22. III. 33

Geehrter, lieber Herr Dr. Jonas ! 1

Einmal unter vier ‚höchstens‛ sechs Augen 2 werde ich Ihnen all die Zusammenhänge erklären, die Hob. in Ihre u. meine Angelegenheiten hineingetragen hat, heute will ich meiner Freude Ausdruck geben, daß es zumindest so weit gekommen ist! Also Glück auf! Und nun zu Ihrer Frage: 3

Marx ’ Anregung gieng zuerst zu Dr. Kalmus ( U.E. ), der sie mir schriftlich mitteilte. Der erste Wunsch von Marx bezog sich auf eine äußerste Kürzung, äußerste Billigkeit. Nun hat schon vor mehr als 15 Jahren Vrieslander eine solche Arbeit dem Dir. Hertzka vorgelegt, {2} wovon, versteht sich, auch ich wußte. Da war nun nicht zu umgehen, das ich Dr. Kalmus auf Vriesl. verwies, es entstand ein sehr reger Briefwechsel. Inzwischen war Marx auch bei mir zu Hause u. gab noch weitere Wünsche zum Besten (bitte, lachen Sie nicht, es ist ja traurig genug), so z.B. würde er bei aller Kürze (höchstens 100 Druckseiten) doch noch einen „Anhang“ wünschen, worin auf Choral, Form, Modul. in Kürze hingewiesen würde. Ich melde[illeg]te es Vr. , meinte aber, er solle sich durch solche Dummheiten nicht stören lassen. Nachdem die Sache so weit gediehen war, das vor einer Bestellung durch K. schon in der Luft lag, meldete K. plötzlich (brieflich), Marx könne sich nicht verbürgen, da die Einführung nicht von ihm allein abhänge. (Er kam als „Direktor“ in Frage, nun aber ist diese Kombination ins Wasser gefallen.) Daß unter solchen {3} Umständen K. an die Erwerbung nicht mehr denkt, ist klar. An dieser Lage ändert sich nichts dadurch, daß, wie nun M. mir selbst schrieb, meine Werke als „Lehrmittel“ „vorgemerkt“ werden. Verzeihung, ich vergaß das Heiterste u. Traurigste zu erzählen. K. meldete mir, M. möchte auch „Aufgaben“ beigefügt sehen!!! Mit einem Wort: es lief die Sache wieder auf einen – „ Stöhr 4 hinaus! So armselig sieht es 5 in solchen Köpfen aus, u. die persönliche Bekanntschaft hat mir ein Niveau enthüllt, wie es tiefer nicht gedacht sein kann. Da war wirklich nichts mehr zu machen. Und trotzdem Vriesl. , vornehm wie immer bis ins Letzte, erbat von mir die Erlaubnis, doch die Arbeit zu machen, er sei zu sehr davon überzeugt, daß man ihrer früher oder später bedürfen wird, wozu sich dann gewiß {4} die Mittel finden werden. (Er denkt auch an eine testamentarische Sicherung.) Nebenbei: eine ähnliche Arbeit hat er für sich u. seine Schüler auch am Kp. vollzogen, nicht anders offenbar als Sie selbst, wie ich Ihrem Brief entnehme.

Daß Sie in Ihrer Arbeit an Bd I nicht vorbeigehen können, ist klar. Schon der Stufengang im Vdg wird Sie dazu nötigen. Und wenn Sie im Zusammenhang mit der Stufe auf die Quint usw. zurückkommen, so müssen Sie doch wohl Bd I streifen, mehr als das: heranziehen. Mir haftet übrigens ein Weg in Erinnerung, 6 den Sie zu den Stufen in einem Ihrer Aufsätze eingeschlagen haben. Ich möchte glauben, daß ein Konflikt gar nicht entstehen kann, Vr ’s Aufgabe ist viel begrenzter, die Ihre freier: Sie können kennen übrigens seine Leistung nicht, er Ihre nicht.

Haben Sie von Dr. Weisse ’s Erfolgen gehört? 90 Hörer (, auch an die „Url.Tf.“), 450 Doll. für 12 Stunde, hübsch. – Daß Einstein Sie über „Saul“ 7 gewähren lässt, freut mich für Sie, für die Sache. Hob. schrieb mir, daß es Ihnen besser geht, ist es so, ist es noch [upper margin, upside down:] so, so freue ich mich herzlich Ihres wohlverdienten Erfolges!


Mit besten Grüßen von uns Beiden,
Ihr
[signed:] H Schenker

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


March 22, 1933

Revered, dear Dr Jonas, 1

Sometime, under four (or "at most" six) eyes, 2 I will tell you about all of the interconnections Hoboken has intruded into your affairs and mine; today I want to express my pleasure that things have at least progressed so far! Good luck, then! And now to your question: 3

Marx's initiative went first to Dr. Kalmus (Universal Edition), who communicated it to me in writing. The first desideratum of Marx related to maximal brevity, maximal affordability. Now Vrieslander had already put such a project before Director Hertzka more than fifteen years ago, {2} about which, naturally, I also knew. Inevitably, then, I referred Dr. Kalmus to Vrieslander; a very active correspondence resulted. Meanwhile, Marx had also visited me here and uttered some odd wishes (please don't laugh, it is melancholy enough) ‒ thus for example while maintaining all brevity (at most 100 pages) he wanted further an "appendix" with concise references to chorale, form, and modulation. I conveyed this to Vrieslander, but suggested that he should not be bothered by such foolishness. Once the matter had progressed so far that an order by Kalmus was in the offing, Kalmus suddenly announced (by letter) that Marx couldn't make any assurances, since the Introduction did not depend on him alone. (He was involved as "Director," but now this arrangement is a thing of the past.) That Kalmus, under such {3} circumstances, no longer considers the acquisition, is clear. None of this is affected by the fact that, as Marx himself wrote me, my works are "listed" as "teaching materials"! Excuse me, I forgot to mention the funniest and saddest part. Kalmus told me that Marx also wanted to have "exercises" included!!! In a word: the matter again came down to a ‒"Stöhr"! 4 That is how disastrous it looks in such minds, 5 and the personal acquaintanceship has shown me a level beneath which none can be conceived. Really, nothing more could be done there. And nevertheless: Vrieslander, honorable as always to the end, asked my permission to do the work anyway, he being so completely convinced that sooner or later it would be needed, for which, at that time, the {4} resources certainly would be found. (He is considering also a testamentary safeguard.) Incidentally: he has completed a similar study for himself, and also for his students, on Counterpoint , obviously not unlike you yourself, as I gather from your letter.

It is clear that in your work you cannot bypass Vol. I. Even the scale-degree progression in the foreground will require it. And when, in connection with the scale-degree, you return to the fifth etc., you will surely have to touch on Vol. I, more still: invoke it. By the way, there sticks in my memory 6 a path to the scale-degrees that you struck in one of your essays. I would like to think that no conflict at all can arise; Vrieslander's purpose is much more limited, yours freer: you, incidentally, can are not familiar with his achievement, nor he with yours.

Have you heard of Dr. Weisse's successes? Ninety auditors (also for the Urlinie-Tafeln ), $450 for twelve lessons, not bad. ‒ That Einstein gives you free rein concerning Saul 7 makes me happy for you, and for the work. Hoboken wrote me that things are better for you; [in upper margin, upside down:] if it is true, if it is still true, then I take great pleasure in your well-earned success!


With best greetings from both of us,
Your
[signed:] H. Schenker

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


22. III. 33

Geehrter, lieber Herr Dr. Jonas ! 1

Einmal unter vier ‚höchstens‛ sechs Augen 2 werde ich Ihnen all die Zusammenhänge erklären, die Hob. in Ihre u. meine Angelegenheiten hineingetragen hat, heute will ich meiner Freude Ausdruck geben, daß es zumindest so weit gekommen ist! Also Glück auf! Und nun zu Ihrer Frage: 3

Marx ’ Anregung gieng zuerst zu Dr. Kalmus ( U.E. ), der sie mir schriftlich mitteilte. Der erste Wunsch von Marx bezog sich auf eine äußerste Kürzung, äußerste Billigkeit. Nun hat schon vor mehr als 15 Jahren Vrieslander eine solche Arbeit dem Dir. Hertzka vorgelegt, {2} wovon, versteht sich, auch ich wußte. Da war nun nicht zu umgehen, das ich Dr. Kalmus auf Vriesl. verwies, es entstand ein sehr reger Briefwechsel. Inzwischen war Marx auch bei mir zu Hause u. gab noch weitere Wünsche zum Besten (bitte, lachen Sie nicht, es ist ja traurig genug), so z.B. würde er bei aller Kürze (höchstens 100 Druckseiten) doch noch einen „Anhang“ wünschen, worin auf Choral, Form, Modul. in Kürze hingewiesen würde. Ich melde[illeg]te es Vr. , meinte aber, er solle sich durch solche Dummheiten nicht stören lassen. Nachdem die Sache so weit gediehen war, das vor einer Bestellung durch K. schon in der Luft lag, meldete K. plötzlich (brieflich), Marx könne sich nicht verbürgen, da die Einführung nicht von ihm allein abhänge. (Er kam als „Direktor“ in Frage, nun aber ist diese Kombination ins Wasser gefallen.) Daß unter solchen {3} Umständen K. an die Erwerbung nicht mehr denkt, ist klar. An dieser Lage ändert sich nichts dadurch, daß, wie nun M. mir selbst schrieb, meine Werke als „Lehrmittel“ „vorgemerkt“ werden. Verzeihung, ich vergaß das Heiterste u. Traurigste zu erzählen. K. meldete mir, M. möchte auch „Aufgaben“ beigefügt sehen!!! Mit einem Wort: es lief die Sache wieder auf einen – „ Stöhr 4 hinaus! So armselig sieht es 5 in solchen Köpfen aus, u. die persönliche Bekanntschaft hat mir ein Niveau enthüllt, wie es tiefer nicht gedacht sein kann. Da war wirklich nichts mehr zu machen. Und trotzdem Vriesl. , vornehm wie immer bis ins Letzte, erbat von mir die Erlaubnis, doch die Arbeit zu machen, er sei zu sehr davon überzeugt, daß man ihrer früher oder später bedürfen wird, wozu sich dann gewiß {4} die Mittel finden werden. (Er denkt auch an eine testamentarische Sicherung.) Nebenbei: eine ähnliche Arbeit hat er für sich u. seine Schüler auch am Kp. vollzogen, nicht anders offenbar als Sie selbst, wie ich Ihrem Brief entnehme.

Daß Sie in Ihrer Arbeit an Bd I nicht vorbeigehen können, ist klar. Schon der Stufengang im Vdg wird Sie dazu nötigen. Und wenn Sie im Zusammenhang mit der Stufe auf die Quint usw. zurückkommen, so müssen Sie doch wohl Bd I streifen, mehr als das: heranziehen. Mir haftet übrigens ein Weg in Erinnerung, 6 den Sie zu den Stufen in einem Ihrer Aufsätze eingeschlagen haben. Ich möchte glauben, daß ein Konflikt gar nicht entstehen kann, Vr ’s Aufgabe ist viel begrenzter, die Ihre freier: Sie können kennen übrigens seine Leistung nicht, er Ihre nicht.

Haben Sie von Dr. Weisse ’s Erfolgen gehört? 90 Hörer (, auch an die „Url.Tf.“), 450 Doll. für 12 Stunde, hübsch. – Daß Einstein Sie über „Saul“ 7 gewähren lässt, freut mich für Sie, für die Sache. Hob. schrieb mir, daß es Ihnen besser geht, ist es so, ist es noch [upper margin, upside down:] so, so freue ich mich herzlich Ihres wohlverdienten Erfolges!


Mit besten Grüßen von uns Beiden,
Ihr
[signed:] H Schenker

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


March 22, 1933

Revered, dear Dr Jonas, 1

Sometime, under four (or "at most" six) eyes, 2 I will tell you about all of the interconnections Hoboken has intruded into your affairs and mine; today I want to express my pleasure that things have at least progressed so far! Good luck, then! And now to your question: 3

Marx's initiative went first to Dr. Kalmus (Universal Edition), who communicated it to me in writing. The first desideratum of Marx related to maximal brevity, maximal affordability. Now Vrieslander had already put such a project before Director Hertzka more than fifteen years ago, {2} about which, naturally, I also knew. Inevitably, then, I referred Dr. Kalmus to Vrieslander; a very active correspondence resulted. Meanwhile, Marx had also visited me here and uttered some odd wishes (please don't laugh, it is melancholy enough) ‒ thus for example while maintaining all brevity (at most 100 pages) he wanted further an "appendix" with concise references to chorale, form, and modulation. I conveyed this to Vrieslander, but suggested that he should not be bothered by such foolishness. Once the matter had progressed so far that an order by Kalmus was in the offing, Kalmus suddenly announced (by letter) that Marx couldn't make any assurances, since the Introduction did not depend on him alone. (He was involved as "Director," but now this arrangement is a thing of the past.) That Kalmus, under such {3} circumstances, no longer considers the acquisition, is clear. None of this is affected by the fact that, as Marx himself wrote me, my works are "listed" as "teaching materials"! Excuse me, I forgot to mention the funniest and saddest part. Kalmus told me that Marx also wanted to have "exercises" included!!! In a word: the matter again came down to a ‒"Stöhr"! 4 That is how disastrous it looks in such minds, 5 and the personal acquaintanceship has shown me a level beneath which none can be conceived. Really, nothing more could be done there. And nevertheless: Vrieslander, honorable as always to the end, asked my permission to do the work anyway, he being so completely convinced that sooner or later it would be needed, for which, at that time, the {4} resources certainly would be found. (He is considering also a testamentary safeguard.) Incidentally: he has completed a similar study for himself, and also for his students, on Counterpoint , obviously not unlike you yourself, as I gather from your letter.

It is clear that in your work you cannot bypass Vol. I. Even the scale-degree progression in the foreground will require it. And when, in connection with the scale-degree, you return to the fifth etc., you will surely have to touch on Vol. I, more still: invoke it. By the way, there sticks in my memory 6 a path to the scale-degrees that you struck in one of your essays. I would like to think that no conflict at all can arise; Vrieslander's purpose is much more limited, yours freer: you, incidentally, can are not familiar with his achievement, nor he with yours.

Have you heard of Dr. Weisse's successes? Ninety auditors (also for the Urlinie-Tafeln ), $450 for twelve lessons, not bad. ‒ That Einstein gives you free rein concerning Saul 7 makes me happy for you, and for the work. Hoboken wrote me that things are better for you; [in upper margin, upside down:] if it is true, if it is still true, then I take great pleasure in your well-earned success!


With best greetings from both of us,
Your
[signed:] H. Schenker

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/6, p. 3821, March 22, 1933: "An Jonas (Br.): ein Konflikt kaum möglich, freue mich des Erscheinens der „Einführung“, der Haltung Einsteins usw." ("To Jonas (letter): a conflict is hardly possible, I am delighted by the appearance of the Einführung, Einstein's behavior, etc.").

2 That is, in private, with only the two of us (or at most three) present. The contemplated third party is probably Schenker’s wife Jeanette.

3 See OJ 12/6, [20], March 20, 1933. The question concerned the proposed new edition of Harmonielehre.

4 See OJ 5/18, 17, December 1, 1932.

5 Originally "So sieht es unselig," corrected with a transpostion mark.

6 Originally "in Erinnerung ein Weg," corrected with a transposition mark.

7 See OJ 12/6, [13], July 14, 1932, note 2.

Commentary

Format
4p letter, Bogen format, holograph salutations, message and signature
Provenance
Oswald Jonas (document date-1978)—Special Collections, University of California, Riverside (1978-)
Rights Holder
In the public domain
License
This document is deemed to be in the public domain as of January 1, 2006. All reasonable efforts have been made to identify heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2015-10-26
Last updated: 2011-02-10