26. III. 16 +3°, doch immerhin schön.

— Durch den Schönbrunner Park nach Hetzendorf u. von dort nach Hietzing; zu Tisch schon zurück. —

*

Der Kaufmann: Der Engländer verstand es, dem Kaufmannsberuf sozusagen das Gottesgnadentum aufzuprägen. Er richtete seine Haltung in Gang u. Miene nach Gottesgnadentum ein u. in dieser Rolle eines Potentaten ließen ihn die Kaufleute aller anderen Erdteile, da er immerhin einer ihresgleichen war, gelten. Aber wie die französischen Könige sich vor der Revolution übernahmen, übernahm sich auch der Kaufmann von Gottesgnaden so lange, bis er den Krieg anzettelte. Mit Rücksicht auf diese banale Ursache wäre man versucht, den Weltkrieg als eine einfache Schweinerei eines von vom Gottesgnadentum aufgeblasenen Kaufmannes zu bezeichnen. —

*

An den Gerichtshof richtete kürzlich eine Zeugin einen Brief, worin sie ihr Fernbleiben von der Verhandlung entschuldigte, den sie an den „Justizballast“ adressierte. —

*

Die Frage nach der Gleichstellung von unehelichen Kindern mit ehelichen ist jetzt brennend geworden, seitdem man daran denkt, den Ausfall an Menschenmaterial durch rasche Aufzucht gutzumachen. Leider bewegen sich die Reformgedanken nur an der Oberfläche, so daß man im vorhinein ihr Fiasko voraussagen kann. Vor allem ist sich der Staat selbst über seine Stellung zum Eheproblem nicht klar. Sicher hält er an der Ehe fest, Weniger nicht etwa um diese Ehe im religiösen Sinn zu propagieren, sondern nur um die Geldsummen seiner Untertanen in Ordnung zu bringen, wie sie von {174} den einzelnen Familien, Erblassern u. Erben occupiert sind. Der Staat interessiert sich vor allem für den Aufenthalt dieser oder jener Geldsummen, dieser oder jener Liegenschaften, wobei ihm die Gesinnung seiner Untertanen zur Ehe oder Religion im Grunde vollständig Nebensache sind. Somit bedeutet es gegen diesen Buchhaltungsstandpunkt einen krassen Widerspruch, wenn der Staat andererseits Propaganda für die Ehe in sittlicher Hinsicht posiert. (Wäre dieses richtig, so würde davon das Strafgesetz mehr u. Schärferes zu erzählen wissen, als man heute dort finden kann.) Dazu kommt, daß sich weder der Staat, noch die Reformlustigen die Frage vorlegen, wie die schwere Krisis der Pubertät, die ja Diktat der Natur ist, überwunden werden könnte, wenn nicht durch Oeffnung von Ventilen nach allen Seiten hin, so unwillkommen auch die Folgen davon dem Staat, der Gesellschaft u. den betroffenen Individuen sein mögen. Dem von der Krisis heimgesuchten Jüngling oder Mädchen ist der Imperativ der Verantwortlichkeit kein genügendes Schutzmittel wider die Uebermacht der Natur; bei erstbester Gelegenheit zertritt die Natur unter ihren Füßen den Imperativ als Ausgeburt menschlich-sozialer Denk- u. Gefühlsformen; was aber denn tun? Den Verfehlenden die Pflicht zur Ehe aufzunötigen wäre aber gleichbedeutend damit, wie etwa einem Dichter den ersten Entwurf mit all seinen Irrtümern zur Pflicht zu machen. Auch auf dem Wege zur Ehe, soll diese eine wirkliche Verbindung sein, die Liebe hervorbringt, muß man destomehr Versuche u. Entwürfe gelten lassen, jemehr man die Ehe als Institution der Religion u. sonstiger hohenr Ideen erhalten will. Liegen doch solche Versuche zumeist weniger an der Wandelbarkeit der Triebe, als an der inneren Unfähigkeit der Irrenden; wer nicht einmal noch sich selbst gefunden hat, kann viel weniger die passende Ergänzung beurteilen u. finden. Am ehesten wäre das Schema: erste Verbindung gleich einer ersten Ehe, erste Kinder gleich ehelichen {175} Kindern bei jenen Ständen durchzuführen, die weniger als die geistigen ein inneres Werden des Menschen voraussetzen, so vor allem der Handels- u. Gewerbestand in allen seinen Nuançen. Und hier komme ich nun auf den springenden Punkt. Kein Zweifel, daß jeder junge Mann oder jedes junge Mädchen schon die erste Verbindung als eine dauernde aufrechtzuerhalten sich bestreben würden, wenn einer solchen Bestrebung doch mindestens auch die materielle Seite fördernd beistünde, da man aus Erfahrung weiß, wie völlige Aussichtslosigkeit, sich selbst, geschweige eine Nachkommenschaft zu erhalten, die jungen Leute sofort auseinanderreißt, um sie aus allen Himmeln in die profanste Rechenstube zu schleudern. Wäre nur dem Staat mit einer Reform dieser überaus schwierigen Frage wirklich ernst, so müßte er m. E. den jungen Leuten vor allem die nötigen Subsistenzmittel unter allen Umständen gewährleisten; dieses aber könnte er nur dann, wenn er seinem bisherigen Ideale, die Erzeugung, Pflege u. Steigerung großer Reichtümer, aufgeben würde. Er müßte aufhören, geradezu Prämien auf Erwerbung großer Reichtümer zu setzen, wie er es bisher tut, indem er den Reichen Einfluss u. Macht einräumt. Innerlich wertend müßte er die Degradation der Reichen vornehmen, sie als eine Art reich gewordene Proletarier behandeln, um die er sich nicht weiter zu bekümmern braucht. Zwar behauptet der Staat – u. gar oft kann man dieses in den heutigen Tagen lesen – daß die Menschen darüber die Unternehmungslust verlören, wodurch der Staat schließlich in seiner Gesamtheit zu Falle käme. Doch meine ich dagegen, daß diese Menschen beim bösesten Willen nicht leicht etwas anderes zu tun sich entschlössen entschließen könnten, als sie bisher getan haben u. auch nicht einmal an Unternehmungslust einbüßen würden. Und geschähe es sogar, so träfe erst recht als Folge dasjenige ein, was allein die Lösung jener verworrenen Frage herbeizuführen vermöchte: Es würde nämlich im selben Maße, als das Geld nicht ausschließlich auch zu Ansehen, {176} Aemtern u. Würden führen würde, die das Menschengeschlecht entstellende Jagd nach dem Gelde aufhören, wodurch auf eine viel natürlichere Weise als die Sozialdemokraten u. sonstige Sozialreformer es anstreben eine gerechtere Verteilung der Güter platzgreifen u. erst im Gefolge einer solchen wäre es dann auch jungen Leuten möglich, rascher zu Mitteln zu gelangen, die ihnen u. ihrer auch außerehelich erzeugten Nachkommenschaft den Unterhalt sichern könnte. Man bedenke doch nur, wie oft heute von seiner Ehe Abstand genommen wird, nicht etwa, weil die Mittel zur Führung einer solchen überhaupt fehlten, sondern weil sich die Mittel als zur Führung einer standesgemäßen Ehe als unzulänglich erweisen. Was ist das aber anderes als der Fluch des Geldes, womit der Mensch nicht blos seinen Unterhalt überhaupt, sondern eine höhere bestimmte Art des Unterhaltes zu decken sucht. Da nun einmal mit Geld diese oder jene höheren Vorteile verbunden sind, so wollen diese Vorteile eben von allen Menschen errungen werden. Der Staat nehme daher nur die Spitze, die des Geldes, wie man sieht, gegen die Institution der Ehe gerichtet ist u. das Problem wird dann automatisch in dem Sinne gelöst werden, in dem er es selbst zu lösen wünscht. Nur geht es eben nicht an, daß der Staat Geldpolitik verfolgt u. zugleich Ehepolitik fördert.

Im übrigen ist vom höchsten Standpunkt aus betrachtet die ganze Frage irrelevant, da es auf all die Leiden u. Freuden der menschlichen Kreaturen, wie sie hier der Natur, dort dem Staate verfallen, gar nicht ankommt, wohl aber nur auf den jeweilig einzelnen, der allein zum Segen der Menschheit gereicht, soweit diese eines Segens überhaupt teilhaftig werden kann. Dieser begnadete Einzelne aber wird sich aus allen Schlingen herauszuarbeiten wissen, um das zu erfüllen, wozu sein Geschick ihn berufen! —

*

{177} Mit der vierten, fünften, sechsten Dimension beschäftigen sich nur Menschen, die mit der ersten, zweiten u. dritten nichts anzufangen wissen. Man fülle die Gegenwart aus u. gebe sich in ihr einer Sache ordentlich hin, so sind darin gleich alle Dimensionen aufgezehrt.

*

Ebner-Eschenbach †.

Ich bin im Leben wohl auch manchem gemeinen Menschen begegnet, aber spazieren sind wir miteinander nicht gegangen.

*

Ohne Talent zur Liebenswürdigkeit kein Talent zum Glücklichsein.

*

Daß sie nicht zu besitzen brauchen, was in erster Reihe den Menschen stark, tüchtig und widerstandsfähig macht: den heiligen Eigensinn des Fleißes, eiserne Ausdauer, die stolze Kraft des Verzichtenkönnens, das ist die Armut der Reichen.

*

Verwöhnender als der verwöhnendste Umgang ist die Einsamkeit.

*

„Von den Engländern kann man nichts Gutes sagen, ohne zu sündigen“, behauptete ein Burgunder im XV. Jahrhundert.

*

Ich wär' verschlossen, an Vertrauen arm? –
Dann bin ich's unbewußt, daß Gott erbarm'.
Nicht kluge Vorsicht ist mir angeboren,
Im Glauben nehm' ich's auf mit jedem Toren,
Zur Lüge fehlt mir Feigheit und Geduld.
Mein Denken all, mein Hassen und mein Lieben,
Es steht so klar auf meiner Stirn geschrieben –
Daß ihr nicht lesen lernt, ist eure Schuld.

*

Wachsen sollst du, immer wachsen, du sollst die Schultern deines Vorgängers zum Schemel deiner Füße machen.

Schon gut. Wie soll ich aber dem auf die Schulter treten, der sich auf den Kopf gestellt hat?

*

Das Wort „unbeschreiblich“ sollte der Schriftsteller nie gebrauchen. Freilich kann er nicht alles beschreiben, aber in seinem Leser muß er ein Bild, ein Gefühl, eine Ahnung dessen erwecken können, was sich nicht beschreiben läßt. 1

*

© Transcription Marko Deisinger.

March 26, 1916, +3°, yet still fair weather.

— Through the park at Schönbrunn to Hetzendorf, and from there to Hietzing; home already by lunchtime. —

*

The businessman: the Englishman understood that he should, so to speak, imprint the doctrine of divine right on the business profession. He adapted his attitude, in his behavior and expression, to this doctrine; and the business people of all the other corners of the world let him assume this role of a potentate, as he was after all one of their kind. But as the kings of France overreached themselves before the Revolution, so the businessman, too, went beyond the bounds of God's grace until he provoked the war. With hindsight of this banal cause, one would be tempted to characterize the world war as a simple mess caused by a businessman inflated by the doctrine of divine right. —

*

A witness recently sent a letter to the court of justice, in which she apologized for her absence from the trial, which she addressed to the "Ballast of Justice." —

*

The question of granting equal status to illegitimate children and those born in wedlock has become a hot topic since one has been thinking of making up for the deficiency of human material by fast breeding. Unfortunately, the ideas for reform are moving only on the surface, so that one can predict the resulting fiasco at the outset. In the first place, the state itself is not clear about its position on the problem of marriage. To be sure, it believes in marriage, not so much to promote this in a religious sense, but rather merely to put in order the lumps of money of its subjects, such as are in the possession of {174} the individual families, decedents, and heirs. The state is interested above all in these or those sums of money, these or those properties, whereby the attitudes of its subjects towards marriage or religion are essentially an entirely secondary matter. In this sense, there is a crude contradiction in this bookkeeping standpoint, if the state, on the other hand, is propagandizing marriage in an ethical respect. (If that were so, then criminal law would have more to say about this, and have tougher penalties, than one can find there today.) Moreover, neither the state nor the reformists are addressing the question of how the severe crisis in puberty, which is a dictate of nature, is not to be overcome if the release of pressure from all sides may result in consequences so unwelcome to the state, society, and the individuals concerned. For the young lad or lady beset by the crisis, the imperative of responsibility is not a sufficient protective measure against the superior power of nature; at the first available opportunity; natural will trample the imperative under its feet, as an unwelcome product of human-social forms of thoughts and emotions: but then what shall one do? To force the obligation to marry on those who are not up to it would be tantamount to obliging a poet to hold to his first draft, with all its errors. Even on the path to marriage, if this is to be a true union that engenders love, one must accept all the more efforts and plans, the more one wishes to preserve marriage as a religious institution, and other lofty ideas. But such efforts are usually due less to the changeability of desires than to the inherent inability of those who go astray; anyone who has not yet found himself is even less capable of judging and finding the appropriate complement to his life. The most likely plan: first attachment, like a first marriage; first children, like children born in wedlock, {175} in those strands of society who imagine less of an inner human coming-into-being than the intellectual strands; above all the strand concerned with industry and trade in all its subtle varieties. And now I come to the crux of the matter. There is no doubt that every young man, and every young lady, would strive to maintain their first union as a lasting one, if at least the material aspects were there to support such an effort; for one knows from experience how the complete hopelessness of maintaining oneself, to say nothing of offspring, immediately tears young people apart and hurls them from all corners of Heaven into the most profane workroom. If only the state were truly serious about reforming this thoroughly difficult problem, then it would, I believe, have to provide the young people above all with the necessary means of subsistence under all circumstances; but it could only do this if it were to give up its previous ideals: the creation, cultivation and increase of great riches. It would have to cease setting nothing short of rewards on the acquisition of great wealth, as it has done until now by giving the wealthy influence and power. Judging itself, it must undertake the degradation of the rich, treating them as a kind of proletarian who has become rich, so that it no longer has to concern itself further with them. To be sure, the state maintains – and one can read about this quite often these days – that people would lose their spirit of enterprise over this, as a result of which the state in its entirety would ultimately crumble. But I think that these people, with the worst will in the world, cannot easily decide to do something different from what they had done previously and would not once give up their spirit of enterprise. And were that actually to happen, then as a consequence we would have, above all, that which alone could lead to the solution to that vexed question: to the same extent that money would not also lead exclusively to reputation, {176} office, and dignity, the chasing after money, which disfigures the human race, would stop and a more just division of wealth would gain ground in a far more natural way than the social democrats and other reformers would strive; and only as a consequence of this would it then be possible even for young persons to gain more quickly the means to secure their livelihood, for themselves and for their progeny even if conceived out of wedlock. One need only consider how often today one backs away from one's marriage, not so much because the means of fulfilling it are missing altogether, but because the means of fulfilling a normalized marriage prove insufficient. But what is that other than the curse of money, whereby people seek not simply to cover the costs of their livelihood but rather a higher specified sort of livelihood. That some or other advantages are somehow connected with money, these advantages want to be achieved by all people. Were the state therefore to take the lead in ensuring that money is the directed institution of marriage, then the problem will automatically be solved in the way it the state itself wishes to solve it. It is only not right for the state to pursue a monetary policy and at the same time promote the politics of marriage.

In addition, the entire question, when viewed from the highest standpoint, is irrelevant, as it is not at all appropriate for all the joys and sufferings of human creatures, as they are found in nature, to fall upon the state, but only upon the individual who alone is a blessing to humanity, insofar as it can partake in a blessing at all. This blessed individual will, however, be able to work his way out of every snare in order to fulfill that to which his aptitude has called him! —

*

{177} The fourth, fifth and sixth dimensions are the concerns only of people cannot do anything about the first, second and third. If one occupied the present and dedicated oneself properly to a cause in the present, then all the dimensions would be consumed equally.

*

Ebner-Eschenbach †.

I have probably come into contact with many a wicked person, but we have never walked with one another.

*

Without a talent for courtesy, no talent for happiness.

*

That they do not have to possess that which makes a person above all strong, virtuous and resilient: the sacred tenacity of diligence, steely persistence, the proud strength of being able to do without – that is the poverty of the rich.

*

More pampered than the most pampered social behavior is loneliness.

*

"One cannot say good things about the English without sinning," asserted a Burgundian from the fifteenth century.

*

I was secretive, lacking in trust? –
Then I was unconscious of God's compassion.
I was not born with wise precaution.
Where belief is concerned, I'll believe as readily as any fool.
Cowardice and patience prevent me from lying.
All my thinking, my hate and my love
are so clearly written on my forehead –
that you do not learn to read is your own fault.

*

You should grow, always grow; you should use the shoulders of your predecessors as a footstool.

Very well. But how is one supposed to stand on someone's shoulders, if he stands upside down?

*

A writer should never use the word "indescribable." Of course he cannot describe everything, but he must be able to conjure an image, a feeling, an idea of that which cannot be described. 1

*

© Translation William Drabkin.

26. III. 16 +3°, doch immerhin schön.

— Durch den Schönbrunner Park nach Hetzendorf u. von dort nach Hietzing; zu Tisch schon zurück. —

*

Der Kaufmann: Der Engländer verstand es, dem Kaufmannsberuf sozusagen das Gottesgnadentum aufzuprägen. Er richtete seine Haltung in Gang u. Miene nach Gottesgnadentum ein u. in dieser Rolle eines Potentaten ließen ihn die Kaufleute aller anderen Erdteile, da er immerhin einer ihresgleichen war, gelten. Aber wie die französischen Könige sich vor der Revolution übernahmen, übernahm sich auch der Kaufmann von Gottesgnaden so lange, bis er den Krieg anzettelte. Mit Rücksicht auf diese banale Ursache wäre man versucht, den Weltkrieg als eine einfache Schweinerei eines von vom Gottesgnadentum aufgeblasenen Kaufmannes zu bezeichnen. —

*

An den Gerichtshof richtete kürzlich eine Zeugin einen Brief, worin sie ihr Fernbleiben von der Verhandlung entschuldigte, den sie an den „Justizballast“ adressierte. —

*

Die Frage nach der Gleichstellung von unehelichen Kindern mit ehelichen ist jetzt brennend geworden, seitdem man daran denkt, den Ausfall an Menschenmaterial durch rasche Aufzucht gutzumachen. Leider bewegen sich die Reformgedanken nur an der Oberfläche, so daß man im vorhinein ihr Fiasko voraussagen kann. Vor allem ist sich der Staat selbst über seine Stellung zum Eheproblem nicht klar. Sicher hält er an der Ehe fest, Weniger nicht etwa um diese Ehe im religiösen Sinn zu propagieren, sondern nur um die Geldsummen seiner Untertanen in Ordnung zu bringen, wie sie von {174} den einzelnen Familien, Erblassern u. Erben occupiert sind. Der Staat interessiert sich vor allem für den Aufenthalt dieser oder jener Geldsummen, dieser oder jener Liegenschaften, wobei ihm die Gesinnung seiner Untertanen zur Ehe oder Religion im Grunde vollständig Nebensache sind. Somit bedeutet es gegen diesen Buchhaltungsstandpunkt einen krassen Widerspruch, wenn der Staat andererseits Propaganda für die Ehe in sittlicher Hinsicht posiert. (Wäre dieses richtig, so würde davon das Strafgesetz mehr u. Schärferes zu erzählen wissen, als man heute dort finden kann.) Dazu kommt, daß sich weder der Staat, noch die Reformlustigen die Frage vorlegen, wie die schwere Krisis der Pubertät, die ja Diktat der Natur ist, überwunden werden könnte, wenn nicht durch Oeffnung von Ventilen nach allen Seiten hin, so unwillkommen auch die Folgen davon dem Staat, der Gesellschaft u. den betroffenen Individuen sein mögen. Dem von der Krisis heimgesuchten Jüngling oder Mädchen ist der Imperativ der Verantwortlichkeit kein genügendes Schutzmittel wider die Uebermacht der Natur; bei erstbester Gelegenheit zertritt die Natur unter ihren Füßen den Imperativ als Ausgeburt menschlich-sozialer Denk- u. Gefühlsformen; was aber denn tun? Den Verfehlenden die Pflicht zur Ehe aufzunötigen wäre aber gleichbedeutend damit, wie etwa einem Dichter den ersten Entwurf mit all seinen Irrtümern zur Pflicht zu machen. Auch auf dem Wege zur Ehe, soll diese eine wirkliche Verbindung sein, die Liebe hervorbringt, muß man destomehr Versuche u. Entwürfe gelten lassen, jemehr man die Ehe als Institution der Religion u. sonstiger hohenr Ideen erhalten will. Liegen doch solche Versuche zumeist weniger an der Wandelbarkeit der Triebe, als an der inneren Unfähigkeit der Irrenden; wer nicht einmal noch sich selbst gefunden hat, kann viel weniger die passende Ergänzung beurteilen u. finden. Am ehesten wäre das Schema: erste Verbindung gleich einer ersten Ehe, erste Kinder gleich ehelichen {175} Kindern bei jenen Ständen durchzuführen, die weniger als die geistigen ein inneres Werden des Menschen voraussetzen, so vor allem der Handels- u. Gewerbestand in allen seinen Nuançen. Und hier komme ich nun auf den springenden Punkt. Kein Zweifel, daß jeder junge Mann oder jedes junge Mädchen schon die erste Verbindung als eine dauernde aufrechtzuerhalten sich bestreben würden, wenn einer solchen Bestrebung doch mindestens auch die materielle Seite fördernd beistünde, da man aus Erfahrung weiß, wie völlige Aussichtslosigkeit, sich selbst, geschweige eine Nachkommenschaft zu erhalten, die jungen Leute sofort auseinanderreißt, um sie aus allen Himmeln in die profanste Rechenstube zu schleudern. Wäre nur dem Staat mit einer Reform dieser überaus schwierigen Frage wirklich ernst, so müßte er m. E. den jungen Leuten vor allem die nötigen Subsistenzmittel unter allen Umständen gewährleisten; dieses aber könnte er nur dann, wenn er seinem bisherigen Ideale, die Erzeugung, Pflege u. Steigerung großer Reichtümer, aufgeben würde. Er müßte aufhören, geradezu Prämien auf Erwerbung großer Reichtümer zu setzen, wie er es bisher tut, indem er den Reichen Einfluss u. Macht einräumt. Innerlich wertend müßte er die Degradation der Reichen vornehmen, sie als eine Art reich gewordene Proletarier behandeln, um die er sich nicht weiter zu bekümmern braucht. Zwar behauptet der Staat – u. gar oft kann man dieses in den heutigen Tagen lesen – daß die Menschen darüber die Unternehmungslust verlören, wodurch der Staat schließlich in seiner Gesamtheit zu Falle käme. Doch meine ich dagegen, daß diese Menschen beim bösesten Willen nicht leicht etwas anderes zu tun sich entschlössen entschließen könnten, als sie bisher getan haben u. auch nicht einmal an Unternehmungslust einbüßen würden. Und geschähe es sogar, so träfe erst recht als Folge dasjenige ein, was allein die Lösung jener verworrenen Frage herbeizuführen vermöchte: Es würde nämlich im selben Maße, als das Geld nicht ausschließlich auch zu Ansehen, {176} Aemtern u. Würden führen würde, die das Menschengeschlecht entstellende Jagd nach dem Gelde aufhören, wodurch auf eine viel natürlichere Weise als die Sozialdemokraten u. sonstige Sozialreformer es anstreben eine gerechtere Verteilung der Güter platzgreifen u. erst im Gefolge einer solchen wäre es dann auch jungen Leuten möglich, rascher zu Mitteln zu gelangen, die ihnen u. ihrer auch außerehelich erzeugten Nachkommenschaft den Unterhalt sichern könnte. Man bedenke doch nur, wie oft heute von seiner Ehe Abstand genommen wird, nicht etwa, weil die Mittel zur Führung einer solchen überhaupt fehlten, sondern weil sich die Mittel als zur Führung einer standesgemäßen Ehe als unzulänglich erweisen. Was ist das aber anderes als der Fluch des Geldes, womit der Mensch nicht blos seinen Unterhalt überhaupt, sondern eine höhere bestimmte Art des Unterhaltes zu decken sucht. Da nun einmal mit Geld diese oder jene höheren Vorteile verbunden sind, so wollen diese Vorteile eben von allen Menschen errungen werden. Der Staat nehme daher nur die Spitze, die des Geldes, wie man sieht, gegen die Institution der Ehe gerichtet ist u. das Problem wird dann automatisch in dem Sinne gelöst werden, in dem er es selbst zu lösen wünscht. Nur geht es eben nicht an, daß der Staat Geldpolitik verfolgt u. zugleich Ehepolitik fördert.

Im übrigen ist vom höchsten Standpunkt aus betrachtet die ganze Frage irrelevant, da es auf all die Leiden u. Freuden der menschlichen Kreaturen, wie sie hier der Natur, dort dem Staate verfallen, gar nicht ankommt, wohl aber nur auf den jeweilig einzelnen, der allein zum Segen der Menschheit gereicht, soweit diese eines Segens überhaupt teilhaftig werden kann. Dieser begnadete Einzelne aber wird sich aus allen Schlingen herauszuarbeiten wissen, um das zu erfüllen, wozu sein Geschick ihn berufen! —

*

{177} Mit der vierten, fünften, sechsten Dimension beschäftigen sich nur Menschen, die mit der ersten, zweiten u. dritten nichts anzufangen wissen. Man fülle die Gegenwart aus u. gebe sich in ihr einer Sache ordentlich hin, so sind darin gleich alle Dimensionen aufgezehrt.

*

Ebner-Eschenbach †.

Ich bin im Leben wohl auch manchem gemeinen Menschen begegnet, aber spazieren sind wir miteinander nicht gegangen.

*

Ohne Talent zur Liebenswürdigkeit kein Talent zum Glücklichsein.

*

Daß sie nicht zu besitzen brauchen, was in erster Reihe den Menschen stark, tüchtig und widerstandsfähig macht: den heiligen Eigensinn des Fleißes, eiserne Ausdauer, die stolze Kraft des Verzichtenkönnens, das ist die Armut der Reichen.

*

Verwöhnender als der verwöhnendste Umgang ist die Einsamkeit.

*

„Von den Engländern kann man nichts Gutes sagen, ohne zu sündigen“, behauptete ein Burgunder im XV. Jahrhundert.

*

Ich wär' verschlossen, an Vertrauen arm? –
Dann bin ich's unbewußt, daß Gott erbarm'.
Nicht kluge Vorsicht ist mir angeboren,
Im Glauben nehm' ich's auf mit jedem Toren,
Zur Lüge fehlt mir Feigheit und Geduld.
Mein Denken all, mein Hassen und mein Lieben,
Es steht so klar auf meiner Stirn geschrieben –
Daß ihr nicht lesen lernt, ist eure Schuld.

*

Wachsen sollst du, immer wachsen, du sollst die Schultern deines Vorgängers zum Schemel deiner Füße machen.

Schon gut. Wie soll ich aber dem auf die Schulter treten, der sich auf den Kopf gestellt hat?

*

Das Wort „unbeschreiblich“ sollte der Schriftsteller nie gebrauchen. Freilich kann er nicht alles beschreiben, aber in seinem Leser muß er ein Bild, ein Gefühl, eine Ahnung dessen erwecken können, was sich nicht beschreiben läßt. 1

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© Transcription Marko Deisinger.

March 26, 1916, +3°, yet still fair weather.

— Through the park at Schönbrunn to Hetzendorf, and from there to Hietzing; home already by lunchtime. —

*

The businessman: the Englishman understood that he should, so to speak, imprint the doctrine of divine right on the business profession. He adapted his attitude, in his behavior and expression, to this doctrine; and the business people of all the other corners of the world let him assume this role of a potentate, as he was after all one of their kind. But as the kings of France overreached themselves before the Revolution, so the businessman, too, went beyond the bounds of God's grace until he provoked the war. With hindsight of this banal cause, one would be tempted to characterize the world war as a simple mess caused by a businessman inflated by the doctrine of divine right. —

*

A witness recently sent a letter to the court of justice, in which she apologized for her absence from the trial, which she addressed to the "Ballast of Justice." —

*

The question of granting equal status to illegitimate children and those born in wedlock has become a hot topic since one has been thinking of making up for the deficiency of human material by fast breeding. Unfortunately, the ideas for reform are moving only on the surface, so that one can predict the resulting fiasco at the outset. In the first place, the state itself is not clear about its position on the problem of marriage. To be sure, it believes in marriage, not so much to promote this in a religious sense, but rather merely to put in order the lumps of money of its subjects, such as are in the possession of {174} the individual families, decedents, and heirs. The state is interested above all in these or those sums of money, these or those properties, whereby the attitudes of its subjects towards marriage or religion are essentially an entirely secondary matter. In this sense, there is a crude contradiction in this bookkeeping standpoint, if the state, on the other hand, is propagandizing marriage in an ethical respect. (If that were so, then criminal law would have more to say about this, and have tougher penalties, than one can find there today.) Moreover, neither the state nor the reformists are addressing the question of how the severe crisis in puberty, which is a dictate of nature, is not to be overcome if the release of pressure from all sides may result in consequences so unwelcome to the state, society, and the individuals concerned. For the young lad or lady beset by the crisis, the imperative of responsibility is not a sufficient protective measure against the superior power of nature; at the first available opportunity; natural will trample the imperative under its feet, as an unwelcome product of human-social forms of thoughts and emotions: but then what shall one do? To force the obligation to marry on those who are not up to it would be tantamount to obliging a poet to hold to his first draft, with all its errors. Even on the path to marriage, if this is to be a true union that engenders love, one must accept all the more efforts and plans, the more one wishes to preserve marriage as a religious institution, and other lofty ideas. But such efforts are usually due less to the changeability of desires than to the inherent inability of those who go astray; anyone who has not yet found himself is even less capable of judging and finding the appropriate complement to his life. The most likely plan: first attachment, like a first marriage; first children, like children born in wedlock, {175} in those strands of society who imagine less of an inner human coming-into-being than the intellectual strands; above all the strand concerned with industry and trade in all its subtle varieties. And now I come to the crux of the matter. There is no doubt that every young man, and every young lady, would strive to maintain their first union as a lasting one, if at least the material aspects were there to support such an effort; for one knows from experience how the complete hopelessness of maintaining oneself, to say nothing of offspring, immediately tears young people apart and hurls them from all corners of Heaven into the most profane workroom. If only the state were truly serious about reforming this thoroughly difficult problem, then it would, I believe, have to provide the young people above all with the necessary means of subsistence under all circumstances; but it could only do this if it were to give up its previous ideals: the creation, cultivation and increase of great riches. It would have to cease setting nothing short of rewards on the acquisition of great wealth, as it has done until now by giving the wealthy influence and power. Judging itself, it must undertake the degradation of the rich, treating them as a kind of proletarian who has become rich, so that it no longer has to concern itself further with them. To be sure, the state maintains – and one can read about this quite often these days – that people would lose their spirit of enterprise over this, as a result of which the state in its entirety would ultimately crumble. But I think that these people, with the worst will in the world, cannot easily decide to do something different from what they had done previously and would not once give up their spirit of enterprise. And were that actually to happen, then as a consequence we would have, above all, that which alone could lead to the solution to that vexed question: to the same extent that money would not also lead exclusively to reputation, {176} office, and dignity, the chasing after money, which disfigures the human race, would stop and a more just division of wealth would gain ground in a far more natural way than the social democrats and other reformers would strive; and only as a consequence of this would it then be possible even for young persons to gain more quickly the means to secure their livelihood, for themselves and for their progeny even if conceived out of wedlock. One need only consider how often today one backs away from one's marriage, not so much because the means of fulfilling it are missing altogether, but because the means of fulfilling a normalized marriage prove insufficient. But what is that other than the curse of money, whereby people seek not simply to cover the costs of their livelihood but rather a higher specified sort of livelihood. That some or other advantages are somehow connected with money, these advantages want to be achieved by all people. Were the state therefore to take the lead in ensuring that money is the directed institution of marriage, then the problem will automatically be solved in the way it the state itself wishes to solve it. It is only not right for the state to pursue a monetary policy and at the same time promote the politics of marriage.

In addition, the entire question, when viewed from the highest standpoint, is irrelevant, as it is not at all appropriate for all the joys and sufferings of human creatures, as they are found in nature, to fall upon the state, but only upon the individual who alone is a blessing to humanity, insofar as it can partake in a blessing at all. This blessed individual will, however, be able to work his way out of every snare in order to fulfill that to which his aptitude has called him! —

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{177} The fourth, fifth and sixth dimensions are the concerns only of people cannot do anything about the first, second and third. If one occupied the present and dedicated oneself properly to a cause in the present, then all the dimensions would be consumed equally.

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Ebner-Eschenbach †.

I have probably come into contact with many a wicked person, but we have never walked with one another.

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Without a talent for courtesy, no talent for happiness.

*

That they do not have to possess that which makes a person above all strong, virtuous and resilient: the sacred tenacity of diligence, steely persistence, the proud strength of being able to do without – that is the poverty of the rich.

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More pampered than the most pampered social behavior is loneliness.

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"One cannot say good things about the English without sinning," asserted a Burgundian from the fifteenth century.

*

I was secretive, lacking in trust? –
Then I was unconscious of God's compassion.
I was not born with wise precaution.
Where belief is concerned, I'll believe as readily as any fool.
Cowardice and patience prevent me from lying.
All my thinking, my hate and my love
are so clearly written on my forehead –
that you do not learn to read is your own fault.

*

You should grow, always grow; you should use the shoulders of your predecessors as a footstool.

Very well. But how is one supposed to stand on someone's shoulders, if he stands upside down?

*

A writer should never use the word "indescribable." Of course he cannot describe everything, but he must be able to conjure an image, a feeling, an idea of that which cannot be described. 1

*

© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 Extracts from a newspaper article, inserted into the diary. The extracts are from "Ungedrucktes von Marie v. Ebner-Eschenbach," Neues Wiener Journal, No. 8047, March 25, 1916, 24th year, extra edition, p. 7.