2. März 1915

Karte von Sophie mit gemischtem Charakter, zum Teil beruhigten, zum Teil gewohnten larmojanten [sic] [illeg]Inhaltes.

*

Ein überaus heftiger Sturm wütet draußen; des blauen Himmels halber möchte man ihn für einen echten Frühlingssturm halten, wenn nicht eine allzu schneidende Kälte ihn als Wintersturm reklamieren würde. —

Lie-Liechen zur Steuerbehörde mit Anfrage bezüglich meiner Papiere, in die wie es scheint die Behörde selbst Unordnung gebracht hat. —

Zum erstenmal entfällt die Stunde Breisachs; wir benützen den gedehnteren Zeitraum, um schneller im letzten Teil der Arbeit vorwärts zu kommen. In der Tat konnten wir abends den Vortrag auch schon der Variationen u. somit den Kern des ganzen Werkes beschließen.

*

In der „Oesterr. Rundschau“ ein lesenswerter Aufsatz über „Die Flucht des Kapitals in die Kunst“, 1 worin historisch festgestellt wird, daß die Reichen nicht nur in gegenwärtiger Zeit sondern wohl schon zu allen Zeiten Verräter am Vaterland u. an der Menschheit gewesen sind, da sie niemals selbst abgeforderte Pflichten erfüllten.

*

Im „N. W. Journal“ Auszug eines neuen Werkes von Sombart „Händler u. Helden“, 2 das – wie mindestens der Auszug es darzutun scheint – viel verwandte Gedanken ausspricht. 3

*

Als wir nach geschlossener Arbeit einen Sprung ins Caféhaus machten, fielen vor unseren Augen die ersten Flocken u. in wenigen Minuten war eine echte Winterlandschaft ausgebreitet, der Schnee lag einige Centimeter hoch u. knirschte ordentlich unter den Füßen. Welche Schwierigkeiten mag ein solcher Schneefall dem Truppenkörper im Felde bereiten!

*

{873} In den letzten Tagen kommen Mitteilungen über ein Bombardement der Dardanellen. So seriös ohne Zweifel das Bombardement schon als solches zu nehmen ist, so scheint es mir doch diesmal mehr auf einen Bluff hinauszugehen, der das durch die Blockade verminderte Prestige Englands in den Augen der Welt wieder um einige Zoll erhöhen u. besonders den Neutralen neuerdings Respekt einflößen soll. Es ist dies eine Praxis, die besonders die Kirche liebt, nachdem sie eine Niederlage erlitten. —

Aber auch im allgemeinen leidet die gegenwärtige Phase des Krieges an einer völligen Verwirrung der Pläne bei sämtlichen Beteiligten, ausgenommen die Centralmächte. Diese allein wissen, was sie wollen, u. zw. aus dem einfachen Grunde, weil sie sich nur zu wehren haben[,] um zu wissen was sie wollen. Dagegen ändern die Gegner ihre Pläne von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, was wieder damit zusammenhängt, daß sie etwas wollen, wovon sie noch nicht wissen[,] was es sein sollte. Sie möchten den Feind niederringen, wissen aber noch nicht, was sie damit bezwecken; sie möchten Länder erobern, ohne zu wissen welche; sie wollen neue Absatzgebiete, ohne noch im vorhinein zu wissen, welche sie meinen. Kommt noch dazu, daß sie Gelegenheitsgeschäfte auch nicht außer Acht lassen wollen, so ist das Bild der Verwirrung fertig. Insbesondere fällt es auf, wie schwach die vVereinigten Staaten auf den Beinen stehen; in einem Augenblick wie dem gegenwärtigen, wo Japan Hand an China legt, vermögen sie nicht den geringsten Widerstand aufzubringen. Aber auch in ihre Beziehungen zu England mischen sie in die Haltung bald Sympathie u. das Geschäftsinteresse ein, die sie zu England ziehen, bald wieder ein anderes Geschäftsinteresse, das sie zu Deutschland zieht. Ueber allen Haltungen aber schwebt gleichmäßig – wie auf den Bildern vergangener Epochen die Glorie über Gottes Haupt – die Moral, der gleichsam 1000 Spruchbänder aus dem Munde flattern! Schade nur, daß so wenig Menschen die Jämmerlichkeit des [illeg]Krämers, wie er im englischen u. anglo-amerikanischen Typus sich bis zur Stunde enthüllt, zu sehen vermögen. Sind doch die meisten Menschen selbst wieder Krämer u. gar nicht befähigt , anders zu denken, zu leben u. zu handeln, als Engländer u. Anglo-Amerikaner es tun. Aber warum sollten sie es denn auch, wenn sie sich selbst bei solcher Lebensweise die Einbildung nicht zu versagen brauchen, daß sie allein die rechtlichen u. moralischen Men- {874} schen der Erde sind!

*

© Transcription Marko Deisinger.

March 2, 1915.

Postcard from Sophie of mixed character, its content partly reassuring, partly plaintive.

*

A thoroughly violent storm is raging outside; on account of the blue sky, one might regard it as a genuine spring storm, except that an all-too-biting cold would reclaim it as a winter storm. —

Lie-Liechen to the tax authorities with a question about my papers, which the authorities themselves have apparently brought into a state of disorder. —

For the first time, Breisach's lesson is not in the calendar; we use the extra time to move forward more quickly on the last part of the work. In fact, in the evening we complete the section on performance even of the variations, and thus the essence of the entire work .

*

In the Oesterreichische Rundschau , a readable essay, "The Flight of Capital into Art," 1 in which it is determined historically that rich people are not only betraying the fatherland and humanity at the present time but have done so throughout the ages, as they have never themselves fulfilled the duties required of them.

*

In the Neues Wiener Journal , an extract from a new work by Sombart, "Dealers and Heroes," 2 which – as it seems at least from the extract – expresses many ideas related [to my own views]. 3

*

When we, having finished the work, made a dash for the coffee house, the first snowflakes fell before our eyes, and within a few minutes a real winter landscape was laid out. The snow was several centimetres thick and verily crunched beneath our feet. What difficulties might such a snowfall make to the troops in the field!

*

{873} In the last few days there have been reports of a bombardment of the Dardanelles. As seriously as one should undoubtedly already take the bombardment per se, it seems to me to originate more in a bluff, which is intended to raise by a few inches England's prestige in the eyes of the world, which was diminished by the blockade, and in particular to instill renewed respect from the neutral countries. This is the sort of tactic that the church especially likes to employ after it has suffered a setback. —

But even in general, the present phase of the war is suffering from a complete confusion of planning from all participants, apart from the Central Powers. They alone know what they want, and indeed from the simple reason that they only have to defend themselves in order to know what they want. By contrast, their opponents change their plans from day to day, from hour to hour, which is connected to the fact that they want something but do not yet know what it is supposed to be. They want to defeat the enemy but do not yet know to what purpose; they wish to conquer countries without knowing which ones; they want new marketing areas without knowing in advance which ones they mean. If in addition they seem not to want to lose sight of their casual business transactions, then the picture of confusion is complete. It is particularly striking how weakly the United States are standing on their legs; in a moment like the present, where Japan is laying a hand on China, they do not wish to offer the least resistance. But even in their dealings with England, they are at one point mixing sympathy and business interests that draw them towards England, at another point with different business interests that draw them towards Germany. Above all these positions, however, there hovers – like the glory above God's head in the pictures from past eras – the morality with which a thousand banners are fluttering from their mouths! It is just a pity that so few people are capable of exposing, or seeing, the wretchedness of the businessman as is typically found to this day among the English and the Anglo-Americans. But most people are themselves businessmen after all and not at all capable of thinking, living, or acting differently from the English and the Anglo-Americans. But why should they do so if, even by leading such a life, they do not have to deny the illusion that they alone are the true and moral people living {874} on Earth!

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© Translation William Drabkin.

2. März 1915

Karte von Sophie mit gemischtem Charakter, zum Teil beruhigten, zum Teil gewohnten larmojanten [sic] [illeg]Inhaltes.

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Ein überaus heftiger Sturm wütet draußen; des blauen Himmels halber möchte man ihn für einen echten Frühlingssturm halten, wenn nicht eine allzu schneidende Kälte ihn als Wintersturm reklamieren würde. —

Lie-Liechen zur Steuerbehörde mit Anfrage bezüglich meiner Papiere, in die wie es scheint die Behörde selbst Unordnung gebracht hat. —

Zum erstenmal entfällt die Stunde Breisachs; wir benützen den gedehnteren Zeitraum, um schneller im letzten Teil der Arbeit vorwärts zu kommen. In der Tat konnten wir abends den Vortrag auch schon der Variationen u. somit den Kern des ganzen Werkes beschließen.

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In der „Oesterr. Rundschau“ ein lesenswerter Aufsatz über „Die Flucht des Kapitals in die Kunst“, 1 worin historisch festgestellt wird, daß die Reichen nicht nur in gegenwärtiger Zeit sondern wohl schon zu allen Zeiten Verräter am Vaterland u. an der Menschheit gewesen sind, da sie niemals selbst abgeforderte Pflichten erfüllten.

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Im „N. W. Journal“ Auszug eines neuen Werkes von Sombart „Händler u. Helden“, 2 das – wie mindestens der Auszug es darzutun scheint – viel verwandte Gedanken ausspricht. 3

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Als wir nach geschlossener Arbeit einen Sprung ins Caféhaus machten, fielen vor unseren Augen die ersten Flocken u. in wenigen Minuten war eine echte Winterlandschaft ausgebreitet, der Schnee lag einige Centimeter hoch u. knirschte ordentlich unter den Füßen. Welche Schwierigkeiten mag ein solcher Schneefall dem Truppenkörper im Felde bereiten!

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{873} In den letzten Tagen kommen Mitteilungen über ein Bombardement der Dardanellen. So seriös ohne Zweifel das Bombardement schon als solches zu nehmen ist, so scheint es mir doch diesmal mehr auf einen Bluff hinauszugehen, der das durch die Blockade verminderte Prestige Englands in den Augen der Welt wieder um einige Zoll erhöhen u. besonders den Neutralen neuerdings Respekt einflößen soll. Es ist dies eine Praxis, die besonders die Kirche liebt, nachdem sie eine Niederlage erlitten. —

Aber auch im allgemeinen leidet die gegenwärtige Phase des Krieges an einer völligen Verwirrung der Pläne bei sämtlichen Beteiligten, ausgenommen die Centralmächte. Diese allein wissen, was sie wollen, u. zw. aus dem einfachen Grunde, weil sie sich nur zu wehren haben[,] um zu wissen was sie wollen. Dagegen ändern die Gegner ihre Pläne von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, was wieder damit zusammenhängt, daß sie etwas wollen, wovon sie noch nicht wissen[,] was es sein sollte. Sie möchten den Feind niederringen, wissen aber noch nicht, was sie damit bezwecken; sie möchten Länder erobern, ohne zu wissen welche; sie wollen neue Absatzgebiete, ohne noch im vorhinein zu wissen, welche sie meinen. Kommt noch dazu, daß sie Gelegenheitsgeschäfte auch nicht außer Acht lassen wollen, so ist das Bild der Verwirrung fertig. Insbesondere fällt es auf, wie schwach die vVereinigten Staaten auf den Beinen stehen; in einem Augenblick wie dem gegenwärtigen, wo Japan Hand an China legt, vermögen sie nicht den geringsten Widerstand aufzubringen. Aber auch in ihre Beziehungen zu England mischen sie in die Haltung bald Sympathie u. das Geschäftsinteresse ein, die sie zu England ziehen, bald wieder ein anderes Geschäftsinteresse, das sie zu Deutschland zieht. Ueber allen Haltungen aber schwebt gleichmäßig – wie auf den Bildern vergangener Epochen die Glorie über Gottes Haupt – die Moral, der gleichsam 1000 Spruchbänder aus dem Munde flattern! Schade nur, daß so wenig Menschen die Jämmerlichkeit des [illeg]Krämers, wie er im englischen u. anglo-amerikanischen Typus sich bis zur Stunde enthüllt, zu sehen vermögen. Sind doch die meisten Menschen selbst wieder Krämer u. gar nicht befähigt , anders zu denken, zu leben u. zu handeln, als Engländer u. Anglo-Amerikaner es tun. Aber warum sollten sie es denn auch, wenn sie sich selbst bei solcher Lebensweise die Einbildung nicht zu versagen brauchen, daß sie allein die rechtlichen u. moralischen Men- {874} schen der Erde sind!

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© Transcription Marko Deisinger.

March 2, 1915.

Postcard from Sophie of mixed character, its content partly reassuring, partly plaintive.

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A thoroughly violent storm is raging outside; on account of the blue sky, one might regard it as a genuine spring storm, except that an all-too-biting cold would reclaim it as a winter storm. —

Lie-Liechen to the tax authorities with a question about my papers, which the authorities themselves have apparently brought into a state of disorder. —

For the first time, Breisach's lesson is not in the calendar; we use the extra time to move forward more quickly on the last part of the work. In fact, in the evening we complete the section on performance even of the variations, and thus the essence of the entire work .

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In the Oesterreichische Rundschau , a readable essay, "The Flight of Capital into Art," 1 in which it is determined historically that rich people are not only betraying the fatherland and humanity at the present time but have done so throughout the ages, as they have never themselves fulfilled the duties required of them.

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In the Neues Wiener Journal , an extract from a new work by Sombart, "Dealers and Heroes," 2 which – as it seems at least from the extract – expresses many ideas related [to my own views]. 3

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When we, having finished the work, made a dash for the coffee house, the first snowflakes fell before our eyes, and within a few minutes a real winter landscape was laid out. The snow was several centimetres thick and verily crunched beneath our feet. What difficulties might such a snowfall make to the troops in the field!

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{873} In the last few days there have been reports of a bombardment of the Dardanelles. As seriously as one should undoubtedly already take the bombardment per se, it seems to me to originate more in a bluff, which is intended to raise by a few inches England's prestige in the eyes of the world, which was diminished by the blockade, and in particular to instill renewed respect from the neutral countries. This is the sort of tactic that the church especially likes to employ after it has suffered a setback. —

But even in general, the present phase of the war is suffering from a complete confusion of planning from all participants, apart from the Central Powers. They alone know what they want, and indeed from the simple reason that they only have to defend themselves in order to know what they want. By contrast, their opponents change their plans from day to day, from hour to hour, which is connected to the fact that they want something but do not yet know what it is supposed to be. They want to defeat the enemy but do not yet know to what purpose; they wish to conquer countries without knowing which ones; they want new marketing areas without knowing in advance which ones they mean. If in addition they seem not to want to lose sight of their casual business transactions, then the picture of confusion is complete. It is particularly striking how weakly the United States are standing on their legs; in a moment like the present, where Japan is laying a hand on China, they do not wish to offer the least resistance. But even in their dealings with England, they are at one point mixing sympathy and business interests that draw them towards England, at another point with different business interests that draw them towards Germany. Above all these positions, however, there hovers – like the glory above God's head in the pictures from past eras – the morality with which a thousand banners are fluttering from their mouths! It is just a pity that so few people are capable of exposing, or seeing, the wretchedness of the businessman as is typically found to this day among the English and the Anglo-Americans. But most people are themselves businessmen after all and not at all capable of thinking, living, or acting differently from the English and the Anglo-Americans. But why should they do so if, even by leading such a life, they do not have to deny the illusion that they alone are the true and moral people living {874} on Earth!

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 Max Reinitzer, "Die Flucht des Kapitals in die Kunst (Finanzgeschichtliche Reminiszenzen aus österreichischen Kriegen.)," Österreichische Rundschau 42 (January – March 1915), pp. 229–233.

2 Werner Sombart, Händler und Helden. Patriotische Besinnungen (Munich and Leipzig: Duncker & Humblot, 1915).

3 x. s., "Händler und Helden. Ein neues Buch von Werner Sombart," Neues Wiener Journal, No. 7670, March 2, 1915, 23rd year, p. 6.