Duisburg am 26.III.29.
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Sehr verehrter Meister! 1

Eigenartig ist, dass im Augenblick, da ich zu schreiben beginne, aus meines Vaters grossem Empfänger Händels „Judas“ laut und rein ertönt, als sässe ich selber im grossen Musikvereinssaal in Wien. Ich {2} kann mir also einbilden, dass ich mit meinen Gedanken nicht weiter, als von der Lothringerstrasse, den Rennweg hinunter bis zu Ihnen reisen müsste. 2 Dabei sitze ich in Duisburg, und die Welle zaubert mir Wien, den Musikvereinssaal und den Maccabäei direkt ins Haus. Die Technik hat doch enorme Fortschritte gemacht; die Wiedergabe mit unserem Gerät ist so vollkommen, dass es beinahe etwas unheimliches hat. —

Die beiden Karikaturen auf der ersten Seite stellen meine Komponierkollgen vor, mit denen ich letzten Freitag einen äusserst gut gelungenen Abend veranstaltet habe. Die einliegenden beiden Rezensionen (Kommentar überflussig) bedeuten einen Höhepunkt an interessierter Ausführlichkeit wie ihn sich die hiesigen Kritiker noch selten geleistet haben. Wir haben einiges Aufsehen verursacht, {3} und die Duisburger Kunstkreise mit neuem Gesprächsstoff versorgt. —

Im Mai beginnt meine zweite Vortragsserie an der Hochschule in Köln. 3 Ich danke Ihnen sehr für die, mir vom „Kunstwart“ übersandte Ausgabenabhandlung; 4 da einer der Vorträge in Köln von diesen Dingen handeln wird, kam das Heft zu guter Zeit. Bis jetzt habe ich sechs Stimmführungsbilder erläutert. Darunter selbstgefertigte. Nun kommt als nächstes die Fuge aus Jahrbuch II. an die Reihe, 5 später dann Konfrontationen „neuester“ und alter Meister, wobei die Urlinie-Taubheit der Hindemiths, Jarnachs, Bartòks [sic] etc. erwiesen werden soll. 6 Die erste Vortragsreihe hat ziemlich eingeschlagen. Alle, die den Mut hatten mitzuarbeiten, – es waren {4} kaum dreissig von hundert am Anfang – waren überzeugt und begeistert. Ein sehr gemütlicher Discussionsabend behob noch versteckte Zweifel. Braunfels steht der Sache fördernd gegenüber. Eine Reihe Professoren hingegen opponiert und erschwert mir die Sache. Wieweit ein engerer Anschluss an Köln in Frage kommen könnte, weiss ich noch nicht. —

Darf ich mir die Kritiken gelegentlich zurückerbitten, ich habe nur noch diese beiden.

Sobald ich in Köln wieder angefangen habe, schreibe ich wieder. Für heute die besten Grüsse Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin, sowie Hoboken,


von
Ihrem
[signed:] Cube.

[in bottom left corner:]
P.S. Albersheim und Hupka zu besuchen, lagen die Kurse zu unbequem, 7 aber nach Ostern werde ich mit beiden schriftlich in Verbindung treten, zwecks Vereinbarung der Besuche.

© Transcription William Drabkin, 2006


Duisburg, March 26, 1929
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Most revered master, 1

How strange it is that, at the moment I begin to write this letter, Handel's Judas Maccabeus can be heard so loudly and clearly from my father's big receiver that it is as if I were myself sitting in the great hall of the Vienna Musikverein. I {2} can thus imagine that, for me and my thoughts to reach you, I only have to travel from Lothringerstrasse down the Rennweg. 2 At present I am sitting in Duisburg, and the radio waves magically bring Vienna, the hall of the Musikverein, and the Maccabeans right into the house. The technology has indeed made enormous progress; the quality of the sound of our apparatus is so perfect that there is almost something uncanny about it.

The two caricatures on the first page represent my composer colleagues [Dr. Eduard Kreuzhage and Alfred Ahrens], with whom I organized an extremely successful evening last Friday. The enclosed reviews (commentary is unnecessary) signify a high point in the explicit expression of interest, as the local critics have only seldom achieved. We have created a bit of stir {3} and provided the artistic circles in Duisburg with something to talk about.

My second series of lectures at the conservatory in Cologne begins in May. 3 Thank you for the article on editions in Der Kunstwart , 4 which you arranged to have sent to me; since one of my lectures in Cologne is on the subject of these things, the volume arrived at an opportune time. Up to now, I have elucidated six voice-leading graphs, including some that I prepared myself. Next it will be the turn of the Fugue from Das Meisterwerk in der Musik, vol. 2; 5 later I will compare the newest masters with the old ones, by which I hope to show that the Hindemiths, Jarnachs and Bartóks are deaf to the Urlinie. 6 The first series of lectures turned out rather well. All those who had the initiative to take part [in working on the pieces I set] – these comprised {4} barely thirty out of one hundred at the beginning – were convinced and inspired. A very agreeable evening of discussion dispelled further doubts. Braunfels is very supportive of the matter. A series of professors, however, are opposed to it, and make things difficult for me. How far a closer liaison with Cologne might materialize is something I do not yet know.

May I ask you to return the reviews, when you have the opportunity? These two are the only ones I have.

As soon as I start again in Cologne, I will write to you again. For today, best greetings to you and your wife, and also to Hoboken,


from
your
[signed:] Cube.

[in bottom left corner:]
P.S. Because of the timing of my lectures, it was not convenient for me to visit Albersheim or Hupka; 7 after Easter, however, I will contact them in writing for the purpose of arranging the visits.

© Translation William Drabkin, 2006


Duisburg am 26.III.29.
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Sehr verehrter Meister! 1

Eigenartig ist, dass im Augenblick, da ich zu schreiben beginne, aus meines Vaters grossem Empfänger Händels „Judas“ laut und rein ertönt, als sässe ich selber im grossen Musikvereinssaal in Wien. Ich {2} kann mir also einbilden, dass ich mit meinen Gedanken nicht weiter, als von der Lothringerstrasse, den Rennweg hinunter bis zu Ihnen reisen müsste. 2 Dabei sitze ich in Duisburg, und die Welle zaubert mir Wien, den Musikvereinssaal und den Maccabäei direkt ins Haus. Die Technik hat doch enorme Fortschritte gemacht; die Wiedergabe mit unserem Gerät ist so vollkommen, dass es beinahe etwas unheimliches hat. —

Die beiden Karikaturen auf der ersten Seite stellen meine Komponierkollgen vor, mit denen ich letzten Freitag einen äusserst gut gelungenen Abend veranstaltet habe. Die einliegenden beiden Rezensionen (Kommentar überflussig) bedeuten einen Höhepunkt an interessierter Ausführlichkeit wie ihn sich die hiesigen Kritiker noch selten geleistet haben. Wir haben einiges Aufsehen verursacht, {3} und die Duisburger Kunstkreise mit neuem Gesprächsstoff versorgt. —

Im Mai beginnt meine zweite Vortragsserie an der Hochschule in Köln. 3 Ich danke Ihnen sehr für die, mir vom „Kunstwart“ übersandte Ausgabenabhandlung; 4 da einer der Vorträge in Köln von diesen Dingen handeln wird, kam das Heft zu guter Zeit. Bis jetzt habe ich sechs Stimmführungsbilder erläutert. Darunter selbstgefertigte. Nun kommt als nächstes die Fuge aus Jahrbuch II. an die Reihe, 5 später dann Konfrontationen „neuester“ und alter Meister, wobei die Urlinie-Taubheit der Hindemiths, Jarnachs, Bartòks [sic] etc. erwiesen werden soll. 6 Die erste Vortragsreihe hat ziemlich eingeschlagen. Alle, die den Mut hatten mitzuarbeiten, – es waren {4} kaum dreissig von hundert am Anfang – waren überzeugt und begeistert. Ein sehr gemütlicher Discussionsabend behob noch versteckte Zweifel. Braunfels steht der Sache fördernd gegenüber. Eine Reihe Professoren hingegen opponiert und erschwert mir die Sache. Wieweit ein engerer Anschluss an Köln in Frage kommen könnte, weiss ich noch nicht. —

Darf ich mir die Kritiken gelegentlich zurückerbitten, ich habe nur noch diese beiden.

Sobald ich in Köln wieder angefangen habe, schreibe ich wieder. Für heute die besten Grüsse Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin, sowie Hoboken,


von
Ihrem
[signed:] Cube.

[in bottom left corner:]
P.S. Albersheim und Hupka zu besuchen, lagen die Kurse zu unbequem, 7 aber nach Ostern werde ich mit beiden schriftlich in Verbindung treten, zwecks Vereinbarung der Besuche.

© Transcription William Drabkin, 2006


Duisburg, March 26, 1929
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Most revered master, 1

How strange it is that, at the moment I begin to write this letter, Handel's Judas Maccabeus can be heard so loudly and clearly from my father's big receiver that it is as if I were myself sitting in the great hall of the Vienna Musikverein. I {2} can thus imagine that, for me and my thoughts to reach you, I only have to travel from Lothringerstrasse down the Rennweg. 2 At present I am sitting in Duisburg, and the radio waves magically bring Vienna, the hall of the Musikverein, and the Maccabeans right into the house. The technology has indeed made enormous progress; the quality of the sound of our apparatus is so perfect that there is almost something uncanny about it.

The two caricatures on the first page represent my composer colleagues [Dr. Eduard Kreuzhage and Alfred Ahrens], with whom I organized an extremely successful evening last Friday. The enclosed reviews (commentary is unnecessary) signify a high point in the explicit expression of interest, as the local critics have only seldom achieved. We have created a bit of stir {3} and provided the artistic circles in Duisburg with something to talk about.

My second series of lectures at the conservatory in Cologne begins in May. 3 Thank you for the article on editions in Der Kunstwart , 4 which you arranged to have sent to me; since one of my lectures in Cologne is on the subject of these things, the volume arrived at an opportune time. Up to now, I have elucidated six voice-leading graphs, including some that I prepared myself. Next it will be the turn of the Fugue from Das Meisterwerk in der Musik, vol. 2; 5 later I will compare the newest masters with the old ones, by which I hope to show that the Hindemiths, Jarnachs and Bartóks are deaf to the Urlinie. 6 The first series of lectures turned out rather well. All those who had the initiative to take part [in working on the pieces I set] – these comprised {4} barely thirty out of one hundred at the beginning – were convinced and inspired. A very agreeable evening of discussion dispelled further doubts. Braunfels is very supportive of the matter. A series of professors, however, are opposed to it, and make things difficult for me. How far a closer liaison with Cologne might materialize is something I do not yet know.

May I ask you to return the reviews, when you have the opportunity? These two are the only ones I have.

As soon as I start again in Cologne, I will write to you again. For today, best greetings to you and your wife, and also to Hoboken,


from
your
[signed:] Cube.

[in bottom left corner:]
P.S. Because of the timing of my lectures, it was not convenient for me to visit Albersheim or Hupka; 7 after Easter, however, I will contact them in writing for the purpose of arranging the visits.

© Translation William Drabkin, 2006

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/2, p. 3325, March 30, 1929: "Von v. Cube (Br.): über sein Konzert, Kritiken, Vorträge usw." ("From von Cube (letter): about his concert, reviews, lectures, etc."). OJ 9/34, [43] and [44] were enclosed with it.

2 Cube is tracing the steps he would have taken to get from his lodgings to his lesson with Schenker; Schenker's flat was in the Keilgasse, a small street parallel to Fasangasse, which ran south off the Rennweg.

3 Cube's first series of lectures at the Cologne Conservatory began on November 28, 1928; these are referred to in several letters from the fall of 1928.

4 The nearest article, chronologically, referred to in the Schenker scrapbook (OC 2) is by Alexander Berrsche, "Ein Gespräch zum Schubert-Gedenktag," which was published in the November 1928 issue of Der Kunstwart and mentions Schenker's writings. (There is no mention of an article specifically about editions, but Schenker's essays on Schubert include a text-critical study of one of the early songs.)

5 The C minor fugue from Book 1 of Bach's Well-Tempered Clavier. The analysis forms the major part of the essay "Das Organische der Fuge" in Das Meisterwerk in der Musik, vol. 2.

6 Cube expended a considerable amount of effort in demonstrating the supposed poverty of modern music, and did so against Schenker's explicit advice. The composer Philipp Jarnach (1892–1982) was an early victim of one such demonstration; later, as director of the Hamburg Conservatory, Jarnach prevented Cube from obtaining a teaching post there.

7 When Schenker heard that Cube was to lecture in Cologne, he asked him to get in touch with his former pupil Felix Hupka, then the musical director of the Cologne Opera, and the parents of one of his current pupils, See OJ 5/7a, [20], October 8, 1928, and OJ 5/7a, [21], November 20, 1928.

Commentary

Format
4-p letter, holograph line-drawings, message, and signature
Provenance
Schenker, Heinrich ([document date]-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
IPR: The heirs of Felix-Eberhard von Cube -- except for enclosed printed materials
License
Permission to publish granted by the heirs of Felix-Eberhard von Cube, March 2006. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2006-07-31
Last updated: 2011-08-04