4. X. 14

Karte von Guttmann, der eine gut dotierte Stelle in Kaschau angenommen u. heute abreist. — Karte von Fr. Colbert, die um eine Verschiebung der Stunde bittet.

*

Mit Lie-Liechen zu Mama, wo wir alle näheren Verhältnisse bezüglich Kaschau erfahren, aber auch bezüglich Klumaks. Möglicherweise gelingt es der Schwester, die Mama bei einer Cousine des Schwagers zu plazieren [sic] u. ihr dort einen besseren Aufenthalt zu gewinnen. Zwar würde ich dadurch, daß der Sohn die Schuld auf mich überwälzt, unweigerlich einen Geldverlust zu tragen haben; indessen wäre selbst dieser Verlust noch ein Gewinn, wenn nur für die Mama ein Besseres erreicht würde! Wilhelm schickt auch der Schwester 50 Kr. ein.

*

Extraausgabe meldet weitere Erfolge vor Antwerpen u. am rechten Flügel, 1 leider zugleich eine teilweise Verschlimmerung der Situation im Nordosten Ungarns. 2 – Beruhigend wirkt die Mitteilung des Schwagers, daß geflüchtete, hier weilende galiczische Eisenbahnbeamte ein Avis erhielten, sich zur Rückkehr bereitzuhalten, was darauf schließen läßt, daß die Regierung den Rückzug russischer Truppen bestimmt erwartet. Damit würde ohne Zweifel ein Rückzug russischer Truppen auch aus Ungarn naturgemäß verbunden sein.

*

Telephonisch erfahre ich, daß Weisse Militärfreiheit erlangt hat, was meiner Situation ganz erhebliche Vorteile zuführt.

*

Gärtner mit jüngerem Sohn getroffen. Ich erfahre von ihm, daß er von seinen reichen Schülern Verrat erlitten u. daß sie auch ihm gegenüber das Stichwort „Freundschaft“ im Munde geführt haben, das sie immer tun, wenn sie betteln gehen. Wenn seinen Angaben zu trauen ist, so dürfte er schlechter als ich abgeschnitten haben, was ein Beweis dafür wäre, daß ihm die Kraft u. die Mittel gefehlt haben, den Schmutz in die Grenzen zurückzuweisen.

*

{734} Abends zum Ostbahnhof um dem Schwager das Geleite zu geben. Begreiflicherweise waren die Schwester u. die Kinder sehr aufgeregt; aus der Erregung konnte ich auf ein sehr gutes Einvernehmen zwischen Vater u. Kinder schließen. Daß der Schwager beklommenen Herzens auszog[,] wäre schon an sich zu verstehen, doppelt begreiflich u. entschuldbar ist es aber, wenn sich darin dasjenige ausdrückt, was meine Schwester mit „Unbeholfenheit“ bezeichnet. Ich kann nur wünschen, daß im Interesse seiner Kinder ihm selbst eine Infektion oder dgl. erspart bleibe. Hoffentlich sagt ihm der Ort zu u. er kann die Familie zu sich kommen lassen, an der er offensichtlich stark hängt.

*

Wäre es nur so weit, daß die Russen Galizien räumen, dann würde freilich die Monarchie sofort ein verändertes Antlitz zeigen u. der Kampf jedes Einzelnen wider die inneren Feinde, das sind die Reichen, würde viel von der gegenwärtig häßlichen Verschärfung einbüßen. Kein Zweifel, daß mit dem Schwinden des Anlasses die Reichen wie Regenwürmer nach dem Regen wieder aus dem Dunkel hervorkröchen u. ihre gewohnte Lebensweise (die sie jetzt nur heimlich betreiben) ostentativ öffentlich aufnehmen würden, was ja auch dann nicht etwa aus innerem Bedürfnis geschähe, das, wäre es eines, nicht einmal vorübergehend schweigen könnte, sondern nur zu Zwecken des Scheines, der Stachelung des Neides u. aus ähnlichen niedrigen Motiven. Gebe Gott, daß die bereits angekündigte vielverhießene [sic] Offensive bald das Ziel der Wiedererlangung Galiziens erreiche!

*

© Transcription Marko Deisinger.

October 4, 1914.

Postcard from Guttmann, who has accepted a well-paid position in Kaschau and is travelling there today. — Postcard from Mrs. Colbert, who requests a postponement of her lesson.

*

With Lie-Liechen to Mama's, where we learn all the particular circumstances concerning Kaschau, but also with respect to Klumak. Possibly my sister will succeed in finding a place for our mother with a cousin of my brother-in-law, and in gaining better accommodation there. Of course, I would inevitably have to bear a financial loss on account of the son passing the responsibility to me; nonetheless even this loss would still be a gain, if only something better could be achieved for Mama! Wilhelm sends our sister 50 Kronen, too.

*

An extra edition reports further successes near Antwerp and on the right flank, 1 but unfortunately at the same time a partial worsening of the situation in northeast Hungary. 2 – My brother-in-law's remark, that Galician railroad officials who had fled and are staying here have received a visa that they hold at the ready for their return, has a calming effect; from this one can conclude that the government is definitely expecting the Russian troops to retreat. This would undoubtedly be tied, naturally, to a retreat of Russian troops from Hungary.

*

By telephone I learn that Weisse has gained freedom from military service, something that will bring significant advantages to my situation.

*

Encounter with Gärtner and his younger son. I learn from him that he has suffered betrayal from his wealthy pupils, and that they have referred to him, too, with the term "friendship," something that they always do when they go begging. If his figures are to be trusted, then he has come off worse than I, which would be a sign that he lacked the power and the means to set limits to their greed.

*

{734} In the evening, to the Eastern Railway Station to provide an escort for my brother-in-law. Understandably my sister and the children were greatly upset; from the excitement, I was able to perceive a very good rapport between father and children. That my brother-in-law left with an anxious heart was already perfectly reasonable; but it is doubly comprehensible and pardonable, that [his departure] was marked by expressions of that which my sister identifies with the word "helplessness." I can only wish that, in the interests of his children, he himself is spared an infection or something similar. I hope that he will find the town agreeable, and that he will be able to summon his family there, as he is apparently so dependent upon them.

*

If only things had progressed to the point that the Russians evacuated Galicia, then the monarchy would of course be immediately able to show a different face; and the battle of every individual against the internal enemy – the rich – would lose much of its present ugliness from the intensification. There is no doubt that, with the disappearance of the opportunity, the rich would creep out of the dark again, like earthworms after the rain, and would officially resume their usual manner of living ostentatiously (which they are pursuing now only in secret), something that does not occur from some inner necessity – which, if it were, would not at all be able to be silenced temporarily – but rather only for purposes of appearance, for the triggering of envy, and for similar base motives. Would to God that the offensive, already announced and much heralded, would quickly achieve its goal of the recovery of Galicia!

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© Translation William Drabkin.

4. X. 14

Karte von Guttmann, der eine gut dotierte Stelle in Kaschau angenommen u. heute abreist. — Karte von Fr. Colbert, die um eine Verschiebung der Stunde bittet.

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Mit Lie-Liechen zu Mama, wo wir alle näheren Verhältnisse bezüglich Kaschau erfahren, aber auch bezüglich Klumaks. Möglicherweise gelingt es der Schwester, die Mama bei einer Cousine des Schwagers zu plazieren [sic] u. ihr dort einen besseren Aufenthalt zu gewinnen. Zwar würde ich dadurch, daß der Sohn die Schuld auf mich überwälzt, unweigerlich einen Geldverlust zu tragen haben; indessen wäre selbst dieser Verlust noch ein Gewinn, wenn nur für die Mama ein Besseres erreicht würde! Wilhelm schickt auch der Schwester 50 Kr. ein.

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Extraausgabe meldet weitere Erfolge vor Antwerpen u. am rechten Flügel, 1 leider zugleich eine teilweise Verschlimmerung der Situation im Nordosten Ungarns. 2 – Beruhigend wirkt die Mitteilung des Schwagers, daß geflüchtete, hier weilende galiczische Eisenbahnbeamte ein Avis erhielten, sich zur Rückkehr bereitzuhalten, was darauf schließen läßt, daß die Regierung den Rückzug russischer Truppen bestimmt erwartet. Damit würde ohne Zweifel ein Rückzug russischer Truppen auch aus Ungarn naturgemäß verbunden sein.

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Telephonisch erfahre ich, daß Weisse Militärfreiheit erlangt hat, was meiner Situation ganz erhebliche Vorteile zuführt.

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Gärtner mit jüngerem Sohn getroffen. Ich erfahre von ihm, daß er von seinen reichen Schülern Verrat erlitten u. daß sie auch ihm gegenüber das Stichwort „Freundschaft“ im Munde geführt haben, das sie immer tun, wenn sie betteln gehen. Wenn seinen Angaben zu trauen ist, so dürfte er schlechter als ich abgeschnitten haben, was ein Beweis dafür wäre, daß ihm die Kraft u. die Mittel gefehlt haben, den Schmutz in die Grenzen zurückzuweisen.

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{734} Abends zum Ostbahnhof um dem Schwager das Geleite zu geben. Begreiflicherweise waren die Schwester u. die Kinder sehr aufgeregt; aus der Erregung konnte ich auf ein sehr gutes Einvernehmen zwischen Vater u. Kinder schließen. Daß der Schwager beklommenen Herzens auszog[,] wäre schon an sich zu verstehen, doppelt begreiflich u. entschuldbar ist es aber, wenn sich darin dasjenige ausdrückt, was meine Schwester mit „Unbeholfenheit“ bezeichnet. Ich kann nur wünschen, daß im Interesse seiner Kinder ihm selbst eine Infektion oder dgl. erspart bleibe. Hoffentlich sagt ihm der Ort zu u. er kann die Familie zu sich kommen lassen, an der er offensichtlich stark hängt.

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Wäre es nur so weit, daß die Russen Galizien räumen, dann würde freilich die Monarchie sofort ein verändertes Antlitz zeigen u. der Kampf jedes Einzelnen wider die inneren Feinde, das sind die Reichen, würde viel von der gegenwärtig häßlichen Verschärfung einbüßen. Kein Zweifel, daß mit dem Schwinden des Anlasses die Reichen wie Regenwürmer nach dem Regen wieder aus dem Dunkel hervorkröchen u. ihre gewohnte Lebensweise (die sie jetzt nur heimlich betreiben) ostentativ öffentlich aufnehmen würden, was ja auch dann nicht etwa aus innerem Bedürfnis geschähe, das, wäre es eines, nicht einmal vorübergehend schweigen könnte, sondern nur zu Zwecken des Scheines, der Stachelung des Neides u. aus ähnlichen niedrigen Motiven. Gebe Gott, daß die bereits angekündigte vielverhießene [sic] Offensive bald das Ziel der Wiedererlangung Galiziens erreiche!

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© Transcription Marko Deisinger.

October 4, 1914.

Postcard from Guttmann, who has accepted a well-paid position in Kaschau and is travelling there today. — Postcard from Mrs. Colbert, who requests a postponement of her lesson.

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With Lie-Liechen to Mama's, where we learn all the particular circumstances concerning Kaschau, but also with respect to Klumak. Possibly my sister will succeed in finding a place for our mother with a cousin of my brother-in-law, and in gaining better accommodation there. Of course, I would inevitably have to bear a financial loss on account of the son passing the responsibility to me; nonetheless even this loss would still be a gain, if only something better could be achieved for Mama! Wilhelm sends our sister 50 Kronen, too.

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An extra edition reports further successes near Antwerp and on the right flank, 1 but unfortunately at the same time a partial worsening of the situation in northeast Hungary. 2 – My brother-in-law's remark, that Galician railroad officials who had fled and are staying here have received a visa that they hold at the ready for their return, has a calming effect; from this one can conclude that the government is definitely expecting the Russian troops to retreat. This would undoubtedly be tied, naturally, to a retreat of Russian troops from Hungary.

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By telephone I learn that Weisse has gained freedom from military service, something that will bring significant advantages to my situation.

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Encounter with Gärtner and his younger son. I learn from him that he has suffered betrayal from his wealthy pupils, and that they have referred to him, too, with the term "friendship," something that they always do when they go begging. If his figures are to be trusted, then he has come off worse than I, which would be a sign that he lacked the power and the means to set limits to their greed.

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{734} In the evening, to the Eastern Railway Station to provide an escort for my brother-in-law. Understandably my sister and the children were greatly upset; from the excitement, I was able to perceive a very good rapport between father and children. That my brother-in-law left with an anxious heart was already perfectly reasonable; but it is doubly comprehensible and pardonable, that [his departure] was marked by expressions of that which my sister identifies with the word "helplessness." I can only wish that, in the interests of his children, he himself is spared an infection or something similar. I hope that he will find the town agreeable, and that he will be able to summon his family there, as he is apparently so dependent upon them.

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If only things had progressed to the point that the Russians evacuated Galicia, then the monarchy would of course be immediately able to show a different face; and the battle of every individual against the internal enemy – the rich – would lose much of its present ugliness from the intensification. There is no doubt that, with the disappearance of the opportunity, the rich would creep out of the dark again, like earthworms after the rain, and would officially resume their usual manner of living ostentatiously (which they are pursuing now only in secret), something that does not occur from some inner necessity – which, if it were, would not at all be able to be silenced temporarily – but rather only for purposes of appearance, for the triggering of envy, and for similar base motives. Would to God that the offensive, already announced and much heralded, would quickly achieve its goal of the recovery of Galicia!

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Große Erfolge der deutschen Armee vor Antwerpen und in Rußland," Neue Freie Presse, No. 18000, October 4, 1914, special edition, p. 1. "Neue Erfolge der Deutschen gegen Frankreich. Am westlichen Flügel und in den Argonnen," Neues Wiener Journal, No. 7523, October 5, 1914, 22nd year, p. 1.

2 "Die Kämpfe in den Karpathenpässen," Neue Freie Presse, No. 18000, October 4, 1914, special edition, p. 1. "Der Einfall der Russen in Ungarn. Flüchtlinge aus Marmaros-Sziget in Budapest," Neue Freie Presse, No. 18001, October 5, 1914, afternoon edition, pp. 2–3.