25. VIII. 15

Um ½12h nachts hören wir plötzlich auf dem Klavier eine Melodie anschlagen; hernach tritt der Spieler ins Freie, wo ihn offenbar ein Mädchen erwartet hat. – Jagd auf Mädchen in den Gängen des Hotels. – Die Soldaten kennen zeigen keine Rücksicht, leider auch keine Scham, geschweige Würde; wir sind daher herzlich froh, endlich dem zur Kaserne gewordenen Hotel den Rücken zu kehren. —

Um 5h stehen wir auf; der Tag läßt sich wunderschön an. Da ich ans Fenster trete, fragt mich ein Soldatenbursche, ob nicht im Hotel ein Kadett Rokowitzki wohne , u. fügt hinzu, daß er schon eine halbe Stunde vor dem verschlossenen Hause stehe, aber nicht hinein könne, um den Kadetten zu wecken. „Wird das eine Schimpferei werden“ jammert er unaufhörlich! Ich gebe dem armen Teufel den Rat, die Glocke zu ziehen u. verspreche ihm, mich für ihn zu verwenden. Doch, was liegt nicht alles in der Angst des Burschen! Der Herr Kadett macht vor allem von seinem hohen Rang Gebrauch, indem er unter allen Um- {1010} ständen schimpft, ohne nach den näheren Umständen zu fragen, die den Untergebenen entschuldigen könnten. Die ewige Tragödie der Soldateska! —

— Die Schönheit des Tages läßt uns das Inntal, von dem wir Abschied nehmen, in seltsamem Glanze von Wehmut erscheinen. Förmlich bohren wir Aug' u. Gefühl in die Berge, Wasser, Hütten, Städte, Dörfer hinein, u. wäre die Lokomotive nicht, die uns gewaltsam von ihnen trennt, das Ansaugen hätte kein Ende gefunden. In solchem diesem Rausche nun erreichen wir Innsbruck, wo wir, um an alte Erinnerungen wieder anzuknüpfen, wieder im Hotel Kreitd das Mittagessen einnehmen. Nach Tisch gehen wir ins Caféhaus; um uns sodann geben wir uns wieder einmal dem Zauber der Stadt hinzugeben, die wir eben nicht müde werden, jahraus, jahrein zu liebkosen. In der Tat machen die eine große, doch nicht übergroße Natur ringsumher, darin einedie große u. wieder nicht übergroße Stadt von selbst den wollüstigen Reim zu einander. In jedem Winkel der Stadt ist zugleich das volle Antlitz der Natur wiederzufinden, u. das nimmt wodurch der Stadt die Schrecken der Großstadt genommen sind. Wir wandern durch den Hofgarten , u. wo wir uns an den herrlichen Bäumen, den schönen Kulturen erfreuen, statten auch den Denkmälern der Hofkirche wieder einen Besuch ab, wie wir uns auch sonst an der Ordnung in den Straßen, u. s. f. erfreuen. Zu unserer Ueberraschung treffen wir Oberinspektor Stächelin auf der Straße, der uns nun aus dem Stegreif mit einigen Neuigkeiten aufwartet u. schließlich auch abends am Bahnhof erscheint, um uns Adieu zu sagen. Der Umstand, daß nur Wenige mitreisen, macht uns immerhin möglich, die Schwere der Mitternachtsstunde zu überwinden. Im übrigen bin ich der festen Ueberzeugung, daß der Mangel an bequemer Ausstattung in den Waggons 3. Klasse weniger auf wirtschaftliche Rechenexempel, als auf das der menschlichen Bestie tief eingewurzelte Bedürfnis nach sozialer Distanzierung zurückzuführen ist. Denn so gut gegenüber der früheren Ausgestaltung der Waggons 3. Klasse schon die gegenwärtige schon einen unendlich großen Fortschritt bedeutet, so ähnlich ließe sich, auch ohne daß den Reichen nachgetreten würde, ein weiterer Fortschritt gegenüber dem gegenwärtigen Zustand denken u. zwar nach der Richtung hin, daß die Sitzplätze gepolstert {1011} würden. Die Bahnverwaltung könnte ja meinetwegen die ihr Bedürfnis nach Huldigung an die reiche Menschenklasse dadurch ausdrücken, daß sie in den Abteilen, Corridoren, u. s. w. etwa einen Rembrandt, Raphael, anbringen ließen! —

— Unweit von St. Pölten greife ich noch in letzter Stunde in ein Gespräch zweier Reisender ein, von denen der eine, ein Oesterreicher, eben aus Zürich kommend, mit dem üblichen Nachdruck, dessen sich die Reisenden zu bedienen pflegen, Schauermärchen aus der Schweiz erzählt. Ich verweise sie einfach dem Reisenden u. mache ihn darauf aufmerksam, daß er die Stimmung in der Umgebung schädigt u. herabsetzt u. dgl. mehr. Am bemerkenswertesten war aber, wie sich sein Charakter als Kaufmann enthüllte, ; denn als sich eine allgemeine Charakterisierung der Engländer, Franzosen u. Italiener entwarf; , da meinte er: „Wenn ich so sprechen würde, wäre ich gleich begraben.“ Da sieht man das Liebedienern des Kaufmannes, der zu Geschäftszwecken auch seine eigene Nation verrät.

*

© Transcription Marko Deisinger.

August 25, 1915.

At 11:30 at night, we suddenly hear a melody hammered out on the piano; afterwards the player went outdoors, where a young lady apparently awaited him. – The hunt for ladies in the corridors of the hotel. – The soldiers display no consideration, and unfortunately no shame either, to say nothing of dignity. We are thus heartily glad to turn our back on the hotel that has become a barracks. —

We get up at 5 o'clock; the start of the day is very beautiful. As I move to the window, a young soldier asks me if a cadet by the name of Kadett Rokowitzki is staying at the hotel; he adds that he has been standing in front of the hotel for half an hour but cannot get in to wake the cadet. "This is a fine state of affairs," he whines incessantly! I give the poor devil the advice to ring the bell, and promise to act on his behalf. But one could not imagine the youth's fear! The cadet made use above all of his high rank {1010} by complaining in any event, without asking about the particulars of the matter, which could have exonerated his subordinate. The eternal tragedy of military behavior! —

— The beauty of the day enables us to see the Inn Valley, from which we are taking our leave, in a strange luster of melancholy. We verily dig our eyes and emotion into the mountains, waters, huts, towns, and villages; and if there were no locomotive to separate us from these things, then our taking them in would have found no end. In this state of intoxication we arrive in Innsbruck where, in order to continue to connect with old memories, we take our midday meal at the Hotel Kreid. After lunch, to the coffee house; then we devote ourselves once again to the magic of the city, which we never tire of caressing, year after year. In fact, a great, but not enormous nature all around, and in it a large but not overly large city by themselves make the most sensual harmony with each other. In every corner of the city, the full countenance of nature can be rediscovered, by which the frightful things of a metropolis are removed from the city. We walk through the court garden, where we take pleasure in the magnificent trees, beautiful plants; we pay a return visit also to the monuments of the court church, and we otherwise enjoy the order in the streets, and so on. To our surprise, we meet Chief Inspector Stächelin on the street, who awaits us with a few impromptu pieces of news and, finally, appears at the train station in the evening to bid us farewell. Since only a few people are travelling with us, we are able to get through the difficulty of the midnight hour. Moreover, I am thoroughly convinced that the lack of comfortable accommodation in third-class carriages is derived less from commercial calculation than with the need for social distancing, which is deeply rooted in human beast. For as much as the fitments of the present third-class carriages already mark an infinitely greater improvement over the earlier ones, one can similarly imagine a further improvement over the present state, without putting the rich at a disadvantage, specifically in the direction of having the seats upholstered. {1011} The railway administration could, in my view, express its need to honor the class of rich people by putting up, say, a Rembrandt, a Raphael in the compartments, and corridors, etc.! —

— Not far from St. Pölten I get into conversation, even during the final hour of our journey, with two travelers, one of whom, an Austrian who is just returning from Zurich, tells scare stories from Switzerland with the usual emphasis that travelers are accustomed to using. I rebuke the traveler for telling them; and I point out that he is spoiling and lowering the mood in our surroundings, and more of the same. But what was most remarkable was the way in which he revealed his character as a businessman; for as a general characterization of the English, the French and the Italians was outlined [by me], he said: "If I were to speak that way, I would be buried instantly." Here one can see the sycophancy of the businessman, who betrays even his own nation for business purposes.

*

© Translation William Drabkin.

25. VIII. 15

Um ½12h nachts hören wir plötzlich auf dem Klavier eine Melodie anschlagen; hernach tritt der Spieler ins Freie, wo ihn offenbar ein Mädchen erwartet hat. – Jagd auf Mädchen in den Gängen des Hotels. – Die Soldaten kennen zeigen keine Rücksicht, leider auch keine Scham, geschweige Würde; wir sind daher herzlich froh, endlich dem zur Kaserne gewordenen Hotel den Rücken zu kehren. —

Um 5h stehen wir auf; der Tag läßt sich wunderschön an. Da ich ans Fenster trete, fragt mich ein Soldatenbursche, ob nicht im Hotel ein Kadett Rokowitzki wohne , u. fügt hinzu, daß er schon eine halbe Stunde vor dem verschlossenen Hause stehe, aber nicht hinein könne, um den Kadetten zu wecken. „Wird das eine Schimpferei werden“ jammert er unaufhörlich! Ich gebe dem armen Teufel den Rat, die Glocke zu ziehen u. verspreche ihm, mich für ihn zu verwenden. Doch, was liegt nicht alles in der Angst des Burschen! Der Herr Kadett macht vor allem von seinem hohen Rang Gebrauch, indem er unter allen Um- {1010} ständen schimpft, ohne nach den näheren Umständen zu fragen, die den Untergebenen entschuldigen könnten. Die ewige Tragödie der Soldateska! —

— Die Schönheit des Tages läßt uns das Inntal, von dem wir Abschied nehmen, in seltsamem Glanze von Wehmut erscheinen. Förmlich bohren wir Aug' u. Gefühl in die Berge, Wasser, Hütten, Städte, Dörfer hinein, u. wäre die Lokomotive nicht, die uns gewaltsam von ihnen trennt, das Ansaugen hätte kein Ende gefunden. In solchem diesem Rausche nun erreichen wir Innsbruck, wo wir, um an alte Erinnerungen wieder anzuknüpfen, wieder im Hotel Kreitd das Mittagessen einnehmen. Nach Tisch gehen wir ins Caféhaus; um uns sodann geben wir uns wieder einmal dem Zauber der Stadt hinzugeben, die wir eben nicht müde werden, jahraus, jahrein zu liebkosen. In der Tat machen die eine große, doch nicht übergroße Natur ringsumher, darin einedie große u. wieder nicht übergroße Stadt von selbst den wollüstigen Reim zu einander. In jedem Winkel der Stadt ist zugleich das volle Antlitz der Natur wiederzufinden, u. das nimmt wodurch der Stadt die Schrecken der Großstadt genommen sind. Wir wandern durch den Hofgarten , u. wo wir uns an den herrlichen Bäumen, den schönen Kulturen erfreuen, statten auch den Denkmälern der Hofkirche wieder einen Besuch ab, wie wir uns auch sonst an der Ordnung in den Straßen, u. s. f. erfreuen. Zu unserer Ueberraschung treffen wir Oberinspektor Stächelin auf der Straße, der uns nun aus dem Stegreif mit einigen Neuigkeiten aufwartet u. schließlich auch abends am Bahnhof erscheint, um uns Adieu zu sagen. Der Umstand, daß nur Wenige mitreisen, macht uns immerhin möglich, die Schwere der Mitternachtsstunde zu überwinden. Im übrigen bin ich der festen Ueberzeugung, daß der Mangel an bequemer Ausstattung in den Waggons 3. Klasse weniger auf wirtschaftliche Rechenexempel, als auf das der menschlichen Bestie tief eingewurzelte Bedürfnis nach sozialer Distanzierung zurückzuführen ist. Denn so gut gegenüber der früheren Ausgestaltung der Waggons 3. Klasse schon die gegenwärtige schon einen unendlich großen Fortschritt bedeutet, so ähnlich ließe sich, auch ohne daß den Reichen nachgetreten würde, ein weiterer Fortschritt gegenüber dem gegenwärtigen Zustand denken u. zwar nach der Richtung hin, daß die Sitzplätze gepolstert {1011} würden. Die Bahnverwaltung könnte ja meinetwegen die ihr Bedürfnis nach Huldigung an die reiche Menschenklasse dadurch ausdrücken, daß sie in den Abteilen, Corridoren, u. s. w. etwa einen Rembrandt, Raphael, anbringen ließen! —

— Unweit von St. Pölten greife ich noch in letzter Stunde in ein Gespräch zweier Reisender ein, von denen der eine, ein Oesterreicher, eben aus Zürich kommend, mit dem üblichen Nachdruck, dessen sich die Reisenden zu bedienen pflegen, Schauermärchen aus der Schweiz erzählt. Ich verweise sie einfach dem Reisenden u. mache ihn darauf aufmerksam, daß er die Stimmung in der Umgebung schädigt u. herabsetzt u. dgl. mehr. Am bemerkenswertesten war aber, wie sich sein Charakter als Kaufmann enthüllte, ; denn als sich eine allgemeine Charakterisierung der Engländer, Franzosen u. Italiener entwarf; , da meinte er: „Wenn ich so sprechen würde, wäre ich gleich begraben.“ Da sieht man das Liebedienern des Kaufmannes, der zu Geschäftszwecken auch seine eigene Nation verrät.

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© Transcription Marko Deisinger.

August 25, 1915.

At 11:30 at night, we suddenly hear a melody hammered out on the piano; afterwards the player went outdoors, where a young lady apparently awaited him. – The hunt for ladies in the corridors of the hotel. – The soldiers display no consideration, and unfortunately no shame either, to say nothing of dignity. We are thus heartily glad to turn our back on the hotel that has become a barracks. —

We get up at 5 o'clock; the start of the day is very beautiful. As I move to the window, a young soldier asks me if a cadet by the name of Kadett Rokowitzki is staying at the hotel; he adds that he has been standing in front of the hotel for half an hour but cannot get in to wake the cadet. "This is a fine state of affairs," he whines incessantly! I give the poor devil the advice to ring the bell, and promise to act on his behalf. But one could not imagine the youth's fear! The cadet made use above all of his high rank {1010} by complaining in any event, without asking about the particulars of the matter, which could have exonerated his subordinate. The eternal tragedy of military behavior! —

— The beauty of the day enables us to see the Inn Valley, from which we are taking our leave, in a strange luster of melancholy. We verily dig our eyes and emotion into the mountains, waters, huts, towns, and villages; and if there were no locomotive to separate us from these things, then our taking them in would have found no end. In this state of intoxication we arrive in Innsbruck where, in order to continue to connect with old memories, we take our midday meal at the Hotel Kreid. After lunch, to the coffee house; then we devote ourselves once again to the magic of the city, which we never tire of caressing, year after year. In fact, a great, but not enormous nature all around, and in it a large but not overly large city by themselves make the most sensual harmony with each other. In every corner of the city, the full countenance of nature can be rediscovered, by which the frightful things of a metropolis are removed from the city. We walk through the court garden, where we take pleasure in the magnificent trees, beautiful plants; we pay a return visit also to the monuments of the court church, and we otherwise enjoy the order in the streets, and so on. To our surprise, we meet Chief Inspector Stächelin on the street, who awaits us with a few impromptu pieces of news and, finally, appears at the train station in the evening to bid us farewell. Since only a few people are travelling with us, we are able to get through the difficulty of the midnight hour. Moreover, I am thoroughly convinced that the lack of comfortable accommodation in third-class carriages is derived less from commercial calculation than with the need for social distancing, which is deeply rooted in human beast. For as much as the fitments of the present third-class carriages already mark an infinitely greater improvement over the earlier ones, one can similarly imagine a further improvement over the present state, without putting the rich at a disadvantage, specifically in the direction of having the seats upholstered. {1011} The railway administration could, in my view, express its need to honor the class of rich people by putting up, say, a Rembrandt, a Raphael in the compartments, and corridors, etc.! —

— Not far from St. Pölten I get into conversation, even during the final hour of our journey, with two travelers, one of whom, an Austrian who is just returning from Zurich, tells scare stories from Switzerland with the usual emphasis that travelers are accustomed to using. I rebuke the traveler for telling them; and I point out that he is spoiling and lowering the mood in our surroundings, and more of the same. But what was most remarkable was the way in which he revealed his character as a businessman; for as a general characterization of the English, the French and the Italians was outlined [by me], he said: "If I were to speak that way, I would be buried instantly." Here one can see the sycophancy of the businessman, who betrays even his own nation for business purposes.

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© Translation William Drabkin.