Wien, 1. 10. 06

Sehr geehrter Herr! 1

Im Besitze Ihres w. von 24. 9. 06 2 bemerke ich, daß ich selbstverständlich darauf gefaßt sein mußte, die verursachte Mehrarbeit zu honorieren.

Was mir aber besonders am Herzen liegt, ist Ihnen klar zu machen, daß ich schon aus kaufmännisch praktischen Gründen den für das „Nachwort“ reservierten Stoff in irgend einer Form dem Werke einverleiben muß. 3 In Anbetracht dessen, daß dieser Theil (den ich übrigens nicht als Nachwort sondern als organisch verbundenen III .h. letzten Abschnitt des praktischen Teiles geben will 4 ) fast keine Notenbeispiele mit sich führt, u. sich dessen Drucklegung somit sehr rasch abwickeln kann, erlaube ich mir, noch einige Geduld mit mir u. meinem Werke zu haben. Ich bin überzeugt, daß dieser Satz alledem noch rechtzeitig vor Weihnachten wird erscheinen können, da das Konzept bereits fertig ist.

Was in musikalischen Schriften aller Art (Lehrbüchern, Führern, {2} Geschichtswerken, u. dgl.) in Deutschland u. sonst überall fehlt, ist eine Kritik der Kunstwerke auf Grund von kompositionellen Momenten, – u. was man zu lesen u. zu hören kriegt, ist kunstunkundiger Journalismus oder – so bei Künstlern u. Theoretikern – eine theoretisch gern protzende, wegen falscher Theorien aber ganz irregehende, bald kleinliche, bald devote Betrachtung. Nun scheint mir gerade jetzt, da der Dilletantismus der komponierenden ungeheu[e]re Kreise zieht, der Drang im deutschen Publikum nach Orientierung in den geschaffenen Werten am gespanntesten, wobei ich gar nicht untersuchen will, ob der Drang blos gewöhnliche Neugier oder höhere Teilnahme an der Kunst bedeutet: der Beweis davon liegt in der starken Nachfrage nach Büchern aller Art über Musik, die nicht wegzuleugnen ist. Daß sich aber diese Nachfrage gleichwohl nicht in einem ganz außerordentlichen buchhändlerischen Erfolg irgend eines bisher erschienenen Werkes ausgesprochen hat, liegt nicht am Publikum, sondern an den Werken, die, wie ich schon oben sagte, völlig unkünstlerisch u. naiv sind. So ungenügend sind die aus der Natur der Musik u. der Praxis unserer größten Meister gewonnenen {3} Abstraktionen u. Nutzanwendungen ausgefallen, daß man die Meister, wie z.B. Brahms , Beethoven zu Mahler , Reger , etc. heruntercompromittiert, ohne zu merken, daß die letzteren Dilletanten sind, die lange noch keine Künstler, geschweige „Meister“ sind.

Nun habe ich im Verlaufe des I u. II. Theiles meines Buches, indem ich stets den Weg zur Kunst suchte, oft genug einzelne Argumente wider den modernen Dilletantismus zu kreiren Gelegenheit gehabt, – d.h. ich habe mir selbst die Waffen geschmiedet, um den Kampf eröffnen zu können, u. so brenne ich denn begreiflicherweise darauf, von den Waffen Gebrauch zu machen. Oft genug wurde ich in Wien , Berlin , etc. eingeladen, meine Ablehnung des modernen musik. Treibens zu begründen, in Vorträgen, oder Essays, – ich habe alle Anträge abgelehnt, weil mir das Publikum im Zustand seines unvorbereiteten Hörens oder Lesens niemals hätte folgen können : nun habe ich endlich die Gelegenheit, das von mir ziemlich allgemein Erwartete, in organischer Form zum Nutzen des Publikums, der Künstler u. der Referenten bieten zu können, u. sollte diese einzige Gelegenheit {4} fallen lassen? Wie könnte ich das?! Ich halte es als meine moralische Pflicht, zu sagen, was ich weiß, u. darf vor Kosten u. sonstigen Rücksichten nicht zurückschrecken. Und wer weiß, ob nicht für die meisten Leser gerade der letzte Abschnitt die Hauptanziehung bilden wird?

In diesem Sinne bitte ich nochmals um ein klein wenig Geduld; in den nächsten Tagen schon werde ich mit etwa einem 1/3 des letzten Abschnittes, mit Titel des Buches u. der gewünschten Voranzeige aufwarten.


Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergeb.
[signed:] H Schenker

© Transcription Ian Bent, 2005, 2017


Vienna, October 1, 1906

Dear Sir! 1

In receipt of your esteemed letter of September 24, 1906, 2 let me make plain that I would of course be prepared to honor the additional work that has been created.

What I am particularly concerned to do, however, is make clear to you that I must, not least for practical, commercial reasons, incorporate the material that has been reserved for the "Afterword" in some form into the work. 3 In view of the fact that this material (which, moreover, I will present not as an "Afterword" but as an organically integrated Third (= last) Section of [Part II,] "Practical Application" 4 ) includes virtually no music examples, and hence its printing could happen very fast, I take the liberty of asking you to be patient with me and my book just a little longer. I am convinced that, despite this, it will still be possible for the book to appear on the right side of Christmas, since the draft is already done.

What is lacking in musical writings of all kinds (textbooks, guides, {2} historical works, and the like) in Germany and everywhere else is a mode of criticism for art works that is based on compositional factors. ‒ What one usually reads and hears is a journalism ignorant of artistic matters; or ‒ as in the case of artists and theorists ‒ a way of thinking that is theoretically pretentiousness (because based on false theories) but wholly erroneous, sometimes pedantic, sometimes obsequious. The clamor among the German public for guidance in the creative values appears to me, precisely now when the dilettantism of those who compose attracts huge crowds, to be at its most intense, though I have no desire to inquire whether that clamor betokens merely the usual curiosity or a higher engagement with art. The proof of this lies in the keen demand for books of all kinds on music ‒ something that is undeniable. However, the fact that this demand has not hitherto resulted in any extraordinary commercial success on the part of any published book is not to be attributed to the public, but rather to the works themselves, which, as I have already said above, are utterly inartistic and naive. The {3} abstractions from the nature and practice of our greatest masters, and the redeployment of these, have proved so inadequate that masters such as Brahms and Beethoven are dragged down to the level of Mahler, Reger, etc., without realization that the latter are dilettantes, and far, far from being artists, let alone "masters."

In the course of Parts I and II of my book, while constantly seeking the way toward art, I have frequently had occasion to devise specific arguments against modern dilettantism. That is, I have forged the weapons with my own hands in order to be able to commence battle, so it is only natural that I should burn to make use of those weapons. I have frequently been invited, in Vienna, Berlin, and elsewhere, to account for my disapproval of modern musical goings-on in lectures and essays. I have turned down all such requests because the public, its hearing and reading in so parlous a state, could never have followed me. Now at last I have an opportunity to offer what has been quite widely awaited from me in an organic form for the use of the public, artists, and critics. Should I let this unique opportunity {4} go? How could I possibly do that?! I take it as my moral duty to say what I know, and not to be deterred by costs and other suchlike considerations. And who knows whether it will not be just the final Section that will be the principal attraction for most of my readers?

For this reason, ask you to be patient with me just a little longer. Within a day or two I will present you with about a third of the final Section, together with the title-page of the book and the preliminary announcement for which you ask.


With kind regards
Your devoted
[signed:] H. Schenker

© Translation Ian Bent, 2005, 2017


Wien, 1. 10. 06

Sehr geehrter Herr! 1

Im Besitze Ihres w. von 24. 9. 06 2 bemerke ich, daß ich selbstverständlich darauf gefaßt sein mußte, die verursachte Mehrarbeit zu honorieren.

Was mir aber besonders am Herzen liegt, ist Ihnen klar zu machen, daß ich schon aus kaufmännisch praktischen Gründen den für das „Nachwort“ reservierten Stoff in irgend einer Form dem Werke einverleiben muß. 3 In Anbetracht dessen, daß dieser Theil (den ich übrigens nicht als Nachwort sondern als organisch verbundenen III .h. letzten Abschnitt des praktischen Teiles geben will 4 ) fast keine Notenbeispiele mit sich führt, u. sich dessen Drucklegung somit sehr rasch abwickeln kann, erlaube ich mir, noch einige Geduld mit mir u. meinem Werke zu haben. Ich bin überzeugt, daß dieser Satz alledem noch rechtzeitig vor Weihnachten wird erscheinen können, da das Konzept bereits fertig ist.

Was in musikalischen Schriften aller Art (Lehrbüchern, Führern, {2} Geschichtswerken, u. dgl.) in Deutschland u. sonst überall fehlt, ist eine Kritik der Kunstwerke auf Grund von kompositionellen Momenten, – u. was man zu lesen u. zu hören kriegt, ist kunstunkundiger Journalismus oder – so bei Künstlern u. Theoretikern – eine theoretisch gern protzende, wegen falscher Theorien aber ganz irregehende, bald kleinliche, bald devote Betrachtung. Nun scheint mir gerade jetzt, da der Dilletantismus der komponierenden ungeheu[e]re Kreise zieht, der Drang im deutschen Publikum nach Orientierung in den geschaffenen Werten am gespanntesten, wobei ich gar nicht untersuchen will, ob der Drang blos gewöhnliche Neugier oder höhere Teilnahme an der Kunst bedeutet: der Beweis davon liegt in der starken Nachfrage nach Büchern aller Art über Musik, die nicht wegzuleugnen ist. Daß sich aber diese Nachfrage gleichwohl nicht in einem ganz außerordentlichen buchhändlerischen Erfolg irgend eines bisher erschienenen Werkes ausgesprochen hat, liegt nicht am Publikum, sondern an den Werken, die, wie ich schon oben sagte, völlig unkünstlerisch u. naiv sind. So ungenügend sind die aus der Natur der Musik u. der Praxis unserer größten Meister gewonnenen {3} Abstraktionen u. Nutzanwendungen ausgefallen, daß man die Meister, wie z.B. Brahms , Beethoven zu Mahler , Reger , etc. heruntercompromittiert, ohne zu merken, daß die letzteren Dilletanten sind, die lange noch keine Künstler, geschweige „Meister“ sind.

Nun habe ich im Verlaufe des I u. II. Theiles meines Buches, indem ich stets den Weg zur Kunst suchte, oft genug einzelne Argumente wider den modernen Dilletantismus zu kreiren Gelegenheit gehabt, – d.h. ich habe mir selbst die Waffen geschmiedet, um den Kampf eröffnen zu können, u. so brenne ich denn begreiflicherweise darauf, von den Waffen Gebrauch zu machen. Oft genug wurde ich in Wien , Berlin , etc. eingeladen, meine Ablehnung des modernen musik. Treibens zu begründen, in Vorträgen, oder Essays, – ich habe alle Anträge abgelehnt, weil mir das Publikum im Zustand seines unvorbereiteten Hörens oder Lesens niemals hätte folgen können : nun habe ich endlich die Gelegenheit, das von mir ziemlich allgemein Erwartete, in organischer Form zum Nutzen des Publikums, der Künstler u. der Referenten bieten zu können, u. sollte diese einzige Gelegenheit {4} fallen lassen? Wie könnte ich das?! Ich halte es als meine moralische Pflicht, zu sagen, was ich weiß, u. darf vor Kosten u. sonstigen Rücksichten nicht zurückschrecken. Und wer weiß, ob nicht für die meisten Leser gerade der letzte Abschnitt die Hauptanziehung bilden wird?

In diesem Sinne bitte ich nochmals um ein klein wenig Geduld; in den nächsten Tagen schon werde ich mit etwa einem 1/3 des letzten Abschnittes, mit Titel des Buches u. der gewünschten Voranzeige aufwarten.


Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergeb.
[signed:] H Schenker

© Transcription Ian Bent, 2005, 2017


Vienna, October 1, 1906

Dear Sir! 1

In receipt of your esteemed letter of September 24, 1906, 2 let me make plain that I would of course be prepared to honor the additional work that has been created.

What I am particularly concerned to do, however, is make clear to you that I must, not least for practical, commercial reasons, incorporate the material that has been reserved for the "Afterword" in some form into the work. 3 In view of the fact that this material (which, moreover, I will present not as an "Afterword" but as an organically integrated Third (= last) Section of [Part II,] "Practical Application" 4 ) includes virtually no music examples, and hence its printing could happen very fast, I take the liberty of asking you to be patient with me and my book just a little longer. I am convinced that, despite this, it will still be possible for the book to appear on the right side of Christmas, since the draft is already done.

What is lacking in musical writings of all kinds (textbooks, guides, {2} historical works, and the like) in Germany and everywhere else is a mode of criticism for art works that is based on compositional factors. ‒ What one usually reads and hears is a journalism ignorant of artistic matters; or ‒ as in the case of artists and theorists ‒ a way of thinking that is theoretically pretentiousness (because based on false theories) but wholly erroneous, sometimes pedantic, sometimes obsequious. The clamor among the German public for guidance in the creative values appears to me, precisely now when the dilettantism of those who compose attracts huge crowds, to be at its most intense, though I have no desire to inquire whether that clamor betokens merely the usual curiosity or a higher engagement with art. The proof of this lies in the keen demand for books of all kinds on music ‒ something that is undeniable. However, the fact that this demand has not hitherto resulted in any extraordinary commercial success on the part of any published book is not to be attributed to the public, but rather to the works themselves, which, as I have already said above, are utterly inartistic and naive. The {3} abstractions from the nature and practice of our greatest masters, and the redeployment of these, have proved so inadequate that masters such as Brahms and Beethoven are dragged down to the level of Mahler, Reger, etc., without realization that the latter are dilettantes, and far, far from being artists, let alone "masters."

In the course of Parts I and II of my book, while constantly seeking the way toward art, I have frequently had occasion to devise specific arguments against modern dilettantism. That is, I have forged the weapons with my own hands in order to be able to commence battle, so it is only natural that I should burn to make use of those weapons. I have frequently been invited, in Vienna, Berlin, and elsewhere, to account for my disapproval of modern musical goings-on in lectures and essays. I have turned down all such requests because the public, its hearing and reading in so parlous a state, could never have followed me. Now at last I have an opportunity to offer what has been quite widely awaited from me in an organic form for the use of the public, artists, and critics. Should I let this unique opportunity {4} go? How could I possibly do that?! I take it as my moral duty to say what I know, and not to be deterred by costs and other suchlike considerations. And who knows whether it will not be just the final Section that will be the principal attraction for most of my readers?

For this reason, ask you to be patient with me just a little longer. Within a day or two I will present you with about a third of the final Section, together with the title-page of the book and the preliminary announcement for which you ask.


With kind regards
Your devoted
[signed:] H. Schenker

© Translation Ian Bent, 2005, 2017

Footnotes

1 Writing of this letter is not recorded in Schenker's diary. It was the first day of the season of lessons.

2 OJ 9/31, [12], which warns Schenker that, because of the increased length of the book and the extensive changes at proof stage, both the costs for which he will be answerable and also the retail price of the book will be higher than originally estimated.

3 A "Nachwort" ("Afterword") estimated at one gathering (16 pages) in length was originally declared but not submitted with the rest of the manuscript (CA 5-6, November 22, 1905), but subsequently increased to around 5‒7 gatherings (CA 25, May 29, 1906). It was agreed that this should be published as a separate item about six months after the release of Harmonielehre (CA 27, June 4, 1906), entitled "'Beethoven oder Wagner?': ein Nachwort zu den Neuen musikalischen Theorien und Phantasien." ("'Beethoven or Wagner?' An Afterword to the New Musical Theories and Fantasies"). It is this agreement on which Schenker is now attempting to renege. — For "reserviert" ("reserved"), see CA 31, footnote 4 regarding portions of type already set, which Schenker instructed should be held back and used for the separate item.

4 The structure of Harmonielehre is: Part I (Theoretical Application): Section 1 (Systems, their Basis, and their Differentiation in Relation to Position and Purity), Section 2 (Theory of Intervals and Harmonies); Part II (Practical Application): Section 1 (Theory of Motion and Succession of Scale-Degrees), Section 2 (Theory of the Succession of Keys).

Commentary

Rights Holder
Heirs of Henrich Schenker, deemed to be in the public domain.
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.
Format
4p letter, Bogen format, holograph salutation, message, valediction, and signature
Provenance
J.G. Cotta’sche Nachfolger/Stuttgarter Zeitung (document date-c.1954); Cotta-Archiv (Stiftung der Stuttgarter Zeitung), Schiller-Nationalmuseum, Marbach am Neckar, Germany (c.1954-)

Digital version created: 2017-06-28
Last updated: 2012-11-02