13 2. XII. 13

Fl. 50 Kr. entgeliehen.

*

Vormittag im Archiv, um die rev. Abschrift [Op. 110] noch einmal einzusehen; ich mußte leider 1½ Stunden warten bis Dr. Mandyszewski eintraf, der allein die Schätze aus den eisernen Kassen erheben darf. Inzwischen rollte an mir der ganze Jammer der musikalischen Menschheit vorüber, den ich hier so filmartig, wie er an mir vorüberzog, wiedergeben will: Da erscheint ein junger Musikbeflissener u. bittet um das „wohltemperierte Klavier“. Der zweite Beamte gibt ihm einen Band, der den Titel „48 Präludien u. Fugen“ führt. Der junge Mann lehnt den Band ab, weil er nicht der gewünschte sei. Hierauf belehrt ihn der Beamte, daß nur der Titel ein anderer, der Inhalt aber der echte sei. Indem er den Nachweiß [sic] hiefür führt, bemerkt er: „Ich kenne das „wohltemperierte Klavier“ sehr gut; da haben Sie z. B. die Fuge, die können Sie auch auf der Orgel spielen!“ Endlich beruhigt diese Erklärung den jungen Mann u. er zog sich zurück. …

Es erscheint ein junges Mädchen u. bittet um Bach’s „englische Suiten“. Da meinte der Beamte: Alle Exemplare sind ja ins [illeg]Musikhistorische Institut gegangen, ich habe keine mehr; sind Sie denn auch dort? Das Fräulein erwiederte [sic]: Blos im Donnerstag Seminar. Daraufhin suchte der Beamte eifrig u. ist in der Lage, das Exemplar der U. E. 1 dem Fräulein einzuhändigen. (Nächsten Donnerstag wird sie wahrscheinlich mit den engl. Suiten ganz fertig!) …

Es erscheint eine Frau: Sie bittet um eine kurzgefaßte Harmonielehre, aus der sie etwas für einen Vortrag benützen könnte. Mit dieser Frage rückt sie dem Sub-Archivar an den Leib! Dieser – ein pensionierter Tenor der Hof-Oper – ist indessen völlig unbewandert in solchen Dingen u. möchte {487} daher die Beantwortung lieber vertagen, bis der 2. Beamte zurückkehrt. Die Frau merkt die Verlegenheit nicht u. bittet immer dringender um irgend ein kleines Büchlein. In dieser Not b empfiehlt der Tenor die Harmonie-Lehre bei – Reklam! (Gibt es eine?) Dann läßt er sich Riemann einfallen, von dem er etwas gehört haben mag! Alle die Vorschläge lehnt indessen die Frau ab in unbewußter Ahnung, daß sie nicht dasjenige bieten, was sie möchte. Endlich fragt sie, ob nicht von Dr. Robert Hirschfeld ein Aufsatz über Schumann erschienen ist, aus dem sie etwas ausschreiben könnte; ihr wäre ja nur darum zu tun etwas auszuschreiben. …

Ein Diener erscheint; aufgeregt fragt er, ob nicht Herr so und so im Archiv sei, er habe seit einigen Tagen den Rock des Prof. Ševčzík u. er finde den Schüler nicht! Da meldet sich ein College: „Vor 15 Minuten habe ich ihn im Café Schwarzenberg gesehen . .“ Der Diener stürmt fort …

Es erscheint ein Mädchen, das etwas wünschen möchte. Sie läuft in den Räumen hin u. her, nur um Aufmerksamkeit zu erregen u. verschwindet . .

Dr. Carl Weigl kommt „Bäche“ 2 abzuliefern; ein Gespräch mit ihm geführt, u. ihn aufmerksam gemacht, daß die Presse zwar schadetn, aber auch nicht nützen kann. Inzwischen erscheint Dr. Mandyczevski u. ich gelange in den Besitz der rev. Abschrift.

*

Die Neue Freie Presse publiziert einen Brief von Bethmann-Hollweg an Professor Lamprecht; 3 der Briefschreiber wünscht mehr Ausbreitung der Kultur innerhalb der Nation, so daß jeder Deutsche auch in der Fremde das Vaterland so glücklich repräsentiere, wie der Engländer oder der Franzose ihre Nation. Es Darin irrt aber der Reichskanzler, wenn er die bessere Repräsentation auf erhöhte Kultur zurückführt; erhöhtes Einkommen macht es allein!! Wie das Einzel-Individuum durch Einkommen sich unabhängig macht , u. die {488} Unabhängigkeit zur Schau trägt, ebenso auch aAngehörige reicherer Nationen. Wird nur erst der Deutsche auf irgend einem Wege, sei es Industrie oder Handel oder dgl. in den Besitz von Reichtümern gelangen, wie sie in Frankreich oder England aufgehäuft sind, so werden sich ohne Zweifel auch repräsentative Eigenschaften einfinden. Freilich wird – was der Reichskanzler nicht weiß – die Nation an wirkliche Kultur einbüßen! Denn unausbleibliche Konsequenz übermäßiger Anhäufung des Geldes ist Rückgang der Kultur!

*

© Transcription Marko Deisinger.

December 12, 1913.

50 Kronen lent to Floriz.

*

In the morning, at the Archive in order to look at the revised copy [of Op. 110] once more; unfortunately I had to wait for 1½ hours until the arrival of Dr. Mandyczevski, who is the only person permitted to take the treasures from the iron cabinet. In the meantime the full wretchedness of the musical human condition rolled past me, which I should like to convey here in the cinematographic way in which it unfolded before me: a young music enthusiast appears and requests the Well-Tempered Clavier . The second official gives him a volume which bears the title 48 Preludes and Fugues. The young man rejects the volume because it is not the requested one. Thereupon the official explains to him that only the title is different: the content is genuine. In offering reasons for this, he observes: "I know the Well-Tempered Clavier " very well, in it you have, for example, the fugue, which you can also play on the organ!" Eventually this explanation pacified the young man and he retreated. …

A young lady appears and asks for Bach's "English Suites." The official says: all the copies of it have actually gone to the Music-Historical Institute, I have no more; are you also [based] there? The girl replies: only in the Thursday seminar. Upon hearing this, the official searches eagerly, and is able to hand the copy published by UE 1 to the girl. (Next Thursday she will probably be completely finished with the English Suites!) …

A woman appears: she asks for a concise theory of harmony, from which she would be able to use something for a lecture. With this question, she gets on the assistant archivist's nerves! He, a retired tenor from the Court Opera, is however completely uneducated in such things and would {487} therefore prefer to delay his reply until the second official returns. The woman does not notice his embarrassment and asks ever more urgently for a short, concise book. In distress, the tenor recommends the theory of harmony published by – Reclam! (Is there one?) Then he thinks of Riemann, from whom he may have heard something! The woman, however, rejects all of these suggestions, unaware that they will not offer what she wants. Finally she asks whether an essay on Schumann by Dr. Robert Hirschfeld has appeared, from which she could copy something; for her, all that indeed mattered was to copy something. …

A servant appears; excitedly he asks whether Mr. So-and-so is in the Archive; he has had Prof. Ševčzík's jacket for several days and cannot find his pupil! A colleague informs him: "I saw him at the Café Schwarzenberg 15 minutes ago … ." The servant storms out. …

A young lady appears, who would like something. She runs about in the rooms, only to attract attention, then disappears. …

Dr. Carl Weigl comes to deliver "things by Bach"; 2 I have a conversation with him and inform him that the press can be harmful, but not useful. In the meantime, Dr. Mandyczevski appears, and I gain possession of the corrected copy.

*

The Neue freie Presse publishes a letter from Bethmann-Hollweg to Professor Lamprecht; 3 the correspondent would like to see greater dissemination of culture within the nation, so that every German can represent his fatherland while abroad as successfully as the English or the French do their country. The Chancellor is, however, mistaken in supposing that better representation is derived from elevated culture; that comes only from elevated income!! Just as the individual being makes himself independent from his income, and {488} displays his independence, so it is too with those who are citizens of wealthier countries. If only the German were somehow – in industry or commerce, or the like – to gain possession of riches, as have piled up in France and England, then without doubt they would come up with representative qualities. But the Chancellor does not know, of course, that the nation will suffer a loss of true culture! For the inevitable consequence of the excessive amassing of riches is the decline of culture!

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© Translation William Drabkin.

13 2. XII. 13

Fl. 50 Kr. entgeliehen.

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Vormittag im Archiv, um die rev. Abschrift [Op. 110] noch einmal einzusehen; ich mußte leider 1½ Stunden warten bis Dr. Mandyszewski eintraf, der allein die Schätze aus den eisernen Kassen erheben darf. Inzwischen rollte an mir der ganze Jammer der musikalischen Menschheit vorüber, den ich hier so filmartig, wie er an mir vorüberzog, wiedergeben will: Da erscheint ein junger Musikbeflissener u. bittet um das „wohltemperierte Klavier“. Der zweite Beamte gibt ihm einen Band, der den Titel „48 Präludien u. Fugen“ führt. Der junge Mann lehnt den Band ab, weil er nicht der gewünschte sei. Hierauf belehrt ihn der Beamte, daß nur der Titel ein anderer, der Inhalt aber der echte sei. Indem er den Nachweiß [sic] hiefür führt, bemerkt er: „Ich kenne das „wohltemperierte Klavier“ sehr gut; da haben Sie z. B. die Fuge, die können Sie auch auf der Orgel spielen!“ Endlich beruhigt diese Erklärung den jungen Mann u. er zog sich zurück. …

Es erscheint ein junges Mädchen u. bittet um Bach’s „englische Suiten“. Da meinte der Beamte: Alle Exemplare sind ja ins [illeg]Musikhistorische Institut gegangen, ich habe keine mehr; sind Sie denn auch dort? Das Fräulein erwiederte [sic]: Blos im Donnerstag Seminar. Daraufhin suchte der Beamte eifrig u. ist in der Lage, das Exemplar der U. E. 1 dem Fräulein einzuhändigen. (Nächsten Donnerstag wird sie wahrscheinlich mit den engl. Suiten ganz fertig!) …

Es erscheint eine Frau: Sie bittet um eine kurzgefaßte Harmonielehre, aus der sie etwas für einen Vortrag benützen könnte. Mit dieser Frage rückt sie dem Sub-Archivar an den Leib! Dieser – ein pensionierter Tenor der Hof-Oper – ist indessen völlig unbewandert in solchen Dingen u. möchte {487} daher die Beantwortung lieber vertagen, bis der 2. Beamte zurückkehrt. Die Frau merkt die Verlegenheit nicht u. bittet immer dringender um irgend ein kleines Büchlein. In dieser Not b empfiehlt der Tenor die Harmonie-Lehre bei – Reklam! (Gibt es eine?) Dann läßt er sich Riemann einfallen, von dem er etwas gehört haben mag! Alle die Vorschläge lehnt indessen die Frau ab in unbewußter Ahnung, daß sie nicht dasjenige bieten, was sie möchte. Endlich fragt sie, ob nicht von Dr. Robert Hirschfeld ein Aufsatz über Schumann erschienen ist, aus dem sie etwas ausschreiben könnte; ihr wäre ja nur darum zu tun etwas auszuschreiben. …

Ein Diener erscheint; aufgeregt fragt er, ob nicht Herr so und so im Archiv sei, er habe seit einigen Tagen den Rock des Prof. Ševčzík u. er finde den Schüler nicht! Da meldet sich ein College: „Vor 15 Minuten habe ich ihn im Café Schwarzenberg gesehen . .“ Der Diener stürmt fort …

Es erscheint ein Mädchen, das etwas wünschen möchte. Sie läuft in den Räumen hin u. her, nur um Aufmerksamkeit zu erregen u. verschwindet . .

Dr. Carl Weigl kommt „Bäche“ 2 abzuliefern; ein Gespräch mit ihm geführt, u. ihn aufmerksam gemacht, daß die Presse zwar schadetn, aber auch nicht nützen kann. Inzwischen erscheint Dr. Mandyczevski u. ich gelange in den Besitz der rev. Abschrift.

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Die Neue Freie Presse publiziert einen Brief von Bethmann-Hollweg an Professor Lamprecht; 3 der Briefschreiber wünscht mehr Ausbreitung der Kultur innerhalb der Nation, so daß jeder Deutsche auch in der Fremde das Vaterland so glücklich repräsentiere, wie der Engländer oder der Franzose ihre Nation. Es Darin irrt aber der Reichskanzler, wenn er die bessere Repräsentation auf erhöhte Kultur zurückführt; erhöhtes Einkommen macht es allein!! Wie das Einzel-Individuum durch Einkommen sich unabhängig macht , u. die {488} Unabhängigkeit zur Schau trägt, ebenso auch aAngehörige reicherer Nationen. Wird nur erst der Deutsche auf irgend einem Wege, sei es Industrie oder Handel oder dgl. in den Besitz von Reichtümern gelangen, wie sie in Frankreich oder England aufgehäuft sind, so werden sich ohne Zweifel auch repräsentative Eigenschaften einfinden. Freilich wird – was der Reichskanzler nicht weiß – die Nation an wirkliche Kultur einbüßen! Denn unausbleibliche Konsequenz übermäßiger Anhäufung des Geldes ist Rückgang der Kultur!

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© Transcription Marko Deisinger.

December 12, 1913.

50 Kronen lent to Floriz.

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In the morning, at the Archive in order to look at the revised copy [of Op. 110] once more; unfortunately I had to wait for 1½ hours until the arrival of Dr. Mandyczevski, who is the only person permitted to take the treasures from the iron cabinet. In the meantime the full wretchedness of the musical human condition rolled past me, which I should like to convey here in the cinematographic way in which it unfolded before me: a young music enthusiast appears and requests the Well-Tempered Clavier . The second official gives him a volume which bears the title 48 Preludes and Fugues. The young man rejects the volume because it is not the requested one. Thereupon the official explains to him that only the title is different: the content is genuine. In offering reasons for this, he observes: "I know the Well-Tempered Clavier " very well, in it you have, for example, the fugue, which you can also play on the organ!" Eventually this explanation pacified the young man and he retreated. …

A young lady appears and asks for Bach's "English Suites." The official says: all the copies of it have actually gone to the Music-Historical Institute, I have no more; are you also [based] there? The girl replies: only in the Thursday seminar. Upon hearing this, the official searches eagerly, and is able to hand the copy published by UE 1 to the girl. (Next Thursday she will probably be completely finished with the English Suites!) …

A woman appears: she asks for a concise theory of harmony, from which she would be able to use something for a lecture. With this question, she gets on the assistant archivist's nerves! He, a retired tenor from the Court Opera, is however completely uneducated in such things and would {487} therefore prefer to delay his reply until the second official returns. The woman does not notice his embarrassment and asks ever more urgently for a short, concise book. In distress, the tenor recommends the theory of harmony published by – Reclam! (Is there one?) Then he thinks of Riemann, from whom he may have heard something! The woman, however, rejects all of these suggestions, unaware that they will not offer what she wants. Finally she asks whether an essay on Schumann by Dr. Robert Hirschfeld has appeared, from which she could copy something; for her, all that indeed mattered was to copy something. …

A servant appears; excitedly he asks whether Mr. So-and-so is in the Archive; he has had Prof. Ševčzík's jacket for several days and cannot find his pupil! A colleague informs him: "I saw him at the Café Schwarzenberg 15 minutes ago … ." The servant storms out. …

A young lady appears, who would like something. She runs about in the rooms, only to attract attention, then disappears. …

Dr. Carl Weigl comes to deliver "things by Bach"; 2 I have a conversation with him and inform him that the press can be harmful, but not useful. In the meantime, Dr. Mandyczevski appears, and I gain possession of the corrected copy.

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The Neue freie Presse publishes a letter from Bethmann-Hollweg to Professor Lamprecht; 3 the correspondent would like to see greater dissemination of culture within the nation, so that every German can represent his fatherland while abroad as successfully as the English or the French do their country. The Chancellor is, however, mistaken in supposing that better representation is derived from elevated culture; that comes only from elevated income!! Just as the individual being makes himself independent from his income, and {488} displays his independence, so it is too with those who are citizens of wealthier countries. If only the German were somehow – in industry or commerce, or the like – to gain possession of riches, as have piled up in France and England, then without doubt they would come up with representative qualities. But the Chancellor does not know, of course, that the nation will suffer a loss of true culture! For the inevitable consequence of the excessive amassing of riches is the decline of culture!

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 Johann Sebastian Bach, Englische Suiten. Suites anglaises. English suites, 2 vols, ed. Julius Röntgen (Vienna: Universal-Edition, [no date]).

2 Bäche: literally, "brooks"; but here it must mean musical scores by Bach, or books about him.

3 "Ein Brief des deutschen Reichskanzlers über deutsche Kulturpolitik," Neue Freie Presse, No. 17708, December 12, 1913, evening edition, p. 5.