27. I. 16

England u. Frankreich wollten bis ans Ende der Welt die reichen Kaufherren spielen, wobei sie nicht ungerne den Deutschen als einen billigen Hauslehrer für Kunst u. Wissenschaften zu brauchen geneigt gewesen wären. Verhasst ist ihnen aber der Deutsche, der gar ihr Geld verringert. —

*

Lebenskunst ist die Erfindung der Reichen, u. gerne gefällt sich der Reiche in der Rolle, den Menschen ein schönes Leben zu predigen. Der Trottel weiß nur nicht, daß er zugleich predigt: Plündere die Anderen, auf daß du reich wirst u. ein so schönes Leben wie ich führen kannst...

*

Stünde der Staat auf der Basis des Geistes, so wäre für seine Zwecke eine Auslese leichter gegeben, da geistige Fähigkeiten doch nicht so leicht wie Geld erworben werden können.

*

Leutnant Bednař taucht wieder auf u. macht die Störung nicht einmal dadurch wett, daß er Interessantes aus der Front zu erzählen wüßte. —

*

Fl. u. W. bei uns. — An Vrieslander Brief; daraus: Freude über den Plan einer Reise nach Brüssel u. der Suche nach Em. Bachs Manuskripten. Umschreibe Em. Bachs Lehre als al[tes] Testament u. gebe die meinige als neues zu verstehen, wodurch wieder eine Unteilbarkeit der gesamten Materie erwiesen wäre, deren Gesetze sich gleichermaßen in den Aufgaben des Generalbasses wie im freien Satze offenbaren. Em. Bach war nur eben nach {117} der Spezialaufgabe zugeschnitten u. hatte nur vielleicht keine Gelegenheit, die größere Prolongation des freien Satzes zu codifizieren. – Dank für eingesendete angebliche Berichtigungen zu den Mischungs-Intervallen; 1 erbitte die Errata , u. andere Anmerkungen, die Vr. bezw. Roth für Lehrzwecke gemacht haben. Deute an, daß ich möglicherweise ihnen den Auszug eines kleinen Lehrbuches übertragen würde. Was den Neid wider das Genie anlangt, so sei er unter allen Umständen gegen die Wonne des Parallelgehens mit ihm auszutauschen, steht doch auch das eine Genie den anderen Genies gegenüber in einer ähnlichen receptiven Rolle, wie das Nicht-Genie, u. da sei an dem letzterem wieder auch die Art vorbildlich, in der ein Genie dem anderen bescheiden, dankbar genießend u. [illeg]lernend gegenüber gegenübersteht steht. Erkläre es für das Nicht-Genie noch wichtiger als für das Genie parallel mit ihm zu gehen – eine Art Sonnenkur. Sie mögen im Lichte wandeln, 2 nur nicht im Schatten gstehen. —

*

© Transcription Marko Deisinger.

January 27, 1916.

England and France wanted to play the rich merchants until the end of time, whereby they would not unwillingly be minded to use the Germans as private tutors for the arts and sciences. But they find hateful the German, who would actually deplete their supply of money. —

*

Lifestyle is the invention of the rich, and the rich man enjoys the role of preaching to people a beautiful life. The fool simply does not know that he is at the same time preaching: "Plunder the others, so that you may become rich and can lead as beautiful life as I."

*

If the state were based on intellect, then an elite would be more readily available for its purposes, since intellectual abilities cannot be gained as easily as money.

*

Lieutenant Bednař resurfaces and compensates for the interruption, not merely because he was able to recount interesting things from the front. —

*

Floriz and Valerie at our place. — Letter to Vrieslander containing the following: joy over the planned trip to Brussels and the search for C. P. E. Bach's manuscripts. I describe Bach's theory as the Old Testament and indicate that mine should be understood as the New, by which an indivisibility of the entire material would be demonstrated, the laws of which would be revealed in equal measure in the exercises in thoroughbass and in free counterpoint. Bach was aiming only {117} at a special assignment and perhaps had no opportunity to codify the greater prolongations of free counterpoint. – I thank him for sending the supposed corrections to the intervals of modal mixture; 1 I request the list of mistakes, and other notes that Vrieslander or Roth have made for teaching purposes. I indicate that I might possibly transmit the outlines of a small teaching manual. As far as the envy of genius is concerned, it is in any event opposed to sharing the joy in moving in step with him, even though one genius can stand alongside other geniuses in a similarly receptive way to that of the non-genius, and in the latter case the nature of the relationship is exemplary, in which the one genius stands alongside another in modesty, grateful to enjoy and learn. I explain that it is even more important for the non-genius than for the genius to move in step with him [another genius], as a kind of solar cure: they may walk together in the light, 2 but not stand in the shadow. —

*

© Translation William Drabkin.

27. I. 16

England u. Frankreich wollten bis ans Ende der Welt die reichen Kaufherren spielen, wobei sie nicht ungerne den Deutschen als einen billigen Hauslehrer für Kunst u. Wissenschaften zu brauchen geneigt gewesen wären. Verhasst ist ihnen aber der Deutsche, der gar ihr Geld verringert. —

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Lebenskunst ist die Erfindung der Reichen, u. gerne gefällt sich der Reiche in der Rolle, den Menschen ein schönes Leben zu predigen. Der Trottel weiß nur nicht, daß er zugleich predigt: Plündere die Anderen, auf daß du reich wirst u. ein so schönes Leben wie ich führen kannst...

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Stünde der Staat auf der Basis des Geistes, so wäre für seine Zwecke eine Auslese leichter gegeben, da geistige Fähigkeiten doch nicht so leicht wie Geld erworben werden können.

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Leutnant Bednař taucht wieder auf u. macht die Störung nicht einmal dadurch wett, daß er Interessantes aus der Front zu erzählen wüßte. —

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Fl. u. W. bei uns. — An Vrieslander Brief; daraus: Freude über den Plan einer Reise nach Brüssel u. der Suche nach Em. Bachs Manuskripten. Umschreibe Em. Bachs Lehre als al[tes] Testament u. gebe die meinige als neues zu verstehen, wodurch wieder eine Unteilbarkeit der gesamten Materie erwiesen wäre, deren Gesetze sich gleichermaßen in den Aufgaben des Generalbasses wie im freien Satze offenbaren. Em. Bach war nur eben nach {117} der Spezialaufgabe zugeschnitten u. hatte nur vielleicht keine Gelegenheit, die größere Prolongation des freien Satzes zu codifizieren. – Dank für eingesendete angebliche Berichtigungen zu den Mischungs-Intervallen; 1 erbitte die Errata , u. andere Anmerkungen, die Vr. bezw. Roth für Lehrzwecke gemacht haben. Deute an, daß ich möglicherweise ihnen den Auszug eines kleinen Lehrbuches übertragen würde. Was den Neid wider das Genie anlangt, so sei er unter allen Umständen gegen die Wonne des Parallelgehens mit ihm auszutauschen, steht doch auch das eine Genie den anderen Genies gegenüber in einer ähnlichen receptiven Rolle, wie das Nicht-Genie, u. da sei an dem letzterem wieder auch die Art vorbildlich, in der ein Genie dem anderen bescheiden, dankbar genießend u. [illeg]lernend gegenüber gegenübersteht steht. Erkläre es für das Nicht-Genie noch wichtiger als für das Genie parallel mit ihm zu gehen – eine Art Sonnenkur. Sie mögen im Lichte wandeln, 2 nur nicht im Schatten gstehen. —

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© Transcription Marko Deisinger.

January 27, 1916.

England and France wanted to play the rich merchants until the end of time, whereby they would not unwillingly be minded to use the Germans as private tutors for the arts and sciences. But they find hateful the German, who would actually deplete their supply of money. —

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Lifestyle is the invention of the rich, and the rich man enjoys the role of preaching to people a beautiful life. The fool simply does not know that he is at the same time preaching: "Plunder the others, so that you may become rich and can lead as beautiful life as I."

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If the state were based on intellect, then an elite would be more readily available for its purposes, since intellectual abilities cannot be gained as easily as money.

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Lieutenant Bednař resurfaces and compensates for the interruption, not merely because he was able to recount interesting things from the front. —

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Floriz and Valerie at our place. — Letter to Vrieslander containing the following: joy over the planned trip to Brussels and the search for C. P. E. Bach's manuscripts. I describe Bach's theory as the Old Testament and indicate that mine should be understood as the New, by which an indivisibility of the entire material would be demonstrated, the laws of which would be revealed in equal measure in the exercises in thoroughbass and in free counterpoint. Bach was aiming only {117} at a special assignment and perhaps had no opportunity to codify the greater prolongations of free counterpoint. – I thank him for sending the supposed corrections to the intervals of modal mixture; 1 I request the list of mistakes, and other notes that Vrieslander or Roth have made for teaching purposes. I indicate that I might possibly transmit the outlines of a small teaching manual. As far as the envy of genius is concerned, it is in any event opposed to sharing the joy in moving in step with him, even though one genius can stand alongside other geniuses in a similarly receptive way to that of the non-genius, and in the latter case the nature of the relationship is exemplary, in which the one genius stands alongside another in modesty, grateful to enjoy and learn. I explain that it is even more important for the non-genius than for the genius to move in step with him [another genius], as a kind of solar cure: they may walk together in the light, 2 but not stand in the shadow. —

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 This concerns corrections to a few passages from Schenker's Theory of Harmony . See diary entry for January 22, 1916.

2 Probably a reference to Hyperions Schicksalslied by Friedrich Hölderlin, the first two lines of which read: "Ihr wandelt droben im Licht / Auf weichem Boden selige Genien!"