14. XII. 14

Der Präsident der Börsenkammer hält eine Rede, in der er wider die Regierung den Vorwurf erhebt, daß sie die Höchstpreise zu spät organisiert habe, jedenfalls so spät, daß inzwischen durch Praktiken gewissenloser Wucherer der Preis schon längst eine unmotivirte Höhe erreicht hat. 1 Ein Sachverständiger also teilt die Meinung, daß es durchaus keine rein wirtschaftlichen Gründe waren, die die Steigerung erzeugt haben. Im gewissen Sinne waren ja die Höchstpreise schon Allerhöchstpreise geworden u. wenn der Sachverständige schon die Höchstpreise bemängelt, was muß er erst von dem heute aufgetragenen Satz sagen denken! Es wird somit immer klarer, daß auch der Kaufmannsstand sich dessen bewußt ist, wie wenig Berechtigung ein solcher Wucher zumal in Kriegszeiten hat. Daß die Steigerung nicht mit Angebot u. Nachfrage zusammenhängt, braucht nicht erst wirtschaftlich erwiesen zu werden, da es logisch ausgeschlossen ist. Angebot u. Nachfrage dienen nur dazu, jene Waren zu ermitteln, bei denen eine starke Nachfrage besteht; ist ein solcher Charakter der Waare [sic] ermittelt, dann weiß wenigstens der Kaufmann genau, daß er einen Gegenstand vor sich hat, den er wucherischer ausnützen kann; d. h. in der Formel Angebot u. Nachfrage liegt noch lange keine direkte Nötigung zum Wucher eingeschlossen u. die Preise steigen nicht etwa von selbst, wie die Wucherer u. die Wissenschaft zu sagen pflegen, sondern es findet sich immer ein Erster oder mehrere Erste, die sagen: das ist also die Ware, die jeder haben muß u. will, nun soll euch das umso teuerer zu stehen kommen, weil ihr sie haben müßt u. wollt. Auch der Umstand, daß von seiten [sic] der Reicheren eben auch reichere Angebote erfolgen, bedeutet noch immer nicht einen logischen Kausalnexus mit dem Wucher, denn es ließe sich noch immer ein Kaufmann denken, der die Ware, so lange er sie selbst hat, zu früheren Preisen verkauft, sofern die Erzeugungsbedingungen nicht auch für ihn selbst kostspieliger geworden sind. Z. B. braucht ein Getreidehändler, der große Vorräte schon auf Lager hat, also keine weiteren Kosten auf die Ware zu legen genötigt ist, noch lange nicht die {807} Preise zu steigern, wozu er ja keine direkte Veranlassung hat. Tut er es, so ist der Grund davon nur ein wucherischer Trieb; hat er es aber getan, dann freilich ist der Zweite u. Dritte genötigt, hohe Preise zu fordern, da er ja selbst schon hohe dem ersten Wucherer gezahlt hat. Somit sind am Anfang immer nur wenige, die sich des Verbrechens schuldig machen u. es sollte daher, wie man daraus schließen muß, mindestens für den Staat die Möglichkeit bestehen, solche Egoismen zu korrigieren. Es ist ja niemals zu erwarten, daß der wucherisch gesinnte Getreidehändler sich von seinem Egoismus befreit; bei der kaufmännischen Psychologie fällt es ihm nicht ein, einem ihm unbekannten Käufer einen Gefallen zu leisten. Der Staat kann somit auf eine Läuterung u. Selbsteinkehr des Getreidehändlers sicher nicht rechnen u. müßte eben deshalb die Korrektur des Egoismus selbst vornehmen, genau so, wie er ja auch die Vaterlandsliebe u. Steuern u. s. w. auf alle Untertanen repartiert. Wäre nur aber erst die Gesellschaft so weit, sich von dem Ammenmärchen zu befreien, das seit Urzeiten lautet: Angebot u. Nachfrage. Uebrigens bilden ja die Höchstpreise schon an u. für sich einen Gegenbeweis wider die Theorie; denn wären Angebot u. Nachfrage organische Momente, so könnte man sie auch durch Höchstpreise ebensowenig überwinden, als man eine Cholera überwinden kann, wenn der Organismus aus starken Gründen der Natur der Auflösung zustrebt. Sind Höchstpreise überhaupt möglich, so waren sicher auch schon niedrigere HöchstpPreise möglich, also eben die früheren!

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© Transcription Marko Deisinger.

December 14, 1914.

The President of the Stock Exchange gives a speech criticizing the government for having organized the ceiling prices too late, at any rate so late that, through the practice of unscrupulous profiteers, the price [of grain and flour] had long ago reached an unnecessarily high point. 1 Thus an authority on the matter expresses the opinion that there were no commercial reasons for the rise in prices. In a certain sense, the ceiling prices had become the very highest prices; and if the authority finds fault with the ceiling prices, what must he actually think of the set presented today! It thus becomes ever clearer that even the business profession is conscious of how little such profiteering is justified, all the more so in times of war. That the rise is not connected with supply and demand does not first have to be demonstrated, since it is logically impossible. Supply and demand serve only to ascertain those products for which there is a great demand; if such character of the product is ascertained, then the businessman at least knows for sure that he is in possession of an object that he can exploit in a usurious way; that is, the formula of "supply and demand" does not assume by any means a direct necessity for exploitation, and the prices do not rise of their own accord, as the profiteers and science are accustomed to saying. Rather, there is always a first person, or several first persons, who say: this, then, is the product that everyone must have, and wants to have, and now it will cost you that much more because you must and want to have it. Also the circumstance that, on the part of the rich, further rich opportunities follow still does not mean a logical nexus of causality with profiteering; because it is still always possible for a businessman, so long as he has the product, to sell it at the earlier prices, so long as the conditions of production have not become more costly for him. For example, a grain merchant who already has large supplies in his storehouse and thus is not incurring further costs on the product is by no means compelled to raise the prices, {807} for which he has no immediate occasion. If he does this, then the reason for it is only driven by profit; but once he has done so, then of course the second and third person [in the supply chain] is forced to demand high prices, since he has indeed paid the first profiteer a high price. Thus at the beginning there are always only a few who are guilty of a crime; and so one must conclude that there ought to exist the possibility, at least for the state, to correct such acts of self-interest. It is indeed never to be expected that the grain merchant who is bent on profiteering will free himself of his self-interest; in the businessman's psychology it never occurs to him to do an unknown buyer a favor. The state can thus certainly not rely on a reformation and self-restraint on the part of the grain merchant, and for this very reason it must undertake to correct the self-interest, just as it also apportions love of the fatherland and taxes, etc., on all its subjects. If only society were at the point that it could free itself from the old wives' tale which from time immemorial goes like this: supply and demand. Moreover, the ceiling prices in and of themselves already represent an argument against the theory: for if supply and demand were organic factors, then it would not be able to overcome them any more than one can overcome a cholera if the organism strives to disintegrate, in accordance with the strong principles of nature. If ceiling prices are possible at all, then surely lower prices – the previous ones, in fact – would be possible too!

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© Translation William Drabkin.

14. XII. 14

Der Präsident der Börsenkammer hält eine Rede, in der er wider die Regierung den Vorwurf erhebt, daß sie die Höchstpreise zu spät organisiert habe, jedenfalls so spät, daß inzwischen durch Praktiken gewissenloser Wucherer der Preis schon längst eine unmotivirte Höhe erreicht hat. 1 Ein Sachverständiger also teilt die Meinung, daß es durchaus keine rein wirtschaftlichen Gründe waren, die die Steigerung erzeugt haben. Im gewissen Sinne waren ja die Höchstpreise schon Allerhöchstpreise geworden u. wenn der Sachverständige schon die Höchstpreise bemängelt, was muß er erst von dem heute aufgetragenen Satz sagen denken! Es wird somit immer klarer, daß auch der Kaufmannsstand sich dessen bewußt ist, wie wenig Berechtigung ein solcher Wucher zumal in Kriegszeiten hat. Daß die Steigerung nicht mit Angebot u. Nachfrage zusammenhängt, braucht nicht erst wirtschaftlich erwiesen zu werden, da es logisch ausgeschlossen ist. Angebot u. Nachfrage dienen nur dazu, jene Waren zu ermitteln, bei denen eine starke Nachfrage besteht; ist ein solcher Charakter der Waare [sic] ermittelt, dann weiß wenigstens der Kaufmann genau, daß er einen Gegenstand vor sich hat, den er wucherischer ausnützen kann; d. h. in der Formel Angebot u. Nachfrage liegt noch lange keine direkte Nötigung zum Wucher eingeschlossen u. die Preise steigen nicht etwa von selbst, wie die Wucherer u. die Wissenschaft zu sagen pflegen, sondern es findet sich immer ein Erster oder mehrere Erste, die sagen: das ist also die Ware, die jeder haben muß u. will, nun soll euch das umso teuerer zu stehen kommen, weil ihr sie haben müßt u. wollt. Auch der Umstand, daß von seiten [sic] der Reicheren eben auch reichere Angebote erfolgen, bedeutet noch immer nicht einen logischen Kausalnexus mit dem Wucher, denn es ließe sich noch immer ein Kaufmann denken, der die Ware, so lange er sie selbst hat, zu früheren Preisen verkauft, sofern die Erzeugungsbedingungen nicht auch für ihn selbst kostspieliger geworden sind. Z. B. braucht ein Getreidehändler, der große Vorräte schon auf Lager hat, also keine weiteren Kosten auf die Ware zu legen genötigt ist, noch lange nicht die {807} Preise zu steigern, wozu er ja keine direkte Veranlassung hat. Tut er es, so ist der Grund davon nur ein wucherischer Trieb; hat er es aber getan, dann freilich ist der Zweite u. Dritte genötigt, hohe Preise zu fordern, da er ja selbst schon hohe dem ersten Wucherer gezahlt hat. Somit sind am Anfang immer nur wenige, die sich des Verbrechens schuldig machen u. es sollte daher, wie man daraus schließen muß, mindestens für den Staat die Möglichkeit bestehen, solche Egoismen zu korrigieren. Es ist ja niemals zu erwarten, daß der wucherisch gesinnte Getreidehändler sich von seinem Egoismus befreit; bei der kaufmännischen Psychologie fällt es ihm nicht ein, einem ihm unbekannten Käufer einen Gefallen zu leisten. Der Staat kann somit auf eine Läuterung u. Selbsteinkehr des Getreidehändlers sicher nicht rechnen u. müßte eben deshalb die Korrektur des Egoismus selbst vornehmen, genau so, wie er ja auch die Vaterlandsliebe u. Steuern u. s. w. auf alle Untertanen repartiert. Wäre nur aber erst die Gesellschaft so weit, sich von dem Ammenmärchen zu befreien, das seit Urzeiten lautet: Angebot u. Nachfrage. Uebrigens bilden ja die Höchstpreise schon an u. für sich einen Gegenbeweis wider die Theorie; denn wären Angebot u. Nachfrage organische Momente, so könnte man sie auch durch Höchstpreise ebensowenig überwinden, als man eine Cholera überwinden kann, wenn der Organismus aus starken Gründen der Natur der Auflösung zustrebt. Sind Höchstpreise überhaupt möglich, so waren sicher auch schon niedrigere HöchstpPreise möglich, also eben die früheren!

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© Transcription Marko Deisinger.

December 14, 1914.

The President of the Stock Exchange gives a speech criticizing the government for having organized the ceiling prices too late, at any rate so late that, through the practice of unscrupulous profiteers, the price [of grain and flour] had long ago reached an unnecessarily high point. 1 Thus an authority on the matter expresses the opinion that there were no commercial reasons for the rise in prices. In a certain sense, the ceiling prices had become the very highest prices; and if the authority finds fault with the ceiling prices, what must he actually think of the set presented today! It thus becomes ever clearer that even the business profession is conscious of how little such profiteering is justified, all the more so in times of war. That the rise is not connected with supply and demand does not first have to be demonstrated, since it is logically impossible. Supply and demand serve only to ascertain those products for which there is a great demand; if such character of the product is ascertained, then the businessman at least knows for sure that he is in possession of an object that he can exploit in a usurious way; that is, the formula of "supply and demand" does not assume by any means a direct necessity for exploitation, and the prices do not rise of their own accord, as the profiteers and science are accustomed to saying. Rather, there is always a first person, or several first persons, who say: this, then, is the product that everyone must have, and wants to have, and now it will cost you that much more because you must and want to have it. Also the circumstance that, on the part of the rich, further rich opportunities follow still does not mean a logical nexus of causality with profiteering; because it is still always possible for a businessman, so long as he has the product, to sell it at the earlier prices, so long as the conditions of production have not become more costly for him. For example, a grain merchant who already has large supplies in his storehouse and thus is not incurring further costs on the product is by no means compelled to raise the prices, {807} for which he has no immediate occasion. If he does this, then the reason for it is only driven by profit; but once he has done so, then of course the second and third person [in the supply chain] is forced to demand high prices, since he has indeed paid the first profiteer a high price. Thus at the beginning there are always only a few who are guilty of a crime; and so one must conclude that there ought to exist the possibility, at least for the state, to correct such acts of self-interest. It is indeed never to be expected that the grain merchant who is bent on profiteering will free himself of his self-interest; in the businessman's psychology it never occurs to him to do an unknown buyer a favor. The state can thus certainly not rely on a reformation and self-restraint on the part of the grain merchant, and for this very reason it must undertake to correct the self-interest, just as it also apportions love of the fatherland and taxes, etc., on all its subjects. If only society were at the point that it could free itself from the old wives' tale which from time immemorial goes like this: supply and demand. Moreover, the ceiling prices in and of themselves already represent an argument against the theory: for if supply and demand were organic factors, then it would not be able to overcome them any more than one can overcome a cholera if the organism strives to disintegrate, in accordance with the strong principles of nature. If ceiling prices are possible at all, then surely lower prices – the previous ones, in fact – would be possible too!

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Die Brotversorgung im Kriege," Neue Freie Presse, No. 18070, December 13, 1914, morning edition, pp. 20–21.