28. I. 16 +7°.

— Vorladung vom Landwehrdivisions-Gericht; Mittelmann einer Störung der öffentlichen Ruhe wegen verhaftet (§ 65a). So hätte also der Mann, der den wichtigsten Ereignissen seines eigenen Lebens sowie der ihm nahestehenden Personen mit dem apathischesten „Mboh“ gegenüber stand, sich vermutlich in einer ganz läppischen Debatte verfangen u. das Aeußerste an leidenschaftlichen Worten gewagt. —

— An Karpath pneumatisch u. an Fl. Verständigung. —

*

Von Paul de Conne Brief; bedauert mein Fernbleiben vom Konzert u. macht noch immer Hoffnung auf den Eintritt der neuen Schülerin. —

*

Lie-Liechen Karte an Wilhelm, fragt nach Dodis Zustand.

*

{118} Frau D. legt mir Bankreverse zur Unterschrift vor, den Text des Hauptbriefes aber beanstande ich, da er einen Passus von nur jährlich auszufolgenden 3000 Mark enthält. Fr. D. will mich nun glauben machen, ich hätte in meinem Entwurf eben diesen Passus ja auch vorgesehen, bis ich sie endlich zugibt, ihn aus eigenem konstruiert zu haben u. ich setze meine Unterschrift erst, nachdem der Text ausdrücklich die Korrektur dahin erfahren hat, daß nichtbehobene Gelder zum nächstfälligen Betrag zugeschlagen werden. Nur auf diese Weise ist ja das Erscheinen des 2. Halbbandes überhaupt ermöglicht, der ohne Zweifel mehr als 3000 Mark beanspruchen wird. —

Frau D. im Gasthaus u. im Caféhaus, wo wir auch Frau Wally antreffen, die eigens gekommen ist, um Gevaert für Fl. zu holen.

*

Liebe zum Nächsten involviert die Verpflichtung ihn Liebe zu lehren u. sei es auch mit gewaltsamen Mitteln der Erziehung. —

*

Das Auf u. Nieder der Staaten darf durchaus nicht nach Art der Historiker als eines Analogie jenes Auf u. Nieder definiert werden, dem physische Organismen unterworfen sind. Noch weniger ist das Auf u. Nieder einer Nation oder eines Staates mit jenem geheimnisvollen „Es“ zu erklären, womit die Menschen so gerne von der in ihnen selbst gelegenen Ursache abzulenken lieben. Man braucht nur zu bedenken, daß die geistige u. moralische Richtung des Menschen nur einen steten Aufstieg kennt u. daß die Form eines Niedergangs bei dem Individuum, das den Aufstieg erlebt hat, absolut ausgeschlossen ist. Ein Spinoza, ein Beethoven, Bach und Brahms, ein Kant erleben nur einen Aufstieg der geistigen Kräfte u. ein Analogon des Niederganges ihrer Moral oder ihrer Kunst ist undenkbar, obgleich ihre Physis von einem solchen Niedergang betroffen wird. Spinoza kann {119} also niemals ein Schurke werden u. straft damit die Theorie vom Niedergang in sittlicher Beziehung Lügen. Jedenfalls begehen die Historiker u. wohl auch die Dichter einen großen Fehler, wenn sie einen von der körperlichen Natur abgezogenen Begriff auch auf die geistige transponieren. Vielmehr ist es logisch zutreffend, daß die Menschheit als solche den geistigen Aufstieg noch nicht unternommen, geschweige vollendet hätte, wie irgend eines der oben citierten Individuen. Oder anders: Wohl sind Staaten körperlich zugrunde gegangen, aber ihre geistige Natur ist in allen Fällen stehen geblieben, u. hätte die Menschheit innerhalb jener zugrunde gegangenen Staaten in geistiger Hinsicht die Höhe der großen Geisteshelden erklommen, so wären sie nicht einmal körperlich zugrunde gegangen! Der Staat müßte vor allem ein moralisches, u. nicht blos praktisches politisches, juristisches Wesen werden, u. hierin förmliche Ziele eines Individuums verfolgen. Er müßte sich vor moralischen Anomalien hüten, wie vor der einseitigen Betonung der Macht des Reichtums, vor Widersprüchen, wie z. B. daß die Ehe sowohl ein Sakrament als ein Geldgeschäft ist, die demoralisierend auf die Individuen zurückwirken. Freilich ist die Erziehung des Staates zu einem moralischen Wesen ungemein dadurch erschwert, daß in einer durchaus freien Weise Generation um Generation nachrückt, so daß ein kaum begonnener Schritt vorwärts durch die neue Generation wieder vereitelt wird, die wieder von vorne anfangen muss. Ob nicht eben hier die Tücke des Dualismus überhaupt gelegen ist? Indessen ist ohne Zweifel jeder Niedergang von Staaten auf den schlechten Gebrauch der Reichtümer zurückzuführen. Unfähigkeit zum Reichtum ist eben noch lange nicht Unfähigkeit zur politischen Macht; als Garantie für die letztere müßte weit eher der Nachweis einer Fähigkeit zum Gelde erbracht werden. Leider lag es in diesem Punkte anders zu allen Zeiten u. in allen Staaten u. daher mußten auch die größten ihre Existenz einbüßen.

*

{120} An Frau Deutsch Brief mit Dank. —

*

© Transcription Marko Deisinger.

January 28, 1916, +7°.

— Summons from the territorial division court; Mittelmann arrested for disturbing the peace (§ 65a). So the man, who stood before the most important events in his own life, and that of the people who were closest to him, with his apathetic "So what?", presumably caught up in a totally stupid debate, and dared to use the most extremely intemperate language. —

Karpath (pneumatically) and Floriz informed. —

*

From Paul de Conne, letter: he regrets my absence from his concert and still holds out the hope that the new pupil will come [to me]. —

*

Lie-Liechen, postcard to Wilhelm enquiring about Dodi's health.

*

{118} Mrs. Deutsch gives me a bank transfer to sign; but I query the text of her main letter, as it contains a clause about only 3,000 marks to be issued annually. Mrs. Deutsch will now have me believe that I had actually included that clause in my draft, until she finally admits to having construed it on her own; and I put my signature to the text only after the text is expressly corrected to read that monies not received will be added to the next payable sum. Only in this way is the publication of Counterpoint 2 made possible at all, as it will without doubt require more than 3,000 marks. —

Mrs. Deutsch at the restaurant and in the coffee house, where we also meet Vally, who has come especially to collect [a book by] Gevaert for Floriz.

*

Love of one's neighbors involves the responsibility of teaching him to love, even if it is with forceful means of education. —

*

The rise and fall of states should not be defined, as the historians do, by analogy with the rise and fall of a physical organism. Even less should the rise and fall of a nation or state be explained by that mysterious "it" by which people like to distract from the origins that lie within themselves. One need only consider that the spiritual and moral direction of people recognizes a steady ascent, and that the form of a decline in an individual who has experienced the ascent is absolutely excluded. A Spinoza, a Beethoven, a Bach, and a Brahms, a Kant experience only an increase in intellectual powers and an analogy of the decline of their morality or their art is unthinkable, even though their physical being is subject to such a decline. Spinoza can {119} thus never become a rogue; and so gives the lie to the theory of decline in ethical terms. In any event, the historians – and probably the poets, too – commit a serious error when they transfer a concept derived from the natural world to the spiritual. Rather, it is logically correct that humanity as such has not yet undertaken its spiritual ascent, to say nothing of having completed it, like one of the individuals named above. Put another way: states have, for sure, gone to ground, but their spiritual nature has in all cases remained; and had humanity within those fallen states climbed in a spiritual sense the heights of the great spiritual heroes, then they would never had gone to ground physically! The state would have to be above all a moral and not merely a political, juridical entity, and in this respect pursue the actual goals of an individual. It would have to protect itself from moral anomalies such as the unilateral emphasis of the power of wealth, from contradictions such as the notion that marriage is both a sacrament and a financial matter – which would have a demoralizing reaction in the individuals concerned. Admittedly, the education of a state as a moral entity has been made uncommonly difficult by the fact that generation after generation has moved up in a completely arbitrary manner, so that a step forwards that has hardly begun will be thwarted by the next generation, which will have to begin again from the beginning. In this very matter, is not the perfidy of dualism in general exposed? Nonetheless, every decline of a state is without doubt to be attributed to the poor use of its riches. The inability to achieve wealth is a far cry from the inability to become politically powerful; as a guarantee for the latter, the evidence of a capability in monetary matters must be provided much earlier. Unfortunately, the situation concerning this point was different at all times and for all states, and for this reason even the greatest states had to forfeit their existence.

*

{120} To Mrs. Deutsch, letter with thanks. —

*

© Translation William Drabkin.

28. I. 16 +7°.

— Vorladung vom Landwehrdivisions-Gericht; Mittelmann einer Störung der öffentlichen Ruhe wegen verhaftet (§ 65a). So hätte also der Mann, der den wichtigsten Ereignissen seines eigenen Lebens sowie der ihm nahestehenden Personen mit dem apathischesten „Mboh“ gegenüber stand, sich vermutlich in einer ganz läppischen Debatte verfangen u. das Aeußerste an leidenschaftlichen Worten gewagt. —

— An Karpath pneumatisch u. an Fl. Verständigung. —

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Von Paul de Conne Brief; bedauert mein Fernbleiben vom Konzert u. macht noch immer Hoffnung auf den Eintritt der neuen Schülerin. —

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Lie-Liechen Karte an Wilhelm, fragt nach Dodis Zustand.

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{118} Frau D. legt mir Bankreverse zur Unterschrift vor, den Text des Hauptbriefes aber beanstande ich, da er einen Passus von nur jährlich auszufolgenden 3000 Mark enthält. Fr. D. will mich nun glauben machen, ich hätte in meinem Entwurf eben diesen Passus ja auch vorgesehen, bis ich sie endlich zugibt, ihn aus eigenem konstruiert zu haben u. ich setze meine Unterschrift erst, nachdem der Text ausdrücklich die Korrektur dahin erfahren hat, daß nichtbehobene Gelder zum nächstfälligen Betrag zugeschlagen werden. Nur auf diese Weise ist ja das Erscheinen des 2. Halbbandes überhaupt ermöglicht, der ohne Zweifel mehr als 3000 Mark beanspruchen wird. —

Frau D. im Gasthaus u. im Caféhaus, wo wir auch Frau Wally antreffen, die eigens gekommen ist, um Gevaert für Fl. zu holen.

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Liebe zum Nächsten involviert die Verpflichtung ihn Liebe zu lehren u. sei es auch mit gewaltsamen Mitteln der Erziehung. —

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Das Auf u. Nieder der Staaten darf durchaus nicht nach Art der Historiker als eines Analogie jenes Auf u. Nieder definiert werden, dem physische Organismen unterworfen sind. Noch weniger ist das Auf u. Nieder einer Nation oder eines Staates mit jenem geheimnisvollen „Es“ zu erklären, womit die Menschen so gerne von der in ihnen selbst gelegenen Ursache abzulenken lieben. Man braucht nur zu bedenken, daß die geistige u. moralische Richtung des Menschen nur einen steten Aufstieg kennt u. daß die Form eines Niedergangs bei dem Individuum, das den Aufstieg erlebt hat, absolut ausgeschlossen ist. Ein Spinoza, ein Beethoven, Bach und Brahms, ein Kant erleben nur einen Aufstieg der geistigen Kräfte u. ein Analogon des Niederganges ihrer Moral oder ihrer Kunst ist undenkbar, obgleich ihre Physis von einem solchen Niedergang betroffen wird. Spinoza kann {119} also niemals ein Schurke werden u. straft damit die Theorie vom Niedergang in sittlicher Beziehung Lügen. Jedenfalls begehen die Historiker u. wohl auch die Dichter einen großen Fehler, wenn sie einen von der körperlichen Natur abgezogenen Begriff auch auf die geistige transponieren. Vielmehr ist es logisch zutreffend, daß die Menschheit als solche den geistigen Aufstieg noch nicht unternommen, geschweige vollendet hätte, wie irgend eines der oben citierten Individuen. Oder anders: Wohl sind Staaten körperlich zugrunde gegangen, aber ihre geistige Natur ist in allen Fällen stehen geblieben, u. hätte die Menschheit innerhalb jener zugrunde gegangenen Staaten in geistiger Hinsicht die Höhe der großen Geisteshelden erklommen, so wären sie nicht einmal körperlich zugrunde gegangen! Der Staat müßte vor allem ein moralisches, u. nicht blos praktisches politisches, juristisches Wesen werden, u. hierin förmliche Ziele eines Individuums verfolgen. Er müßte sich vor moralischen Anomalien hüten, wie vor der einseitigen Betonung der Macht des Reichtums, vor Widersprüchen, wie z. B. daß die Ehe sowohl ein Sakrament als ein Geldgeschäft ist, die demoralisierend auf die Individuen zurückwirken. Freilich ist die Erziehung des Staates zu einem moralischen Wesen ungemein dadurch erschwert, daß in einer durchaus freien Weise Generation um Generation nachrückt, so daß ein kaum begonnener Schritt vorwärts durch die neue Generation wieder vereitelt wird, die wieder von vorne anfangen muss. Ob nicht eben hier die Tücke des Dualismus überhaupt gelegen ist? Indessen ist ohne Zweifel jeder Niedergang von Staaten auf den schlechten Gebrauch der Reichtümer zurückzuführen. Unfähigkeit zum Reichtum ist eben noch lange nicht Unfähigkeit zur politischen Macht; als Garantie für die letztere müßte weit eher der Nachweis einer Fähigkeit zum Gelde erbracht werden. Leider lag es in diesem Punkte anders zu allen Zeiten u. in allen Staaten u. daher mußten auch die größten ihre Existenz einbüßen.

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{120} An Frau Deutsch Brief mit Dank. —

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© Transcription Marko Deisinger.

January 28, 1916, +7°.

— Summons from the territorial division court; Mittelmann arrested for disturbing the peace (§ 65a). So the man, who stood before the most important events in his own life, and that of the people who were closest to him, with his apathetic "So what?", presumably caught up in a totally stupid debate, and dared to use the most extremely intemperate language. —

Karpath (pneumatically) and Floriz informed. —

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From Paul de Conne, letter: he regrets my absence from his concert and still holds out the hope that the new pupil will come [to me]. —

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Lie-Liechen, postcard to Wilhelm enquiring about Dodi's health.

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{118} Mrs. Deutsch gives me a bank transfer to sign; but I query the text of her main letter, as it contains a clause about only 3,000 marks to be issued annually. Mrs. Deutsch will now have me believe that I had actually included that clause in my draft, until she finally admits to having construed it on her own; and I put my signature to the text only after the text is expressly corrected to read that monies not received will be added to the next payable sum. Only in this way is the publication of Counterpoint 2 made possible at all, as it will without doubt require more than 3,000 marks. —

Mrs. Deutsch at the restaurant and in the coffee house, where we also meet Vally, who has come especially to collect [a book by] Gevaert for Floriz.

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Love of one's neighbors involves the responsibility of teaching him to love, even if it is with forceful means of education. —

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The rise and fall of states should not be defined, as the historians do, by analogy with the rise and fall of a physical organism. Even less should the rise and fall of a nation or state be explained by that mysterious "it" by which people like to distract from the origins that lie within themselves. One need only consider that the spiritual and moral direction of people recognizes a steady ascent, and that the form of a decline in an individual who has experienced the ascent is absolutely excluded. A Spinoza, a Beethoven, a Bach, and a Brahms, a Kant experience only an increase in intellectual powers and an analogy of the decline of their morality or their art is unthinkable, even though their physical being is subject to such a decline. Spinoza can {119} thus never become a rogue; and so gives the lie to the theory of decline in ethical terms. In any event, the historians – and probably the poets, too – commit a serious error when they transfer a concept derived from the natural world to the spiritual. Rather, it is logically correct that humanity as such has not yet undertaken its spiritual ascent, to say nothing of having completed it, like one of the individuals named above. Put another way: states have, for sure, gone to ground, but their spiritual nature has in all cases remained; and had humanity within those fallen states climbed in a spiritual sense the heights of the great spiritual heroes, then they would never had gone to ground physically! The state would have to be above all a moral and not merely a political, juridical entity, and in this respect pursue the actual goals of an individual. It would have to protect itself from moral anomalies such as the unilateral emphasis of the power of wealth, from contradictions such as the notion that marriage is both a sacrament and a financial matter – which would have a demoralizing reaction in the individuals concerned. Admittedly, the education of a state as a moral entity has been made uncommonly difficult by the fact that generation after generation has moved up in a completely arbitrary manner, so that a step forwards that has hardly begun will be thwarted by the next generation, which will have to begin again from the beginning. In this very matter, is not the perfidy of dualism in general exposed? Nonetheless, every decline of a state is without doubt to be attributed to the poor use of its riches. The inability to achieve wealth is a far cry from the inability to become politically powerful; as a guarantee for the latter, the evidence of a capability in monetary matters must be provided much earlier. Unfortunately, the situation concerning this point was different at all times and for all states, and for this reason even the greatest states had to forfeit their existence.

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{120} To Mrs. Deutsch, letter with thanks. —

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© Translation William Drabkin.