19. VI. 19 18°, schön, sehr heiß.

— Zeitig aufgestanden. — Lie-Liechen zu Jetty wegen der zugesagten Butter; erst um ½10h fort nach Hütteldorf, dann Weidlingau zu Tische; sehr gut gegessen, manche Speise geradezu friedensmäßig zubereitet. — Nach Tisch in den Laudon-Park, den wir übrigens zum erstenmal betreten; er ist nach wie vor Privateigentum, u. nur das geöffnete Tor hat in uns den Gedanken geweckt, er könnte möglicherweise in den gegenwärtigen Zeiten öffentlich gemacht worden sein. Die gräfliche Dienerschaft hat uns dann eines andern belehrt, war aber liebenswürdig genug, uns den Weg durch den Park fortsetzen zu lassen. Durch den Wald zunächst zurück zum Bahnhof Weidlingau u. dann trotz großer Hitze zu Fuß nach Hütteldorf, da der Zug uns erst zwei Stunden später dorthin gebracht hätte. Knapp vor Hütteldorf-Bad ein köstliches Schauspiel: Städtisches Freibad für Kinder! 1 1000 Kinder mögen da ins Bassin gestiegen sein. Das freudige Geschrei war weit u. breit zu hören u. immer wieder strömten neue Scharen zu von meist schlecht gekleideten u. schlecht aussehenden Kindern. Unter den Zuschauern ging die billige Redensart um: denen geht’s noch gut! – wobei ich selbst mir dachte, wie gut es auch denjenigen noch geht, die sich solcher Redensart bedienen. Zuhause angelangt nehmen auch wir ein Bad. — Aus Kirchberg (Br.): der Gastwirt gibt Speisen u. Tarife an.

© Transcription Marko Deisinger.

June 19, 1919 18°, nice, very hot.

— Got up early. — Lie-Liechen to Jetty regarding the promised butter; didn't leave until 9:30 to Hütteldorf, then to Weidlingau for lunch; ate very well, some dishes prepared just as in peacetime. — After lunch in Laudon Park, which we incidentally enter for the first time; it remains private property, just the open gate gave rise to the idea that it might possibly have recently been opened to the public. The Count's servant informed us of the contrary, but was kind enough to permit us to continue walking through the park. Through the woods first back to the Weidlingau train station and then, despite high heat, by foot to Hütteldorf, since the next train would have brought us there two hours later. Just before the Hütteldorf Pool a wonderful scene: a municipal open-air pool for children! 1 I would say there were 1,000 children in the basin. The yelps of joy could be heard for miles and new throngs of mostly poorly dressed and bad-looking children arrived in continuous waves. The cheap comment being tossed around among the observers was: they've certainly got it made! – whereby I myself thought how well off the people were who made comments like that. Once home, we also take a bath. — From Kirchberg (letter): the restaurant proprietor lists menu items and prices.

© Translation Scott Witmer.

19. VI. 19 18°, schön, sehr heiß.

— Zeitig aufgestanden. — Lie-Liechen zu Jetty wegen der zugesagten Butter; erst um ½10h fort nach Hütteldorf, dann Weidlingau zu Tische; sehr gut gegessen, manche Speise geradezu friedensmäßig zubereitet. — Nach Tisch in den Laudon-Park, den wir übrigens zum erstenmal betreten; er ist nach wie vor Privateigentum, u. nur das geöffnete Tor hat in uns den Gedanken geweckt, er könnte möglicherweise in den gegenwärtigen Zeiten öffentlich gemacht worden sein. Die gräfliche Dienerschaft hat uns dann eines andern belehrt, war aber liebenswürdig genug, uns den Weg durch den Park fortsetzen zu lassen. Durch den Wald zunächst zurück zum Bahnhof Weidlingau u. dann trotz großer Hitze zu Fuß nach Hütteldorf, da der Zug uns erst zwei Stunden später dorthin gebracht hätte. Knapp vor Hütteldorf-Bad ein köstliches Schauspiel: Städtisches Freibad für Kinder! 1 1000 Kinder mögen da ins Bassin gestiegen sein. Das freudige Geschrei war weit u. breit zu hören u. immer wieder strömten neue Scharen zu von meist schlecht gekleideten u. schlecht aussehenden Kindern. Unter den Zuschauern ging die billige Redensart um: denen geht’s noch gut! – wobei ich selbst mir dachte, wie gut es auch denjenigen noch geht, die sich solcher Redensart bedienen. Zuhause angelangt nehmen auch wir ein Bad. — Aus Kirchberg (Br.): der Gastwirt gibt Speisen u. Tarife an.

© Transcription Marko Deisinger.

June 19, 1919 18°, nice, very hot.

— Got up early. — Lie-Liechen to Jetty regarding the promised butter; didn't leave until 9:30 to Hütteldorf, then to Weidlingau for lunch; ate very well, some dishes prepared just as in peacetime. — After lunch in Laudon Park, which we incidentally enter for the first time; it remains private property, just the open gate gave rise to the idea that it might possibly have recently been opened to the public. The Count's servant informed us of the contrary, but was kind enough to permit us to continue walking through the park. Through the woods first back to the Weidlingau train station and then, despite high heat, by foot to Hütteldorf, since the next train would have brought us there two hours later. Just before the Hütteldorf Pool a wonderful scene: a municipal open-air pool for children! 1 I would say there were 1,000 children in the basin. The yelps of joy could be heard for miles and new throngs of mostly poorly dressed and bad-looking children arrived in continuous waves. The cheap comment being tossed around among the observers was: they've certainly got it made! – whereby I myself thought how well off the people were who made comments like that. Once home, we also take a bath. — From Kirchberg (letter): the restaurant proprietor lists menu items and prices.

© Translation Scott Witmer.

Footnotes

1 This refers to the City of Vienna's first open-air pool for children, established in 1917 in the Hütteldorf reservoir basin of the Vienna River (Wienfluss).