28. VI. 14

Weiterfahrt nach Bozen. Im Bellmann, Sommerfahrplan 1914, 1 lese ich bei Route 99, daß der Zug von Innsbruck um 7.57h nur 1. u. 2. Klasse führt. Demgemäß entschließe ich mich für die Weiterfahrt um 6.12h, da dieser Zug auch 3. Klasse führt. Die Strapazen der vortägigen Reise, sowie andere Umstände, lassen indessen rätlich erscheinen, nicht gar so früh aufzustehen u. so ändere ich den Plan dahin, daß ich eben in 2. Klasse um 7.57h nach Bozen zu reisen beschließe. Zu dem kommt, daß der Portier des Hotels Kreid mir ebenfalls letztgenannten diesen Zug vorschlägt, offenbar von der Annahme ausgehend, daß wir in 2. Klasse reisen. Vor dem Zuge selbst aber bemerke ich zu meinem Erstaunen, daß entgegen der Angabe des Kondukteurs auch der Zug um 7.57h 3. Klasse führt, daß ich somit, durch den Kondukteur Courier irregeführt, 8 Kronen verliere. Im Coupé erbat ich Aufklärung vom Schaffner; dieser bezeichnete Bellmanns Angabe als Unsinn u. stellte, um zu illustrieren, ein noch krasseres Gegenstück in anderen ausländischen Fahrplänen, die die Reisenden erst gar nicht darüber orientieren, daß der Mittagszug über den Brenner nur 2. Klasse führt, so daß Ausländer sich oft genug über diese Irreführung aufhalten. – Auf dem Bahnhof treffen wir Familie Pollak.

Im Coupé wieder nur trübste Dokumente der Menschlichkeit: Drei Russinnen reisen nach Venedig usw. u. verbringen die ganze Fahrt mit Erkundigungen nach {598} den Bahnzügen Verona, Venedig u. s. w., während sie gleichzeitig den Brenner ahnungslos übersetzen. Auch sonst ist nur wenig Teilnahme für die Natur bei den Reisenden bemerkbar, destomehr entwickelt zeigt sich der Sinn für gegenseitige Aussprache über Reiseziele u. Pläne.

In Bozen drückendste Hitze! Wir essen, trinken Café u. setzen die Reise auf den Paß fort. Große Staubmassen verhindern zunächst den Genuß der unteren Partie der Eggenschlucht; erst bei Birchabruck können wir die Natur direkt ins Gesicht sehen, ohne daß sich Staubwolken dazwischen schieben. – Schon hinter Birchabruck fallen uns die ungewöhnlich großen Schneemassen des Latemar auf; so schneereich sahen wir ihn noch nie. Lie-Liechen macht mich auf den Frühling aufmerksam, der erst jetzt auf dem Paß einzieht. Nun erleben wir einen zweiten Frühling mit Anemonen, Enzian u. Primeln u. harren zum zweiten Male der Blumenfolge, wie wir eine beglückt schon in Wien genossen haben. – Im Karersee spiegelt sich der Latemar so eindringlich, daß das Wassermärchen 2 beinahe ein Märchen zu sein aufhört u. der Doppelgänger des Latemar unten im Wasser in nichts dem wahren Latemar über dem Wasser nachgibt. Ahnt der Berg, ahnt das Wasser die Spiegelung? Und nicht genug des Stückes beschert uns ein wohltätiger Zauberer sofort auch ein intensives Alpenglühen; 3 Rosengarten, Latemar, Pala – alle beteiligen sich an der imposanten Huldigung für die Sonne (für meinen Sonn!).

Im Hotel werden wir freudig begrüßt u. treffen bereits Post an. Brief von Vrieslander mit Aufsatz von BerrscheMünchner Ztg.“, 4 der uns beiden große Freude macht. , * Rechnung von Dr. Hübsch. – „Musik“.

*

{599}

© Transcription Marko Deisinger.

June 28, 1914.

Onward journey to Bozen. In the Bellmann summer timetable for 1914 1 I read that route 99, the train from Innsbruck departing at 7:57 a.m., has only first- and second-class carriages. Accordingly I decided to continue the journey on the 6:12, as this train also has a third class. However, the exertions of the previous day's travel, along with other circumstances, make it appear sensible not to get up so early; and so I alter the plan and decide to travel to Bozen on the 7:57 after all, in second class. It also happens that the porter at the Hotel Kreid likewise recommends this train, apparently assuming that we travel in second class. Standing in front of the train myself, however, I notice to my astonishment that, contrary to what the conductor indicated, this train, too, has a third class; thus, being misled by the Courier, I lose 8 Kronen. In the carriage, I ask the ticket collector for an explanation; he says that Bellman's information is nonsense; for purposes of illustration, he points out an even more blatant error in other foreign timetables which do not even tell travelers that the midday train over the Brenner Pass takes only second-class carriages, so that foreigners are often delayed by this misinformation. – At the train station we meet the Pollak family.

In the carriage, again only the most dismal documentation of humanity. Three Russian women are travelling to Venice etc. and occupy themselves for the entire trip enquiring about {598} the trains to Verona, Venice, etc., while at the same time they cross the Brenner Pass without realizing it. In other respects, the travelers show little interest in nature; their appetite for debating travel destination and plans proves all the more expansive.

In Bozen, the most oppressive heat! We eat, drink coffee, and continue our journey across the pass. Huge masses of dust initially inhibit our enjoyment of the lower part of the Eggen gorge; it is not until Birchabruck that we can see nature with our own eyes, without the dust clouds getting in the way. – Beyond Birchabruck the unusually large masses of snow on the Latemar catch our eye; we have never before seen it so covered in snow. Lie-Liechen makes me aware of the springtime, which is only now arriving at the pass. Now we experience a second spring, with anemones, gentians, and primroses, and we await a second succession of flowers like that which we had the pleasure of witnessing in Vienna. – On the Karersee, the Latemar is mirrored ever so clearly that the tale about the water fairy 2 almost ceases to be a fairy tale and the Latemar's look-alike beneath the surface of the water loses nothing to the real Latemar above the water. Is the mountain, is the water, aware of the mirroring? And, as if we did not already have enough, a beneficent magician immediately bestows upon us, in addition, an intensive Alpine glow; 3 Rosengarten, Latemar, Pala – all take part in the imposing homage to the sun (to my sun!).

At the hotel, we are given a warm welcome and find mail waiting for us. A letter from Vrieslander with an article by Berrsche in the Münchener Zeitung ", 4 which gives us both great delight. Invoice from Dr. Hübsch. – Die Musik .

*

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© Translation William Drabkin.

28. VI. 14

Weiterfahrt nach Bozen. Im Bellmann, Sommerfahrplan 1914, 1 lese ich bei Route 99, daß der Zug von Innsbruck um 7.57h nur 1. u. 2. Klasse führt. Demgemäß entschließe ich mich für die Weiterfahrt um 6.12h, da dieser Zug auch 3. Klasse führt. Die Strapazen der vortägigen Reise, sowie andere Umstände, lassen indessen rätlich erscheinen, nicht gar so früh aufzustehen u. so ändere ich den Plan dahin, daß ich eben in 2. Klasse um 7.57h nach Bozen zu reisen beschließe. Zu dem kommt, daß der Portier des Hotels Kreid mir ebenfalls letztgenannten diesen Zug vorschlägt, offenbar von der Annahme ausgehend, daß wir in 2. Klasse reisen. Vor dem Zuge selbst aber bemerke ich zu meinem Erstaunen, daß entgegen der Angabe des Kondukteurs auch der Zug um 7.57h 3. Klasse führt, daß ich somit, durch den Kondukteur Courier irregeführt, 8 Kronen verliere. Im Coupé erbat ich Aufklärung vom Schaffner; dieser bezeichnete Bellmanns Angabe als Unsinn u. stellte, um zu illustrieren, ein noch krasseres Gegenstück in anderen ausländischen Fahrplänen, die die Reisenden erst gar nicht darüber orientieren, daß der Mittagszug über den Brenner nur 2. Klasse führt, so daß Ausländer sich oft genug über diese Irreführung aufhalten. – Auf dem Bahnhof treffen wir Familie Pollak.

Im Coupé wieder nur trübste Dokumente der Menschlichkeit: Drei Russinnen reisen nach Venedig usw. u. verbringen die ganze Fahrt mit Erkundigungen nach {598} den Bahnzügen Verona, Venedig u. s. w., während sie gleichzeitig den Brenner ahnungslos übersetzen. Auch sonst ist nur wenig Teilnahme für die Natur bei den Reisenden bemerkbar, destomehr entwickelt zeigt sich der Sinn für gegenseitige Aussprache über Reiseziele u. Pläne.

In Bozen drückendste Hitze! Wir essen, trinken Café u. setzen die Reise auf den Paß fort. Große Staubmassen verhindern zunächst den Genuß der unteren Partie der Eggenschlucht; erst bei Birchabruck können wir die Natur direkt ins Gesicht sehen, ohne daß sich Staubwolken dazwischen schieben. – Schon hinter Birchabruck fallen uns die ungewöhnlich großen Schneemassen des Latemar auf; so schneereich sahen wir ihn noch nie. Lie-Liechen macht mich auf den Frühling aufmerksam, der erst jetzt auf dem Paß einzieht. Nun erleben wir einen zweiten Frühling mit Anemonen, Enzian u. Primeln u. harren zum zweiten Male der Blumenfolge, wie wir eine beglückt schon in Wien genossen haben. – Im Karersee spiegelt sich der Latemar so eindringlich, daß das Wassermärchen 2 beinahe ein Märchen zu sein aufhört u. der Doppelgänger des Latemar unten im Wasser in nichts dem wahren Latemar über dem Wasser nachgibt. Ahnt der Berg, ahnt das Wasser die Spiegelung? Und nicht genug des Stückes beschert uns ein wohltätiger Zauberer sofort auch ein intensives Alpenglühen; 3 Rosengarten, Latemar, Pala – alle beteiligen sich an der imposanten Huldigung für die Sonne (für meinen Sonn!).

Im Hotel werden wir freudig begrüßt u. treffen bereits Post an. Brief von Vrieslander mit Aufsatz von BerrscheMünchner Ztg.“, 4 der uns beiden große Freude macht. , * Rechnung von Dr. Hübsch. – „Musik“.

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© Transcription Marko Deisinger.

June 28, 1914.

Onward journey to Bozen. In the Bellmann summer timetable for 1914 1 I read that route 99, the train from Innsbruck departing at 7:57 a.m., has only first- and second-class carriages. Accordingly I decided to continue the journey on the 6:12, as this train also has a third class. However, the exertions of the previous day's travel, along with other circumstances, make it appear sensible not to get up so early; and so I alter the plan and decide to travel to Bozen on the 7:57 after all, in second class. It also happens that the porter at the Hotel Kreid likewise recommends this train, apparently assuming that we travel in second class. Standing in front of the train myself, however, I notice to my astonishment that, contrary to what the conductor indicated, this train, too, has a third class; thus, being misled by the Courier, I lose 8 Kronen. In the carriage, I ask the ticket collector for an explanation; he says that Bellman's information is nonsense; for purposes of illustration, he points out an even more blatant error in other foreign timetables which do not even tell travelers that the midday train over the Brenner Pass takes only second-class carriages, so that foreigners are often delayed by this misinformation. – At the train station we meet the Pollak family.

In the carriage, again only the most dismal documentation of humanity. Three Russian women are travelling to Venice etc. and occupy themselves for the entire trip enquiring about {598} the trains to Verona, Venice, etc., while at the same time they cross the Brenner Pass without realizing it. In other respects, the travelers show little interest in nature; their appetite for debating travel destination and plans proves all the more expansive.

In Bozen, the most oppressive heat! We eat, drink coffee, and continue our journey across the pass. Huge masses of dust initially inhibit our enjoyment of the lower part of the Eggen gorge; it is not until Birchabruck that we can see nature with our own eyes, without the dust clouds getting in the way. – Beyond Birchabruck the unusually large masses of snow on the Latemar catch our eye; we have never before seen it so covered in snow. Lie-Liechen makes me aware of the springtime, which is only now arriving at the pass. Now we experience a second spring, with anemones, gentians, and primroses, and we await a second succession of flowers like that which we had the pleasure of witnessing in Vienna. – On the Karersee, the Latemar is mirrored ever so clearly that the tale about the water fairy 2 almost ceases to be a fairy tale and the Latemar's look-alike beneath the surface of the water loses nothing to the real Latemar above the water. Is the mountain, is the water, aware of the mirroring? And, as if we did not already have enough, a beneficent magician immediately bestows upon us, in addition, an intensive Alpine glow; 3 Rosengarten, Latemar, Pala – all take part in the imposing homage to the sun (to my sun!).

At the hotel, we are given a warm welcome and find mail waiting for us. A letter from Vrieslander with an article by Berrsche in the Münchener Zeitung ", 4 which gives us both great delight. Invoice from Dr. Hübsch. – Die Musik .

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 Carl Bellmann, Bellmann's 60 h. Courier für Oesterreich-Ungarn. Vollständige Fahrpläne (Prague: Bellmann).

2 Of the many fables about the Karersee, the best known is about a water fairy whom a magician sought in vain to abduct.

3 Alpine glow: optical phenomenon that occurs when mountains and bright rock faces reflect the yellow, orange, red and purple colors of twilight.

4 Alexander Berrsche, "Die Triller bei den Klassikern," Münchener Zeitung, May 29 and June 9, 1914 (citing Schenker's ideas on C. P. E. Bach), preserved on OC 2 on page 44.