27.

Die „Signale“ bringen einen Aufsatz des Verlegers Rauh, der mit dem Prozess der Verleger gegen die Genossenschaft deutscher Tonsetzer zusammenhängt. 1 Es ist doch sonderbar um die Intelligenz der Komponisten bestellt, wenn sie noch immer nicht darauf kommen, daß der sprin- {890} gende Punkt zwischen Verlegern u. Komponisten der Standpunkt der ersteren ist, nicht die Werke ihrem Wert nach zu unterscheiden, sondern vor allem die Geldanlage als solche so lukrativ als eben möglich zu machen. Auch das schwierigste u. seriöseste Werk wollen sie nur nach den Regeln der Geldanlage behandeln u. mögen sie noch so viel mehr, als eine landesübliche Verzinsung gewährt, an gutgehenden Werken minderer Art verdient haben, so wollen sie dennoch auch nicht einen Teil des Gewinstes auf das seriöse Werk anwenden, vielmehr wiederum nur dieses allein als Objekt einer selbständigen Geldanlage ausnützen, weshalb sie die Preise überaus hoch ansetzen, um so rasch als wie möglich zu der von der ihrer Geldmoral gebotenen Zinsenhöhe zu gelangen. Jedes Stück muß in den Augen des Verlegers gleichsam die Eignung haben, eine selbständige Erwerbsquelle zu bilden, u. seine Borniertheit ist noch weit davon entfernt zu begreifen, wie rückständig eine kaufmännische Praxis ist, die die Vorteile eines Ttausende von Waren umfassenden Umsatzes nicht unter Umständen auch einem schwergehenden Werke zugute hält, obendrein doch nur für kurze Zeit, so lange nämlich das Werk schwierig den Absatz findet. Die Ungeduld der Verleger zur mehr als überbürgerlichen Verzinsung ihrer Kapitalien zu gelangen, übersteigt sonstige kaufmännische Uebung. Breitkopf u. Härtel schicken einen Brahms nach op. 10 fort; ein Simrock schickt Goldmark fort, auch einen Dwořak; Wien meidet Brahms u. Dwořak, usw. Bedenkt man nun, daß all dieses kaufmännische Gesindel zur selben Zeit wohl zur Genüge floriert hat , u. Zinsen u. Reichtum gesammelt hat – was ja schon durch den Bestand der Firmaen ja erwiesen ist! – bedenkt man ferner, daß all der jener Reichtum offenbar doch nur aus Werken von Komponisten gezogen wurde , u. daß diese Komponisten eben nicht Brahms , Goldmark oder Dwořak hießen, sondern eben minderer Art waren, so steht man vor einer unüberschreitbaren Stupidität der Verleger, die ausgerechnet bei den stärksten Erzeugern das Risiko nicht tragen wollen!

Als ich selbst Herrn Doblinger interpellierte, weshalb denn die Niloff-Tabelle statt um 60 Kreuzer gegen meinen Wunsch um den doppelten Betrag verkauft werden sollte, erwiderte er: „Ja, wir wollen halt alle daran verdienen, der Sortimenter muß seine Perzente haben, der Drucker, der Verleger auch, nö – für den Autor gibt es da nichts.“ {891} Mein Gedanke, daß die Gier all dieser Leute doch nicht unter allen Umständen auf diesem schmalen Zweiglein von 60 Kreutzer sitzen muß, war ihm selbstverständlich fremd. Auch das kleine 60-Kreutzer-Stück mußte den Regeln der Verzinsung so unterworfen werden, wie ein sehr gutgehendes Werk im Betrage von 4 Gulden. Daher verkauft ein Simrock die Werke von Brahms nur um das teuerste Geld, u. trotzdem er aus anderen Quellen – ich nenne nur von altersher Mendelssohn u. aus letzter Zeit Dvořak oder Bohm – genügend Kapitalien hat, um bei Brahms Werken auch die Zeit als Zinsenbildnerin mitwirken zu lassen, so zieht er es vor, lieber der Verbreitung der Werke durch hohe Preise selbst im Wege zu stehen, über den mangelhaften Absatz zu jammern, und nur das eine fällt dem Esel u. Schuft nicht ein, seine anderweitigen Einkünfte dazu zu benützen, um die Brahms-Preise zu reduzieren, die Werke zugänglicher zu machen u. auf diesem Wege zu der P pyramidalen Verzinsung zu gelangen. Aber freilich, wer wie die Verleger gewohnt ist, Geschenke anzunehmen, wie Landstreicher u. Bettler, kann einen Denkprozess wie diesen nicht bewältigen! Zinsen aufs Jahr – oder lieber keinen Beethoven, Haydn, Mozart, Brahms! Von allem sprechen die Verleger, nur von dieser eigenen Borniertheit nicht. Sie wittern, daß es in anderen kaufmännischen Branchen so etwas wie „langfristige“ Geschäfte gibt, aber in ihrer eigenen Branche vermeiden sie sie.

*

© Transcription Marko Deisinger.

27.

The Signale für die musikalische Welt prints an article by its publisher Rauh in connection with the publisher's lawsuit against the Society of German Composers. 1 The intelligence of the composers is, however, strangely constituted if they still have not yet realized that the {890} crucial point between publishers and composers is the former's failure to distinguish between works according to their worth but above all to make the investment, as such, as lucrative as it can possibly be. They will treat even the most difficult and serious work only in accordance with the rules of investment; and if they want to have earned even much more than an ordinary return from fast-selling works of a lower order, then they will still not apply even a portion of their profit towards the serious work but would prefer once again to exploit the latter merely as the object of an independent investment, for which reason they set the prices extraordinarily high in order achieve the profit rates determined by their monetary morality as quickly as possible. Every piece, in the eyes of the publisher, must be capable of forming an independent source of income; and his narrowmindedness is totally incapable of understanding how regressive is a business practice in which the advantages of a profit embracing a thousand products does not, in some circumstances, also make allowances for a difficult work, and moreover only for a short period of time, so long as the work has a good turnover. The impatience of publishers to achieve capital profits beyond civility goes beyond ordinary business practice. Breitkopf & Härtel dismisses a Brahms after Op. 10; a Simrock dismisses a Goldmark, even a Dvořák; [the publishing houses of] Vienna avoid Brahms and Dvořák, and so on. If one now considers that all this business riffraff flourished in abundance at the same time, gathering profits and wealth – something that can be demonstrated by the state of the firms! – and if one further considers that all that wealth was drawn only from works by composers, and that these composers were not called Brahms, Goldmark, or Dvořák but were rather of a much lower rank, then one is looking at an unsurpassable stupidity of publishers, who did not want to take risks by our very strongest creators!

When I myself demanded from the gentleman at Doblinger's to know why the Niloff Table should, against my wishes, be sold not for 60 Kreuzer but for twice as much, he replied, "Well, we all want to earn something from it: the compositor must have his percentage, the printer, the publisher – but there's nothing there for the author." {891} My idea, that the greed of all these people should not after all have to perch on this small branch of 60 Kreutzer, was of course alien to him. Even a small piece worth 60 Kreutzer must be subject to the rules of financial return, just like a fast-selling work costing 4 Gulden. Thus a Simrock will sell the works of Brahms only for the highest price, in spite of having enough capital from other sources – I mention only Mendelssohn from the past, and Dvořak or Bohm from more recent times; in order for time to collaborate in the creation of profits also in the works of Brahms, he himself prefers to stand in the way of the dissemination of those works through high prices, and to moan about a poor turnover. And only one thing does not occur to this asinine crook: to use the income from elsewhere to reduce the prices of works by Brahms, making them more accessible and in this way achieve a pyramidal financial return. But of course, anyone who like the publisher is used to accepting gifts, like vagrants and beggars, cannot conquer a thought process such as this! Returns must be reckoned on a yearly basis – otherwise no Beethoven, Haydn, Mozart, Brahms! The publishers talk about everything, just not about their own narrow-mindedness. They sense that such things as "long-term" deals exist in other branches of business, but they avoid them in their own.

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© Translation William Drabkin.

27.

Die „Signale“ bringen einen Aufsatz des Verlegers Rauh, der mit dem Prozess der Verleger gegen die Genossenschaft deutscher Tonsetzer zusammenhängt. 1 Es ist doch sonderbar um die Intelligenz der Komponisten bestellt, wenn sie noch immer nicht darauf kommen, daß der sprin- {890} gende Punkt zwischen Verlegern u. Komponisten der Standpunkt der ersteren ist, nicht die Werke ihrem Wert nach zu unterscheiden, sondern vor allem die Geldanlage als solche so lukrativ als eben möglich zu machen. Auch das schwierigste u. seriöseste Werk wollen sie nur nach den Regeln der Geldanlage behandeln u. mögen sie noch so viel mehr, als eine landesübliche Verzinsung gewährt, an gutgehenden Werken minderer Art verdient haben, so wollen sie dennoch auch nicht einen Teil des Gewinstes auf das seriöse Werk anwenden, vielmehr wiederum nur dieses allein als Objekt einer selbständigen Geldanlage ausnützen, weshalb sie die Preise überaus hoch ansetzen, um so rasch als wie möglich zu der von der ihrer Geldmoral gebotenen Zinsenhöhe zu gelangen. Jedes Stück muß in den Augen des Verlegers gleichsam die Eignung haben, eine selbständige Erwerbsquelle zu bilden, u. seine Borniertheit ist noch weit davon entfernt zu begreifen, wie rückständig eine kaufmännische Praxis ist, die die Vorteile eines Ttausende von Waren umfassenden Umsatzes nicht unter Umständen auch einem schwergehenden Werke zugute hält, obendrein doch nur für kurze Zeit, so lange nämlich das Werk schwierig den Absatz findet. Die Ungeduld der Verleger zur mehr als überbürgerlichen Verzinsung ihrer Kapitalien zu gelangen, übersteigt sonstige kaufmännische Uebung. Breitkopf u. Härtel schicken einen Brahms nach op. 10 fort; ein Simrock schickt Goldmark fort, auch einen Dwořak; Wien meidet Brahms u. Dwořak, usw. Bedenkt man nun, daß all dieses kaufmännische Gesindel zur selben Zeit wohl zur Genüge floriert hat , u. Zinsen u. Reichtum gesammelt hat – was ja schon durch den Bestand der Firmaen ja erwiesen ist! – bedenkt man ferner, daß all der jener Reichtum offenbar doch nur aus Werken von Komponisten gezogen wurde , u. daß diese Komponisten eben nicht Brahms , Goldmark oder Dwořak hießen, sondern eben minderer Art waren, so steht man vor einer unüberschreitbaren Stupidität der Verleger, die ausgerechnet bei den stärksten Erzeugern das Risiko nicht tragen wollen!

Als ich selbst Herrn Doblinger interpellierte, weshalb denn die Niloff-Tabelle statt um 60 Kreuzer gegen meinen Wunsch um den doppelten Betrag verkauft werden sollte, erwiderte er: „Ja, wir wollen halt alle daran verdienen, der Sortimenter muß seine Perzente haben, der Drucker, der Verleger auch, nö – für den Autor gibt es da nichts.“ {891} Mein Gedanke, daß die Gier all dieser Leute doch nicht unter allen Umständen auf diesem schmalen Zweiglein von 60 Kreutzer sitzen muß, war ihm selbstverständlich fremd. Auch das kleine 60-Kreutzer-Stück mußte den Regeln der Verzinsung so unterworfen werden, wie ein sehr gutgehendes Werk im Betrage von 4 Gulden. Daher verkauft ein Simrock die Werke von Brahms nur um das teuerste Geld, u. trotzdem er aus anderen Quellen – ich nenne nur von altersher Mendelssohn u. aus letzter Zeit Dvořak oder Bohm – genügend Kapitalien hat, um bei Brahms Werken auch die Zeit als Zinsenbildnerin mitwirken zu lassen, so zieht er es vor, lieber der Verbreitung der Werke durch hohe Preise selbst im Wege zu stehen, über den mangelhaften Absatz zu jammern, und nur das eine fällt dem Esel u. Schuft nicht ein, seine anderweitigen Einkünfte dazu zu benützen, um die Brahms-Preise zu reduzieren, die Werke zugänglicher zu machen u. auf diesem Wege zu der P pyramidalen Verzinsung zu gelangen. Aber freilich, wer wie die Verleger gewohnt ist, Geschenke anzunehmen, wie Landstreicher u. Bettler, kann einen Denkprozess wie diesen nicht bewältigen! Zinsen aufs Jahr – oder lieber keinen Beethoven, Haydn, Mozart, Brahms! Von allem sprechen die Verleger, nur von dieser eigenen Borniertheit nicht. Sie wittern, daß es in anderen kaufmännischen Branchen so etwas wie „langfristige“ Geschäfte gibt, aber in ihrer eigenen Branche vermeiden sie sie.

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© Transcription Marko Deisinger.

27.

The Signale für die musikalische Welt prints an article by its publisher Rauh in connection with the publisher's lawsuit against the Society of German Composers. 1 The intelligence of the composers is, however, strangely constituted if they still have not yet realized that the {890} crucial point between publishers and composers is the former's failure to distinguish between works according to their worth but above all to make the investment, as such, as lucrative as it can possibly be. They will treat even the most difficult and serious work only in accordance with the rules of investment; and if they want to have earned even much more than an ordinary return from fast-selling works of a lower order, then they will still not apply even a portion of their profit towards the serious work but would prefer once again to exploit the latter merely as the object of an independent investment, for which reason they set the prices extraordinarily high in order achieve the profit rates determined by their monetary morality as quickly as possible. Every piece, in the eyes of the publisher, must be capable of forming an independent source of income; and his narrowmindedness is totally incapable of understanding how regressive is a business practice in which the advantages of a profit embracing a thousand products does not, in some circumstances, also make allowances for a difficult work, and moreover only for a short period of time, so long as the work has a good turnover. The impatience of publishers to achieve capital profits beyond civility goes beyond ordinary business practice. Breitkopf & Härtel dismisses a Brahms after Op. 10; a Simrock dismisses a Goldmark, even a Dvořák; [the publishing houses of] Vienna avoid Brahms and Dvořák, and so on. If one now considers that all this business riffraff flourished in abundance at the same time, gathering profits and wealth – something that can be demonstrated by the state of the firms! – and if one further considers that all that wealth was drawn only from works by composers, and that these composers were not called Brahms, Goldmark, or Dvořák but were rather of a much lower rank, then one is looking at an unsurpassable stupidity of publishers, who did not want to take risks by our very strongest creators!

When I myself demanded from the gentleman at Doblinger's to know why the Niloff Table should, against my wishes, be sold not for 60 Kreuzer but for twice as much, he replied, "Well, we all want to earn something from it: the compositor must have his percentage, the printer, the publisher – but there's nothing there for the author." {891} My idea, that the greed of all these people should not after all have to perch on this small branch of 60 Kreutzer, was of course alien to him. Even a small piece worth 60 Kreutzer must be subject to the rules of financial return, just like a fast-selling work costing 4 Gulden. Thus a Simrock will sell the works of Brahms only for the highest price, in spite of having enough capital from other sources – I mention only Mendelssohn from the past, and Dvořak or Bohm from more recent times; in order for time to collaborate in the creation of profits also in the works of Brahms, he himself prefers to stand in the way of the dissemination of those works through high prices, and to moan about a poor turnover. And only one thing does not occur to this asinine crook: to use the income from elsewhere to reduce the prices of works by Brahms, making them more accessible and in this way achieve a pyramidal financial return. But of course, anyone who like the publisher is used to accepting gifts, like vagrants and beggars, cannot conquer a thought process such as this! Returns must be reckoned on a yearly basis – otherwise no Beethoven, Haydn, Mozart, Brahms! The publishers talk about everything, just not about their own narrow-mindedness. They sense that such things as "long-term" deals exist in other branches of business, but they avoid them in their own.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 Rauh, "Die Genossenschaft Deutscher Tonsetzer und die Verleger," Signale für die musikalische Welt, 73rd year, No. 11 (March 17, 1915), pp. 165-169.