16. Sept. 13.

Erster Besuch bei Mama. Sie hat [illeg]Gott sei Dank einige Kilo zugenommen u. hat, wie sie selbst gestand, den ganzen Sommer über keinerlei Beschwerden des Magens oder Herzens gehabt! In der ihr eigentümlichen egoistischen Art befangen kümmert sie sich gar nicht um mein Aussehen, sie sieht nicht die Brille, nicht den Kalender, den ich ihr zum Geschenk bringe, sie geht darauf los, mir von dem neuen Ungemach zu erzählen, das sie selbst heraufbeschworen! Ein Wörtchen der Tante hat genügt, daß sie sich zur Kündigung der soeben erst bezogenen Wohnung hinreißen ließ! Selbstverständlich weiß die Tante von all’ den Dingen nichts mehr u. auch die Mutter macht Miene, so unschuldig als möglich zu tun. Die Wirtin beklagt sich über so manches, woraus hervorgeht, daß die Mutter, kaum in Wien angelangt, per Wagen einen Besuch einer alten Freundin macht. Was doch aber die {418} menschliche Seele für ein Präzisions-Instrument ist! Trotz aller mütterlichen Liebe mag ein Gewissen, das freilich nicht genügend ausgebildet ist, ihr geraten haben, diese Fahrt mir gegenüber zu verschweigen! Als wäre sie die Anomalie gewahr geworden, daß sie meine Liebe dazu mißbraucht, um mir nur Verdruß zu machen, dagegen rückhaltslose [sic] Freude mit einer fremden Person zu teilen!

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© Transcription Marko Deisinger.

September 16, 1913.

First visit to Mama. She has, thank God, gained a few kilograms and, as she herself admitted, has not had a single stomach or heart ailment the whole summer long! Caught in her peculiar egoistical way, she does not care at all about how I look, she does not notice my eyeglasses, nor the calendar that I bring her as a present. She proceeds to tell me about the latest troubles, which she has brought upon herself! A word from my aunt had sufficed for her to be fooled into giving notice on the apartment into which she has just moved! Of course, my aunt no longer knows anything about all these things; and my mother also pretends to be as innocent as possible. The landlady complains about so many things, as a result of which my mother, hardly having arrived in Vienna, takes a carriage to visit an old friend. {418} But what a sensitive instrument is the human soul! In spite of all motherly love, a conscience that is of course insufficiently formed may have advised her to say nothing to me about this trip! As if she were aware of the anomaly that she misuses my love only to make things difficult for me while unreservedly sharing her joy with a stranger!

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© Translation William Drabkin.

16. Sept. 13.

Erster Besuch bei Mama. Sie hat [illeg]Gott sei Dank einige Kilo zugenommen u. hat, wie sie selbst gestand, den ganzen Sommer über keinerlei Beschwerden des Magens oder Herzens gehabt! In der ihr eigentümlichen egoistischen Art befangen kümmert sie sich gar nicht um mein Aussehen, sie sieht nicht die Brille, nicht den Kalender, den ich ihr zum Geschenk bringe, sie geht darauf los, mir von dem neuen Ungemach zu erzählen, das sie selbst heraufbeschworen! Ein Wörtchen der Tante hat genügt, daß sie sich zur Kündigung der soeben erst bezogenen Wohnung hinreißen ließ! Selbstverständlich weiß die Tante von all’ den Dingen nichts mehr u. auch die Mutter macht Miene, so unschuldig als möglich zu tun. Die Wirtin beklagt sich über so manches, woraus hervorgeht, daß die Mutter, kaum in Wien angelangt, per Wagen einen Besuch einer alten Freundin macht. Was doch aber die {418} menschliche Seele für ein Präzisions-Instrument ist! Trotz aller mütterlichen Liebe mag ein Gewissen, das freilich nicht genügend ausgebildet ist, ihr geraten haben, diese Fahrt mir gegenüber zu verschweigen! Als wäre sie die Anomalie gewahr geworden, daß sie meine Liebe dazu mißbraucht, um mir nur Verdruß zu machen, dagegen rückhaltslose [sic] Freude mit einer fremden Person zu teilen!

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© Transcription Marko Deisinger.

September 16, 1913.

First visit to Mama. She has, thank God, gained a few kilograms and, as she herself admitted, has not had a single stomach or heart ailment the whole summer long! Caught in her peculiar egoistical way, she does not care at all about how I look, she does not notice my eyeglasses, nor the calendar that I bring her as a present. She proceeds to tell me about the latest troubles, which she has brought upon herself! A word from my aunt had sufficed for her to be fooled into giving notice on the apartment into which she has just moved! Of course, my aunt no longer knows anything about all these things; and my mother also pretends to be as innocent as possible. The landlady complains about so many things, as a result of which my mother, hardly having arrived in Vienna, takes a carriage to visit an old friend. {418} But what a sensitive instrument is the human soul! In spite of all motherly love, a conscience that is of course insufficiently formed may have advised her to say nothing to me about this trip! As if she were aware of the anomaly that she misuses my love only to make things difficult for me while unreservedly sharing her joy with a stranger!

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© Translation William Drabkin.