22.

Brief an Fr. I. M., um ihr geplantes Arrangement, den Verkehr im Gasthaus aufrechtzuerhalten, im vorhinein zunichte zu machen.

*

Von Frl. Fanny trifft die Zusage des Besuches ein, was uns aller Schwierigkeiten überhebt.

*

Der „Simplicissimus“ in München gibt eine sehr tapfere „1813“ Nummer heraus. Instinktive u. vielfach wohl auch verstandene Huldigung an das Genie Napoleon. Die Bloßstellung der Monarchen geschieht auf eine so ostentative, zugleich aber so überzeugende Weise, daß das volle tragische Maß menschlicher Unbegabung dazu gehört auf eine solche Belehrung hin das Wesen des Monarchentums mißzuverstehen. Wie traurig, daß ein Regent notwendig ist, daß er aber in den meisten {451} Fällen so untüchtig ist, daß nur die noch größere Untüchtigkeit des Volkes ihn im Amte belässt!

*

Als wahre Religion der Zukunft wäre die Beziehung zur Sache zu wünschen! Ob wohl auch Feuerbach unter „Anschauung“ dasselbe das selbe gemeint hat, was ich unter der erlösenden Hingabe an die Erfordernisse der Sache ?! meine?!

*

Hupka erzählt mir, daß er in einer Soirée gespielt hatbe , u. daß unter seinen Kritikern auch die Wittwe [sic] des Professor Brüll gewesen, die sich darauf berief, daß sie Brahms persönlich gekannt habe. Welcher Mißbrauch des hehren Namens u. Andenkens! Eine Frau, die zu keiner Stunde des Lebens wußte, wer Brahms sei, die ihn weder sehen noch hören konnte, will – wie es in einer Soriée üblich ist – auch sich selbst gerne vernehmen lassen u. da Brahms nicht zugegen war, der in der Frau die kritische Lust gar nicht hätte aufkommen lassen, so wagt sie vor einem jungen Bürschchen (wenn überhaupt) einen irgendwo empfangenen Eindruck als Richtschnur anzugeben. Sicher tat sie es bescheiden, aber in solchem Falle ist alle Bescheidenheit höchste Arroganz. Warum schreibt denn die Dame nicht, wenn sie noch der Eindrücke u. Erinnerungen voll ist? Warum verheimlicht sie Dinge, die die Welt interessieren würden? Wüßte sie nur wirklich etwas Ordentliches – längst stände es bei ihren Beziehungen zur Presse hier oder dort zu lesen u. sie würde sich sicher die aus Eitelkeit nicht versagen, von ihren Eindrücken zu erzählen, sofern sie welche hätte! Nun ist es notwendig dem kleinen Hupka über all diese Tücken der Welt aufzuklären.

*

Es leben die Menschen von Liebe, die im Grunde keine Liebe; von Freundschaft, die im Grunde wieder keine Freundschaft; sie leben von Pflichterfüllung, Männlichkeit, Tapferkeit, Treue, die alle Pflichterfüllung, Tapferkeit, Treue nicht sind. {452} Aber indem sie auf die Einbildung der genannten Tugenden ihre Eitelkeit gründen, gelingt es ihnen mühelos zu leben, ohne erst Dasjenige zu tun[,] was notwendig wäre, wenn sie von sich mit Recht sagen dürften, daß sie die Tugenden auch üben. Ich glaube, daß der Geschlechtsapparat der Menschen all der lügenhaften Einbildung bedarf. Man sollte, dieses ist ein Wink der Natur, um der Liebe willen wohl einige Anstrengung machen; da man ihrer aber der letzteren nicht fähig ist, so verzichtet man auf die Anstrengung u. bildet sich nur den Titel der Tugend ein, was jedenfalls schmerzloser ist. Indem endlich der Eine den Anderen in seiner Lüge gelten läßt, man ist jene Basis erreicht, auf der der Verkehr der Menschen untereinander sich bewegt. Die Parole heißt einfach: Die Einbildung der Tugend steht für die Tugend selbst – so bei mir, so bei dir!

*

Wie sich doch die meisten Menschen vor dem Tode ängstigen, als gäbe es ein noch weniger als eine Null! Die Null fürchtet sich vor dem Null-werden u. weiß nicht, daß ihr der Tod nur eine Fortsetzung, einen [sic] Uebergang von einem Null-Stadium zum anderen ist.

*

© Transcription Marko Deisinger.

22.

Letter to Mrs. I. M., in order to foil at the outset her planned arrangement to sustain the trade in the restaurant.

*

The acceptance of the visit arrives from Fanny, thus sparing us all difficulties.

*

Simplicissimus in Munich is publishing a very bold "1813" issue. Instinctive and probably also a well-understood homage to the genius Napoleon. The unmasking of the monarchy happens in such an ostentatious, yet at the same time in such a convincing way that the entire tragic measure of human incapacity is necessary to misunderstand the essence of monarchy from such teaching. How sad that a ruler is necessary, but that in the most cases {451} he is so incompetent that only the greater incompetence of the people keeps him in office!

*

For a true religion of the future, dedication to a cause would be desirable! But did not Feuerbach also mean the same thing by "contemplation" that I mean by the redemptory dedication to the requirements of the cause?!

*

Hupka tells me that he played at a soiree, and that among his critics was also the widow of Professor Brüll, who appealed to her having known Brahms personally. What a misuse of the noble name, and of remembrance! A woman who did not know who Brahms was at any point in her life, who never saw or heard him, wishes – as is typical of a soiree – also to be heard; and since Brahms was not present, and could not at all have allowed the critical inclination to develop in the woman, she dares to invoke – in front of a young fellow – (if anything) an impression she picked up somewhere as a mark of distinction. Of course she did this in a modest way; but in such a case all modesty is the greatest arrogance. Why, then, doesn't the lady write, if she is still full of impressions and recollections? Why is she secretive about things that would be of interest to the world? If only she really knew something important – one would have read about it here or there, given her connections with the press; and, out of vanity, she would surely not fail to recount her impressions, insofar as she had any! Now it is important to enlighten little Hupka about all this deceit in the world.

*

People live by love that is basically not love; by friendship that, once again, is basically not friendship; they live by fulfillment of their duty, manliness, bravery, fidelity, all of which are not fulfillment of their duty, bravery, fidelity. {452} But since they base their vanity on the illusion of those named virtues, they succeed in living carefreely, without first doing what would be necessary if they could rightly say that they also practiced those virtues. I believe that the sexual apparatus of people required all this deceitful illusion. One ought – this is a cue from nature – to have made some effort for the sake of love; but since one is incapable of such effort, one does without it and imagines only the title of bravery, which in any event is less painful. Since in the end one person will accept another in his deceitfulness, the basis on which human intercourse takes place has been reached. The slogan is simply: the illusion of virtue stands for virtue – as it is for me, so it is for you!

*

How most people are actually frightened about death, as if there were something even less than nothing! The nothing is frightened of becoming nothing, and does not know that its death is merely a transition from one state of being nothing to the next.

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© Translation William Drabkin.

22.

Brief an Fr. I. M., um ihr geplantes Arrangement, den Verkehr im Gasthaus aufrechtzuerhalten, im vorhinein zunichte zu machen.

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Von Frl. Fanny trifft die Zusage des Besuches ein, was uns aller Schwierigkeiten überhebt.

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Der „Simplicissimus“ in München gibt eine sehr tapfere „1813“ Nummer heraus. Instinktive u. vielfach wohl auch verstandene Huldigung an das Genie Napoleon. Die Bloßstellung der Monarchen geschieht auf eine so ostentative, zugleich aber so überzeugende Weise, daß das volle tragische Maß menschlicher Unbegabung dazu gehört auf eine solche Belehrung hin das Wesen des Monarchentums mißzuverstehen. Wie traurig, daß ein Regent notwendig ist, daß er aber in den meisten {451} Fällen so untüchtig ist, daß nur die noch größere Untüchtigkeit des Volkes ihn im Amte belässt!

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Als wahre Religion der Zukunft wäre die Beziehung zur Sache zu wünschen! Ob wohl auch Feuerbach unter „Anschauung“ dasselbe das selbe gemeint hat, was ich unter der erlösenden Hingabe an die Erfordernisse der Sache ?! meine?!

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Hupka erzählt mir, daß er in einer Soirée gespielt hatbe , u. daß unter seinen Kritikern auch die Wittwe [sic] des Professor Brüll gewesen, die sich darauf berief, daß sie Brahms persönlich gekannt habe. Welcher Mißbrauch des hehren Namens u. Andenkens! Eine Frau, die zu keiner Stunde des Lebens wußte, wer Brahms sei, die ihn weder sehen noch hören konnte, will – wie es in einer Soriée üblich ist – auch sich selbst gerne vernehmen lassen u. da Brahms nicht zugegen war, der in der Frau die kritische Lust gar nicht hätte aufkommen lassen, so wagt sie vor einem jungen Bürschchen (wenn überhaupt) einen irgendwo empfangenen Eindruck als Richtschnur anzugeben. Sicher tat sie es bescheiden, aber in solchem Falle ist alle Bescheidenheit höchste Arroganz. Warum schreibt denn die Dame nicht, wenn sie noch der Eindrücke u. Erinnerungen voll ist? Warum verheimlicht sie Dinge, die die Welt interessieren würden? Wüßte sie nur wirklich etwas Ordentliches – längst stände es bei ihren Beziehungen zur Presse hier oder dort zu lesen u. sie würde sich sicher die aus Eitelkeit nicht versagen, von ihren Eindrücken zu erzählen, sofern sie welche hätte! Nun ist es notwendig dem kleinen Hupka über all diese Tücken der Welt aufzuklären.

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Es leben die Menschen von Liebe, die im Grunde keine Liebe; von Freundschaft, die im Grunde wieder keine Freundschaft; sie leben von Pflichterfüllung, Männlichkeit, Tapferkeit, Treue, die alle Pflichterfüllung, Tapferkeit, Treue nicht sind. {452} Aber indem sie auf die Einbildung der genannten Tugenden ihre Eitelkeit gründen, gelingt es ihnen mühelos zu leben, ohne erst Dasjenige zu tun[,] was notwendig wäre, wenn sie von sich mit Recht sagen dürften, daß sie die Tugenden auch üben. Ich glaube, daß der Geschlechtsapparat der Menschen all der lügenhaften Einbildung bedarf. Man sollte, dieses ist ein Wink der Natur, um der Liebe willen wohl einige Anstrengung machen; da man ihrer aber der letzteren nicht fähig ist, so verzichtet man auf die Anstrengung u. bildet sich nur den Titel der Tugend ein, was jedenfalls schmerzloser ist. Indem endlich der Eine den Anderen in seiner Lüge gelten läßt, man ist jene Basis erreicht, auf der der Verkehr der Menschen untereinander sich bewegt. Die Parole heißt einfach: Die Einbildung der Tugend steht für die Tugend selbst – so bei mir, so bei dir!

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Wie sich doch die meisten Menschen vor dem Tode ängstigen, als gäbe es ein noch weniger als eine Null! Die Null fürchtet sich vor dem Null-werden u. weiß nicht, daß ihr der Tod nur eine Fortsetzung, einen [sic] Uebergang von einem Null-Stadium zum anderen ist.

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© Transcription Marko Deisinger.

22.

Letter to Mrs. I. M., in order to foil at the outset her planned arrangement to sustain the trade in the restaurant.

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The acceptance of the visit arrives from Fanny, thus sparing us all difficulties.

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Simplicissimus in Munich is publishing a very bold "1813" issue. Instinctive and probably also a well-understood homage to the genius Napoleon. The unmasking of the monarchy happens in such an ostentatious, yet at the same time in such a convincing way that the entire tragic measure of human incapacity is necessary to misunderstand the essence of monarchy from such teaching. How sad that a ruler is necessary, but that in the most cases {451} he is so incompetent that only the greater incompetence of the people keeps him in office!

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For a true religion of the future, dedication to a cause would be desirable! But did not Feuerbach also mean the same thing by "contemplation" that I mean by the redemptory dedication to the requirements of the cause?!

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Hupka tells me that he played at a soiree, and that among his critics was also the widow of Professor Brüll, who appealed to her having known Brahms personally. What a misuse of the noble name, and of remembrance! A woman who did not know who Brahms was at any point in her life, who never saw or heard him, wishes – as is typical of a soiree – also to be heard; and since Brahms was not present, and could not at all have allowed the critical inclination to develop in the woman, she dares to invoke – in front of a young fellow – (if anything) an impression she picked up somewhere as a mark of distinction. Of course she did this in a modest way; but in such a case all modesty is the greatest arrogance. Why, then, doesn't the lady write, if she is still full of impressions and recollections? Why is she secretive about things that would be of interest to the world? If only she really knew something important – one would have read about it here or there, given her connections with the press; and, out of vanity, she would surely not fail to recount her impressions, insofar as she had any! Now it is important to enlighten little Hupka about all this deceit in the world.

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People live by love that is basically not love; by friendship that, once again, is basically not friendship; they live by fulfillment of their duty, manliness, bravery, fidelity, all of which are not fulfillment of their duty, bravery, fidelity. {452} But since they base their vanity on the illusion of those named virtues, they succeed in living carefreely, without first doing what would be necessary if they could rightly say that they also practiced those virtues. I believe that the sexual apparatus of people required all this deceitful illusion. One ought – this is a cue from nature – to have made some effort for the sake of love; but since one is incapable of such effort, one does without it and imagines only the title of bravery, which in any event is less painful. Since in the end one person will accept another in his deceitfulness, the basis on which human intercourse takes place has been reached. The slogan is simply: the illusion of virtue stands for virtue – as it is for me, so it is for you!

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How most people are actually frightened about death, as if there were something even less than nothing! The nothing is frightened of becoming nothing, and does not know that its death is merely a transition from one state of being nothing to the next.

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© Translation William Drabkin.