S. F. 29. Jänner 40.

Lieber u. verehrtester Freund!

Ich glaube unsere Briefe 1 haben sich exact gekreuzt. Ich glaube Enttäuschung ist unser einziges Nahrungsmittel. Anstatt Hoffnung, die man ohne Unbescheidenheit hegte, stellt sich ein billiger Aberglaube ein, der einem zuflüstert: „wer weiß wozu etwas gut ist“. Und so werden Sie verstehen, nachdem ich absolut glücklich war eine Chance zu finden, die mir ein Leben ermöglicht hätte, ich mit Verlust dieser Chance den einen Grund verstärkt fühle, einem climatischen Experiment entronnen zu sein. 2

Es ist mir keine Schande vom Verdienst meiner Frau leben zu müssen, dafür aber ein besonders großer Schmerz, weil sie nicht jung genug für ihre tapfere Arbeit ist u. weil das auch kein Ding einer Zukunft darstellt. Ich würde selbst bereit sein vom Abortputzen bis zum dishes waschen jede Arbeit anzunehmen, aber dafür finde ich noch weniger Gehör u. nicht die geringste Möglichkeit. 3

In einem Punkt Ihres lieben Briefes bin ich anderer Meinung[.] Ich möchte den angedeuteten Versuch nicht machen. 4 Nicht aus einem unangebrachten falschen Stolz heraus. Ich halte es nur für nutzlos. Denn sehen Sie, ich fühlte mich von der Absage nicht betroffen, aber ich fühlte in ihr ein „insult against you“. Sie werden mir recht geben, wenn Sie den letzten Satz des Briefes 5 noch einmal durchlesen, worin Ihnen der „Dean of the school“ schreibt: „Seien Sie sicher daß jeder den Sie empfehlen werden von uns acceptiert wird.“ Wenn nun gleich beim ersten Versuch {2} es möglich war, daß durch Einfluß von Mr. Galstone recte Galizenstein, Ihr Rat in den Wind geschlagen wird, so heiße ich das Schindluder mit Ihrer Autorität treiben. Bei einem Ihrer Schüler wird denn plötzlich die Nase nicht passen! Wenn Sie die Paragraphen lesen werden, was ich in Klavier hätte unterrichten müssen, so waren es Dinge, die für uns Inbegriff der Kunst sind. Ich kenne Herrn Galston aus Wien, (er war nach Leschetizky bei Busoni sehr attachierter Schüler u. wunderlicher Weise, laut Prospekt, „friend of Busoni [“]) u. kann mir vorstellen daß er bei dem mir vorgeschriebenen Lehrprogramm erst recht Konkurrenz fürchtet.

Ich werde u. will nicht verzweifeln u. hoffe doch noch einen Schleichweg in die Öffentlichkeit zu finden u. hoffentlich weiter Ihre sorgende Güte erwarten zu dürfen? Wenn ich nur Kammermusik spielen könnte! Ich glaube ich mache das in einer Art, die für mich erfolgreich sein könnte.

Ihr liebes, liebes Haus grüße ich innigst u. würde viel Lebenshoffnung gewinnen, könnte ich in einem Gespräch mit Ihnen mich von meiner Faulenzerei erholen.


Getreuest Ihr
dankbarster
[signed:] M Violin

© Transcription Ian Bent, 2020


San Francisco, January 29, 1940

Dear and most revered Friend,

I think our letters 1 have exactly crossed in the post. I believe disappointment is our sole source of nourishment. In place of hope, which one entertained without immodesty, a cheap delusion has taken hold, whispering in one's ear: "Who knows what anything is good for." Thus you will understand, since I was incredibly lucky to find an opportunity that would have enabled me to have a life, with the loss of this opportunity I feel that the sole reason for having escaped a climatic experiment is strengthened. 2

It is no shame for me to have to live off my wife's earnings, but it is especially painful that she is no youngster when it comes to the valiant work she does, and also because it offers nothing for the future. I would be prepared to take over any job, from cleaning toilets to washing dishes, but I find even less calling and not the slightest possibility for that. 3

On one point in your kind letter I take a different view. I would prefer not to make the attempt that you suggest 4 – not out of misplaced false pride [but because] I consider it futile. You see, I myself wasn't dismayed by being turned down, but I felt it was an [in English:] "insult against you." [in German:] You will see I am right if you will read once again the final sentence of the letter, 5 in which the "Dean of the School" writes to you: "Be assured that anyone whom you recommend will be accepted by us." If it was possible at the very first attempt {2} for your advice to be thrown to the winds through the influence of Mr. Galstone (real name "Galizenstein"), then I call that playing fast and loose with your authority. With one of your pupils suddenly his face won't fit!" If you will read the paragraphs stating what I would have had to teach in piano, they were things that for us are the embodiment of the art. I know Mr. Galston from Vienna, (after Leschetizky he was a very devoted pupil of Busoni, and lo and behold! according to the prospectus: "friend of Busoni"), and I can well imagine that with the teaching program I provided he would fear competition all the more.

I will not despair, and will continue to seek entrée into the public domain, and, let us hope, to have to turn to you again for your good offices. If only I could play chamber music! I believe that I do that in a way that could bring success for me.

I send most sincere greetings to your dear, dear family, and would regain much of my zest for life if only I could drag myself out of my indolence in a conversation with you.


Most loyally, your
most grateful
[signed:] M. Violin

© Translation Ian Bent, 2020


S. F. 29. Jänner 40.

Lieber u. verehrtester Freund!

Ich glaube unsere Briefe 1 haben sich exact gekreuzt. Ich glaube Enttäuschung ist unser einziges Nahrungsmittel. Anstatt Hoffnung, die man ohne Unbescheidenheit hegte, stellt sich ein billiger Aberglaube ein, der einem zuflüstert: „wer weiß wozu etwas gut ist“. Und so werden Sie verstehen, nachdem ich absolut glücklich war eine Chance zu finden, die mir ein Leben ermöglicht hätte, ich mit Verlust dieser Chance den einen Grund verstärkt fühle, einem climatischen Experiment entronnen zu sein. 2

Es ist mir keine Schande vom Verdienst meiner Frau leben zu müssen, dafür aber ein besonders großer Schmerz, weil sie nicht jung genug für ihre tapfere Arbeit ist u. weil das auch kein Ding einer Zukunft darstellt. Ich würde selbst bereit sein vom Abortputzen bis zum dishes waschen jede Arbeit anzunehmen, aber dafür finde ich noch weniger Gehör u. nicht die geringste Möglichkeit. 3

In einem Punkt Ihres lieben Briefes bin ich anderer Meinung[.] Ich möchte den angedeuteten Versuch nicht machen. 4 Nicht aus einem unangebrachten falschen Stolz heraus. Ich halte es nur für nutzlos. Denn sehen Sie, ich fühlte mich von der Absage nicht betroffen, aber ich fühlte in ihr ein „insult against you“. Sie werden mir recht geben, wenn Sie den letzten Satz des Briefes 5 noch einmal durchlesen, worin Ihnen der „Dean of the school“ schreibt: „Seien Sie sicher daß jeder den Sie empfehlen werden von uns acceptiert wird.“ Wenn nun gleich beim ersten Versuch {2} es möglich war, daß durch Einfluß von Mr. Galstone recte Galizenstein, Ihr Rat in den Wind geschlagen wird, so heiße ich das Schindluder mit Ihrer Autorität treiben. Bei einem Ihrer Schüler wird denn plötzlich die Nase nicht passen! Wenn Sie die Paragraphen lesen werden, was ich in Klavier hätte unterrichten müssen, so waren es Dinge, die für uns Inbegriff der Kunst sind. Ich kenne Herrn Galston aus Wien, (er war nach Leschetizky bei Busoni sehr attachierter Schüler u. wunderlicher Weise, laut Prospekt, „friend of Busoni [“]) u. kann mir vorstellen daß er bei dem mir vorgeschriebenen Lehrprogramm erst recht Konkurrenz fürchtet.

Ich werde u. will nicht verzweifeln u. hoffe doch noch einen Schleichweg in die Öffentlichkeit zu finden u. hoffentlich weiter Ihre sorgende Güte erwarten zu dürfen? Wenn ich nur Kammermusik spielen könnte! Ich glaube ich mache das in einer Art, die für mich erfolgreich sein könnte.

Ihr liebes, liebes Haus grüße ich innigst u. würde viel Lebenshoffnung gewinnen, könnte ich in einem Gespräch mit Ihnen mich von meiner Faulenzerei erholen.


Getreuest Ihr
dankbarster
[signed:] M Violin

© Transcription Ian Bent, 2020


San Francisco, January 29, 1940

Dear and most revered Friend,

I think our letters 1 have exactly crossed in the post. I believe disappointment is our sole source of nourishment. In place of hope, which one entertained without immodesty, a cheap delusion has taken hold, whispering in one's ear: "Who knows what anything is good for." Thus you will understand, since I was incredibly lucky to find an opportunity that would have enabled me to have a life, with the loss of this opportunity I feel that the sole reason for having escaped a climatic experiment is strengthened. 2

It is no shame for me to have to live off my wife's earnings, but it is especially painful that she is no youngster when it comes to the valiant work she does, and also because it offers nothing for the future. I would be prepared to take over any job, from cleaning toilets to washing dishes, but I find even less calling and not the slightest possibility for that. 3

On one point in your kind letter I take a different view. I would prefer not to make the attempt that you suggest 4 – not out of misplaced false pride [but because] I consider it futile. You see, I myself wasn't dismayed by being turned down, but I felt it was an [in English:] "insult against you." [in German:] You will see I am right if you will read once again the final sentence of the letter, 5 in which the "Dean of the School" writes to you: "Be assured that anyone whom you recommend will be accepted by us." If it was possible at the very first attempt {2} for your advice to be thrown to the winds through the influence of Mr. Galstone (real name "Galizenstein"), then I call that playing fast and loose with your authority. With one of your pupils suddenly his face won't fit!" If you will read the paragraphs stating what I would have had to teach in piano, they were things that for us are the embodiment of the art. I know Mr. Galston from Vienna, (after Leschetizky he was a very devoted pupil of Busoni, and lo and behold! according to the prospectus: "friend of Busoni"), and I can well imagine that with the teaching program I provided he would fear competition all the more.

I will not despair, and will continue to seek entrée into the public domain, and, let us hope, to have to turn to you again for your good offices. If only I could play chamber music! I believe that I do that in a way that could bring success for me.

I send most sincere greetings to your dear, dear family, and would regain much of my zest for life if only I could drag myself out of my indolence in a conversation with you.


Most loyally, your
most grateful
[signed:] M. Violin

© Translation Ian Bent, 2020

Footnotes

1 i. e. LC ASC 27/45, [17] (from Violin), January 26, and LC ASC 7/50, [10] (from Schoenberg), January 27, 1940.

2 Reference may be to Violin's having turned down the opportunity for work in New York City on grounds of the climate (see LC ASC 27/45, [17], January 26, 1940), or to his having decided not to submit an application to the St. Louis Institute of Music, where the climate would have been more extreme than that in San Francisco. We know the latter from a letter from Stuart to Schoenberg of February 7, 1940, in which Stuart states: "As yet we have heard nothing from Mr. Violin. From your letters we understood that you had notified him to communicate with us." (ASI-Stuart)

3 Apparently, Valerie Violin did cleaning for wealthy households in the area.

4 Schoenberg suggested in LC ASC 7/50, [10] that Violin would have nothing to lose in writing direct to Robert Stuart ("It's worth the attempt anyway").

5 Not Schoenberg's letter, but a letter that he forwarded to Violin and that the latter presumably returned. No letter from Stuart to Schoenberg now in the Library of Congress contains these or similar words.