19.

Spaziergang durch den III. Bezirk, um die Schleife RennwegHauptstraße kennen zu lernen. Bei dieser Gelegenheit ladet uns am Thore der Kaserne ein Artillerist zur Nagelung eines Geschützes zu Gunsten der Wittwen u. Waisen ein. —

*

In der „N. Fr. Pr.“ erscheint ein Protest mehrerer Künstler-Genossenschaften gegen die Kunsthistoriker aus Anlaß eines Feuilletons des Direktors der Galerie, der den Malern die Eignung zu direktorialem Amt absprach. 1 Der Protest ist überaus kräftig gehalten u. an sich Wort für Wort richtig. Jedoch schwärt in der Situation eine krasse Lüge, die eine Heilung zur Wahrheit empor nicht aufkommen läßt. Es ist nämlich auch an den Malern selbst leider nicht bekannt, worin die Vorzüge der alten Meister bestehen, so wenig, daß sie in der Diagnose von zweifelhaften Kunstwerken jene Sicherheit des Urteils vermissen lassen, wie sie zum Beispiel Mendelssohn oder Brahms zeigte, da es um die Zurückweisung der Lukaspassion als eines Werkes von Seb. Bach ging. Davon wissen nämlich auch die Kunsthistoriker u. dieses allein gibt ihnen wenn nicht Ueberlegenheit, so mindestens die Parität gegenüber den Malern, die solchermaßen nun selbst die Situation Schuld an der unerquicklichen Situation tragen.

*

Gegen eine Wendung wie etwa: ein [„]angesehener Dieb“ sträubt sich Logik, Sprache, Moral u. Rechtsgefühl; dagegen den „angesehenen Kaufmann“ hat der Kaufmann durch Majorität sowohl im Staat als in der Gesellschaft, in der Sprache u. vor Gericht durch- {73} zusetzen gewußt. Mir selbst sind die Wendungen synonim [sic] u. speziell die letztere eben deshalb sprachlich wie logisch absurd! —

*

Vom Zweck: Wäre der Zweck des Lebens Zweck, so müßte man in der heutigen Gesellschaftsordnung den Koch oder die Köchin als die idealsten Vertreter des Zweckes annehmen. Denn welcher Zweck wird unmittelbarer empfunden, als die Befriedigung der leiblichen Notdurft u. wer dient unmittelbar diesem Hauptzweck, als die genannten Mitglieder der Gesellschaft! Da winkt freilich der Industrielle ab u. meint, so gemein u. niedrig darf der Zweck nicht sein, u. stellt seine eigene Ware, Hüte, Tischchen, Parfum, Hotels usf. als höheren Zweck hin. Da mag es denn das zunächst Wichtigste dieser Erklärung sein, daß auch der Industrielle in der Welt der Zwecke niedrig u. hoch unterscheidet u. so muß er schon erlauben, daß endlich auch gegen ihn von noch höheren Zwecken geredet werden dürfe, da er selbst von höheren spricht. Kostet es freilich seine Eitelkeit u. ein Hinabgedrängtwerden nach der Richtung der Köchin hin, so erhebt sich umso triumphierender die Wahrheit, die allem Zweck von vornherein den Zweck abspricht.

*

Groß-Industrieller im Grunde ein Großbauer – der Stand der Unbildung der gleiche, womöglich sympathischer der Bauer, mindestens in seiner Naturwahrheit u. kräftigeren Originalität. Dagegen der Großindustrielle etwa wie ein galizischer Jude, der ein sogenanntes deutsches Gewand anlegt. —

*

© Transcription Marko Deisinger.

19.

Walk through the third district, in order to get to know the RennwegHauptstraße loop. On this occasion, an artillerist at the gate of the barracks invites us to contribute to the nailing of a gun, for the Widows and Orphans' fund. —

*

In the Neue Freie Presse , a protest from several artists' associations is mounted against the art historians, on the occasion of a feuilleton by the director of the Gallery, who excluded painters from eligibility to administrative posts. 1 The protest has been mounted very powerfully and formulated correctly per se. Yet a blatant lie festers in the situation, which cannot be raised to a healing in the direction of the truth. Namely, it is unfortunately not known by the artists themselves wherein the merits of the old masters lie; so little known that that sureness of judgment is absent from their diagnoses of doubtful works, something which, for example, Mendelssohn or Brahms showed when it came to the rejection of the St Luke Passion as a work by Bach. Art historians, too, know about this; and this alone gives them at least parity with, if not superiority over, the artists who, in this respect, themselves bear the responsibility for the unedifying situation.

*

Logic, speech, morality and the feeling of right bristle against an expression such as "an esteemed thief." On the other hand, the "esteemed businessman" is something that the businessman has been able to assert through his prevalence in both the state and in society. {73} For myself, the expressions are synonymous, and the latter is for that very reason especially absurd, both verbally and logically! —

*

On purpose: if the purpose of life were a purpose, then one would have to accept, according to the present-day ordering of society, that chefs (male and female) are the ideal representatives of purpose. For what purpose is perceived more directly than the satisfaction of bodily needs? And who serves this principal purpose more directly than the above-named members of society! Of course, the industrialist will signal his disagreement and present his own wares – hats, tables, perfume, hotels, etc. – as higher purposes. Then the most important thing about this explanation might be that even the industrialist, in the world of purposes, will make a distinction between high and low; and so he must also concede that, in the end, one may be permitted to speak even against him of still higher purposes, since he himself speaks of higher ones. If it costs him his vanity, and a pulling-down to the level of a (female) chef, then the truth, which at the outset denies every purpose its purpose, rises up all the more triumphantly.

*

The big industrialists are basically like estate owners – they have the same level of ignorance. The farmer is perhaps the more likeable, at least in his natural truthfulness and more powerful originality. The industrialist, on the other hand, may be likened to a Galician Jew who, so to speak, wears German clothing. —

*

© Translation William Drabkin.

19.

Spaziergang durch den III. Bezirk, um die Schleife RennwegHauptstraße kennen zu lernen. Bei dieser Gelegenheit ladet uns am Thore der Kaserne ein Artillerist zur Nagelung eines Geschützes zu Gunsten der Wittwen u. Waisen ein. —

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In der „N. Fr. Pr.“ erscheint ein Protest mehrerer Künstler-Genossenschaften gegen die Kunsthistoriker aus Anlaß eines Feuilletons des Direktors der Galerie, der den Malern die Eignung zu direktorialem Amt absprach. 1 Der Protest ist überaus kräftig gehalten u. an sich Wort für Wort richtig. Jedoch schwärt in der Situation eine krasse Lüge, die eine Heilung zur Wahrheit empor nicht aufkommen läßt. Es ist nämlich auch an den Malern selbst leider nicht bekannt, worin die Vorzüge der alten Meister bestehen, so wenig, daß sie in der Diagnose von zweifelhaften Kunstwerken jene Sicherheit des Urteils vermissen lassen, wie sie zum Beispiel Mendelssohn oder Brahms zeigte, da es um die Zurückweisung der Lukaspassion als eines Werkes von Seb. Bach ging. Davon wissen nämlich auch die Kunsthistoriker u. dieses allein gibt ihnen wenn nicht Ueberlegenheit, so mindestens die Parität gegenüber den Malern, die solchermaßen nun selbst die Situation Schuld an der unerquicklichen Situation tragen.

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Gegen eine Wendung wie etwa: ein [„]angesehener Dieb“ sträubt sich Logik, Sprache, Moral u. Rechtsgefühl; dagegen den „angesehenen Kaufmann“ hat der Kaufmann durch Majorität sowohl im Staat als in der Gesellschaft, in der Sprache u. vor Gericht durch- {73} zusetzen gewußt. Mir selbst sind die Wendungen synonim [sic] u. speziell die letztere eben deshalb sprachlich wie logisch absurd! —

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Vom Zweck: Wäre der Zweck des Lebens Zweck, so müßte man in der heutigen Gesellschaftsordnung den Koch oder die Köchin als die idealsten Vertreter des Zweckes annehmen. Denn welcher Zweck wird unmittelbarer empfunden, als die Befriedigung der leiblichen Notdurft u. wer dient unmittelbar diesem Hauptzweck, als die genannten Mitglieder der Gesellschaft! Da winkt freilich der Industrielle ab u. meint, so gemein u. niedrig darf der Zweck nicht sein, u. stellt seine eigene Ware, Hüte, Tischchen, Parfum, Hotels usf. als höheren Zweck hin. Da mag es denn das zunächst Wichtigste dieser Erklärung sein, daß auch der Industrielle in der Welt der Zwecke niedrig u. hoch unterscheidet u. so muß er schon erlauben, daß endlich auch gegen ihn von noch höheren Zwecken geredet werden dürfe, da er selbst von höheren spricht. Kostet es freilich seine Eitelkeit u. ein Hinabgedrängtwerden nach der Richtung der Köchin hin, so erhebt sich umso triumphierender die Wahrheit, die allem Zweck von vornherein den Zweck abspricht.

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Groß-Industrieller im Grunde ein Großbauer – der Stand der Unbildung der gleiche, womöglich sympathischer der Bauer, mindestens in seiner Naturwahrheit u. kräftigeren Originalität. Dagegen der Großindustrielle etwa wie ein galizischer Jude, der ein sogenanntes deutsches Gewand anlegt. —

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© Transcription Marko Deisinger.

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Walk through the third district, in order to get to know the RennwegHauptstraße loop. On this occasion, an artillerist at the gate of the barracks invites us to contribute to the nailing of a gun, for the Widows and Orphans' fund. —

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In the Neue Freie Presse , a protest from several artists' associations is mounted against the art historians, on the occasion of a feuilleton by the director of the Gallery, who excluded painters from eligibility to administrative posts. 1 The protest has been mounted very powerfully and formulated correctly per se. Yet a blatant lie festers in the situation, which cannot be raised to a healing in the direction of the truth. Namely, it is unfortunately not known by the artists themselves wherein the merits of the old masters lie; so little known that that sureness of judgment is absent from their diagnoses of doubtful works, something which, for example, Mendelssohn or Brahms showed when it came to the rejection of the St Luke Passion as a work by Bach. Art historians, too, know about this; and this alone gives them at least parity with, if not superiority over, the artists who, in this respect, themselves bear the responsibility for the unedifying situation.

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Logic, speech, morality and the feeling of right bristle against an expression such as "an esteemed thief." On the other hand, the "esteemed businessman" is something that the businessman has been able to assert through his prevalence in both the state and in society. {73} For myself, the expressions are synonymous, and the latter is for that very reason especially absurd, both verbally and logically! —

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On purpose: if the purpose of life were a purpose, then one would have to accept, according to the present-day ordering of society, that chefs (male and female) are the ideal representatives of purpose. For what purpose is perceived more directly than the satisfaction of bodily needs? And who serves this principal purpose more directly than the above-named members of society! Of course, the industrialist will signal his disagreement and present his own wares – hats, tables, perfume, hotels, etc. – as higher purposes. Then the most important thing about this explanation might be that even the industrialist, in the world of purposes, will make a distinction between high and low; and so he must also concede that, in the end, one may be permitted to speak even against him of still higher purposes, since he himself speaks of higher ones. If it costs him his vanity, and a pulling-down to the level of a (female) chef, then the truth, which at the outset denies every purpose its purpose, rises up all the more triumphantly.

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The big industrialists are basically like estate owners – they have the same level of ignorance. The farmer is perhaps the more likeable, at least in his natural truthfulness and more powerful originality. The industrialist, on the other hand, may be likened to a Galician Jew who, so to speak, wears German clothing. —

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Der neue Wiener Tizian und die Stellungnahme der Wiener Künstlerschaft gegen die Kunsthistoriker," Neue Freie Presse, No. 18436, December 19, 1915, p. 17.