29. Januar 1930 Bedeckt, 4°.

— Uebergebe Lie-Liechen die letzten Blätter zur Eroica. — 11–¾12h Belvedere-Schleife. — Jetty mit dem General von 5–10h!!, also habe ich mich doch verrechnet! Sie schauten uns auch beim Abendessen zu, um noch zu plaudern! — 1

Hier seien Erinnerungen eingeschaltet, die mich in schönster Weise Dankbarkeit gelehrt haben, denn im Gegensatz zu anderen Menschen, die nach Art der Märchenhelden ausziehn [sic] um das Gruseln zu lernen, in das Leben förmlich ausziehen um nicht dankbar zu sein, liebe ich die Dankbarkeit über alles, sie ist mir so viel wie die Liebe! Meine Mutter bettete mich eines Morgens in ihr Bett u. verhüllte mein Gesicht mit einem Schleier, um mich vor den Fliegen zu schützen; . Still lag ich kleines Kle Kindchen unter dem Schleier, – da kam die Mutter, zog den Schleier weg um zu sehen, ob ich schlafe. Bei dieser Gelegenheit schenkte sie mir einen Blick, der mich ins Innerste des kleinen Herzchens traf!! Wo ist die Dankbarkeit, die groß genug wäre, solche Ueberflutung mit Liebe auszugleichen? Ihre Liebe zu mir begleitete sie durchs ganze Leben, mag sie aus Mangel an Verständnis u. Einfühlung in meinen Beruf oft auch die schwersten Verstöße begangen haben. Der Kinder liebstes war sicherlich ich! – 2

Noch jünger war ich, als mich ein Erlebnis mit dem Vater – noch in Wisniowczyki – aufs praktischste in die Moral eingeführt hat. Er verdächtigte mich, daß ich medizinische Blätter aus dem Hause trage u. im Spiel den Nachbarkindern schenke. Nach einiger Zeit war das gesuchte Blatt wieder zum Vorschein gekommen, u. da hat sich der Vater die Mühe genommen, zu mir, der ich schon alles vergessen hatte, zu kommen u. mich für seine ungerechten Vorwürfe förmlichst um Entschuldigung zu bitten! – 3

In Lemberg erfuhr ich viel Liebes von {3436} Wilhelm um die Zeit, da ich Tag u. Nacht an Durchfällen litt; oft wachte er mit mir die Nacht durch u. stand mir bei, wenn ich ermattet u. ganz hilflos dalag. Schade, daß er sich seiner Güte gar nicht mehr entsinnt. Aber freilich, er erinnert sich auch nicht jenes Abends, als wir die Eltern, die den ältesten Sohn begraben hatten, endlich verließen u. in unser Studentenquartier heimkehrten. Ich, um 4 Jahre jünger als Wilhelm, habe ihm unterwegs das Händchen gereicht, um mich nach dem Verlust des ältesten Bruders an den neben mir gehenden Bruder innigst anzuschließen. Mir kam es aus dem Herzen, aus dem Willen zur Liebe – aber auch dieses Momentes erinnert sich der Bruder gar nicht! – 4

Als ich in den ersten Wiener Jahren Not litt, hat Schwester Sophie, ohne von mir darum gebeten worden zu sein, nach den gewiß bescheidenen Möglichkeiten ein paar Groschen gespart u. mir nach Wien geschickt! In ähnlicher Weise hat sie sich ihr Leben lang mir gegenüber bewährt. – Von Frau Grädener erhielt ich Hilfe in verschiedener Form – vielleicht hat es die Welt ihr zu danken, daß ich in die Lage gekommen bin, ein solches Geschenk an die musikalische Welt zu machen. — Von Halberstam (K.): sagt für den 5. II. zu.

© Transcription Marko Deisinger.

January 29, 1930, cloudy, 4°.

— I give Lie-Liechen the final pages for the "Eroica" . — 11 to 11:45, stroll to the Belvedere. — Jetty with the General from 5 to 10 o'clock!!, thus I have indeed miscalculated! They stayed while we were having supper, in order to gossip further! — 1

Let me insert here some memories that have taught me gratitude in the most beautiful way; for, in contrast with other people who verily make their own way in life so as not to be grateful, like heroic characters in fairy-tales who leave home in order to learn fear, I love gratitude above everything; it means as much to me as love! My mother laid me in her bed one morning, and covered my face with a veil, in order to protect me from the flies. A small child, I lay there peacefully, underneath the veil – then my mother came, took away the veil to see if I was sleeping. On this occasion she gave me a look which struck the innermost part of my little heart!! Where is the gratitude that would be great enough to measure up to such an overflowing of love? Her love for me accompanied her throughout her life even though, from a lack of understanding and empathy for my profession, she may have often committed the most serious offenses. Of her children, I was surely the favorite! – 2

I was even younger when an experience with my father – when we still lived in Wisniowczyk – introduced me to moral behavior in the most practical way. He suspected me of taking some medical papers out of the house and giving them to the neighborhood children while at play. After some time, the paper he was looking for resurfaced; and my father then took the trouble to come to me, though I had already forgotten everything, and most formally to ask for my forgiveness for his unjustified suspicions! – 3

In Lemberg I experienced much loving kindness from {3436} Wilhelm around the time when I suffered from diaorrhea day and night; often he would get up with me all through the night and assisted me when I lay there exhausted and utterly helpless. A pity that he no longer remembers anything of his kindness. But of course he also does not remember that evening when we finally left our parents, who had buried their eldest son and returned home to our student accommodation. I, four years younger than Wilhelm, extended my little hand to him, in order to bond most intimately with the brother who was walking beside me, after we had lost our eldest brother. It came to me from my heart, from the will to love – but even of this moment, too, my brother has no recollection whatever! – 4

When, during my first years in Vienna, I suffered hardship, my sister Sophie, without having been asked about it by me, saved a few groschen from her means, which were certainly modest, and sent them to Vienna for me! In a similar way, she stood the test her whole life long with respect to me. – From Mrs. Grädener I received help in various form – perhaps the world has her to thank that I was enabled to make such a gift to the musical world. — From Halberstam (postcard): he accepts for February 5. >

© Translation William Drabkin.

29. Januar 1930 Bedeckt, 4°.

— Uebergebe Lie-Liechen die letzten Blätter zur Eroica. — 11–¾12h Belvedere-Schleife. — Jetty mit dem General von 5–10h!!, also habe ich mich doch verrechnet! Sie schauten uns auch beim Abendessen zu, um noch zu plaudern! — 1

Hier seien Erinnerungen eingeschaltet, die mich in schönster Weise Dankbarkeit gelehrt haben, denn im Gegensatz zu anderen Menschen, die nach Art der Märchenhelden ausziehn [sic] um das Gruseln zu lernen, in das Leben förmlich ausziehen um nicht dankbar zu sein, liebe ich die Dankbarkeit über alles, sie ist mir so viel wie die Liebe! Meine Mutter bettete mich eines Morgens in ihr Bett u. verhüllte mein Gesicht mit einem Schleier, um mich vor den Fliegen zu schützen; . Still lag ich kleines Kle Kindchen unter dem Schleier, – da kam die Mutter, zog den Schleier weg um zu sehen, ob ich schlafe. Bei dieser Gelegenheit schenkte sie mir einen Blick, der mich ins Innerste des kleinen Herzchens traf!! Wo ist die Dankbarkeit, die groß genug wäre, solche Ueberflutung mit Liebe auszugleichen? Ihre Liebe zu mir begleitete sie durchs ganze Leben, mag sie aus Mangel an Verständnis u. Einfühlung in meinen Beruf oft auch die schwersten Verstöße begangen haben. Der Kinder liebstes war sicherlich ich! – 2

Noch jünger war ich, als mich ein Erlebnis mit dem Vater – noch in Wisniowczyki – aufs praktischste in die Moral eingeführt hat. Er verdächtigte mich, daß ich medizinische Blätter aus dem Hause trage u. im Spiel den Nachbarkindern schenke. Nach einiger Zeit war das gesuchte Blatt wieder zum Vorschein gekommen, u. da hat sich der Vater die Mühe genommen, zu mir, der ich schon alles vergessen hatte, zu kommen u. mich für seine ungerechten Vorwürfe förmlichst um Entschuldigung zu bitten! – 3

In Lemberg erfuhr ich viel Liebes von {3436} Wilhelm um die Zeit, da ich Tag u. Nacht an Durchfällen litt; oft wachte er mit mir die Nacht durch u. stand mir bei, wenn ich ermattet u. ganz hilflos dalag. Schade, daß er sich seiner Güte gar nicht mehr entsinnt. Aber freilich, er erinnert sich auch nicht jenes Abends, als wir die Eltern, die den ältesten Sohn begraben hatten, endlich verließen u. in unser Studentenquartier heimkehrten. Ich, um 4 Jahre jünger als Wilhelm, habe ihm unterwegs das Händchen gereicht, um mich nach dem Verlust des ältesten Bruders an den neben mir gehenden Bruder innigst anzuschließen. Mir kam es aus dem Herzen, aus dem Willen zur Liebe – aber auch dieses Momentes erinnert sich der Bruder gar nicht! – 4

Als ich in den ersten Wiener Jahren Not litt, hat Schwester Sophie, ohne von mir darum gebeten worden zu sein, nach den gewiß bescheidenen Möglichkeiten ein paar Groschen gespart u. mir nach Wien geschickt! In ähnlicher Weise hat sie sich ihr Leben lang mir gegenüber bewährt. – Von Frau Grädener erhielt ich Hilfe in verschiedener Form – vielleicht hat es die Welt ihr zu danken, daß ich in die Lage gekommen bin, ein solches Geschenk an die musikalische Welt zu machen. — Von Halberstam (K.): sagt für den 5. II. zu.

© Transcription Marko Deisinger.

January 29, 1930, cloudy, 4°.

— I give Lie-Liechen the final pages for the "Eroica" . — 11 to 11:45, stroll to the Belvedere. — Jetty with the General from 5 to 10 o'clock!!, thus I have indeed miscalculated! They stayed while we were having supper, in order to gossip further! — 1

Let me insert here some memories that have taught me gratitude in the most beautiful way; for, in contrast with other people who verily make their own way in life so as not to be grateful, like heroic characters in fairy-tales who leave home in order to learn fear, I love gratitude above everything; it means as much to me as love! My mother laid me in her bed one morning, and covered my face with a veil, in order to protect me from the flies. A small child, I lay there peacefully, underneath the veil – then my mother came, took away the veil to see if I was sleeping. On this occasion she gave me a look which struck the innermost part of my little heart!! Where is the gratitude that would be great enough to measure up to such an overflowing of love? Her love for me accompanied her throughout her life even though, from a lack of understanding and empathy for my profession, she may have often committed the most serious offenses. Of her children, I was surely the favorite! – 2

I was even younger when an experience with my father – when we still lived in Wisniowczyk – introduced me to moral behavior in the most practical way. He suspected me of taking some medical papers out of the house and giving them to the neighborhood children while at play. After some time, the paper he was looking for resurfaced; and my father then took the trouble to come to me, though I had already forgotten everything, and most formally to ask for my forgiveness for his unjustified suspicions! – 3

In Lemberg I experienced much loving kindness from {3436} Wilhelm around the time when I suffered from diaorrhea day and night; often he would get up with me all through the night and assisted me when I lay there exhausted and utterly helpless. A pity that he no longer remembers anything of his kindness. But of course he also does not remember that evening when we finally left our parents, who had buried their eldest son and returned home to our student accommodation. I, four years younger than Wilhelm, extended my little hand to him, in order to bond most intimately with the brother who was walking beside me, after we had lost our eldest brother. It came to me from my heart, from the will to love – but even of this moment, too, my brother has no recollection whatever! – 4

When, during my first years in Vienna, I suffered hardship, my sister Sophie, without having been asked about it by me, saved a few groschen from her means, which were certainly modest, and sent them to Vienna for me! In a similar way, she stood the test her whole life long with respect to me. – From Mrs. Grädener I received help in various form – perhaps the world has her to thank that I was enabled to make such a gift to the musical world. — From Halberstam (postcard): he accepts for February 5. >

© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 No paragraph-break in source.

2 No paragraph-break in source.

3 No paragraph-break in source.

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