3. XII. 15

Die neue Bedienerin verliert die Wohnung[s]schlüssel. Um ihr die Handhabung der Tür zu zeigen[,] trete ich in den Gang u. schlage hinter mir die Tür zu, obgleich ich nur erst mit den Unterhosen bekleidet war. Die Situation macht mich derart ungeschickt, daß ich selbst vergesse der Bedienerin aufzutragen die Tür von innen zu öffnen u. in den Wahn gerate, sie müßte auch von innen mit dem Schlüssel geöffnet werden. Ebenso ungeschickt benimmt sich die Bedienerin, die auch von selbst nicht darauf kommt, die Tür zu öffnen, u. so bleibe ich einige Minuten in Unterhosen auf dem Gange. Eine ältere Dame geht vorüber. —

*

BriefOC B/212 von Breitkopf u. Härtel: sie wären bereit mir einige Stellen freizugeben, da durch die Wiedergabe der ganzen Handschrift diese an Wert verlieren müßte. Ich vermag nicht zu entscheiden, ob sie bona oder mala fide den Brief schrieben; ich habe ja nie einen Wiederabdruck der Handschrift geplant u. habe das sicher sehr klar zum Ausdruck gebracht. Wie nur aber ein Verleger, der den Wert seiner Handschrift durch solche {53} unverschämte Ausgaben selbst herabsetzt, zugleich um die Herabsetzung des Originals durch einen andern bangen kann, das mag einer erklären, der die menschliche Bestie besser wie ich versteht! —

*

Frau D. im Caféhaus; erkundigt sich in Gegenwart Lie-Liechens um meine Weihnachtswünsche. Ich lehne jedes Geschenk deutlich ab, da auch ich umgekehrt zu einem Geschenk verpflichtet wäre, sofern das Geschenk ein Gebrauchsgegenstand sein soll. Dagegen lege ich ihr nahe über die Form nachzudenken, in der sie mich für allfällige Eventualitäten sicherstellen könnte in bezug auf die Herausgabe meiner Werke. Ich erkläre ihr, daß ich vorläufig den Verlust von vielen tausend Kronen ohneweiters auf mich nehme, aber gerade wegen dieses Verlustes nicht noch weiters riskieren darf, einem üblen Zufall aufzusitzen u. noch größere Verluste zu erleiden. Bei dieser Gelegenheit gab sie ihrem Gedanken deutlich Ausdruck u. sie gebrauchte die Wendung vom Vorschießen von 10.000 Mark, wobei ihren Erben nicht gestattet sein dürfte, mich zu mahnen. Also als Vorschußgeschäft denkt sich die Frau die Herausgabe! Die Zinsen ihrer Kapitalien, die sie ja nicht für verloren hält, nimmt sie im voraus ein, indem sie uns jede Woche zu Tisch u. im Caféhaus zur Last fällt. Wenn das nicht Wucher ist, wie sieht er dann sonst aus?

*

Bei Rothberger die Rechnung beglichen u. Erkundigungen nach dem Ueberzieher eingezogen.

*

Brünauer borgt sich 10 Kronen aus statt zu zahlen! —

*

© Transcription Marko Deisinger.

December 3, 1915.

The new maid loses the keys to the apartment. In order to show her how to operate the door, I step into the stairwell and close the door behind me, although I was dressed only in my underpants. The situation makes me clumsy to the extent that I forget to tell the maid to open the door from the inside, and delude myself into thinking that she would need a key even to open the door from the inside. The maid behaves just as clumsily by not realizing that she has to open the door. And so I remain on the landing for several minutes in my underpants. An elderly lady walks past me. —

*

LetterOC B/212 from Breitkopf & Härtel: they would be prepared to make a few excerpts available to me, since the reproduction of the entire manuscript would necessarily result in a loss in its value. I am unable to decide whether the letter was written in good or bad faith; I have indeed never planned to publish a reproduction of the manuscript, and I surely expressed this very clearly. But how a publisher, who lowers the value of the original by publishing such shameless editions himself, {53} can complain at the same time about the lowering in value of the original by someone else is something that someone who understands the human animal better than I can explain! —

*

Mrs. Deutsch at the coffee house; she asks, in Lie-Liechen's presence, what I would like for Christmas. I clearly refuse any present, as I would, conversely, also be bound to give her a present, insofar as a present would be something useful. On the other hand, I ask her to consider carefully the manner in which she could support me in all eventualities with regard to the publication of my works. I explain to her that I am taking a loss of many thousands of Kronen upon myself without further ado; but precisely on account of this loss, I cannot take any additional risks, were I to encounter an unfortunate circumstance and suffer even greater losses. On this occasion, she expressed her thoughts clearly and used the expression of the advance of 10,000 marks, whereby her heirs would not be permitted to admonish me. So, she imagines the publication [of my works] as an advancement business! The interest on her capital, which she does not indeed regard as lost, she takes in advance by being a burden upon us every week at lunch and in the coffee house. If that is not profiteering, how else would one describe it?

*

At Rothberger's, the invoice paid and enquiries about the overcoat initiated.

*

Brünauer borrows 10 Kronen instead of paying! —

*

© Translation William Drabkin.

3. XII. 15

Die neue Bedienerin verliert die Wohnung[s]schlüssel. Um ihr die Handhabung der Tür zu zeigen[,] trete ich in den Gang u. schlage hinter mir die Tür zu, obgleich ich nur erst mit den Unterhosen bekleidet war. Die Situation macht mich derart ungeschickt, daß ich selbst vergesse der Bedienerin aufzutragen die Tür von innen zu öffnen u. in den Wahn gerate, sie müßte auch von innen mit dem Schlüssel geöffnet werden. Ebenso ungeschickt benimmt sich die Bedienerin, die auch von selbst nicht darauf kommt, die Tür zu öffnen, u. so bleibe ich einige Minuten in Unterhosen auf dem Gange. Eine ältere Dame geht vorüber. —

*

BriefOC B/212 von Breitkopf u. Härtel: sie wären bereit mir einige Stellen freizugeben, da durch die Wiedergabe der ganzen Handschrift diese an Wert verlieren müßte. Ich vermag nicht zu entscheiden, ob sie bona oder mala fide den Brief schrieben; ich habe ja nie einen Wiederabdruck der Handschrift geplant u. habe das sicher sehr klar zum Ausdruck gebracht. Wie nur aber ein Verleger, der den Wert seiner Handschrift durch solche {53} unverschämte Ausgaben selbst herabsetzt, zugleich um die Herabsetzung des Originals durch einen andern bangen kann, das mag einer erklären, der die menschliche Bestie besser wie ich versteht! —

*

Frau D. im Caféhaus; erkundigt sich in Gegenwart Lie-Liechens um meine Weihnachtswünsche. Ich lehne jedes Geschenk deutlich ab, da auch ich umgekehrt zu einem Geschenk verpflichtet wäre, sofern das Geschenk ein Gebrauchsgegenstand sein soll. Dagegen lege ich ihr nahe über die Form nachzudenken, in der sie mich für allfällige Eventualitäten sicherstellen könnte in bezug auf die Herausgabe meiner Werke. Ich erkläre ihr, daß ich vorläufig den Verlust von vielen tausend Kronen ohneweiters auf mich nehme, aber gerade wegen dieses Verlustes nicht noch weiters riskieren darf, einem üblen Zufall aufzusitzen u. noch größere Verluste zu erleiden. Bei dieser Gelegenheit gab sie ihrem Gedanken deutlich Ausdruck u. sie gebrauchte die Wendung vom Vorschießen von 10.000 Mark, wobei ihren Erben nicht gestattet sein dürfte, mich zu mahnen. Also als Vorschußgeschäft denkt sich die Frau die Herausgabe! Die Zinsen ihrer Kapitalien, die sie ja nicht für verloren hält, nimmt sie im voraus ein, indem sie uns jede Woche zu Tisch u. im Caféhaus zur Last fällt. Wenn das nicht Wucher ist, wie sieht er dann sonst aus?

*

Bei Rothberger die Rechnung beglichen u. Erkundigungen nach dem Ueberzieher eingezogen.

*

Brünauer borgt sich 10 Kronen aus statt zu zahlen! —

*

© Transcription Marko Deisinger.

December 3, 1915.

The new maid loses the keys to the apartment. In order to show her how to operate the door, I step into the stairwell and close the door behind me, although I was dressed only in my underpants. The situation makes me clumsy to the extent that I forget to tell the maid to open the door from the inside, and delude myself into thinking that she would need a key even to open the door from the inside. The maid behaves just as clumsily by not realizing that she has to open the door. And so I remain on the landing for several minutes in my underpants. An elderly lady walks past me. —

*

LetterOC B/212 from Breitkopf & Härtel: they would be prepared to make a few excerpts available to me, since the reproduction of the entire manuscript would necessarily result in a loss in its value. I am unable to decide whether the letter was written in good or bad faith; I have indeed never planned to publish a reproduction of the manuscript, and I surely expressed this very clearly. But how a publisher, who lowers the value of the original by publishing such shameless editions himself, {53} can complain at the same time about the lowering in value of the original by someone else is something that someone who understands the human animal better than I can explain! —

*

Mrs. Deutsch at the coffee house; she asks, in Lie-Liechen's presence, what I would like for Christmas. I clearly refuse any present, as I would, conversely, also be bound to give her a present, insofar as a present would be something useful. On the other hand, I ask her to consider carefully the manner in which she could support me in all eventualities with regard to the publication of my works. I explain to her that I am taking a loss of many thousands of Kronen upon myself without further ado; but precisely on account of this loss, I cannot take any additional risks, were I to encounter an unfortunate circumstance and suffer even greater losses. On this occasion, she expressed her thoughts clearly and used the expression of the advance of 10,000 marks, whereby her heirs would not be permitted to admonish me. So, she imagines the publication [of my works] as an advancement business! The interest on her capital, which she does not indeed regard as lost, she takes in advance by being a burden upon us every week at lunch and in the coffee house. If that is not profiteering, how else would one describe it?

*

At Rothberger's, the invoice paid and enquiries about the overcoat initiated.

*

Brünauer borrows 10 Kronen instead of paying! —

*

© Translation William Drabkin.