25. Angenehm bedeckt.

— Um ¼10 (–½1h) aufs Zeinisjoch bis zum Grenzzeichen; das Wetter sommerlich schön u. doch bekömmlich. Lie-Liechen pflückt Astern, alten Mann, auch einigen Enzian. Unterwegs untersucht Lie-Liechen den Zusammenhang der Wurzel von: voll, Fülle, viel, Wellen – das onomatopoetische Merkmal scheinen die beiden ll zu sein, die das Fließende malen – oder Stelle, Stall, status [sic] , stehen, stoy (?) usw. Wegen des Plurals mehre statt mehrere, wie ihn Jean Paul u. a. benutzen, komme ich auf meine in diesen Blättern schon vorgebrachte Erklärung zurück: der Gebrauch müsse sich nach Bedarf des Satzes richten, sozusagen nach dem metrischen Bedarf der Prosa, denn auch in der Prosa meidet die Zunge ein Stolpern u. schweres Schreiten in Spondäen. Man denke sich nur eine Folge von 3 Spondäen u. man ermißt, wie beschwerlich der Zunge das Durchschreiten solcher sechs schwerer Silben fiele. Freilich, wenn dem Sinne nach eine solche Schwere geboten ist, dann sind auch die Spondäen das richtige Mittel. Am ehesten eignet sich die Fassung mehre für die Poesie, wo es auf die Zahl der Silben ankommt. Ich erinnere Lie-Liechen an ein Merkmal, das auch J. Paul unbekannt war, nämlich: an die Genitiv-Endung s {3232} bei Hauptwörtern weiblichen Geschlechtes, das Hinüberschleifen von Silbe zu Silbe sei ein musikalisches Bedürfnis! 1

Wir unterhalten uns zuletzt über eine Arbeit von Döblin in der Frank. Ztg., in der er Eltern u. Lehrer bloßstellt u. daraus Kapital als originellenr Schriftsteller schlagen will! Ein solcher Verrat an Eltern u. Lehrern enthüllt das Laster der Gegenwart: es ist ein hysteron proteron abscheulichster Art, wenn man, als 40–50 jähriger Mann auf die Jugend zurückblickend, den Eltern u. Lehrern zum Vorwurf macht, daß sie sein späteres Sein nicht vorausgeahnt u. sich darnach betragen haben. Ich denke aber, der Mensch hat alle Ursache, Eltern u. Lehrern dafür zu danken, daß sie Geduld mit ihm haben während der ersten Kindheit u. der Schulzeit bis ans Ende der Gymnasial-Epoche. Auch wenn es nur gilt, diese Zeit totzuschlagen, da wir doch in diesem Alter zu gar nichts reif sind, so genügt das allein, um Eltern u. Lehrern Dank zu wissen. Es ist, moralisch betrachtet, ein Bubenstück des Schriftstellers, aus dem nie ein Stück Literatur werden kann; es ist nur eine Selbstbesudelung u. als Besudelung der Eltern u. Lehrer eine Lüge. Sie frommt niemand, nicht dem Verfasser, nicht Vätern, Müttern, Lehrern, sie bleibt nur ein Stück Häßlichkeit. 2

— An Hans Guttmann (Br.): willkommen mit dem Kollegen. — An Oppel (Ansichtsk.): willkommen. — An Fl. (Ansichtsk.= OJ 8/4, [56]): wie es ihm gehe. — An Vally (Ansichtsk. Lie-Liechen): aus Anlaß des Besuches auf dem Zeinisjoch eine Erinnerung an den Strauß, den Vally s. Z. mitgebracht; bei dieser Gelegenheit Wünsche u. Grüße. — An Konegen (K.): bestelle ein Bändchen Balzac u. Vossler: Sprachphilosophie. 3 — An Vrieslander (Ansichtsk.): der Freie Satz könnte, wenn keine Störung kommt, binnen einem Jahre in die Druckerei wandern. — Nach dem Abendessen kleiner Spaziergang, Zusammentreffen mit Dr. Schreiber. — Schlechte Nacht. {3233}

© Transcription Marko Deisinger.

25, agreeably cloudy.

— From 9:15 (to 12:30) to the Zeinisjoch, as far as the boundary marker; fine, summery weather, and yet comfortable. Lie-Liechen picks asters, old man's beard, also a few gentians. Along the way, Lie-Liechen investigates the connection between the roots of the words: "voll," "Fülle," "viel," "Wellen" – then onomatopoeic marker appears to be the double-l, which depicts the flowing – or "Stelle," "Stall," "status," "stehen," "stoy" (?), etc. Regarding the plural "mehre" instead of "mehrere," as Jean Paul and others use it, I return to the explanation I had already provided in these pages: the usage should be determined by the needs of the sentence, so to speak by the metrical needs of the prose, since even in prose the tongue should avoid stumbling, or moving sluggishly in spondees. One only has to think of a succession of three spondees and one can measure how arduous for the tongue the succession of six such syllables would be. Of course, if such difficulty is required for the sense, then the spondees are the proper means [of expression]. The version "mehre" is most suitable for poetry, in which the number of syllables is critical. I remind Lie-Liechen of a feature that was unknown even to Jean Paul, namely: in the genitive ending "s" {3232} in feminine nouns, the sliding-over from one syllable to the next is a musical necessity! 1

Finally, we talk about a piece by Döblin in the Frankfurter Zeitung , in which he denounces parents and teachers and uses this to make capital as an original writer! Such a betrayal of parents and teachers unmasks the viciousness of the present time; it is a hysteron proteron of the most abominable sort if, looking back at one's youth, a man of 40 to 50 years of age can criticize his parents and teachers for not having anticipated how he would turn out and acted accordingly. I rather think that a person has every reason to be grateful to his parents and teachers for showing patience with him during early childhood and the period of schooling, right up to the end of their studies in high school. Even if the point is to banish this period from memory, as we are not mature for anything at this age, it is still necessary just to be grateful to parents and teachers. Morally considered, it is a knavish trick on the part of the writer, from which a piece of literature will never emerge; it is merely a self-defilement and, as a defilement of the parents and teachers, a lie. It is of use to no one, not to the author, not to fathers, mothers, teachers; it remains only a piece of ugliness. 2

— To Hans Guttmann (letter): he is welcome, with his colleague. — To Oppel (picture postcard): welcome. — To Floriz (picture postcard= OJ 8/4, [56]): how is he? — To Vally (picture postcard from Lie-Liechen): on the occasion of a visit to the Zeinisjoch, a recollection of the bouquet that Vally had brought at that time; on this occasion, greetings and best wishes. — To Konegen (postcard): I order a small volume of Balzac and Vossler's philosophy of language. 3 — To Vrieslander (picture postcard): Der freie Satz could go to the printers within a year, if there are no disruptions. — After dinner, a short walk; meeting with Dr. Schreiber. — A bad night. {3233}

© Translation William Drabkin.

25. Angenehm bedeckt.

— Um ¼10 (–½1h) aufs Zeinisjoch bis zum Grenzzeichen; das Wetter sommerlich schön u. doch bekömmlich. Lie-Liechen pflückt Astern, alten Mann, auch einigen Enzian. Unterwegs untersucht Lie-Liechen den Zusammenhang der Wurzel von: voll, Fülle, viel, Wellen – das onomatopoetische Merkmal scheinen die beiden ll zu sein, die das Fließende malen – oder Stelle, Stall, status [sic] , stehen, stoy (?) usw. Wegen des Plurals mehre statt mehrere, wie ihn Jean Paul u. a. benutzen, komme ich auf meine in diesen Blättern schon vorgebrachte Erklärung zurück: der Gebrauch müsse sich nach Bedarf des Satzes richten, sozusagen nach dem metrischen Bedarf der Prosa, denn auch in der Prosa meidet die Zunge ein Stolpern u. schweres Schreiten in Spondäen. Man denke sich nur eine Folge von 3 Spondäen u. man ermißt, wie beschwerlich der Zunge das Durchschreiten solcher sechs schwerer Silben fiele. Freilich, wenn dem Sinne nach eine solche Schwere geboten ist, dann sind auch die Spondäen das richtige Mittel. Am ehesten eignet sich die Fassung mehre für die Poesie, wo es auf die Zahl der Silben ankommt. Ich erinnere Lie-Liechen an ein Merkmal, das auch J. Paul unbekannt war, nämlich: an die Genitiv-Endung s {3232} bei Hauptwörtern weiblichen Geschlechtes, das Hinüberschleifen von Silbe zu Silbe sei ein musikalisches Bedürfnis! 1

Wir unterhalten uns zuletzt über eine Arbeit von Döblin in der Frank. Ztg., in der er Eltern u. Lehrer bloßstellt u. daraus Kapital als originellenr Schriftsteller schlagen will! Ein solcher Verrat an Eltern u. Lehrern enthüllt das Laster der Gegenwart: es ist ein hysteron proteron abscheulichster Art, wenn man, als 40–50 jähriger Mann auf die Jugend zurückblickend, den Eltern u. Lehrern zum Vorwurf macht, daß sie sein späteres Sein nicht vorausgeahnt u. sich darnach betragen haben. Ich denke aber, der Mensch hat alle Ursache, Eltern u. Lehrern dafür zu danken, daß sie Geduld mit ihm haben während der ersten Kindheit u. der Schulzeit bis ans Ende der Gymnasial-Epoche. Auch wenn es nur gilt, diese Zeit totzuschlagen, da wir doch in diesem Alter zu gar nichts reif sind, so genügt das allein, um Eltern u. Lehrern Dank zu wissen. Es ist, moralisch betrachtet, ein Bubenstück des Schriftstellers, aus dem nie ein Stück Literatur werden kann; es ist nur eine Selbstbesudelung u. als Besudelung der Eltern u. Lehrer eine Lüge. Sie frommt niemand, nicht dem Verfasser, nicht Vätern, Müttern, Lehrern, sie bleibt nur ein Stück Häßlichkeit. 2

— An Hans Guttmann (Br.): willkommen mit dem Kollegen. — An Oppel (Ansichtsk.): willkommen. — An Fl. (Ansichtsk.= OJ 8/4, [56]): wie es ihm gehe. — An Vally (Ansichtsk. Lie-Liechen): aus Anlaß des Besuches auf dem Zeinisjoch eine Erinnerung an den Strauß, den Vally s. Z. mitgebracht; bei dieser Gelegenheit Wünsche u. Grüße. — An Konegen (K.): bestelle ein Bändchen Balzac u. Vossler: Sprachphilosophie. 3 — An Vrieslander (Ansichtsk.): der Freie Satz könnte, wenn keine Störung kommt, binnen einem Jahre in die Druckerei wandern. — Nach dem Abendessen kleiner Spaziergang, Zusammentreffen mit Dr. Schreiber. — Schlechte Nacht. {3233}

© Transcription Marko Deisinger.

25, agreeably cloudy.

— From 9:15 (to 12:30) to the Zeinisjoch, as far as the boundary marker; fine, summery weather, and yet comfortable. Lie-Liechen picks asters, old man's beard, also a few gentians. Along the way, Lie-Liechen investigates the connection between the roots of the words: "voll," "Fülle," "viel," "Wellen" – then onomatopoeic marker appears to be the double-l, which depicts the flowing – or "Stelle," "Stall," "status," "stehen," "stoy" (?), etc. Regarding the plural "mehre" instead of "mehrere," as Jean Paul and others use it, I return to the explanation I had already provided in these pages: the usage should be determined by the needs of the sentence, so to speak by the metrical needs of the prose, since even in prose the tongue should avoid stumbling, or moving sluggishly in spondees. One only has to think of a succession of three spondees and one can measure how arduous for the tongue the succession of six such syllables would be. Of course, if such difficulty is required for the sense, then the spondees are the proper means [of expression]. The version "mehre" is most suitable for poetry, in which the number of syllables is critical. I remind Lie-Liechen of a feature that was unknown even to Jean Paul, namely: in the genitive ending "s" {3232} in feminine nouns, the sliding-over from one syllable to the next is a musical necessity! 1

Finally, we talk about a piece by Döblin in the Frankfurter Zeitung , in which he denounces parents and teachers and uses this to make capital as an original writer! Such a betrayal of parents and teachers unmasks the viciousness of the present time; it is a hysteron proteron of the most abominable sort if, looking back at one's youth, a man of 40 to 50 years of age can criticize his parents and teachers for not having anticipated how he would turn out and acted accordingly. I rather think that a person has every reason to be grateful to his parents and teachers for showing patience with him during early childhood and the period of schooling, right up to the end of their studies in high school. Even if the point is to banish this period from memory, as we are not mature for anything at this age, it is still necessary just to be grateful to parents and teachers. Morally considered, it is a knavish trick on the part of the writer, from which a piece of literature will never emerge; it is merely a self-defilement and, as a defilement of the parents and teachers, a lie. It is of use to no one, not to the author, not to fathers, mothers, teachers; it remains only a piece of ugliness. 2

— To Hans Guttmann (letter): he is welcome, with his colleague. — To Oppel (picture postcard): welcome. — To Floriz (picture postcard= OJ 8/4, [56]): how is he? — To Vally (picture postcard from Lie-Liechen): on the occasion of a visit to the Zeinisjoch, a recollection of the bouquet that Vally had brought at that time; on this occasion, greetings and best wishes. — To Konegen (postcard): I order a small volume of Balzac and Vossler's philosophy of language. 3 — To Vrieslander (picture postcard): Der freie Satz could go to the printers within a year, if there are no disruptions. — After dinner, a short walk; meeting with Dr. Schreiber. — A bad night. {3233}

© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 No paragraph-break in source.

2 No paragraph-break in source.

3 Probably the Gesammelte Aufsätze zur Sprachphilosophie (Munich, Hueber, 1923).