19. IX. 14

Deutschlands Gegner bekämpfen, angeblich wie sie sagen, nur dessen Militarismus; genau besehen aber bekämpfen sie nur dessen besseren Militarismus, da weil sie einen schlechteren doch selbst haben!

*

Was sich die Reichen denken, wenn sie ihre „Geschäftchen“ machen wollen: Sie starren nur in den durch Stockung des ihres Geschäftsbetriebs u. dgl. verursachten Abgang, wobei sie, wegen starrenden Blickes eben, die bereits aufgehäuften, in den Banken deponierten eigenen Reichtümer gerne übersehen. Umgekehrt aber nehmen sie selbst auch beim Aermsten Ersparnisse als unleugbare Selbstverständlichkeit an, auf die sie sich berufen, um aus ihm das einen eigene Geldvorteil schäftchen herauszuschlagen, u. sie sind sehr ungehalten darüber, wenn nun der Arme den Reichen an seine eigenen Ersparnisse erinnert.

Als Christus den Pharisäern zurief: „Mich habt ihr nur einmal, die Armen aber allezeit“, so wollte er die anwiederende [sic] Gesinnung der Pharisäer treffen, die nach der krankhaften Art der Neurastheniker einer bestimmten Pflichterfüllung dadurch auszuweichen suchen, daß sie jeweilig eine andere Vvorschieben. Durch dieses gleichsam canonische Spiel stets nur vorgeschobener, niemals aber wirklich erledigter Pflichten entsteht jene Kette von Lügen, in denen sich der Pharisäer als ein Mensch von Gottesfurcht u. Tugend vorkommt bespiegelt, obgleich er jede einzelne Pflicht regelmäßig im Stiche läßt. Vor Christus gab es Arme u. Reiche u. nach Christus gab es welche, um die sich Christi Zeitgenossen sicher nicht bekümmerten, aber gerade nur zur Ausrede mußten sie herhalten, als es galt Opposition gegen Christus zu treiben u. ihm eijene kleine Wohltat zu mißgönnen, die schließlich früher u. später ja auch den Armen mißgönnt wurde.

Eine analoge Methode von heuchlerischem Selbstbetrug liegt ja auch in der Art, wie die Franzosen ihre Kunstdenkmäler selbst in Gefahr bringen, um hernach den Deutschen den Vorwurf der Barbarei zu machen, die jene Kunstdenkmäler angeblich zerstören. Sie benützen [illeg]Kathedralen u. Kirchen als Deckung u. schreien in die Welt hinaus, die Deutschen seien Barbaren, die die Kunst zerstören!! 1

*

Vor dem Kriege wußten unsere Damen nichts von der einer „Fürsorge für Arbeitslose“; auch nach dem Kriege werden sie nichts mehr davon wissen wollen; aber nur während des Krieges benützen {716} sie die Episode ihres Gefühlslebens gerne aus, um zugunsten der Arbeitslosen gerade jene arbeitslos zu machen, denen sie vor u. nach dem Kriege das meiste verdanken.

*

Man spricht heute viel von „namenlosen“ Helden, als wäre alles nur der „Name“ u. nicht der Charakter. Alles, sondern der Name. Man denkt offenbar an den Gegensatz zu Männern von „Namen“, natürlich aber Namen der „Gesellschaft“. So ist denn dieser Nonsens dahin zu berichtigen, daß ohne Zweifel die Menschen der sogenannten Gesellschaft, also Millionäre, Beamte, ebenso namenlos sind als wie alle jene, die man ihnen gegenüber, weil einem tiefern [sic] Stand angehörend, als namenlos erklärt. Und so kämpfen – u. das allein ist die Wahrheit – für namenlose Reiche namenlose Arme, nur freilich diese letzteren als Helden, was ihnen einen ewigen Vorsprung vor jenen giebt.

*

Bei Fl. im Caféhaus, der einen Brief an Prof. Fränkel für Guttmann zur Verfügung stellt. Mitteilung hievon an den Schwager. Höchst bedauerlich bleibt dabei die Tatsache, daß Fl. erst in diesem Augenblick das Geheimnis der Honorierung lüftet. Es ist also richtig, daß die Aerzte für ihren Dienst in den Reservespitälern ein Honorar erhalten, weshalb meinem Vetter Abbitte geleistet werden muß, der in dieser Frage denselben Standpunkt einnahm, den alle seine Collegen einnehmen. Der Patriotismus der Aerzte scheint einzig nur darin zu bestehen, daß sie das Geheimnis der Honorierung für sich behalten u. die anderen so lange als wie möglich glauben lassen, daß sie werden ihre Dienste unentgeltlich verrichten.

*

© Transcription Marko Deisinger.

September 19, 1914.

Germany's enemies are saying that they are only fighting its militarism. Understood more precisely, they are only fighting its superior militarism, because they themselves have an inferior one!

*

What the rich imagine, when they want to make their "little business deals": they only stare at the outcome resulting from the deadlock in their business activity; and by doing so, verily on account of their staring gaze, they gladly overlook their own riches which they have piled up and deposited in the banks. Conversely, however, they take the savings made even by the poorest people as an indisputable matter of course, to which they appeal in order to make their own business deals; and they become very indignant when a poor man reminds a rich man of his own savings.

As Christ called out to the Pharisees: "You shall have me only once, but the poor will have me forever," he wished to strike out at the unpalatable thought of the Pharisees who, according to the pathological manner of the neurasthenics, sought to avoid fulfilling a particular duty by placing some other one in front of it. By this quasi-canonic play of constantly deferred duties which, however, are never really fulfilled, there arises that chain of lies in which the Pharisee imagines himself as a God-fearing, virtuous person although he regularly shirks every individual responsibility. Before Christ there were poor people, and after Christ there were those about whom Christ's contemporaries were certainly not concerned; but they simply had to serve as an excuse, as if it were necessary to ferment opposition to Christ and to begrudge him a small benefaction which, sooner or later, would be begrudged also to the poor.

An analogous method of hypocritical self-deception lies in the way the French themselves bring their artistic monuments into danger, in order to accuse the Germans of barbarity for apparently destroying those monuments. They use cathedrals and churches for cover and cry out to the world that the Germans are barbarians who are destroying art!! 1

*

Before the war, our ladies knew nothing about a "welfare office for the unemployed"; and after the war, too, they will not want to know anything about it. But it is only during the war that they {716} are glad to exploit this episode of their emotional life in order, for the benefit of the unemployed, to make precisely those people unemployed to whom they are most indebted before and after the war.

*

One speaks today much about "nameless" heroes, as if everything was only the "name" and not the character. One is apparently thinking about the contrast to men of "name," but of course names in "society." Thus this nonsense should be corrected forthwith: that without doubt people of the so-called society, i.e. millionaires and officers, are just as nameless as all those who are declared nameless because they belong to a lower class. And so nameless poor people fight – and that is the simple truth – for nameless rich people – only that the former are of course are the heroes, which gives them an eternal advantage over the latter.

*

With Floriz in the coffee house, who makes available to me a letter to Prof. Fraenkel on behalf of Guttmann; communication of this to my brother-in-law. It remains most regrettable that Floriz is revealing the secret of the payment only at this moment. It is therefore correct that the doctors receive a fee for their service in the back-up hospitals, for which reason my cousin ought to receive an apology since he took the same standpoint in this matter that all his colleagues have taken. The patriotism of the doctors seems to consist entirely of keeping the secret of their being paid to themselves and letting the others believe for as long as possible that they are carrying out their duties free of charge.

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© Translation William Drabkin.

19. IX. 14

Deutschlands Gegner bekämpfen, angeblich wie sie sagen, nur dessen Militarismus; genau besehen aber bekämpfen sie nur dessen besseren Militarismus, da weil sie einen schlechteren doch selbst haben!

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Was sich die Reichen denken, wenn sie ihre „Geschäftchen“ machen wollen: Sie starren nur in den durch Stockung des ihres Geschäftsbetriebs u. dgl. verursachten Abgang, wobei sie, wegen starrenden Blickes eben, die bereits aufgehäuften, in den Banken deponierten eigenen Reichtümer gerne übersehen. Umgekehrt aber nehmen sie selbst auch beim Aermsten Ersparnisse als unleugbare Selbstverständlichkeit an, auf die sie sich berufen, um aus ihm das einen eigene Geldvorteil schäftchen herauszuschlagen, u. sie sind sehr ungehalten darüber, wenn nun der Arme den Reichen an seine eigenen Ersparnisse erinnert.

Als Christus den Pharisäern zurief: „Mich habt ihr nur einmal, die Armen aber allezeit“, so wollte er die anwiederende [sic] Gesinnung der Pharisäer treffen, die nach der krankhaften Art der Neurastheniker einer bestimmten Pflichterfüllung dadurch auszuweichen suchen, daß sie jeweilig eine andere Vvorschieben. Durch dieses gleichsam canonische Spiel stets nur vorgeschobener, niemals aber wirklich erledigter Pflichten entsteht jene Kette von Lügen, in denen sich der Pharisäer als ein Mensch von Gottesfurcht u. Tugend vorkommt bespiegelt, obgleich er jede einzelne Pflicht regelmäßig im Stiche läßt. Vor Christus gab es Arme u. Reiche u. nach Christus gab es welche, um die sich Christi Zeitgenossen sicher nicht bekümmerten, aber gerade nur zur Ausrede mußten sie herhalten, als es galt Opposition gegen Christus zu treiben u. ihm eijene kleine Wohltat zu mißgönnen, die schließlich früher u. später ja auch den Armen mißgönnt wurde.

Eine analoge Methode von heuchlerischem Selbstbetrug liegt ja auch in der Art, wie die Franzosen ihre Kunstdenkmäler selbst in Gefahr bringen, um hernach den Deutschen den Vorwurf der Barbarei zu machen, die jene Kunstdenkmäler angeblich zerstören. Sie benützen [illeg]Kathedralen u. Kirchen als Deckung u. schreien in die Welt hinaus, die Deutschen seien Barbaren, die die Kunst zerstören!! 1

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Vor dem Kriege wußten unsere Damen nichts von der einer „Fürsorge für Arbeitslose“; auch nach dem Kriege werden sie nichts mehr davon wissen wollen; aber nur während des Krieges benützen {716} sie die Episode ihres Gefühlslebens gerne aus, um zugunsten der Arbeitslosen gerade jene arbeitslos zu machen, denen sie vor u. nach dem Kriege das meiste verdanken.

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Man spricht heute viel von „namenlosen“ Helden, als wäre alles nur der „Name“ u. nicht der Charakter. Alles, sondern der Name. Man denkt offenbar an den Gegensatz zu Männern von „Namen“, natürlich aber Namen der „Gesellschaft“. So ist denn dieser Nonsens dahin zu berichtigen, daß ohne Zweifel die Menschen der sogenannten Gesellschaft, also Millionäre, Beamte, ebenso namenlos sind als wie alle jene, die man ihnen gegenüber, weil einem tiefern [sic] Stand angehörend, als namenlos erklärt. Und so kämpfen – u. das allein ist die Wahrheit – für namenlose Reiche namenlose Arme, nur freilich diese letzteren als Helden, was ihnen einen ewigen Vorsprung vor jenen giebt.

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Bei Fl. im Caféhaus, der einen Brief an Prof. Fränkel für Guttmann zur Verfügung stellt. Mitteilung hievon an den Schwager. Höchst bedauerlich bleibt dabei die Tatsache, daß Fl. erst in diesem Augenblick das Geheimnis der Honorierung lüftet. Es ist also richtig, daß die Aerzte für ihren Dienst in den Reservespitälern ein Honorar erhalten, weshalb meinem Vetter Abbitte geleistet werden muß, der in dieser Frage denselben Standpunkt einnahm, den alle seine Collegen einnehmen. Der Patriotismus der Aerzte scheint einzig nur darin zu bestehen, daß sie das Geheimnis der Honorierung für sich behalten u. die anderen so lange als wie möglich glauben lassen, daß sie werden ihre Dienste unentgeltlich verrichten.

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© Transcription Marko Deisinger.

September 19, 1914.

Germany's enemies are saying that they are only fighting its militarism. Understood more precisely, they are only fighting its superior militarism, because they themselves have an inferior one!

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What the rich imagine, when they want to make their "little business deals": they only stare at the outcome resulting from the deadlock in their business activity; and by doing so, verily on account of their staring gaze, they gladly overlook their own riches which they have piled up and deposited in the banks. Conversely, however, they take the savings made even by the poorest people as an indisputable matter of course, to which they appeal in order to make their own business deals; and they become very indignant when a poor man reminds a rich man of his own savings.

As Christ called out to the Pharisees: "You shall have me only once, but the poor will have me forever," he wished to strike out at the unpalatable thought of the Pharisees who, according to the pathological manner of the neurasthenics, sought to avoid fulfilling a particular duty by placing some other one in front of it. By this quasi-canonic play of constantly deferred duties which, however, are never really fulfilled, there arises that chain of lies in which the Pharisee imagines himself as a God-fearing, virtuous person although he regularly shirks every individual responsibility. Before Christ there were poor people, and after Christ there were those about whom Christ's contemporaries were certainly not concerned; but they simply had to serve as an excuse, as if it were necessary to ferment opposition to Christ and to begrudge him a small benefaction which, sooner or later, would be begrudged also to the poor.

An analogous method of hypocritical self-deception lies in the way the French themselves bring their artistic monuments into danger, in order to accuse the Germans of barbarity for apparently destroying those monuments. They use cathedrals and churches for cover and cry out to the world that the Germans are barbarians who are destroying art!! 1

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Before the war, our ladies knew nothing about a "welfare office for the unemployed"; and after the war, too, they will not want to know anything about it. But it is only during the war that they {716} are glad to exploit this episode of their emotional life in order, for the benefit of the unemployed, to make precisely those people unemployed to whom they are most indebted before and after the war.

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One speaks today much about "nameless" heroes, as if everything was only the "name" and not the character. One is apparently thinking about the contrast to men of "name," but of course names in "society." Thus this nonsense should be corrected forthwith: that without doubt people of the so-called society, i.e. millionaires and officers, are just as nameless as all those who are declared nameless because they belong to a lower class. And so nameless poor people fight – and that is the simple truth – for nameless rich people – only that the former are of course are the heroes, which gives them an eternal advantage over the latter.

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With Floriz in the coffee house, who makes available to me a letter to Prof. Fraenkel on behalf of Guttmann; communication of this to my brother-in-law. It remains most regrettable that Floriz is revealing the secret of the payment only at this moment. It is therefore correct that the doctors receive a fee for their service in the back-up hospitals, for which reason my cousin ought to receive an apology since he took the same standpoint in this matter that all his colleagues have taken. The patriotism of the doctors seems to consist entirely of keeping the secret of their being paid to themselves and letting the others believe for as long as possible that they are carrying out their duties free of charge.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 The German bombardment of Reims and a subsequent fire severely damaged the cathedral in 1914. The ruined cathedral became one of the central images of anti-German propaganda produced in France during the war, which presented it, along with the ruins of the Cloth Hall at Ypres and the University Library in Louvain, as evidence that German aggression targeted cultural landmarks of European civilization.