26. Sonntag, schön.

— An Fl. (Br.OJ 6/7, [10]): billige Altmanns Vorschlag u. empfehle, sich {2747} der Bestätigungen seitens der Professoren zu versichern; ich warte seine Mitteilung ab, um der Edition den Laufpass zu geben. — An Hoboken (Br.): Dank für die Bilder, bin zwar nie Franzosenfreund gewesen, bin es auch heute nicht, würde aber ein französisches Musik-Genie als erster begrüßen. Heute freilich ist nichts zu sehen, die Tonkunst wird beerdigt. — An Weisse (Br., 8 Seiten lang!): gehe Punkt um Punkt durch; bin nicht empfindlich, berichtige persönliche Vergehen meiner Schüler auch nur dann, wenn es notwendig ist. Im Geschriebenen balle ich Zwang der Argumente zusammen, im persönlichen Verkehr streiche ich den Stoff, um nicht tyrannisch zu erscheinen. Kommt dann Leere, Kälte, so ist es eine notwendige Folge davon, wogegen es kein Mittel gibt, denn jede weitere Betonung meines Standpunkts würde der andere Teil als Zwang auslegen, Beweis: die Mißdeutung des Hinweises auf die Frankfurter Zeitung als eine Erziehung zur Frankfurter Zeitung. Im Falle Warburgs mußte ich meinen Patroiiotismus zur Tiefe verteidigen gegen das hässliche Ansinnen: So wie der Mensch sein Haus u. Geld gegen alle Ideen verteidigt, so verteidige ich die Tiefe; doch schätze ich jeden Patriotismus, mag er auch noch so kritiklos sein, denn er ist immer mehr aufbauend [illeg]als der Allerwelts-Patriotismus, der zudem überflüssig ist, sofern alle Völker, ausgenommen eben das deutsche u. die Juden, ohnehin sich patriotisch im Auge behalten. Im Falle Neumann verweise ich auf einen Widerspruch in der Deutung des Briefes von ihr: das eine Mal gab er an, das Honorar sei die Ursache der Absage, im andern Falle bestätigte er, vom Unterricht bei Smeterlink längst gewußt zu haben. Im Falle Schaab stelle ich meine völlige Unempfindlichkeit gegenüber Taktlosigkeiten dar. Z. B.: sie möchte Theorie bei {2748} mir lernen, – für Nationales habe sie keine Empfindung usw. – Breisach u. Hupka gegenüber bewahre ich ebenfalls meine Haltung unbekümmert um ihre Verirrungen u. Unzulänglichkeit. – Der italienische Ausflug ist nicht in eine Reihe zu stellen mit dem Aufenthalt von Dahms, der Frauen Vrieslander u. Oppel. Vor allem habe er versäumt, mir auch nur eine Erinnerung aus Italien zu schicken – wenn ich so etwas getan hätte – u. wäre es das selbe, so müßte es für ihn schmeichelhaft sein, daß ich über seinen Ausflug anders urteile. Wenn ihm widerfahren wäre, was mir letzthin mit ihm, – was würde er getan haben? Ich halte aber lieber an der Gelassenheit fest. — Abends zwei Stunden an den Rf. verloren. — Den ganzen Tag zuhause.

© Transcription Marko Deisinger.

26 Sunday, nice.

— To Floriz (letterOJ 6/7, [10]): approve of Altmann's proposal and recommend securing the {2747} confirmation on the part of the professors; I will wait for word from him in order to cancel on the edition. — To Hoboken (letter): thanks for the pictures, although I have never been a friend of the French and am not one now either, I would be the first to welcome a French musical genius. Of course there is currently nothing visible, the art of music is being buried. — To Weisse (letter, eight pages in length!): I go through point by point; I am not sensitive and also only set the personal errors of my students right when necessary. In writing, I agglomerate the thrust of the arguments and in personal interactions I touch on the material lightly, so as not to appear tyrannical. If emptiness, coldness comes across, it is the necessary consequence of that, and there is no remedy for it because any further emphasis of my position would be interpreted as coercion, proof: the misinterpretation of the reference to the Frankfurter Zeitung as an education to read the Frankfurter Zeitung. In the case of Warburg, I had to defend my patriotism deeply against the unreasonable request: just as one defends one's house and money against all ideas, I likewise defend the depth; but I appreciate every form of patriotism, no matter how uncritical it is, because it is still more uplifting than cosmopolitan patriotism, which is also superfluous as long as all peoples, with the exception of the Germans and the Jews, patriotically keep an eye on themselves anyway. In the case of Neumann, I refer to a contradiction in the interpretation of the letter from her: once he said that the payment was the reason for her cancelling, and in the other case he confirmed that he had known about her taking lessons with Smeterlink for a long time already. In the case of Schaab, I describe my complete lack of sensitivity with regard to indiscretion. For example, she would like to learn theory with {2748} me, – she has no sense of national sentiment, etc. – With regard to Breisach and Hupka, I likewise maintain an unconcerned stance with regard to their errors and incompetency. – The excursion to Italy cannot be likened to Dahms's stay and the stay of the wives of Vrieslander and Oppel. Above all, he failed to send me as much as one greeting from Italy – if I had done something like that – and if it were the same, it should be flattering for him that I judge his excusion differently. If the same had happened to him as I have had happen through him lately, – what would he have done? But I prefer to hold onto imperturbability. — Two hours lost to the radio in the evening. — Home the entire day.

© Translation Scott Witmer.

26. Sonntag, schön.

— An Fl. (Br.OJ 6/7, [10]): billige Altmanns Vorschlag u. empfehle, sich {2747} der Bestätigungen seitens der Professoren zu versichern; ich warte seine Mitteilung ab, um der Edition den Laufpass zu geben. — An Hoboken (Br.): Dank für die Bilder, bin zwar nie Franzosenfreund gewesen, bin es auch heute nicht, würde aber ein französisches Musik-Genie als erster begrüßen. Heute freilich ist nichts zu sehen, die Tonkunst wird beerdigt. — An Weisse (Br., 8 Seiten lang!): gehe Punkt um Punkt durch; bin nicht empfindlich, berichtige persönliche Vergehen meiner Schüler auch nur dann, wenn es notwendig ist. Im Geschriebenen balle ich Zwang der Argumente zusammen, im persönlichen Verkehr streiche ich den Stoff, um nicht tyrannisch zu erscheinen. Kommt dann Leere, Kälte, so ist es eine notwendige Folge davon, wogegen es kein Mittel gibt, denn jede weitere Betonung meines Standpunkts würde der andere Teil als Zwang auslegen, Beweis: die Mißdeutung des Hinweises auf die Frankfurter Zeitung als eine Erziehung zur Frankfurter Zeitung. Im Falle Warburgs mußte ich meinen Patroiiotismus zur Tiefe verteidigen gegen das hässliche Ansinnen: So wie der Mensch sein Haus u. Geld gegen alle Ideen verteidigt, so verteidige ich die Tiefe; doch schätze ich jeden Patriotismus, mag er auch noch so kritiklos sein, denn er ist immer mehr aufbauend [illeg]als der Allerwelts-Patriotismus, der zudem überflüssig ist, sofern alle Völker, ausgenommen eben das deutsche u. die Juden, ohnehin sich patriotisch im Auge behalten. Im Falle Neumann verweise ich auf einen Widerspruch in der Deutung des Briefes von ihr: das eine Mal gab er an, das Honorar sei die Ursache der Absage, im andern Falle bestätigte er, vom Unterricht bei Smeterlink längst gewußt zu haben. Im Falle Schaab stelle ich meine völlige Unempfindlichkeit gegenüber Taktlosigkeiten dar. Z. B.: sie möchte Theorie bei {2748} mir lernen, – für Nationales habe sie keine Empfindung usw. – Breisach u. Hupka gegenüber bewahre ich ebenfalls meine Haltung unbekümmert um ihre Verirrungen u. Unzulänglichkeit. – Der italienische Ausflug ist nicht in eine Reihe zu stellen mit dem Aufenthalt von Dahms, der Frauen Vrieslander u. Oppel. Vor allem habe er versäumt, mir auch nur eine Erinnerung aus Italien zu schicken – wenn ich so etwas getan hätte – u. wäre es das selbe, so müßte es für ihn schmeichelhaft sein, daß ich über seinen Ausflug anders urteile. Wenn ihm widerfahren wäre, was mir letzthin mit ihm, – was würde er getan haben? Ich halte aber lieber an der Gelassenheit fest. — Abends zwei Stunden an den Rf. verloren. — Den ganzen Tag zuhause.

© Transcription Marko Deisinger.

26 Sunday, nice.

— To Floriz (letterOJ 6/7, [10]): approve of Altmann's proposal and recommend securing the {2747} confirmation on the part of the professors; I will wait for word from him in order to cancel on the edition. — To Hoboken (letter): thanks for the pictures, although I have never been a friend of the French and am not one now either, I would be the first to welcome a French musical genius. Of course there is currently nothing visible, the art of music is being buried. — To Weisse (letter, eight pages in length!): I go through point by point; I am not sensitive and also only set the personal errors of my students right when necessary. In writing, I agglomerate the thrust of the arguments and in personal interactions I touch on the material lightly, so as not to appear tyrannical. If emptiness, coldness comes across, it is the necessary consequence of that, and there is no remedy for it because any further emphasis of my position would be interpreted as coercion, proof: the misinterpretation of the reference to the Frankfurter Zeitung as an education to read the Frankfurter Zeitung. In the case of Warburg, I had to defend my patriotism deeply against the unreasonable request: just as one defends one's house and money against all ideas, I likewise defend the depth; but I appreciate every form of patriotism, no matter how uncritical it is, because it is still more uplifting than cosmopolitan patriotism, which is also superfluous as long as all peoples, with the exception of the Germans and the Jews, patriotically keep an eye on themselves anyway. In the case of Neumann, I refer to a contradiction in the interpretation of the letter from her: once he said that the payment was the reason for her cancelling, and in the other case he confirmed that he had known about her taking lessons with Smeterlink for a long time already. In the case of Schaab, I describe my complete lack of sensitivity with regard to indiscretion. For example, she would like to learn theory with {2748} me, – she has no sense of national sentiment, etc. – With regard to Breisach and Hupka, I likewise maintain an unconcerned stance with regard to their errors and incompetency. – The excursion to Italy cannot be likened to Dahms's stay and the stay of the wives of Vrieslander and Oppel. Above all, he failed to send me as much as one greeting from Italy – if I had done something like that – and if it were the same, it should be flattering for him that I judge his excusion differently. If the same had happened to him as I have had happen through him lately, – what would he have done? But I prefer to hold onto imperturbability. — Two hours lost to the radio in the evening. — Home the entire day.

© Translation Scott Witmer.