Sehr geehrter Herr Professor! 1

Ihrem Wunsch nach Stundung des Honorars für die letzten 3 Monate habe ich gern entsprochen, 2 obwohl derlei Anwandlungen mir nicht eigentlich gut anstehen. Jedenfalls habe ich es heute dringender, Sie zu ersuchen, das gestündete Honorar mir endlich einzusenden u. so meine Freundlichkeit an Sie mit Ihrer Freundlichkeit an mich zu beantworten.

Seinerzeit bekam ich ein sehr häßliches Wort von Ihnen zu hören („Ich hätte genug an Ihrem Sohne verdient“) u. so spare ich mir, Ihnen eine Aufklärung über meine Lebens- u. Unterrichtsweise zu geben, für die Sie gewiß kein Interesse empfänden. Doch oft genug habe ich es Ihrem Sohne gesagt, daß ich schon seit 20 Jahren es aufgegeben habe, unentgeltlich {2} zu unterrichten, ich warnte ihn sogar, es ja selbst zu versuchen, u. begründete es damit, der Lehrer tauge nichts, der seine eigene Leistungsfähigkeit tiefer einschätzt als die der Schüler. In meinem Falle ist das besonders klar: es wäre widersinning, wenn ich meine Arbeit opfern wollte an Schüler, als wären sie die Wichtigeren. Selbst also für den Fall, daß Ihr Sohn ohne Vater u. Mutter wäre, würde sein glänzendes Talent, das ich gerne unterstreiche, mich noch immer nicht haben bewegen können, ihn unentgeltlich zu unterrichten, da ich höchst asketisch lebe, lediglich meiner Arbeit zugewandt, u. mir so viel zu verdienen suche, als das einfachste Leben es fordert. Meine eigene Production steht im Vordergrunde, u. die Aufnahme von Schülern richtet sich nach dem Kargsten des Lebens.

Wenn ich es aber so ist, daß ich aus diesen Gründen mir niemals hätte erlauben dürfen, Ihren Sohn unentgeltlich zu unterrichten, {3} so versteht es sich, daß ich noch viel weniger Veranlassung habe, Ihnen gewissermaßen das Honorar zu erlassen: Sie, verehrtester Herr Professor, sind nicht Musiker, nicht mein Schüler, – es liegt also kein Grund vor, daß ich auf ein Honorar verzichte, das ich in meine Hausrechnung einstellen durfte.

Ich bin gewohnt, für meinen Unterricht sehr bedankt zu werden, als wäre das Honorar gar nicht auf der Höhe meiner Lehrer-Leistung; daß in Ihrem Falle sich ein h von der Norm soweit Abstehendes ereignen sollte, will ich nicht glauben. Sollten Sie mir den fraglichen Betrag nicht bald einsenden, müsste ich, besonders im Zusammenhalt mit Ihrer obenerwähnten Äußerung, annehmen, daß Sie einfach Spott treiben. Statt Dankes u. Honorars gar Spott? Ich würde es gewiß nicht hinnehmen.


Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr sehr ergebener
[signed:] Dr Heinrich Schenker
Galtür, Tirol,
18. 8. 1926

© Transcription William Drabkin, 2011



Dear Professor, 1

I have complied with your wish to defer payment of the fee for the lessons given during the past three months, 2 even though such requests do not actually suit me. At any rate, I am now compelled to ask you finally to send me the deferred payment, thus replying to my friendly gesture to you with yours to me.

Recently, I got wind of a most offensive remark of yours, to the effect that "I had made enough money out of your son," and so I shall spare myself giving an explanation of my life-style and teaching methods, in which you would certainly have no interest. But I have often told your son that I gave up teaching without pay twenty years ago; {2} indeed I warned him not to do so, on the grounds that a teacher would be of no use if he valued his own ability to achieve things lower than that of his pupils. In my case this is particularly self-evident: it would make no sense for me to sacrifice my work for the sake of pupils, as if they were the more important thing. Even in the event that your son had no father or mother [to support him], his brilliant talent – something that I am happy to emphasize – could still not move me to teach him without pay, for I lead an extremely austere existence, dedicated only to my work, and I seek to earn just so much money as I need for the simplest of life-styles. My own creative work takes precedence, and I accept pupils in accordance with the least that I can get by on.

If it is thus the case, however, that for these reasons I could never permit myself to teach your son without charge, {3} then it goes without saying that I have still less reason to exempt you in any way from paying his lesson fees: You, my most esteemed Professor, are not a musician, nor are you my pupil, and so there is no reason why I should deny myself a payment that I am entitled to include in my domestic accounts.

I am accustomed to receive generous thanks for my tuition, as if the fees I receive are not nearly commensurate with my accomplishments as a teacher. That your views on this matter should depart so radically from the norm is something I cannot bring myself to believe. If you were not soon to send me the sum of money in question, I would have to assume – especially in connection with the above-mentioned remark of yours – that you were simply poking fun at me. Instead of gratitude and payment, am I to receive nothing but ridicule? I would most certainly not accept this.


With my best respects,
Yours faithfully,
[signed:] Dr. Heinrich Schenker
Galtür, Tyrol,
August 18, 1926

© Translation William Drabkin, 2011



Sehr geehrter Herr Professor! 1

Ihrem Wunsch nach Stundung des Honorars für die letzten 3 Monate habe ich gern entsprochen, 2 obwohl derlei Anwandlungen mir nicht eigentlich gut anstehen. Jedenfalls habe ich es heute dringender, Sie zu ersuchen, das gestündete Honorar mir endlich einzusenden u. so meine Freundlichkeit an Sie mit Ihrer Freundlichkeit an mich zu beantworten.

Seinerzeit bekam ich ein sehr häßliches Wort von Ihnen zu hören („Ich hätte genug an Ihrem Sohne verdient“) u. so spare ich mir, Ihnen eine Aufklärung über meine Lebens- u. Unterrichtsweise zu geben, für die Sie gewiß kein Interesse empfänden. Doch oft genug habe ich es Ihrem Sohne gesagt, daß ich schon seit 20 Jahren es aufgegeben habe, unentgeltlich {2} zu unterrichten, ich warnte ihn sogar, es ja selbst zu versuchen, u. begründete es damit, der Lehrer tauge nichts, der seine eigene Leistungsfähigkeit tiefer einschätzt als die der Schüler. In meinem Falle ist das besonders klar: es wäre widersinning, wenn ich meine Arbeit opfern wollte an Schüler, als wären sie die Wichtigeren. Selbst also für den Fall, daß Ihr Sohn ohne Vater u. Mutter wäre, würde sein glänzendes Talent, das ich gerne unterstreiche, mich noch immer nicht haben bewegen können, ihn unentgeltlich zu unterrichten, da ich höchst asketisch lebe, lediglich meiner Arbeit zugewandt, u. mir so viel zu verdienen suche, als das einfachste Leben es fordert. Meine eigene Production steht im Vordergrunde, u. die Aufnahme von Schülern richtet sich nach dem Kargsten des Lebens.

Wenn ich es aber so ist, daß ich aus diesen Gründen mir niemals hätte erlauben dürfen, Ihren Sohn unentgeltlich zu unterrichten, {3} so versteht es sich, daß ich noch viel weniger Veranlassung habe, Ihnen gewissermaßen das Honorar zu erlassen: Sie, verehrtester Herr Professor, sind nicht Musiker, nicht mein Schüler, – es liegt also kein Grund vor, daß ich auf ein Honorar verzichte, das ich in meine Hausrechnung einstellen durfte.

Ich bin gewohnt, für meinen Unterricht sehr bedankt zu werden, als wäre das Honorar gar nicht auf der Höhe meiner Lehrer-Leistung; daß in Ihrem Falle sich ein h von der Norm soweit Abstehendes ereignen sollte, will ich nicht glauben. Sollten Sie mir den fraglichen Betrag nicht bald einsenden, müsste ich, besonders im Zusammenhalt mit Ihrer obenerwähnten Äußerung, annehmen, daß Sie einfach Spott treiben. Statt Dankes u. Honorars gar Spott? Ich würde es gewiß nicht hinnehmen.


Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr sehr ergebener
[signed:] Dr Heinrich Schenker
Galtür, Tirol,
18. 8. 1926

© Transcription William Drabkin, 2011



Dear Professor, 1

I have complied with your wish to defer payment of the fee for the lessons given during the past three months, 2 even though such requests do not actually suit me. At any rate, I am now compelled to ask you finally to send me the deferred payment, thus replying to my friendly gesture to you with yours to me.

Recently, I got wind of a most offensive remark of yours, to the effect that "I had made enough money out of your son," and so I shall spare myself giving an explanation of my life-style and teaching methods, in which you would certainly have no interest. But I have often told your son that I gave up teaching without pay twenty years ago; {2} indeed I warned him not to do so, on the grounds that a teacher would be of no use if he valued his own ability to achieve things lower than that of his pupils. In my case this is particularly self-evident: it would make no sense for me to sacrifice my work for the sake of pupils, as if they were the more important thing. Even in the event that your son had no father or mother [to support him], his brilliant talent – something that I am happy to emphasize – could still not move me to teach him without pay, for I lead an extremely austere existence, dedicated only to my work, and I seek to earn just so much money as I need for the simplest of life-styles. My own creative work takes precedence, and I accept pupils in accordance with the least that I can get by on.

If it is thus the case, however, that for these reasons I could never permit myself to teach your son without charge, {3} then it goes without saying that I have still less reason to exempt you in any way from paying his lesson fees: You, my most esteemed Professor, are not a musician, nor are you my pupil, and so there is no reason why I should deny myself a payment that I am entitled to include in my domestic accounts.

I am accustomed to receive generous thanks for my tuition, as if the fees I receive are not nearly commensurate with my accomplishments as a teacher. That your views on this matter should depart so radically from the norm is something I cannot bring myself to believe. If you were not soon to send me the sum of money in question, I would have to assume – especially in connection with the above-mentioned remark of yours – that you were simply poking fun at me. Instead of gratitude and payment, am I to receive nothing but ridicule? I would most certainly not accept this.


With my best respects,
Yours faithfully,
[signed:] Dr. Heinrich Schenker
Galtür, Tyrol,
August 18, 1926

© Translation William Drabkin, 2011

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/8, p. 2967, August 18, 1926: "An Cube Vater (recomm. Br., u. Abschrift): erste Mahnung." ("To Cube father (registered letter and copy): first admonition."). This letter was returned to Schenker by Gustav von Cube: OJ 9/35, [2].

2 Payment for lessons that Schenker gave Gustav's son Felix. The deferral of this payment is mentioned several times in the correspondence between teacher and pupil. The present letter is a response to Felix’s request of August 14, OJ 9/34, [2], that Schenker write directly to his father. Schenker records that a part payment was quickly forthcoming (letter of August 26); three months later, the remaining sum seems to have been made good (Felix to Schenker, November 25).