4. IX. 14

Wienerisches: Ich ersuche den Oberkellner um das 8h-Blatt, ; u. dadurch aber gewitzigt, daß ich schon einmal von seinem Collegen angelogen worden war , trug trage ich ihm an, mir selbst das Blatt zu besorgen, wenn er selbst es eben nicht täte. Er deklamiert hierauf mit vollem Brustton, die Pflicht des Oberkellners sei die Gäste zu befriedigen u. sagte, er habe um das Blatt geschickt, es aber noch nicht erhalten. Nach wiederholten Ermahnungen ging gehe ich endlich um ¼10h selbst in die benachbarte Trafik, die leider geschlossen war. Heute früh besorgte ich mir ein Exemplar des gestrigen 8h-Blattes, nur um jenes Dokument in der Hand zu haben, womit ich dem Oberkellner die echt oesterreichische Sorgfalt in der Pflichterfüllung vorhalten kann.

*

Der Kutscher der Reinigungs-Werke erhält, wenn er die Wäsche abholt u. abliefert, je 40 h, {685} in Summa also 80h per Wäsche. Es ist dies ein Betrag, den nicht die generösesten Menschen, geschweige denn Kaufleute oder Millionäre als Trinkgeld bezahlen würden. Nichtsdestoweniger macht eben dieser Kutscher den Versuch, sich seine Pflicht noch leichter zu machen, liefert den Korb, um ihn nicht hinauftragen zu müssen, lieber bei der Hausbesorgerin ab u. stürzt mich dadurch in weitere Trinkgelder. Außerdem macht er einen Betrugsversuch, indem er Lie-Liechen gegenüber vorgab, von ihrer Quartierfrau blos 20h bekommen zu haben, die während er in Wahrheit aber 40h ihm ausbezahlt hatte erhielt!

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© Transcription Marko Deisinger.

September 4, 1914.

Typically Viennese: I ask the head waiter for the 8 o'clock newspaper, but shrewdly, since I was once before lied to by his colleague, I offer to get the paper if he is not actually going to do so himself. Whereupon, in full chest tone, he proclaims that the duty of the head waiter is to satisfy his guests; and he says that he has sent for the paper but has not yet received it. After repeated reminders, at 9:15 I finally go to the tobacconist's next door, which was unfortunately closed. Earlier today, I [had] bought a copy of yesterday's 8 o'clock newspaper, just to have that document to hand so that I could confront the head waiter about the proper Austrian care in the fulfillment of his duty.

*

The coachman at the laundry firm receives 40 Heller for each load of laundry he collects and delivers, {685} thus 80 Heller per load altogether. This is a payment that not even the most generous people, to say nothing of businessmen or millionaires, make as a tip. This not withstanding, this same coachman attempts to make his job even easier: to avoid carrying up the basket himself, he prefers to deliver it to the caretaker and thus saddles me with further tips. In addition, he attempts to deceive: he said, in front of Lie-Liechen, that he received only 20 Heller from her landlady, whereas in truth he received a payment of 40 Heller!

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© Translation William Drabkin.

4. IX. 14

Wienerisches: Ich ersuche den Oberkellner um das 8h-Blatt, ; u. dadurch aber gewitzigt, daß ich schon einmal von seinem Collegen angelogen worden war , trug trage ich ihm an, mir selbst das Blatt zu besorgen, wenn er selbst es eben nicht täte. Er deklamiert hierauf mit vollem Brustton, die Pflicht des Oberkellners sei die Gäste zu befriedigen u. sagte, er habe um das Blatt geschickt, es aber noch nicht erhalten. Nach wiederholten Ermahnungen ging gehe ich endlich um ¼10h selbst in die benachbarte Trafik, die leider geschlossen war. Heute früh besorgte ich mir ein Exemplar des gestrigen 8h-Blattes, nur um jenes Dokument in der Hand zu haben, womit ich dem Oberkellner die echt oesterreichische Sorgfalt in der Pflichterfüllung vorhalten kann.

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Der Kutscher der Reinigungs-Werke erhält, wenn er die Wäsche abholt u. abliefert, je 40 h, {685} in Summa also 80h per Wäsche. Es ist dies ein Betrag, den nicht die generösesten Menschen, geschweige denn Kaufleute oder Millionäre als Trinkgeld bezahlen würden. Nichtsdestoweniger macht eben dieser Kutscher den Versuch, sich seine Pflicht noch leichter zu machen, liefert den Korb, um ihn nicht hinauftragen zu müssen, lieber bei der Hausbesorgerin ab u. stürzt mich dadurch in weitere Trinkgelder. Außerdem macht er einen Betrugsversuch, indem er Lie-Liechen gegenüber vorgab, von ihrer Quartierfrau blos 20h bekommen zu haben, die während er in Wahrheit aber 40h ihm ausbezahlt hatte erhielt!

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© Transcription Marko Deisinger.

September 4, 1914.

Typically Viennese: I ask the head waiter for the 8 o'clock newspaper, but shrewdly, since I was once before lied to by his colleague, I offer to get the paper if he is not actually going to do so himself. Whereupon, in full chest tone, he proclaims that the duty of the head waiter is to satisfy his guests; and he says that he has sent for the paper but has not yet received it. After repeated reminders, at 9:15 I finally go to the tobacconist's next door, which was unfortunately closed. Earlier today, I [had] bought a copy of yesterday's 8 o'clock newspaper, just to have that document to hand so that I could confront the head waiter about the proper Austrian care in the fulfillment of his duty.

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The coachman at the laundry firm receives 40 Heller for each load of laundry he collects and delivers, {685} thus 80 Heller per load altogether. This is a payment that not even the most generous people, to say nothing of businessmen or millionaires, make as a tip. This not withstanding, this same coachman attempts to make his job even easier: to avoid carrying up the basket himself, he prefers to deliver it to the caretaker and thus saddles me with further tips. In addition, he attempts to deceive: he said, in front of Lie-Liechen, that he received only 20 Heller from her landlady, whereas in truth he received a payment of 40 Heller!

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© Translation William Drabkin.