Lauenstein in Hannover
d. 20. October 1910

Verehrter Herr! 1

Meiner ledernen Karte, 2 die ich Ihnen neulich auf Ihrem interessanten Brief eilig schrieb und insofern schreiben mußte, als die beiden mir von Ihnen versprochenen schönen Dinge noch nicht in meinen Händen waren, folgt heute diese Schreiberei, die leider auch nicht viel mehr besagen will. Nur das möchte ich aussprechen, wie sehr mich Ihre Nachricht über die Herren Wiener Musikreferenten erfreut hat. 3 Das ist doch ein {2} Beweis des Respekts an Ihnen, der nach Morgenroth aussieht, wenn Sie selbst kommen, und sie bitten den Platz auf dem Katheder einzunehmen! 4

Ferner: haben Sie denn Etwas von dem Heinemann'schen Buch contra Wagner erfahren? In der Annahme, daß dies nicht der Fall sein könnte, schreibe ich Ihnen in extenso die gedruckte Ankündigung ab, die mir vor einigen Tagen zugeschickt wurde: 5

Bruning & Hörhold, Marburg u Berlin ‒ Schöneberg. Richard Wagner und das Ende der Musik von Ernst Heinemann
{3} „die Schrift bezweckt einen vollständigen Umschwung in der herrschenden Auffaßung über Richard Wagner und sein Schaffen hervorzurufen. Sie richtet sich in der schärfsten Form gegen die von ihm ausgegangenen, von seinen Nachfolgern auf die Spitze getriebene Entwickelung und erbringt auf der Grundlage einer quellenmäßigen, d.h. aus Richard Wagners eigenen Schriften geschöpfter Darstellung den unwiderleglichen Nachweis, daß Richard Wagner nicht allein eine falsche Richtung eingeschlagen, soeben in der klaren Erkenntniß, daß sie falsch war, beschritten hat. Er zeigt ferner, daß eine Schule {4} Richard Wagners eine Unmöglichkeit ist, und daß das Bestreben, diese Unmöglichkeit zu verwirklichen, das Chaos in der Musik der Gegenwart hervorgerufen hat. Der Verfaßer, der beredt mehrfach, u. a. auch durch eine an verschiedenen Hoftheatern aufgeführte Übersetzung zu Mozart’sDon Juan“ hervorgetreten ist, kommt zu den Schluß, daß eine Wiedergeburt der Musik nun auf den von Richard Wagner verlaßenen Bahnen möglich ist.“

Zum Schluß bemerke ich, daß Herr Simrock meine bei diesem soeben erschienenen, aber eben seit 2 Jahrzehnten in meinem Pult still aufbewahrte 3te Symphonie 6 in meinem Auftrag [written sideways in left margin, p.4:] zuschickt. Vielleicht finden Sie, wenn nicht jetzt, so doch irgend einmal Zeit sie genauer anzusehen. Ich lege großen Werth darauf, daß sie Ihnen zusagen [p.3:] möchte.

Nehmen Sie herzlichen Gruß Ihres getreuen, sich leidlich aber doch auch nur leidlich befindenden


[signed:] Ernst Rudorff

© Transcription Ian Bent, 2018


Lauenstein in Hannover
October 20, 1910

Revered Mr. [Schenker], 1

Following the pedestrian postcard 2 that I wrote you in haste recently in response to your interesting letter, and that I was obliged to write inasmuch as the two delightful things that you had promised me had still not arrived, today's piece of scribbling will alas have little more to tell. I just want to let you know what great pleasure your news about the Vienna music critics gave me. 3 That is surely a {2} a mark of respect toward you that will augur the arrival of a new dawn when you yourself arrive and they ask you to take your place at the lecturer's rostrum. 4

There's more: have you heard anything about the Heinemann book against Wagner? Assuming that this isn't so, I will write out in full the printed announcement that was sent to me a few days ago: 5

"Ernst Heinemann, Richard Wagner and the End of Music (Marburg and Berlin‒Schöneberg: Bruning & Hörholt)"
{3} The book aims to bring about a complete reversal of the prevailing conception of Richard Wagner and his work. It takes aim in the sharpest manner against the portrayal that emanates from the man himself and has been developed to its apex by his followers, and, on the foundation of a source-based presentation, i.e. one that draws upon Richard Wagner's own writings, it adduces the incontrovertible evidence that Richard Wagner not only struck out in a false direction, but moreover did so in the clear recognition that it was false. He shows furthermore that a school {4} of Richard Wagner is an impossibility, and that the attempt to realize this impossibility has brought about chaos in the music of the present day. The author, who has come to prominence eloquently on several occasions, among others through a translation of Mozart's Don Giovanni performed at different court theaters, has reached the conclusion that a rebirth of music along lines abandoned by Richard Wagner is possible."

In closing, let me mention that Mr. Simrock is, at my request, sending [you] my Third Symphony, 6 which was just recently published by the latter, but which had simply been lying quietly in my desk for two decades. [written sideways in left margin, p.4:] Perhaps you will find time, if not now, at least at some point to look at it more carefully. It will mean a great deal to me if it is [p.3:] able to meet with your approval.

Please accept the cordial greetings of your faithful one, who however finds himself passable, but no worse than passable.


[signed:] Ernst Rudorff

© Translation Ian Bent, 2018


Lauenstein in Hannover
d. 20. October 1910

Verehrter Herr! 1

Meiner ledernen Karte, 2 die ich Ihnen neulich auf Ihrem interessanten Brief eilig schrieb und insofern schreiben mußte, als die beiden mir von Ihnen versprochenen schönen Dinge noch nicht in meinen Händen waren, folgt heute diese Schreiberei, die leider auch nicht viel mehr besagen will. Nur das möchte ich aussprechen, wie sehr mich Ihre Nachricht über die Herren Wiener Musikreferenten erfreut hat. 3 Das ist doch ein {2} Beweis des Respekts an Ihnen, der nach Morgenroth aussieht, wenn Sie selbst kommen, und sie bitten den Platz auf dem Katheder einzunehmen! 4

Ferner: haben Sie denn Etwas von dem Heinemann'schen Buch contra Wagner erfahren? In der Annahme, daß dies nicht der Fall sein könnte, schreibe ich Ihnen in extenso die gedruckte Ankündigung ab, die mir vor einigen Tagen zugeschickt wurde: 5

Bruning & Hörhold, Marburg u Berlin ‒ Schöneberg. Richard Wagner und das Ende der Musik von Ernst Heinemann
{3} „die Schrift bezweckt einen vollständigen Umschwung in der herrschenden Auffaßung über Richard Wagner und sein Schaffen hervorzurufen. Sie richtet sich in der schärfsten Form gegen die von ihm ausgegangenen, von seinen Nachfolgern auf die Spitze getriebene Entwickelung und erbringt auf der Grundlage einer quellenmäßigen, d.h. aus Richard Wagners eigenen Schriften geschöpfter Darstellung den unwiderleglichen Nachweis, daß Richard Wagner nicht allein eine falsche Richtung eingeschlagen, soeben in der klaren Erkenntniß, daß sie falsch war, beschritten hat. Er zeigt ferner, daß eine Schule {4} Richard Wagners eine Unmöglichkeit ist, und daß das Bestreben, diese Unmöglichkeit zu verwirklichen, das Chaos in der Musik der Gegenwart hervorgerufen hat. Der Verfaßer, der beredt mehrfach, u. a. auch durch eine an verschiedenen Hoftheatern aufgeführte Übersetzung zu Mozart’sDon Juan“ hervorgetreten ist, kommt zu den Schluß, daß eine Wiedergeburt der Musik nun auf den von Richard Wagner verlaßenen Bahnen möglich ist.“

Zum Schluß bemerke ich, daß Herr Simrock meine bei diesem soeben erschienenen, aber eben seit 2 Jahrzehnten in meinem Pult still aufbewahrte 3te Symphonie 6 in meinem Auftrag [written sideways in left margin, p.4:] zuschickt. Vielleicht finden Sie, wenn nicht jetzt, so doch irgend einmal Zeit sie genauer anzusehen. Ich lege großen Werth darauf, daß sie Ihnen zusagen [p.3:] möchte.

Nehmen Sie herzlichen Gruß Ihres getreuen, sich leidlich aber doch auch nur leidlich befindenden


[signed:] Ernst Rudorff

© Transcription Ian Bent, 2018


Lauenstein in Hannover
October 20, 1910

Revered Mr. [Schenker], 1

Following the pedestrian postcard 2 that I wrote you in haste recently in response to your interesting letter, and that I was obliged to write inasmuch as the two delightful things that you had promised me had still not arrived, today's piece of scribbling will alas have little more to tell. I just want to let you know what great pleasure your news about the Vienna music critics gave me. 3 That is surely a {2} a mark of respect toward you that will augur the arrival of a new dawn when you yourself arrive and they ask you to take your place at the lecturer's rostrum. 4

There's more: have you heard anything about the Heinemann book against Wagner? Assuming that this isn't so, I will write out in full the printed announcement that was sent to me a few days ago: 5

"Ernst Heinemann, Richard Wagner and the End of Music (Marburg and Berlin‒Schöneberg: Bruning & Hörholt)"
{3} The book aims to bring about a complete reversal of the prevailing conception of Richard Wagner and his work. It takes aim in the sharpest manner against the portrayal that emanates from the man himself and has been developed to its apex by his followers, and, on the foundation of a source-based presentation, i.e. one that draws upon Richard Wagner's own writings, it adduces the incontrovertible evidence that Richard Wagner not only struck out in a false direction, but moreover did so in the clear recognition that it was false. He shows furthermore that a school {4} of Richard Wagner is an impossibility, and that the attempt to realize this impossibility has brought about chaos in the music of the present day. The author, who has come to prominence eloquently on several occasions, among others through a translation of Mozart's Don Giovanni performed at different court theaters, has reached the conclusion that a rebirth of music along lines abandoned by Richard Wagner is possible."

In closing, let me mention that Mr. Simrock is, at my request, sending [you] my Third Symphony, 6 which was just recently published by the latter, but which had simply been lying quietly in my desk for two decades. [written sideways in left margin, p.4:] Perhaps you will find time, if not now, at least at some point to look at it more carefully. It will mean a great deal to me if it is [p.3:] able to meet with your approval.

Please accept the cordial greetings of your faithful one, who however finds himself passable, but no worse than passable.


[signed:] Ernst Rudorff

© Translation Ian Bent, 2018

Footnotes

1 Receipt of this letter is not recorded in Schenker's diary.

2 = OJ 13/37, 11, October 11, 1910.

3 Schenker had received a letter from the Vereinigung Wiener Musikreferenten on September 20, 1910 (OJ 14/44, [1]), inviting him to deliver a lecture series on the topic of Beethoven's Ninth Symphony, which Schenker had evidently reported to Rudorff in his most recent letter. The lectures came to nothing, but out of that idea came Schenker's 1912 monograph on the symphony.)

4 Rudorff writes continuously at this point, without paragraph-break.

5 Rudorff appears to mimic the layout of the printed announcement. This has been normalized here.

6 MGG records three symphonies by Rudorff: No. 1 in Bę, Op. 31; No. 2 in G minor, Op. 40; No. 3 in B minor, Op. 50.

Commentary

Format
4p letter, Bogen format, holograph salutation, message, marginalia, valediction, and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas,Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Ernst and Elisabeth Rudorff; permission being sought, but deemed to be in the public domain
License
The heirs or representatives of Ernst and Elisabeth Rudorff are being sought, but the material is deemed now to be in the public domain. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2018-07-21
Last updated: 2012-09-26