Charlottenburg 5
Friedbergstr. 23
den 26. 6. 14.


Hoch verehrter Herr Doktor! 1

ich muss Ihnen noch schnell die beste Erholung wünschen. Auf Ihre neue Publikation der op. 110 brenne ich; hoffentlich kann ich sie für „Die Musik“ besprechen, in der Ihre op. 109 von einem kurzsichtigen Riemannianer (waschecht!) und nebenher Doktor der – Zoologie entwürdigt wurde. 2 Wie sehr ich die Notwendigkeit, die furchtbare Unvermeidlichkeit Ihrer rücksichtslos wahren Sprache begreife, brauche ich nicht erst zu versuchen. Ihr Weg ist der einzige, auf dem uns Erlösung winkt. Ich empfinde es (sans phrase) mit jedem Tag deutlicher und beglückender. Und dass man Ihnen noch einmal tausend- {2} fällig danken wird und muss, ist mir auch ganz klar. Die Zeit muss kommen, wo das Echte wieder volle Geltung gewinnt und ich fühle immer, es liegt so etwas wie „Stille vor dem Sturm“ in der Luft. Die modernen Meisterchen sind so ängstlich hastend um d ihren Eintagsruhm und noch mehr um die Tantiemen besorgt. Sie fühlen es, eine neue Morgenröte dämmert. Ein Reicher oder der Staat müsste Tausende Ihrer Werke unter die jungen Lernenden verteilen, damit die Wahrheit bekannt wird. Ich bin sicher, Sie wären der meist verehrte Musiker von heute. Aber so! – Wie fürchterlich ist das Verleger-Elend, und wie stumpf und borniert sind die „zuständigen Instanzen,“ dass sie lieber Ihr Werk ungeschrieben oder als Torso lassen, ehe sie das Reihte, ihre Pflicht tun.

{3} Nun wünsche ich Ihnen nochmals beste Erholung und neue Schaffenskraft. Vom 3. Juli ab bin ich in Muggenbrunn im badischen Schwarzwald Pension „Zum grünen Baum.“


Mit herzlichem Gruss
Ihr ergebenster
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2012


Charlottenburg 5,
Friedbergstraße 23
June 26, 1914


Highly revered Dr. Schenker! 1

I must wish you the quickest and best recovery. I am dying to see your new publication on Op. 110; I hope to be able to review it for Die Musik , where your Op. 109 was disgraced by a short-sighted Riemannian (born-and-bred!) and next to that a doctor of ‒ Zoology. 2 I grasp the necessity and dreadful inevitability of your ruthlessly true words so much that I do not need to try them first. Your way is the only one to which salvation beckons. I sense it (sans phrase) every day more clearly and more cheerfully. And it is also clear to me that one day one will and must thank you a thousand {2} times over. The time must come when all things genuine again attain their full worth and I always feel it is floating around in the air like the "calm before the storm." The modern-day little masters are so fearfully scurrying around for their one-time fame and even more so for royalties. They feel a new dawn is breaking. A rich person or the State would have to distribute a thousand of your works among youthful students, so that the truth is made known. I am certain that you would be the most revered musician today. But so be it! – How appalling is the wretchedness of the publisher, and how dull and narrow-minded are the "competent authorities," that they prefer to leave your work unwritten or in skeletal form before they make good on their obligations.

{3} I wish you once again the best recovery and renewed strength to work. From July 3 onwards I am in Muggenbrunn in the Black Forest Pension "Zum grünen Baum."


With warm greetings,
Yours most truly,
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2012


Charlottenburg 5
Friedbergstr. 23
den 26. 6. 14.


Hoch verehrter Herr Doktor! 1

ich muss Ihnen noch schnell die beste Erholung wünschen. Auf Ihre neue Publikation der op. 110 brenne ich; hoffentlich kann ich sie für „Die Musik“ besprechen, in der Ihre op. 109 von einem kurzsichtigen Riemannianer (waschecht!) und nebenher Doktor der – Zoologie entwürdigt wurde. 2 Wie sehr ich die Notwendigkeit, die furchtbare Unvermeidlichkeit Ihrer rücksichtslos wahren Sprache begreife, brauche ich nicht erst zu versuchen. Ihr Weg ist der einzige, auf dem uns Erlösung winkt. Ich empfinde es (sans phrase) mit jedem Tag deutlicher und beglückender. Und dass man Ihnen noch einmal tausend- {2} fällig danken wird und muss, ist mir auch ganz klar. Die Zeit muss kommen, wo das Echte wieder volle Geltung gewinnt und ich fühle immer, es liegt so etwas wie „Stille vor dem Sturm“ in der Luft. Die modernen Meisterchen sind so ängstlich hastend um d ihren Eintagsruhm und noch mehr um die Tantiemen besorgt. Sie fühlen es, eine neue Morgenröte dämmert. Ein Reicher oder der Staat müsste Tausende Ihrer Werke unter die jungen Lernenden verteilen, damit die Wahrheit bekannt wird. Ich bin sicher, Sie wären der meist verehrte Musiker von heute. Aber so! – Wie fürchterlich ist das Verleger-Elend, und wie stumpf und borniert sind die „zuständigen Instanzen,“ dass sie lieber Ihr Werk ungeschrieben oder als Torso lassen, ehe sie das Reihte, ihre Pflicht tun.

{3} Nun wünsche ich Ihnen nochmals beste Erholung und neue Schaffenskraft. Vom 3. Juli ab bin ich in Muggenbrunn im badischen Schwarzwald Pension „Zum grünen Baum.“


Mit herzlichem Gruss
Ihr ergebenster
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2012


Charlottenburg 5,
Friedbergstraße 23
June 26, 1914


Highly revered Dr. Schenker! 1

I must wish you the quickest and best recovery. I am dying to see your new publication on Op. 110; I hope to be able to review it for Die Musik , where your Op. 109 was disgraced by a short-sighted Riemannian (born-and-bred!) and next to that a doctor of ‒ Zoology. 2 I grasp the necessity and dreadful inevitability of your ruthlessly true words so much that I do not need to try them first. Your way is the only one to which salvation beckons. I sense it (sans phrase) every day more clearly and more cheerfully. And it is also clear to me that one day one will and must thank you a thousand {2} times over. The time must come when all things genuine again attain their full worth and I always feel it is floating around in the air like the "calm before the storm." The modern-day little masters are so fearfully scurrying around for their one-time fame and even more so for royalties. They feel a new dawn is breaking. A rich person or the State would have to distribute a thousand of your works among youthful students, so that the truth is made known. I am certain that you would be the most revered musician today. But so be it! – How appalling is the wretchedness of the publisher, and how dull and narrow-minded are the "competent authorities," that they prefer to leave your work unwritten or in skeletal form before they make good on their obligations.

{3} I wish you once again the best recovery and renewed strength to work. From July 3 onwards I am in Muggenbrunn in the Black Forest Pension "Zum grünen Baum."


With warm greetings,
Yours most truly,
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2012

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 1/14, p. 599, June 29, 1914: "Geldsendung von Kaff u. treuergebener Brief von Dahms." ("Money received from Kaff and truly devoted letter from Dahms.").

2 Hermann Wetzel, "Heinrich Schenker: Die letzten fünf Sonaten von Beethoven ...," Die Musik, vol. 50 (Jahrgang xiii/12, March 15, 1914), 363‒64, a copy of which is preserved in Schenker's scrapbook at OC 2/p.40.