1. Oktober 1915 Freitag.

Weg ins Konscriptionsamt; Vorweisung des Landsturm-LegitimationsblattesOC B/436, womit nun meine Zuständigkeitsfrage erledigt erscheint.

*

Uebertrage – 170 Kronen! — Schwerer Regentag! — Frau Deutsch eröffnet die Stunden. Nur Um um zu verhindern, daß ich sie nicht etwa als an eine 3. Stunde gebunden halte, läßt sie sogleich in der 1. Woche die 3. Stunde ausfallen. Dafür tut sie sich mit einer der Zudringlichkeit, mich für Wien zu „entdecken“ u. zu forçieren, sich viel destomehr zugute. So erfahre ich von ihr, daß sie vor 3 Wochen an Fr. Colbert telephoniert u. einen Artikel über mich im „Morgen“ angeregt hat! Ihre Hilfe versagte aber im Augenblick, da Frau Colbert im Auftrage ihres Gatten sie fragte, wie sie sich den Aufsatz vorstelle. Ja, eben darauf wußte sie keinen Bescheid mehr. Dies erzählte sie mir selbst u. meinte, ich könnte selbst müßte einen solchen Aufsatz schreiben u. sie unterzeichnen lassen. Sie könnte meinen Aufsatz, fuhr sie fort, übrigens auch im „N. W. Tgbl.“ anbringen! Ich lehnte so entschieden als möglich ab, glaube aber Fr. D. von der Richtigkeit meiner Gedanken nicht keineswegs noch überzeugt zu haben, da ihr sie doch das Ziel, meinen Namen in Wiener Zeitungen genannt zu wissen sehen, so in einem solchen Maße für erstrebenswert erscheint hält, daß ihrer Meinung nach, die Mittel am eben diesen Ziel gemessen, gar nicht in Frage kommen dürfen. Vom Kurs aber, den sie gleich nach unserer ersten Begegnung selbst anregte, redet sie seither kein Wort mehr. Sie begleitet uns in Gasthaus u. ins Caféhaus.

*

Die Schwester Hupkas, nunmehr verheiratete Frau Kaposi, erscheint u. bittet um Wiederaufnahme.

*

Wienerisches: Der Klavierstimmer erscheint , statt nachmittags wie angekündigt, erst nach 6h abends. Zwar wäre es auch anders möglich gewesen, sagt gesteht er, aber seine [illeg]Chefs haben es ihm so aufgetragen. Ich schicke ihn fort u. bitte ihn für eine Frühstunde. —

*

{2} Die Kutscher der Reinigungswerke holen die Wäsche um 7h abends ab. Es erweist sich, daß die Hausbesorgerin im Laufe des Nachmittags gar nicht zuhause gewesen. , alles Lügen an allen Ecken u. Enden!

*

Der anglo-amerikanische Kaufmann versteht den deutschen Militarismus nicht! Nur diesen nicht, frage ich? Er versteht ja als Kaufmann doch auch sonst nichts von Vaterland, Religion, Kunst oder Moral! Weshalb wundert man sich dann aber speziell darüber, daß er speziell den Militarismus nicht versteht?

*

Es gibt Begriffe, denen die Worte schaden! Dazu gehört vor allem der Gottes-Begriff. Dies allein ist der Sinn des ersten Gebotes: „Du sollst den Namen ….“. Wie schädlich solche Worte sein können, mag man den „Bekenntnissen einer schönen Seele“ in „Wilhelm Meister“ 1 entnehmen, deren Heldin indem sie ihr Herz, Vorstellungs- u. Sprachvermögen unausgesagt wie den Gottesbegriff kreuz u. quer u. immer vergebens herumführt. , u. da sie es vergebens tut, so in Wahrheit nur Müßiggang treibt.

*

© Transcription Marko Deisinger.

October 1, 1915, Friday.

Trip to the conscription office; presentation of my letter of legitimationOC B/436 from the Landsturm, with which the matter of my residency now appears to have been resolved.

*

Balance of account – 170 Kronen! — Heavy rain day! — Mrs. Deutsch begins her lessons. Merely to prevent me from being tied to giving her, say, a third lesson, she cancels straightaway the third lesson in week 1. Instead, she makes it her business to "discover" me for Vienna and to be forceful about it, all the more for the good. Thus I learn from her that she telephoned Mrs. Colbert three weeks ago and suggested an article about me in Der Morgen ! But her assistance ran aground the moment that Mrs. Colbert asked her, on behalf of her husband, how she conceived such an article. Indeed, on this very point she no longer had any idea. She told me this herself and said that I would have to write such an article and let her put her name to it. She could, she continued, moreover even publish my article in the Neues Wiener Tagblatt ! I rejected the idea as decisively as possible, but thought that I had not yet by any means convinced Mrs. Deutsch of the correctness of my ideas; for she regards the goal of seeing my name in Viennese newspapers so very much worth striving for that, in her opinion, the measures taken to achieve this very goal do not matter at all. Yet about the course, which she herself suggested immediately after our first encounter, she has since not said a word more. She accompanies us to the restaurant, and to the coffee house.

*

Hupka's sister, now married and going under the name of Mrs. Kaposy, appears and requests to resume [lessons with me].

*

Typically Viennese: the piano tuner turns up not in the afternoon, as he had said, but only after 6 o'clock in the evening. It would have been possible [to come at the earlier time], he admits, but his employers had asked him to come at that time. I send him away and request an early hour. —

*

{2} The coachman of the laundry company collects the wash at 7 o'clock in the evening. It turns out that the custodian [of my apartment block] was not at home throughout the afternoon; it is all lies everywhere and at all times!

*

The Anglo-American businessman does not understand German militarism! Only this, I ask? He does understand as a businessman, but otherwise nothing about fatherland, religion, art or morality! Why then is one so specially surprised that he does not understand militarism?

*

There are concepts for which words are harmful! These include, above all, the concept of God. This alone is the meaning of the first commandment: "Thou shalt not take the name … ." How harmful such words can be may be seen in the "Confessions of a Beautiful Soul" from Wilhelm Meister, 1 whose heroine goes about with her heart, vision and speech unexpressed, like the concept of God; and as she does this in vain, so she in truth only pursues idleness.

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© Translation William Drabkin.

1. Oktober 1915 Freitag.

Weg ins Konscriptionsamt; Vorweisung des Landsturm-LegitimationsblattesOC B/436, womit nun meine Zuständigkeitsfrage erledigt erscheint.

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Uebertrage – 170 Kronen! — Schwerer Regentag! — Frau Deutsch eröffnet die Stunden. Nur Um um zu verhindern, daß ich sie nicht etwa als an eine 3. Stunde gebunden halte, läßt sie sogleich in der 1. Woche die 3. Stunde ausfallen. Dafür tut sie sich mit einer der Zudringlichkeit, mich für Wien zu „entdecken“ u. zu forçieren, sich viel destomehr zugute. So erfahre ich von ihr, daß sie vor 3 Wochen an Fr. Colbert telephoniert u. einen Artikel über mich im „Morgen“ angeregt hat! Ihre Hilfe versagte aber im Augenblick, da Frau Colbert im Auftrage ihres Gatten sie fragte, wie sie sich den Aufsatz vorstelle. Ja, eben darauf wußte sie keinen Bescheid mehr. Dies erzählte sie mir selbst u. meinte, ich könnte selbst müßte einen solchen Aufsatz schreiben u. sie unterzeichnen lassen. Sie könnte meinen Aufsatz, fuhr sie fort, übrigens auch im „N. W. Tgbl.“ anbringen! Ich lehnte so entschieden als möglich ab, glaube aber Fr. D. von der Richtigkeit meiner Gedanken nicht keineswegs noch überzeugt zu haben, da ihr sie doch das Ziel, meinen Namen in Wiener Zeitungen genannt zu wissen sehen, so in einem solchen Maße für erstrebenswert erscheint hält, daß ihrer Meinung nach, die Mittel am eben diesen Ziel gemessen, gar nicht in Frage kommen dürfen. Vom Kurs aber, den sie gleich nach unserer ersten Begegnung selbst anregte, redet sie seither kein Wort mehr. Sie begleitet uns in Gasthaus u. ins Caféhaus.

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Die Schwester Hupkas, nunmehr verheiratete Frau Kaposi, erscheint u. bittet um Wiederaufnahme.

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Wienerisches: Der Klavierstimmer erscheint , statt nachmittags wie angekündigt, erst nach 6h abends. Zwar wäre es auch anders möglich gewesen, sagt gesteht er, aber seine [illeg]Chefs haben es ihm so aufgetragen. Ich schicke ihn fort u. bitte ihn für eine Frühstunde. —

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{2} Die Kutscher der Reinigungswerke holen die Wäsche um 7h abends ab. Es erweist sich, daß die Hausbesorgerin im Laufe des Nachmittags gar nicht zuhause gewesen. , alles Lügen an allen Ecken u. Enden!

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Der anglo-amerikanische Kaufmann versteht den deutschen Militarismus nicht! Nur diesen nicht, frage ich? Er versteht ja als Kaufmann doch auch sonst nichts von Vaterland, Religion, Kunst oder Moral! Weshalb wundert man sich dann aber speziell darüber, daß er speziell den Militarismus nicht versteht?

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Es gibt Begriffe, denen die Worte schaden! Dazu gehört vor allem der Gottes-Begriff. Dies allein ist der Sinn des ersten Gebotes: „Du sollst den Namen ….“. Wie schädlich solche Worte sein können, mag man den „Bekenntnissen einer schönen Seele“ in „Wilhelm Meister“ 1 entnehmen, deren Heldin indem sie ihr Herz, Vorstellungs- u. Sprachvermögen unausgesagt wie den Gottesbegriff kreuz u. quer u. immer vergebens herumführt. , u. da sie es vergebens tut, so in Wahrheit nur Müßiggang treibt.

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© Transcription Marko Deisinger.

October 1, 1915, Friday.

Trip to the conscription office; presentation of my letter of legitimationOC B/436 from the Landsturm, with which the matter of my residency now appears to have been resolved.

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Balance of account – 170 Kronen! — Heavy rain day! — Mrs. Deutsch begins her lessons. Merely to prevent me from being tied to giving her, say, a third lesson, she cancels straightaway the third lesson in week 1. Instead, she makes it her business to "discover" me for Vienna and to be forceful about it, all the more for the good. Thus I learn from her that she telephoned Mrs. Colbert three weeks ago and suggested an article about me in Der Morgen ! But her assistance ran aground the moment that Mrs. Colbert asked her, on behalf of her husband, how she conceived such an article. Indeed, on this very point she no longer had any idea. She told me this herself and said that I would have to write such an article and let her put her name to it. She could, she continued, moreover even publish my article in the Neues Wiener Tagblatt ! I rejected the idea as decisively as possible, but thought that I had not yet by any means convinced Mrs. Deutsch of the correctness of my ideas; for she regards the goal of seeing my name in Viennese newspapers so very much worth striving for that, in her opinion, the measures taken to achieve this very goal do not matter at all. Yet about the course, which she herself suggested immediately after our first encounter, she has since not said a word more. She accompanies us to the restaurant, and to the coffee house.

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Hupka's sister, now married and going under the name of Mrs. Kaposy, appears and requests to resume [lessons with me].

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Typically Viennese: the piano tuner turns up not in the afternoon, as he had said, but only after 6 o'clock in the evening. It would have been possible [to come at the earlier time], he admits, but his employers had asked him to come at that time. I send him away and request an early hour. —

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{2} The coachman of the laundry company collects the wash at 7 o'clock in the evening. It turns out that the custodian [of my apartment block] was not at home throughout the afternoon; it is all lies everywhere and at all times!

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The Anglo-American businessman does not understand German militarism! Only this, I ask? He does understand as a businessman, but otherwise nothing about fatherland, religion, art or morality! Why then is one so specially surprised that he does not understand militarism?

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There are concepts for which words are harmful! These include, above all, the concept of God. This alone is the meaning of the first commandment: "Thou shalt not take the name … ." How harmful such words can be may be seen in the "Confessions of a Beautiful Soul" from Wilhelm Meister, 1 whose heroine goes about with her heart, vision and speech unexpressed, like the concept of God; and as she does this in vain, so she in truth only pursues idleness.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Confessions of a Beautiful Soul," the title of Book 6 of Wilhelm Meisters Lehrjahre, by Goethe (1795–96).