20. V. 15

Stündlich wird die Kriegerklärung Italiens erwartet. 1

*

Die Forderung Italiens werden bekannt. Sie decken weniger etwa einen Größenwahn, als ein noch nicht dagewesenes Ausmaß menschlicher Borniertheit u. Dummheit auf. Denn entweder wenn sie mögen wirklich den Besitz der Adria u. verschiedener anderer Gebiete in Klein-Asien u. Afrika wünschen, dann ist es unendlich borniert anzunehmen, all’ diese Wünsche hätten wirklich eine reale G Unterlage, sei es in der Bevölkerungsziffer oder in den Leistungen der Nation. Oder aber sie mögen den Engländern es glauben, daß man sie nach gemachtem Gebrauch in den Besitz der oben erwähnten Gebiet[s]teile setzen werde, so sind sie auch in diesem Falle nur borniert u. läppisch. Wie man es nimmt liegt der Tücke vor allem die grenzenlose Unbildung, Unlogik u. Borniertheit zugrunde. Die Erscheinungsform der Borniertheit ist ja Nebensache; zu rechnen hat man nur mit der letzten Ursache. Ist dem aber so, so gebieten die einfachsten Gesetze der Psychologie anzunehmen, daß sie auch ihren Krieg nicht eben vernünftig zu führen wissen werden u. es müßte wahrlich mit sonderbaren u. gar zu widerwärtigen Zufällen zusammenhängen, wenn Osterreich u. Deutschland nicht auch Italiens Herr werden könnten!

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Karte von Breisach aus Prag. —

— Frau Wally überrascht uns nachmittag[s], um die versäumte Antwort mündlich nachzuholen. Wie aus ihren Erzählungen hervorgeht, nehmen die Verhältnisse um sie herum den von mir längst erwarteten Verlauf. Der Eigensinn des Frl. Fanny drängt sie schon jetzt einen Verdruß der Familie u. der Fr. Hauser zu bereiten, dadurch, daß sie auf eine relativ gute Stelle verzichtete, u. keinerlei Vorstellungen vermögen sie davon abzuhalten, etwas zu tun, wovon der Schaden wieder nur auf diejenigen Personen zurückfallen kann, die sie heute gewarnt haben. Freilich bietet sie aus der Fülle ihrer Psychose gleichsam zum Ersatz ihre angeblich gute Gesinnung, als wäre diese die Tat u. nicht das, was sie ausführt. Man kennt ja den ge- {932} wohnten Verlauf solcher Psychosen; der Volkswitz hat sich ihrer bemächtigt[,] wenn er sagt z. B.: „Die Frau hat mir versprochen zu sterben, doch sie hält ihr Wort nicht“ – u. auch in diesem Falle wird es nicht anders sein. Um dem Eigensinn stattzugeben, wird eine noble Gesinnung vorgespannt, die die Uebeltäterin hindert, den übeln [sic] Duft ihrer Tat zu riechen u. sie glaubt, daß auch die Andern nichts Uebles bemerken, wenn sie nur selbst nichts bemerken will. Es dDas ist ja auch der gewohnte Gang aller unreifen Individuen, wenn sie, unfähig die Tat richtig auszuführen, sich bei der unrichtigen Ausführung damit bescheiden, was sie selbst über sich denken. – Ferner erzählte Frau W. von einer weiter[e]n Entfremdung Pollak’s, denen Frl. Fanny leider nach wie vor, sicher nur aus Gründen eingebildeten Märtyrertums, auf den Tot [sic] treu bleibt.

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Extraausgaben bringen um 9h abends den Kammerbericht aus Rom.

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© Transcription Marko Deisinger.

May 20, 1915.

Italy's declaration of war is expected any time now. 1

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Italy's demands are made known. They reveal less a megalomania than a quantity of human blinkeredness and stupidity that is not yet there. For either they would really want to be in possession of the Adriatic and various other territories in Asia Minor and Africa, in which case it is infinitely blinkered to suppose that all these wishes truly had a real basis, be it in population size or the nation's accomplishments; or they would like to believe the English, i.e. that having exerted themselves they put themselves in possession of the above-mentioned territories, in which case they are again only blinkered and foolish. However one takes it, the perfidy is above all based on their boundless stupidity, lack of logic, and blinkeredness. The form this blinkeredness takes is of course of secondary importance; one only has to deal with the ultimate cause. But if it is the case, then the simplest laws of psychology dictate that they will not know how to wage even their own war sensibly; and it there would have to be truly extraordinary and repugnant fortuities if Austria and Germany could not also become Italy's master!

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Postcard from Breisach from Prague. —

Vally surprises us in the afternoon, to give us the missing reply in person. As it follows from her stories, the situation around her has taken that course that had long ago been expected. Fanny's obstinacy is already now pushing her to prepare an unpleasantness for the family and Mrs. Hauser as a result of her having given up a relatively good job; and nothing at all will prevent her from doing something for which the damages will fall only upon those persons whom she has warned today. Admittedly she is offering, from the fullness of her psychotic makeup – as a quasi-substitute, her apparently good disposition, as if this were the deed and not that which she is elaborating. One is well aware of the {932} usual course of such psychoses: the common quip takes possession of her when it says, for example: "My wife promised me she would die; but she is not keeping her word." And even in this case it will not be different. In order to allow for stubbornness, the pretense of a noble temperament is established; this prevents the ill-doer from smelling the unpleasant odor of her deed, and she believes that the others, too, will not observe anything unpleasant so long as she herself will observe anything. This is indeed also the usual path taken by immature individuals when, being unable to carry out the necessary deed correctly, they content themselves with an incorrect execution, attributing correct action to themselves. – In addition, Vally spoke of a further disaffection on the part of Pollak, to whom Miss Fanny unfortunately – now as before, and surely only on account of an imagined martyrdom – will remain true until her death.

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Extra editions brings the news from the Chamber [of Deputies] in Rome at 9 o'clock in the evening.

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© Translation William Drabkin.

20. V. 15

Stündlich wird die Kriegerklärung Italiens erwartet. 1

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Die Forderung Italiens werden bekannt. Sie decken weniger etwa einen Größenwahn, als ein noch nicht dagewesenes Ausmaß menschlicher Borniertheit u. Dummheit auf. Denn entweder wenn sie mögen wirklich den Besitz der Adria u. verschiedener anderer Gebiete in Klein-Asien u. Afrika wünschen, dann ist es unendlich borniert anzunehmen, all’ diese Wünsche hätten wirklich eine reale G Unterlage, sei es in der Bevölkerungsziffer oder in den Leistungen der Nation. Oder aber sie mögen den Engländern es glauben, daß man sie nach gemachtem Gebrauch in den Besitz der oben erwähnten Gebiet[s]teile setzen werde, so sind sie auch in diesem Falle nur borniert u. läppisch. Wie man es nimmt liegt der Tücke vor allem die grenzenlose Unbildung, Unlogik u. Borniertheit zugrunde. Die Erscheinungsform der Borniertheit ist ja Nebensache; zu rechnen hat man nur mit der letzten Ursache. Ist dem aber so, so gebieten die einfachsten Gesetze der Psychologie anzunehmen, daß sie auch ihren Krieg nicht eben vernünftig zu führen wissen werden u. es müßte wahrlich mit sonderbaren u. gar zu widerwärtigen Zufällen zusammenhängen, wenn Osterreich u. Deutschland nicht auch Italiens Herr werden könnten!

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Karte von Breisach aus Prag. —

— Frau Wally überrascht uns nachmittag[s], um die versäumte Antwort mündlich nachzuholen. Wie aus ihren Erzählungen hervorgeht, nehmen die Verhältnisse um sie herum den von mir längst erwarteten Verlauf. Der Eigensinn des Frl. Fanny drängt sie schon jetzt einen Verdruß der Familie u. der Fr. Hauser zu bereiten, dadurch, daß sie auf eine relativ gute Stelle verzichtete, u. keinerlei Vorstellungen vermögen sie davon abzuhalten, etwas zu tun, wovon der Schaden wieder nur auf diejenigen Personen zurückfallen kann, die sie heute gewarnt haben. Freilich bietet sie aus der Fülle ihrer Psychose gleichsam zum Ersatz ihre angeblich gute Gesinnung, als wäre diese die Tat u. nicht das, was sie ausführt. Man kennt ja den ge- {932} wohnten Verlauf solcher Psychosen; der Volkswitz hat sich ihrer bemächtigt[,] wenn er sagt z. B.: „Die Frau hat mir versprochen zu sterben, doch sie hält ihr Wort nicht“ – u. auch in diesem Falle wird es nicht anders sein. Um dem Eigensinn stattzugeben, wird eine noble Gesinnung vorgespannt, die die Uebeltäterin hindert, den übeln [sic] Duft ihrer Tat zu riechen u. sie glaubt, daß auch die Andern nichts Uebles bemerken, wenn sie nur selbst nichts bemerken will. Es dDas ist ja auch der gewohnte Gang aller unreifen Individuen, wenn sie, unfähig die Tat richtig auszuführen, sich bei der unrichtigen Ausführung damit bescheiden, was sie selbst über sich denken. – Ferner erzählte Frau W. von einer weiter[e]n Entfremdung Pollak’s, denen Frl. Fanny leider nach wie vor, sicher nur aus Gründen eingebildeten Märtyrertums, auf den Tot [sic] treu bleibt.

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Extraausgaben bringen um 9h abends den Kammerbericht aus Rom.

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© Transcription Marko Deisinger.

May 20, 1915.

Italy's declaration of war is expected any time now. 1

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Italy's demands are made known. They reveal less a megalomania than a quantity of human blinkeredness and stupidity that is not yet there. For either they would really want to be in possession of the Adriatic and various other territories in Asia Minor and Africa, in which case it is infinitely blinkered to suppose that all these wishes truly had a real basis, be it in population size or the nation's accomplishments; or they would like to believe the English, i.e. that having exerted themselves they put themselves in possession of the above-mentioned territories, in which case they are again only blinkered and foolish. However one takes it, the perfidy is above all based on their boundless stupidity, lack of logic, and blinkeredness. The form this blinkeredness takes is of course of secondary importance; one only has to deal with the ultimate cause. But if it is the case, then the simplest laws of psychology dictate that they will not know how to wage even their own war sensibly; and it there would have to be truly extraordinary and repugnant fortuities if Austria and Germany could not also become Italy's master!

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Postcard from Breisach from Prague. —

Vally surprises us in the afternoon, to give us the missing reply in person. As it follows from her stories, the situation around her has taken that course that had long ago been expected. Fanny's obstinacy is already now pushing her to prepare an unpleasantness for the family and Mrs. Hauser as a result of her having given up a relatively good job; and nothing at all will prevent her from doing something for which the damages will fall only upon those persons whom she has warned today. Admittedly she is offering, from the fullness of her psychotic makeup – as a quasi-substitute, her apparently good disposition, as if this were the deed and not that which she is elaborating. One is well aware of the {932} usual course of such psychoses: the common quip takes possession of her when it says, for example: "My wife promised me she would die; but she is not keeping her word." And even in this case it will not be different. In order to allow for stubbornness, the pretense of a noble temperament is established; this prevents the ill-doer from smelling the unpleasant odor of her deed, and she believes that the others, too, will not observe anything unpleasant so long as she herself will observe anything. This is indeed also the usual path taken by immature individuals when, being unable to carry out the necessary deed correctly, they content themselves with an incorrect execution, attributing correct action to themselves. – In addition, Vally spoke of a further disaffection on the part of Pollak, to whom Miss Fanny unfortunately – now as before, and surely only on account of an imagined martyrdom – will remain true until her death.

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Extra editions brings the news from the Chamber [of Deputies] in Rome at 9 o'clock in the evening.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 Italy had been allied with the German and Austro-Hungarian Empires since 1882 as part of the Triple Alliance. However, the nation had its own designs on Austrian territory in Trentino, the Austrian Littoral, Fiume (Rijeka) and Dalmatia. After the outbreak of war, the Austro-Hungarian government began negotiations to secure Italian neutrality, offering the French colony of Tunisia in return. The Entente powers made a counter-offer in which Italy would receive the Southern Tyrol, Austrian Littoral and territory on the Dalmatian coast after the defeat of Austria-Hungary. This was formalized by the Treaty of London. Further encouraged by the Allied invasion of Turkey in April 1915, Italy joined the Entente Powers and declared war on Austria-Hungary on 23 May.