28. III. 15

Wegen Nebels keinen Ausflug gemacht.

— Die Zeitungen bringen ein Urteil des obersten Gerichtshofes bezüglich des unmotivierten Preistreibens (s. Beilage). Zwar geschieht es noch nicht mit der wünschenswerten u. möglichen Gründlichkeit, doch ist mindestens der Versuch dankbar zu begrüßen, dem wissenschaftlichen Dogma von „Angebot u. Nachfrage“ zu Leibe zu rücken. Seltsam genug, daß angesichts des gegenwärtigen Treibens auch Praktiker noch nicht darauf kommen, daß in der Definition von Angebot u. Nachfrage ja das psychologische Moment einer Laune oder eines Wuchers fehlt, womit der Warenprozess nur zu oft beginnt. Man sieht ja heute, wo Kaufleute aus Gier lügenhafte Gestehungskosten {892} simulieren, die gar nicht zutreffend sind. Auch dürfte der Umstand, daß Bemitteltere, blosß weil sie mehr Mittel haben, die Preise im Angebot steigern, ebensowenig zur Begriffsbildung herangezogen werden, wenn man mit einer solchen ein automatisches Gesetz der Waren selbst u. nichts anderes bieten will. Entweder steht die Sache so, daß die Waren teuerer [sic] werden müssen, weil es aus inneren Gründen heraus eben nicht anders gehen kann, oder aber man gesteht von vornherein, daß es nur an den Menschen u. nicht an den Waren liege, wenn u. warum solche Preise u. nicht andere gebildet werden. Wer wollte aber menschlicher Psychologie einen einheitlichen Begriff geben! Hier ist es Laune, dort ist es Wucher, hier ist es Eitelkeit, dort ist es Nachlässigkeit, hier Eifer, dort Uebereifer. Und wenn nun von all diesen Dingen u. nicht von den Waren selbst deren Preis abhängt, – wie wagt dann eine bornierte Wissenschaft die Parole auszugeben, die dem schuftigen Krämerpack gestattet, sich wie mit einem Priestergewand zu drapieren u. scheußlichste, verräterischeste, wucherischeste [sic] Gesinnung für eine Waren-Notwendigkeit auszugeben?

*

Mehrere Blätter bringen eine Enunziation des Ober-Landesgerichtsrates Appel, der in einer Alimentationsfrage den Anspruch des unehelichen Kindes wegen Verjährung zurückweisen genötigt war, die Urteilsverkündung aber mit den Worten ergänzte: „Das Recht ist gesprochen – nun ist es Zeit für die Ausübung der Moral.“ Gewiss ein schönes Wort u. doch: so lange nicht eben Moral zum Gesetz wird, so lange sich der Staat nicht die Mühe geben wird, bei allen Kompromissen, zu denen der Begriff Ordnung von selbst drängt, gleichwohl die immanente Moral der Situation zum Ausdruck zu bringen, wird es niemals gelingen, weder der Moral noch oder dem Rechte zum wirklichen Siege zu verhelfen.

*

Floriz kündigt seinen Besuch an. — 4. Variation fast beendet.

— Extraausgaben melden das Abflauen der Offensive in den Karpathen.

*

{893}

© Transcription Marko Deisinger.

March 28, 1915.

On account of fog, no excursion undertaken.

— The newspapers bring a judgment from the highest court of justice regarding the unmotivated rise in prices (see my collection [of clippings]). To be sure, it is not yet being implemented with all possible and desirable thoroughness; yet at least one should gratefully welcome the attempt to bear down upon the scientific dogma of "supply and demand." It is strange enough that, in view of the present rise, even practioners still do not realise that, in the definition of supply and demand, the psychological element of a whim or of extortion is missing, something with which the process of commerce begins only too often. Indeed one sees today how businessmen, out of greed, feign mendacious production costs {892} that are not at all applicable. Also the fact that the well-to-do, merely because they have greater means, raise the prices of their goods on offer can just as little be used as a basis for theorizing if by this is meant an automatic rule about goods themselves and nothing else. Either the fact is that the wares must become more expensive because things cannot be otherwise for intrinsic reasons, or one has to admit at the outset that its only on account of [business] people when and why such prices and not others are set. But who would attribute a unifying principle to human psychology! Sometimes it is mood, other times it is greed; sometimes it is vanity, other times it is carelessness, sometimes zeal, other times overzealousness. And now, if prices depend on all these things and not on the wares themselves, how can blinkered science issue a verdict that allows the crooked pack of businessmen to clothe themselves in priestly garments and proclaim the most abominable, traitorous and usurious mentality for a necessity of wares?

*

Several newspapers reproduce a proclamation by the higher regional court judge Appel, who, in the matter of child support, was obliged to reject the claims of an illegitimate child on account of the statute of limitations, but added to his pronouncement of judgement with the words: "The law has been spoken – now it is time for morality to be practiced." To be sure, a nice turn of phrase, and yet: so long as morality is not made into law, so long as the state does not make the effort to express the immanent morality of the situation, however many the compromises to which the concept of order is inherently compelled to move, then it will never succeed in helping either morality or justice to a true victory.

*

Floriz announces his visit. — Variation 4 nearly finished.

— Extra editions report the slackening of the offensive in The Carpathian Mountains.

*

{893}

© Translation William Drabkin.

28. III. 15

Wegen Nebels keinen Ausflug gemacht.

— Die Zeitungen bringen ein Urteil des obersten Gerichtshofes bezüglich des unmotivierten Preistreibens (s. Beilage). Zwar geschieht es noch nicht mit der wünschenswerten u. möglichen Gründlichkeit, doch ist mindestens der Versuch dankbar zu begrüßen, dem wissenschaftlichen Dogma von „Angebot u. Nachfrage“ zu Leibe zu rücken. Seltsam genug, daß angesichts des gegenwärtigen Treibens auch Praktiker noch nicht darauf kommen, daß in der Definition von Angebot u. Nachfrage ja das psychologische Moment einer Laune oder eines Wuchers fehlt, womit der Warenprozess nur zu oft beginnt. Man sieht ja heute, wo Kaufleute aus Gier lügenhafte Gestehungskosten {892} simulieren, die gar nicht zutreffend sind. Auch dürfte der Umstand, daß Bemitteltere, blosß weil sie mehr Mittel haben, die Preise im Angebot steigern, ebensowenig zur Begriffsbildung herangezogen werden, wenn man mit einer solchen ein automatisches Gesetz der Waren selbst u. nichts anderes bieten will. Entweder steht die Sache so, daß die Waren teuerer [sic] werden müssen, weil es aus inneren Gründen heraus eben nicht anders gehen kann, oder aber man gesteht von vornherein, daß es nur an den Menschen u. nicht an den Waren liege, wenn u. warum solche Preise u. nicht andere gebildet werden. Wer wollte aber menschlicher Psychologie einen einheitlichen Begriff geben! Hier ist es Laune, dort ist es Wucher, hier ist es Eitelkeit, dort ist es Nachlässigkeit, hier Eifer, dort Uebereifer. Und wenn nun von all diesen Dingen u. nicht von den Waren selbst deren Preis abhängt, – wie wagt dann eine bornierte Wissenschaft die Parole auszugeben, die dem schuftigen Krämerpack gestattet, sich wie mit einem Priestergewand zu drapieren u. scheußlichste, verräterischeste, wucherischeste [sic] Gesinnung für eine Waren-Notwendigkeit auszugeben?

*

Mehrere Blätter bringen eine Enunziation des Ober-Landesgerichtsrates Appel, der in einer Alimentationsfrage den Anspruch des unehelichen Kindes wegen Verjährung zurückweisen genötigt war, die Urteilsverkündung aber mit den Worten ergänzte: „Das Recht ist gesprochen – nun ist es Zeit für die Ausübung der Moral.“ Gewiss ein schönes Wort u. doch: so lange nicht eben Moral zum Gesetz wird, so lange sich der Staat nicht die Mühe geben wird, bei allen Kompromissen, zu denen der Begriff Ordnung von selbst drängt, gleichwohl die immanente Moral der Situation zum Ausdruck zu bringen, wird es niemals gelingen, weder der Moral noch oder dem Rechte zum wirklichen Siege zu verhelfen.

*

Floriz kündigt seinen Besuch an. — 4. Variation fast beendet.

— Extraausgaben melden das Abflauen der Offensive in den Karpathen.

*

{893}

© Transcription Marko Deisinger.

March 28, 1915.

On account of fog, no excursion undertaken.

— The newspapers bring a judgment from the highest court of justice regarding the unmotivated rise in prices (see my collection [of clippings]). To be sure, it is not yet being implemented with all possible and desirable thoroughness; yet at least one should gratefully welcome the attempt to bear down upon the scientific dogma of "supply and demand." It is strange enough that, in view of the present rise, even practioners still do not realise that, in the definition of supply and demand, the psychological element of a whim or of extortion is missing, something with which the process of commerce begins only too often. Indeed one sees today how businessmen, out of greed, feign mendacious production costs {892} that are not at all applicable. Also the fact that the well-to-do, merely because they have greater means, raise the prices of their goods on offer can just as little be used as a basis for theorizing if by this is meant an automatic rule about goods themselves and nothing else. Either the fact is that the wares must become more expensive because things cannot be otherwise for intrinsic reasons, or one has to admit at the outset that its only on account of [business] people when and why such prices and not others are set. But who would attribute a unifying principle to human psychology! Sometimes it is mood, other times it is greed; sometimes it is vanity, other times it is carelessness, sometimes zeal, other times overzealousness. And now, if prices depend on all these things and not on the wares themselves, how can blinkered science issue a verdict that allows the crooked pack of businessmen to clothe themselves in priestly garments and proclaim the most abominable, traitorous and usurious mentality for a necessity of wares?

*

Several newspapers reproduce a proclamation by the higher regional court judge Appel, who, in the matter of child support, was obliged to reject the claims of an illegitimate child on account of the statute of limitations, but added to his pronouncement of judgement with the words: "The law has been spoken – now it is time for morality to be practiced." To be sure, a nice turn of phrase, and yet: so long as morality is not made into law, so long as the state does not make the effort to express the immanent morality of the situation, however many the compromises to which the concept of order is inherently compelled to move, then it will never succeed in helping either morality or justice to a true victory.

*

Floriz announces his visit. — Variation 4 nearly finished.

— Extra editions report the slackening of the offensive in The Carpathian Mountains.

*

{893}

© Translation William Drabkin.