may be understood.

In the evening, rumor spreads that Serbia has accepted the ultimatum under protest.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 In the consequence of the assassination in Sarajevo, Austria-Hungary sent Serbia an extremely pointed 48-hour ultimatum on July 23, 1914, with specific demands aimed at preventing the publication of propaganda advocating the violent destruction of Austria-Hungary, removing the people behind this propaganda from the Serbian Military, arresting the people on Serbian soil who were involved in the assassination plot, and preventing the clandestine shipment of arms and explosives from Serbia to Austria-Hungary. Confronted with the ultimatum, the Serbian Cabinet worked out a compromise in which Serbia did not accept all of the demands.