1. Juli 1925 Schön, warm.

— Erlegen 5000 Kronen für Meinl, Telegramm an Brünauer, von Lie-Liechen verfaßt: „Die Kinder schreien“ (8600 Kronen). — Auf der Straße, dann auf der Bank vorm Haus lesend in den neuen Zeitungen; nach Tisch erster schwarzer Café im Zimmer! — Nach der Jause auf dem Wirlweg, in schöner Sonne lesend. — Lie-Liechen liest „Tristan“; 1 das gibt mir Gelegenheit zu einer Aussprache über das Werk u. den Autor. Ich finde ihn in der Art etwa wie Reger, unsicher des Blickpunkts, von dem aus das Ganze zu sehen wäre, ein Komponieren gleichsam nach Takten u. nach verschiedenen Stimmführungen auf einmal. Nicht Humor, sondern eine unreife Ironie läßt ihn nicht zur Entscheidung kommen, ob er seine Gestalten ernst zu nehmen {2836} hat. Wenn er nun schon einmal mit Ironie sich in Werk hineinmengt, dann bleibt es unbegreiflich, weshalb er nicht in der Art wirklicher Künstler der Komposition, z. B. Keller, ein Wort über die Vergangenheit seiner Gestalten verliert u. versäumt, sie derart zu umreißen, daß sie sowohl zum einmaligen Individuum wie zugleich zum Typus tauglich sind. Es ist ein Widerspruch, wenn er sich über den Dichterling Spinell so ironisch ausläßt, ihn gleichwohl zu einem Anwalt des Schöngeistigen gegenüber dem spießerhaften Kaufmann hinstellt. Warum aus Lemberg? Will er damit nicht das Allerärgste von Spinell ausgesagt haben? Und doch legt er ihm Worte in den Mund, wie sie nur Thomas Mann aus Lübeck sprechen? Will er sich durch Spinell vertreten wissen oder nicht. Der Grundgedanke der Komposition beruht auf der Vertretung, die ironische Durchführung schließt eine solche aus, also was? Alle Vergeudung an äußeren Schildereien sind eine Verlegenheit des Verfassers; er würde besser getan haben, statt dessen ein paar aufklärende Worte im eigenen Namen oder durch anderer Personen Mund auszusprechen. Und die Gabriele? ist sie die dumme Gans, die den ersten besten Kaufmann heiratet u. in der Ehe sich glücklich auslebt, in diesem Sinne ein Gegenstück zum Aestheten Spinell, oder ist sie die Schöngeistige, die mit ihrem Vortrag der Chopin-Nocturnos u. des Wagnerischen Tristan sich u. dem Dichterling Spinell eine geweihte Stunde bereitet? Ist ihr Vortrag wirklich so hoch geartet, daß der Dichter Thomas Mann die Gelegenheit ergreifen darf, vor dem Leser den dichterischen Parallelismus zu Wagners Musik auszubreiten? Wäre dies der Fall, so könnte es unmöglich sein, daß sie zugleich die dumme Gans ist, die spießerhafte Person, als die sie ihren Gatten genommen u. betrachtet hat! Kurz, von welcher Seite das Werk betrachtet wird: ein wirres Durcheinander von Standpunkten, das unmöglich macht, die Ge- {2837} stalten zu erfassen. Daß sie Thomas Mann hinstellen konnte, so hinstellen konnte, zeigt eben auch seine innere Verworrenheit. Die Unklarheit in ihm schafft Unklarheit auch in seinen Gestalten. Demgegenüber verliert die offenbare Sucht, das Werk durch eine ironische Weltbetrachtung im Werte zu steigern, erst recht an Wert. Nun wird mir klar, weshalb ich mir schon seinerzeit bei dem mir sympathischsten Werk „Betrachtungen eines Unpolitischen“ 2 so zu Mute war, daß ich Lie-Liechen gegenüber oft Einwände äußerte ,: das Buch welle u. fließe nur so daher, ohne richtige Gliederung u. enthalte etwas, was ich „französisch“ nennen möchte.

© Transcription Marko Deisinger.

July 1, 1925 Nice, warm.

— We pay 5,000 Kronen for Meinl, telegram to Brünauer, written by Lie-Liechen: "The children are screaming" (8,600 Kronen). — On the street, then reading the latest newspapers on the bench in front of the house; after lunch, first black coffee in the room! — After teatime on the Wirlweg, reading in the nice sunshine. — Lie-Liechen reads Tristan; 1 that gives me the opportunity to make a statement about the work and the author. I find him to be like Reger, unsure of the vantage point, from which the entirety is to be seen, composing by measure and by various part-writings at the same time. It is not humor, but rather an unripe irony that prevents him from reaching a decision whether he should take his characters seriously. {2836} If he has already meshed himself into the work with irony once, then it remains incomprehensible why he does not say a word about his characters' history, in the manner of other real artists of composition do, e.g., Keller, and fails to describe them sufficiently enough that they are suitable both as unique individuals and as types. It is a contradiction when he so ironically lets loose on the poetaster Spinell, while positing him as an advocate of the aesthetic realm vis-à-vis the philistine merchant. Why from Lemberg? Does he not want to have thus expressed the very worst about Spinell? And yet he puts words in his mouth that only Thomas Mann from Lübeck speaks? Does he want Spinell to represent him or not. The basic concept of composition is based on representation; ironic execution precludes such representation, so what? The waste of outward descriptions is the shortcoming of the author; instead of that, it would have been better if he had had a few words of explanation spoken in his own voice or through another person. And Gabriele? is she the silly goose who marries the first merchant to come along and blossoms in the marriage, in this regard a contrast to the aesthetic Spinell, or is she the aesthetic who conjures up sacred moments for herself and the poetaster Spinell through her performance of Chopin's nocturnes and Wagner's Tristan? Is her performance really so elevated that the poet Thomas Mann can seize the opportunity to lay out the poetic parallels to Wagner's music for the reader? If this were the case, she could not possibly at the same time be the silly goose, the philistine person that her husband considers her to be when he takes her! In short, no matter from what angle the work is considered: a confused mess of perspectives which make it impossible to {2837} grasp the characters. The fact that Thomas Mann was able to position them, position them as such also shows his inner confusion. His lack of inner clarity creates a lack of clarity in his characters as well. In contrast, the apparent attempt to elevate the value of the work through an ironic world view causes a loss of value all the more in the process. Now it is clear to me why I was inclined even back then to express frequent objections to Lie-Liechen about the work that appealed to me the most, Reflections of an Unpolitical Man, 2 saying,: the book just swells and flows along without any real form and contains something I would like to call "French."

© Translation Scott Witmer.

1. Juli 1925 Schön, warm.

— Erlegen 5000 Kronen für Meinl, Telegramm an Brünauer, von Lie-Liechen verfaßt: „Die Kinder schreien“ (8600 Kronen). — Auf der Straße, dann auf der Bank vorm Haus lesend in den neuen Zeitungen; nach Tisch erster schwarzer Café im Zimmer! — Nach der Jause auf dem Wirlweg, in schöner Sonne lesend. — Lie-Liechen liest „Tristan“; 1 das gibt mir Gelegenheit zu einer Aussprache über das Werk u. den Autor. Ich finde ihn in der Art etwa wie Reger, unsicher des Blickpunkts, von dem aus das Ganze zu sehen wäre, ein Komponieren gleichsam nach Takten u. nach verschiedenen Stimmführungen auf einmal. Nicht Humor, sondern eine unreife Ironie läßt ihn nicht zur Entscheidung kommen, ob er seine Gestalten ernst zu nehmen {2836} hat. Wenn er nun schon einmal mit Ironie sich in Werk hineinmengt, dann bleibt es unbegreiflich, weshalb er nicht in der Art wirklicher Künstler der Komposition, z. B. Keller, ein Wort über die Vergangenheit seiner Gestalten verliert u. versäumt, sie derart zu umreißen, daß sie sowohl zum einmaligen Individuum wie zugleich zum Typus tauglich sind. Es ist ein Widerspruch, wenn er sich über den Dichterling Spinell so ironisch ausläßt, ihn gleichwohl zu einem Anwalt des Schöngeistigen gegenüber dem spießerhaften Kaufmann hinstellt. Warum aus Lemberg? Will er damit nicht das Allerärgste von Spinell ausgesagt haben? Und doch legt er ihm Worte in den Mund, wie sie nur Thomas Mann aus Lübeck sprechen? Will er sich durch Spinell vertreten wissen oder nicht. Der Grundgedanke der Komposition beruht auf der Vertretung, die ironische Durchführung schließt eine solche aus, also was? Alle Vergeudung an äußeren Schildereien sind eine Verlegenheit des Verfassers; er würde besser getan haben, statt dessen ein paar aufklärende Worte im eigenen Namen oder durch anderer Personen Mund auszusprechen. Und die Gabriele? ist sie die dumme Gans, die den ersten besten Kaufmann heiratet u. in der Ehe sich glücklich auslebt, in diesem Sinne ein Gegenstück zum Aestheten Spinell, oder ist sie die Schöngeistige, die mit ihrem Vortrag der Chopin-Nocturnos u. des Wagnerischen Tristan sich u. dem Dichterling Spinell eine geweihte Stunde bereitet? Ist ihr Vortrag wirklich so hoch geartet, daß der Dichter Thomas Mann die Gelegenheit ergreifen darf, vor dem Leser den dichterischen Parallelismus zu Wagners Musik auszubreiten? Wäre dies der Fall, so könnte es unmöglich sein, daß sie zugleich die dumme Gans ist, die spießerhafte Person, als die sie ihren Gatten genommen u. betrachtet hat! Kurz, von welcher Seite das Werk betrachtet wird: ein wirres Durcheinander von Standpunkten, das unmöglich macht, die Ge- {2837} stalten zu erfassen. Daß sie Thomas Mann hinstellen konnte, so hinstellen konnte, zeigt eben auch seine innere Verworrenheit. Die Unklarheit in ihm schafft Unklarheit auch in seinen Gestalten. Demgegenüber verliert die offenbare Sucht, das Werk durch eine ironische Weltbetrachtung im Werte zu steigern, erst recht an Wert. Nun wird mir klar, weshalb ich mir schon seinerzeit bei dem mir sympathischsten Werk „Betrachtungen eines Unpolitischen“ 2 so zu Mute war, daß ich Lie-Liechen gegenüber oft Einwände äußerte ,: das Buch welle u. fließe nur so daher, ohne richtige Gliederung u. enthalte etwas, was ich „französisch“ nennen möchte.

© Transcription Marko Deisinger.

July 1, 1925 Nice, warm.

— We pay 5,000 Kronen for Meinl, telegram to Brünauer, written by Lie-Liechen: "The children are screaming" (8,600 Kronen). — On the street, then reading the latest newspapers on the bench in front of the house; after lunch, first black coffee in the room! — After teatime on the Wirlweg, reading in the nice sunshine. — Lie-Liechen reads Tristan; 1 that gives me the opportunity to make a statement about the work and the author. I find him to be like Reger, unsure of the vantage point, from which the entirety is to be seen, composing by measure and by various part-writings at the same time. It is not humor, but rather an unripe irony that prevents him from reaching a decision whether he should take his characters seriously. {2836} If he has already meshed himself into the work with irony once, then it remains incomprehensible why he does not say a word about his characters' history, in the manner of other real artists of composition do, e.g., Keller, and fails to describe them sufficiently enough that they are suitable both as unique individuals and as types. It is a contradiction when he so ironically lets loose on the poetaster Spinell, while positing him as an advocate of the aesthetic realm vis-à-vis the philistine merchant. Why from Lemberg? Does he not want to have thus expressed the very worst about Spinell? And yet he puts words in his mouth that only Thomas Mann from Lübeck speaks? Does he want Spinell to represent him or not. The basic concept of composition is based on representation; ironic execution precludes such representation, so what? The waste of outward descriptions is the shortcoming of the author; instead of that, it would have been better if he had had a few words of explanation spoken in his own voice or through another person. And Gabriele? is she the silly goose who marries the first merchant to come along and blossoms in the marriage, in this regard a contrast to the aesthetic Spinell, or is she the aesthetic who conjures up sacred moments for herself and the poetaster Spinell through her performance of Chopin's nocturnes and Wagner's Tristan? Is her performance really so elevated that the poet Thomas Mann can seize the opportunity to lay out the poetic parallels to Wagner's music for the reader? If this were the case, she could not possibly at the same time be the silly goose, the philistine person that her husband considers her to be when he takes her! In short, no matter from what angle the work is considered: a confused mess of perspectives which make it impossible to {2837} grasp the characters. The fact that Thomas Mann was able to position them, position them as such also shows his inner confusion. His lack of inner clarity creates a lack of clarity in his characters as well. In contrast, the apparent attempt to elevate the value of the work through an ironic world view causes a loss of value all the more in the process. Now it is clear to me why I was inclined even back then to express frequent objections to Lie-Liechen about the work that appealed to me the most, Reflections of an Unpolitical Man, 2 saying,: the book just swells and flows along without any real form and contains something I would like to call "French."

© Translation Scott Witmer.

Footnotes

1 Thomas Mann, novella Tristan (1902).

2 Thomas Mann wrote Betrachtungen eines Unpolitischen (Reflections of an Unpolitical Man) between 1915 and 1918. He initially favored the First World War. The book served to justify his political stance. However, shortly after the work was published, Mann distanced himself more and more pronouncedly from this early phase in his thinking.