19.

Der deutsche Reichskanzler spricht ein paar ernste kräftige Worte an die Adresse Italiens. 1 Freilich ist mir bis zur Stunde noch nicht klar, was Deutschland dazu bewogen haben mochte, sich um Italiens Neutralität so energisch zu bewerben, daß es fast als Einbekenntnis einer Schwäche gedeutet werden könnte. Wollte Deutschland vielleicht vermeiden, daß ein Eingreifen Italiens gegen die Bundesgenossen als moralischer Fußtritt gedeutet werde, d. h., hatte Deutschland Angst, daß die übrige Welt – sofern sie noch nicht zu den Gegnern sich hinüberschlug – aus der allgemeinen Opposition sämtlicher Großmächte gegen Deutschland einen ungünstigen W Schluß auf seinen Wert ziehen könnte? Oder war es wirkliche Großmut u. Freundschaft, ähnlich wie im Falle Belgiens? Nun, die nächsten Stunden werden ja die Wahrheit erweisen! Vielleicht war es auch die Krise, in der sich Deutschland infolge des Aushungerungsplanes befand, den England ins Auge gefasst hat u. vielleicht hatte Deutschland nur Zeit gewinnen wollen, um sich vorerst im eigenen Hause sicher zu stellen sicherzustellen. Für alle Fälle mußte doch Deutschland Italiens Verrat schon am ersten Tage konstatieren, da es die Neutralität so handhabte, daß Oesterreich eine große Armee zum Schutze seiner südlichen Grenze aufstellen mußte. Jedenfalls mußte in Deutschland die auffallende Sympathie gegenüber Frankreich, das ruhig seine italienische Grenze trotz Savoyen u. Nitzza entblößen konnte, als unangenehmer Kontrast bewertet werden. Und schließlich mußte Deutschland auch dieses einsehen, daß die Italiener all’ die {930} Jahrzehnte hindurch gelogen haben, wenn sie blos das Nationalitäten-Prinzip als das Leitmotiv ihrer Politik vorschützten. Denn tatsächlich wollten sie – wie die letzten Unterhandlungen erweisen , – slavische u. deutsche Gebiete erwerben, also sich eines Widerspruchs des Nationalitäten-Prinzipes ihrerseits schuldig machen. Es ist also ersichtlich, daß die ältere Politik der Staaten, die das in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgekommene Nationalitäten-Prinzip noch nicht kannte u. befolgte, einen weit natürlicheren Lebensinhalt bildete. Es ist daher nur am Platze zugunsten der Erweiterung von Gebieten auch fremd-nationale einzuverleiben u. zu beherrschen; denn tun wir es nicht, so tun es unsere Gegner. Und daß gerade im Falle der germanischen u. lateinischen Rasse es wünschenswerter ist, daß die erste herrscht, darüber wird die Geschichte einmal zugunsten der germanischen urteilen.

Ob aber in letzter Linie nicht alles Wachstum der Staaten mit dem Wachstum einzelner Individuen zu vergleichen ist, die selbst dann automatisch wachsen wollen, wenn das Wachstum niemand sonst zugute kommt u. schließlich auch das Individuum zu Falle bringt, bleibe dahingestellt. Wenn man sieht: Frankreich will wachsen, ohne daß eine greifbare Veranlassung für die stark zusammengeschmolzene Bevölkerung vorläge; Rußland will wachsen, obgleich es bereits eine Leibesfülle aufweist, der eine Entfettungskur viel zuträglicher wäre; Italien will wachsen nach einer falschen Richtung hin, obgleich gerade hier kein günstiger Boden vorhanden – kurz, ein Rausch von animalischem Wachstumstrieb , geht durch alle Staaten, der selbstverständlich Keime von Kriegen unvermeidlich mit sich führt, weil die Staaten bis auf weiteres nicht lernen werden, in die Wachstum[s]frage streng hygienische Gesichtspunkte einzubeziehen.

*

Gewitterschwüle, doch bleibt das Gewitter noch aus.

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© Transcription Marko Deisinger.

19.

The German chancellor directs a few serious, strong words at Italy. 1 Admittedly it is not clear to me to this very hour what might have given cause for Germany to petition so energetically for Italy's neutrality that it could be interpreted as the admission of a weakness. Did Germany perhaps want to avoid Italy's intervention against its allies being interpreted as a moral kick? That is, did Germany fear that the rest of the world – so far as they had not yet joined her opponents – could, in general opposition to all superpowers, draw an unfavorable conclusion about its worth against Germany? Or was it really generosity and friendship, similar to the case of Belgium? Now, the next hours will certainly reveal the truth! Perhaps it was also the crisis in which Germany found herself as a consequence of the starvation plan that England had in mind, and perhaps Germany wanted only to gain time in order to secure its own house in the first place. In any case, however, Germany had to establish Italy's betrayal at the outset, since it managed neutrality in such a way that Austria was obliged to establish a large army to protect its southern boundary. In any event, the notable sympathy in Germany with respect to France, which could easily expose its border with Italy in spite of Savoy and Nice, could be interpreted as an unfavorable contrast. And finally Germany would also have to realize this: that the Italians have been lying for all these decades {930} if they are merely pretending that the nationality principle is the leitmotif of their politics. Then indeed – as the recent negotiations have revealed – they have wanted to acquire Slavic and German territories; that is, they are making themselves guilty of a contradiction of the nationality principle on their part. It is thus evident that the older politics of nations, which did not know or follow the nationality principle which came into being in the middle of the nineteenth century, formed the basis of a much more natural purpose in life. It is thus only appropriate, for the purpose of territorial expansion, to annex and rule over foreign-national territories, too; for if we do not do this, then our opponents will. And precisely in the case of the Germanic and Latin races, it is more desirable that the former prevails: for in this matter, history will judge in favor of the Germanic.

But it remains unclear whether all growth in states can ultimately be compared to the growth of individual beings, who themselves automatically wish to grow if growth does not come to anyone else and eventually even the individual is brought down. When one sees that France wants to expand, without there being a tangible reason for its strongly assimilated populace; Russia wants to expand, although it already exhibits a corpulence for which a weight-losing regime would be much more beneficial; Italy wants to expand in the wrong direction, although no appropriate territory is available. In short, a frenzy of animalistic drive for expansion pervades all nations, which of course unavoidably sows the seeds of wars, for the nations will for the time being not learn to factor in strict hygienic viewpoints in matters of expansion.

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The humidity associated with thunderstorms, but still without a thunderstorm.

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© Translation William Drabkin.

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Der deutsche Reichskanzler spricht ein paar ernste kräftige Worte an die Adresse Italiens. 1 Freilich ist mir bis zur Stunde noch nicht klar, was Deutschland dazu bewogen haben mochte, sich um Italiens Neutralität so energisch zu bewerben, daß es fast als Einbekenntnis einer Schwäche gedeutet werden könnte. Wollte Deutschland vielleicht vermeiden, daß ein Eingreifen Italiens gegen die Bundesgenossen als moralischer Fußtritt gedeutet werde, d. h., hatte Deutschland Angst, daß die übrige Welt – sofern sie noch nicht zu den Gegnern sich hinüberschlug – aus der allgemeinen Opposition sämtlicher Großmächte gegen Deutschland einen ungünstigen W Schluß auf seinen Wert ziehen könnte? Oder war es wirkliche Großmut u. Freundschaft, ähnlich wie im Falle Belgiens? Nun, die nächsten Stunden werden ja die Wahrheit erweisen! Vielleicht war es auch die Krise, in der sich Deutschland infolge des Aushungerungsplanes befand, den England ins Auge gefasst hat u. vielleicht hatte Deutschland nur Zeit gewinnen wollen, um sich vorerst im eigenen Hause sicher zu stellen sicherzustellen. Für alle Fälle mußte doch Deutschland Italiens Verrat schon am ersten Tage konstatieren, da es die Neutralität so handhabte, daß Oesterreich eine große Armee zum Schutze seiner südlichen Grenze aufstellen mußte. Jedenfalls mußte in Deutschland die auffallende Sympathie gegenüber Frankreich, das ruhig seine italienische Grenze trotz Savoyen u. Nitzza entblößen konnte, als unangenehmer Kontrast bewertet werden. Und schließlich mußte Deutschland auch dieses einsehen, daß die Italiener all’ die {930} Jahrzehnte hindurch gelogen haben, wenn sie blos das Nationalitäten-Prinzip als das Leitmotiv ihrer Politik vorschützten. Denn tatsächlich wollten sie – wie die letzten Unterhandlungen erweisen , – slavische u. deutsche Gebiete erwerben, also sich eines Widerspruchs des Nationalitäten-Prinzipes ihrerseits schuldig machen. Es ist also ersichtlich, daß die ältere Politik der Staaten, die das in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgekommene Nationalitäten-Prinzip noch nicht kannte u. befolgte, einen weit natürlicheren Lebensinhalt bildete. Es ist daher nur am Platze zugunsten der Erweiterung von Gebieten auch fremd-nationale einzuverleiben u. zu beherrschen; denn tun wir es nicht, so tun es unsere Gegner. Und daß gerade im Falle der germanischen u. lateinischen Rasse es wünschenswerter ist, daß die erste herrscht, darüber wird die Geschichte einmal zugunsten der germanischen urteilen.

Ob aber in letzter Linie nicht alles Wachstum der Staaten mit dem Wachstum einzelner Individuen zu vergleichen ist, die selbst dann automatisch wachsen wollen, wenn das Wachstum niemand sonst zugute kommt u. schließlich auch das Individuum zu Falle bringt, bleibe dahingestellt. Wenn man sieht: Frankreich will wachsen, ohne daß eine greifbare Veranlassung für die stark zusammengeschmolzene Bevölkerung vorläge; Rußland will wachsen, obgleich es bereits eine Leibesfülle aufweist, der eine Entfettungskur viel zuträglicher wäre; Italien will wachsen nach einer falschen Richtung hin, obgleich gerade hier kein günstiger Boden vorhanden – kurz, ein Rausch von animalischem Wachstumstrieb , geht durch alle Staaten, der selbstverständlich Keime von Kriegen unvermeidlich mit sich führt, weil die Staaten bis auf weiteres nicht lernen werden, in die Wachstum[s]frage streng hygienische Gesichtspunkte einzubeziehen.

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Gewitterschwüle, doch bleibt das Gewitter noch aus.

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© Transcription Marko Deisinger.

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The German chancellor directs a few serious, strong words at Italy. 1 Admittedly it is not clear to me to this very hour what might have given cause for Germany to petition so energetically for Italy's neutrality that it could be interpreted as the admission of a weakness. Did Germany perhaps want to avoid Italy's intervention against its allies being interpreted as a moral kick? That is, did Germany fear that the rest of the world – so far as they had not yet joined her opponents – could, in general opposition to all superpowers, draw an unfavorable conclusion about its worth against Germany? Or was it really generosity and friendship, similar to the case of Belgium? Now, the next hours will certainly reveal the truth! Perhaps it was also the crisis in which Germany found herself as a consequence of the starvation plan that England had in mind, and perhaps Germany wanted only to gain time in order to secure its own house in the first place. In any case, however, Germany had to establish Italy's betrayal at the outset, since it managed neutrality in such a way that Austria was obliged to establish a large army to protect its southern boundary. In any event, the notable sympathy in Germany with respect to France, which could easily expose its border with Italy in spite of Savoy and Nice, could be interpreted as an unfavorable contrast. And finally Germany would also have to realize this: that the Italians have been lying for all these decades {930} if they are merely pretending that the nationality principle is the leitmotif of their politics. Then indeed – as the recent negotiations have revealed – they have wanted to acquire Slavic and German territories; that is, they are making themselves guilty of a contradiction of the nationality principle on their part. It is thus evident that the older politics of nations, which did not know or follow the nationality principle which came into being in the middle of the nineteenth century, formed the basis of a much more natural purpose in life. It is thus only appropriate, for the purpose of territorial expansion, to annex and rule over foreign-national territories, too; for if we do not do this, then our opponents will. And precisely in the case of the Germanic and Latin races, it is more desirable that the former prevails: for in this matter, history will judge in favor of the Germanic.

But it remains unclear whether all growth in states can ultimately be compared to the growth of individual beings, who themselves automatically wish to grow if growth does not come to anyone else and eventually even the individual is brought down. When one sees that France wants to expand, without there being a tangible reason for its strongly assimilated populace; Russia wants to expand, although it already exhibits a corpulence for which a weight-losing regime would be much more beneficial; Italy wants to expand in the wrong direction, although no appropriate territory is available. In short, a frenzy of animalistic drive for expansion pervades all nations, which of course unavoidably sows the seeds of wars, for the nations will for the time being not learn to factor in strict hygienic viewpoints in matters of expansion.

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The humidity associated with thunderstorms, but still without a thunderstorm.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Die Krise in den Beziehungen zu Italien. Eine Rede des deutschen Reichskanzlers über das Verhältnis der beiden Kaiserreiche zu Italien und eine Kundgebung an deren Schlusse, minutenlanger Beifall und Händeklatschen im Hause und auf den Galerien des Reichstages, eine Zustimmung, wie sie noch selten vorgekommen ist," Neue Freie Presse, No. 18225, May 19, 1915, morning edition, p. 1.