Lieber Meister! 1

Wenn ich von Ihrer Aufforderung[,] nicht zu viel zu schreiben, gefolgt habe, so geschah es hauptsächlich aus der tiefen Depression[,] die ich über mein tatsächliches Nichtstuerdasein empfinde und die mich am liebsten all jene Fäden an meine geistige Vergangenheit zerreißen ließe, deren Erinnerung allein mich mit trüben und unerquicklichen Vorstellungen quält! Dass es eine Zeit gegeben hat, in der, Geist und Herz, nicht unter fremden Joche zu stehen gezwungen waren, mag wohl nur {2} für jene eine schmerzlich-bedeutsame Tatsache sein, die, früher gewohnt, alle Freiheiten des Geistes und der Seele zu geniessen, [?sich] und ihr Dasein nun in die engsten Grenzen gebannt zu fühlen! Wie lämend [sic] es auch zu sehen mag – es ist doch alles jeglichen Inhaltes bar – !

So sehe ich denn mit Freuden jenen am 14. oder 15. Dezember beginnenden Tagen meines Urlaubs entgegen, die mir doch jene Güter und Wirkungskreise wiedergeben sollen, die tatsächlich verschüttet wurden!

Ich freue mich unendlich[,] Sie zu sehen, 2 und habe Ihnen sehr, sehr, viel Interessantes und Sie Interessierendes zu erzählen!

Was die in Verlust geratene Seite von Brahms {3} Studienblättern 3 anbelangt, ist es das Beste[,] Frau Gutherz läßt die fehlende Seite nochmals photographieren. Sie dürfte sich deshalb noch mit Ihnen in Verbindung setzen.

Bis zum 15. also! Und dann hoffe ich[,] Sie recht häufig zu sehen und von Ihnen[,] verehrter Meister, so viel Nahrung in meinen geistigen Proviantsack mitzubekommen, daß ich wieder getrost bis zum Ende dieses Krieges ausharren kann.


Ihnen und der lieben gnädigen – alles
Herzliche von Ihrem alten getreuen
[signed:] Hans.

1/XII 16.

© Transcription William Drabkin, 2008



Dear Master, 1

If I have risen to your challenge not to write too much, it has been mainly as a result of the deep depression that I am experiencing on account of my very real inactivity, which is trying its best to tear apart all those threads which connect to my intellectual past, the very memory of which torments me with troubled and unedifying ideas! That there was once a time in which hearts and minds were not forced to submit to a foreign yoke may well only {2} be a painfully significant fact for those who were formerly accustomed to enjoy all the freedoms of mind and soul, but now feel themselves and their [very] existence banished to close confines! However crippling this may seem ‒ it has no substance whatsoever!

I thus view with delight my days of leave, due to start on the December 14 or 15; they will surely restore that intellectual wealth and sphere of activity which have been truly buried!

I am looking forward immensely to seeing you 2 and have a very great deal to tell you which I know will be of interest!

As regards the page of Brahms's {3} Studies 3 which has gone missing, it is best for Mrs. Gutherz to photograph it once more. She should get in touch with you in that regard.

Until the 15th, then! And then I hope to see you frequently and, revered Master, to absorb so much intellectual nourishment into my haversack that I shall be able to return comforted [to the field] and hold out until the end of this War.


Cordial greetings to you and your dear lady
from your old and trusty
[signed:] Hans

December 1, 1916

© Translation Alison Hiley, 2008



Lieber Meister! 1

Wenn ich von Ihrer Aufforderung[,] nicht zu viel zu schreiben, gefolgt habe, so geschah es hauptsächlich aus der tiefen Depression[,] die ich über mein tatsächliches Nichtstuerdasein empfinde und die mich am liebsten all jene Fäden an meine geistige Vergangenheit zerreißen ließe, deren Erinnerung allein mich mit trüben und unerquicklichen Vorstellungen quält! Dass es eine Zeit gegeben hat, in der, Geist und Herz, nicht unter fremden Joche zu stehen gezwungen waren, mag wohl nur {2} für jene eine schmerzlich-bedeutsame Tatsache sein, die, früher gewohnt, alle Freiheiten des Geistes und der Seele zu geniessen, [?sich] und ihr Dasein nun in die engsten Grenzen gebannt zu fühlen! Wie lämend [sic] es auch zu sehen mag – es ist doch alles jeglichen Inhaltes bar – !

So sehe ich denn mit Freuden jenen am 14. oder 15. Dezember beginnenden Tagen meines Urlaubs entgegen, die mir doch jene Güter und Wirkungskreise wiedergeben sollen, die tatsächlich verschüttet wurden!

Ich freue mich unendlich[,] Sie zu sehen, 2 und habe Ihnen sehr, sehr, viel Interessantes und Sie Interessierendes zu erzählen!

Was die in Verlust geratene Seite von Brahms {3} Studienblättern 3 anbelangt, ist es das Beste[,] Frau Gutherz läßt die fehlende Seite nochmals photographieren. Sie dürfte sich deshalb noch mit Ihnen in Verbindung setzen.

Bis zum 15. also! Und dann hoffe ich[,] Sie recht häufig zu sehen und von Ihnen[,] verehrter Meister, so viel Nahrung in meinen geistigen Proviantsack mitzubekommen, daß ich wieder getrost bis zum Ende dieses Krieges ausharren kann.


Ihnen und der lieben gnädigen – alles
Herzliche von Ihrem alten getreuen
[signed:] Hans.

1/XII 16.

© Transcription William Drabkin, 2008



Dear Master, 1

If I have risen to your challenge not to write too much, it has been mainly as a result of the deep depression that I am experiencing on account of my very real inactivity, which is trying its best to tear apart all those threads which connect to my intellectual past, the very memory of which torments me with troubled and unedifying ideas! That there was once a time in which hearts and minds were not forced to submit to a foreign yoke may well only {2} be a painfully significant fact for those who were formerly accustomed to enjoy all the freedoms of mind and soul, but now feel themselves and their [very] existence banished to close confines! However crippling this may seem ‒ it has no substance whatsoever!

I thus view with delight my days of leave, due to start on the December 14 or 15; they will surely restore that intellectual wealth and sphere of activity which have been truly buried!

I am looking forward immensely to seeing you 2 and have a very great deal to tell you which I know will be of interest!

As regards the page of Brahms's {3} Studies 3 which has gone missing, it is best for Mrs. Gutherz to photograph it once more. She should get in touch with you in that regard.

Until the 15th, then! And then I hope to see you frequently and, revered Master, to absorb so much intellectual nourishment into my haversack that I shall be able to return comforted [to the field] and hold out until the end of this War.


Cordial greetings to you and your dear lady
from your old and trusty
[signed:] Hans

December 1, 1916

© Translation Alison Hiley, 2008

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at p. 355, December 4, 1916: "Von Weisse (Br.): kommt Mitte des Monats, freut sich auf geistige Genüsse; bezüglich des Blattes 9 bittet er zu warten." ("From Weisse (letter): is coming at the middle of the month, looks forward to intellectual pleasures; regarding sheet 9 he asks to wait.")

2 Weisse visited Schenker on December 16, 1916 at 10:30 a.m., during Miss Kahn's lesson: OJ 2/4, pp. 541‒42: "½11h Weisse in der Stunde des Frl. Kahn, bleibt bis ¼12h u. erzählt allerlei aus seinem gegenwärtigen Leben, mit verschiedenen Seitenblicken, die slavische, deutsche Psyche usw. Besonders Amüsantes weiß er von den türkischen Truppen zu erzählen." ("10.30 a.m. Weisse in Miss Kahn's lesson, stays until 11.45 and recounts all manner of things about his present life, with various side-glimpses, the slavish German psyche etc., specially amusing things he knows about the Turkish troops.")

A series of short entries describes events during the rest of Weisse's leave:
— [17th (p. 542)]: "Weisse erscheint nicht, auch trifft keine Absage seinerseits ein; erst gegen Abend einen Brief von Fr. Gutherz mit verworrenen Entschuldigungen vorgefunden." — [18th (p. 544)]: "An Hans Weisse (pn.): überlasse ihm, mich zu verständigen." — [20th (p. 546)]: "Durch eine Dienerin der Fr. Gutherz fragt Weisse an, wann er mich sprechen könnte; ich bestelle ihn für Freitag 2h ins Caféhaus." — [22nd (p. 547): "Weisse kommt aber nicht, auch keinerlei Absage seinerseits. Nun Karte an ihn, er möge selbst einen Vorschlag machen. [...] An Floriz (K.): teile mit, daß ich Hans noch immer nicht gesehen habe. — [27th (p. 553)] "Von Frau Gutherz in Hans’ Namen eine Anfrage, wann er mich morgen, Donnerstag, sehen könnte; ich bestimme ab 1h im Caféhaus oder nach ¾7h auf ^nur^ wenige Minuten." — [28th (p. 553)]: "Hans erscheint um ½7h; begleitet mich zu Lie-Liechen, bestelle ihn für Dienstag den 2.I." — [Jan 2, 1917 (p. 557)]: "Um ½ 11h erscheint Weisse u. bleibt eine Stunde lang bei mir, gar vielerlei fragend, so nach einzelnen Stellen aus Mozart-, Beethoven-Streichquartetten; ich zeige ihm auch Halm u. gebe kritische Bemerkungen zum Besten; bringt endlich auch die Kopie des Haydn’schen Andante, die er aber Donnerstag wieder zurück haben möchte. Mit Absicht habe ich Lie-Liechen von ihm ferngehalten, um ihn für die Unart zu bestrafen, mit der er sich über die gesellschaftliche Pflicht am Sonntag hinwegsetzt."

("[17th] Weisse does not put in an appearance, yet no cancellation on his part arrives; not until toward evening is a letter found from Mrs. Gutherz with elaborate excuses. — [18th] To Weisse (pneumatic post): I leave it to him to let me know. — [20th] Through a servant of Mrs. Gutherz Weisse asks me when he could speak to me; I book him for Friday 2 p.m. in the coffee-house. — [Friday 22nd] But Weisse doesn't come, yet no cancelation of any sort from him. Now postcard to him that he may make a suggestion himself. [...] To Floriz (postcard): I tell him I have still not see Hans." — [27th] From Mrs. Gutherz in Hans's name, an inquiry as to when he can see me tomorrow, Thursday; I specify from 1 p.m. in the coffee-house or after 6.45 p.m. for only a few minutes. — [28th]: Hans turns up at 6.30 p.m.; accompanies me to Lie-Liechen; I book him for Tuesday January 2. ‒ [Jan 2nd] Weisse turns up at 10.30 a.m. and stays for an hour at my place asking all manner of questions, such as about particular passages in Mozart and Beethoven string quartets. I show him Halm, too, and offer critical remarks as best I could; he finally also brings the copy of the Haydn Andante that he, however, would have liked to take back on Thursday. I deliberately kept Lie-Liechen away from him so as to punish him for the discourtesy with which he ignored his social obligation on Sunday.")

3 Possibly Brahms's handwritten compilation of consecutive fifths and octaves, which Universal Edition published under Schenker's editorship in 1933 to mark the centennial of Brahms's birth as Oktaven u. Quinten u. A. in 1933.