Mein lieber, verehrter Meister! 1

Diese Woche las ich den 1. Satz von op. 111 und möchte Ihnen nur mit einigen, wenigen militärisch-knappen (sowohl an Verstand als Gemüt) (darum eben militärischen[)] Worten sagen, wie gross und stark der Eindruck Ihrer Darstellung wieder auf mich gewirkt hat. Aber je mehr ich Sie verstehe, desto klarer und aut verständlicher wird mir die Kluft, die Sie von J j enen trennt, zu denen Sie eigentlich sprechen: aber es wird Ihnen niemals möglich werden können, Ihre Polemik als das durchzusetzen, was sie ist: als Meilenstein gewissermassen auf der Strasse zur Wahrheit, der die Distanz zum höchsten Ideale des Kunstverständnisses von dem jetzigen und bisherigen Stande menschlichen kritischen Erkenntnisvermögens genau anzeigt! Die Menschheit wird sie immer als Ihren {2} unterbau [recte Unterbau] oder dgl. ansehen wollen. Die Darstellung der Modulationspartie und des zweiten Gedankens, sowie die Bedeutung der Halben am Schlusse, war das, was mich am meisten faszinierte. Auch die Vergrösserung in der Einleitung! Kurz . . . . ich bin Ihnen nebst allem dankbar, neuerdings dankbar, für die wundervoll klaren, reinen Stunden dieses kritischen Genusses! 2

Soll ich ganz ehrlich sein, so stören S m ich die politischen Fussnoten, insofern sie, Ausflüsse der gleichen Wahrheit gewiss, doch in die Schneeregion zwecklos-zweckvollster Ereignisse, etwas allzu Menschliches mit sich bringen und dadurch in einem bestimmten Gegensatze zu der adeligen Würde des Dargestellten stehen. Es wird das Zeitlose, wie Sie so geistreich sagen[,] die „Modernität der Ewigkeit“ doch zu sehr mit dem Zeitlichen in Verbindung gebracht und verblasst als Fussnote unter dem Texte – ich möchte fast sagen Zum [recte zum] Beigeschmacke des Gemeinplätzlichen!

Ich würde Sie gar zu gerne sehen, zumal ich Ihnen auch ein neues Lied vorzuspielen hätte und würde Sie {3} gerne um Verständigung in die Linke Wienzeile 36 bitten, ob ich Sie Sonntags gegen 10 Uhr auf eine Stunde besuchen könnte. 3

Vielleicht opfern Sie diese einem bald ins Feld abgehenden[,] daher egoistischen,


doch herzlichst Sie und die liebe gnädige Frau grüssenden
[signed:] Hans.

St. Pölten, 7. April 16.

© Transcription William Drabkin, 2008



My dear, revered Master, 1

This week I read the first movement of Op. 111 and wanted to tell you in just a few words, and with military conciseness (as regards both body and soul) (hence military[)] , what a great and deep impression your analysis has made on me once more. But the more I understand you, the more clearly and self-evidently I perceive the gulf which divides you from those whom you are in fact addressing: and yet it will never become possible for you to enforce your polemic for what it [actually] is ‒ it can be seen as a milestone on the road to truth, [one] which precisely indicates the distance to the highest ideal of artistic understanding, with man's ability for critical insight, up to and including the present, as the starting point! Humanity will always want to view it as your {2} foundation or something similar. What fascinated me most were the interpretation of the modulation and the second idea, as well as the significance of the half-notes at the end. Also the augmentation in the introduction! In short . . . quite apart from everything else for which I owe you thanks, renewed thanks are now due to you for the wonderfully pure, clear hours afforded by this critical delight! 2

If I were to be quite honest, the political footnotes trouble me, inasmuch as they are assuredly outpourings of the same truth, yet, in flowing into the snowy region of randomly expedient events, they bring with them something all too human and thereby appear somewhat in antithesis to the noble dignity of that which is represented. The timeless, or, as you so brilliantly put it, the "modernity of eternity," is then associated too directly with the temporal, and pales into insignificance as a footnote at the bottom of the text ‒ I'm almost inclined to say, as an aftertaste of the commonplace!

I would be so happy to see you, especially since I also have a new song to play to you and would be grateful if you {3} could send word to Linke Wienzeile 36 to say whether I could visit you for an hour around 10 o'clock on Sunday. 3

Perhaps you can grant this to one who is soon to take the field, and who is therefore feeling egotistical


whilst sending you and your dear lady most heartfelt greetings
[signed:] Hans.

St. Pölten, April 7, 1916

© Translation Alison Hiley, 2008



Mein lieber, verehrter Meister! 1

Diese Woche las ich den 1. Satz von op. 111 und möchte Ihnen nur mit einigen, wenigen militärisch-knappen (sowohl an Verstand als Gemüt) (darum eben militärischen[)] Worten sagen, wie gross und stark der Eindruck Ihrer Darstellung wieder auf mich gewirkt hat. Aber je mehr ich Sie verstehe, desto klarer und aut verständlicher wird mir die Kluft, die Sie von J j enen trennt, zu denen Sie eigentlich sprechen: aber es wird Ihnen niemals möglich werden können, Ihre Polemik als das durchzusetzen, was sie ist: als Meilenstein gewissermassen auf der Strasse zur Wahrheit, der die Distanz zum höchsten Ideale des Kunstverständnisses von dem jetzigen und bisherigen Stande menschlichen kritischen Erkenntnisvermögens genau anzeigt! Die Menschheit wird sie immer als Ihren {2} unterbau [recte Unterbau] oder dgl. ansehen wollen. Die Darstellung der Modulationspartie und des zweiten Gedankens, sowie die Bedeutung der Halben am Schlusse, war das, was mich am meisten faszinierte. Auch die Vergrösserung in der Einleitung! Kurz . . . . ich bin Ihnen nebst allem dankbar, neuerdings dankbar, für die wundervoll klaren, reinen Stunden dieses kritischen Genusses! 2

Soll ich ganz ehrlich sein, so stören S m ich die politischen Fussnoten, insofern sie, Ausflüsse der gleichen Wahrheit gewiss, doch in die Schneeregion zwecklos-zweckvollster Ereignisse, etwas allzu Menschliches mit sich bringen und dadurch in einem bestimmten Gegensatze zu der adeligen Würde des Dargestellten stehen. Es wird das Zeitlose, wie Sie so geistreich sagen[,] die „Modernität der Ewigkeit“ doch zu sehr mit dem Zeitlichen in Verbindung gebracht und verblasst als Fussnote unter dem Texte – ich möchte fast sagen Zum [recte zum] Beigeschmacke des Gemeinplätzlichen!

Ich würde Sie gar zu gerne sehen, zumal ich Ihnen auch ein neues Lied vorzuspielen hätte und würde Sie {3} gerne um Verständigung in die Linke Wienzeile 36 bitten, ob ich Sie Sonntags gegen 10 Uhr auf eine Stunde besuchen könnte. 3

Vielleicht opfern Sie diese einem bald ins Feld abgehenden[,] daher egoistischen,


doch herzlichst Sie und die liebe gnädige Frau grüssenden
[signed:] Hans.

St. Pölten, 7. April 16.

© Transcription William Drabkin, 2008



My dear, revered Master, 1

This week I read the first movement of Op. 111 and wanted to tell you in just a few words, and with military conciseness (as regards both body and soul) (hence military[)] , what a great and deep impression your analysis has made on me once more. But the more I understand you, the more clearly and self-evidently I perceive the gulf which divides you from those whom you are in fact addressing: and yet it will never become possible for you to enforce your polemic for what it [actually] is ‒ it can be seen as a milestone on the road to truth, [one] which precisely indicates the distance to the highest ideal of artistic understanding, with man's ability for critical insight, up to and including the present, as the starting point! Humanity will always want to view it as your {2} foundation or something similar. What fascinated me most were the interpretation of the modulation and the second idea, as well as the significance of the half-notes at the end. Also the augmentation in the introduction! In short . . . quite apart from everything else for which I owe you thanks, renewed thanks are now due to you for the wonderfully pure, clear hours afforded by this critical delight! 2

If I were to be quite honest, the political footnotes trouble me, inasmuch as they are assuredly outpourings of the same truth, yet, in flowing into the snowy region of randomly expedient events, they bring with them something all too human and thereby appear somewhat in antithesis to the noble dignity of that which is represented. The timeless, or, as you so brilliantly put it, the "modernity of eternity," is then associated too directly with the temporal, and pales into insignificance as a footnote at the bottom of the text ‒ I'm almost inclined to say, as an aftertaste of the commonplace!

I would be so happy to see you, especially since I also have a new song to play to you and would be grateful if you {3} could send word to Linke Wienzeile 36 to say whether I could visit you for an hour around 10 o'clock on Sunday. 3

Perhaps you can grant this to one who is soon to take the field, and who is therefore feeling egotistical


whilst sending you and your dear lady most heartfelt greetings
[signed:] Hans.

St. Pölten, April 7, 1916

© Translation Alison Hiley, 2008

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary, OJ 2/1, p. 188, April 7, 1916: "Von Weisse Brief mit Dank für op. 111, einige kritische Bemerkungen über die politischen Fußnoten, u. schließlich die Bitte mir Sonntag ein neues Lied vorspielen zu dürfen." ("From Weisse, letter with thanks for Op. 111, some critical remarks on the political footnotes, and finally the request to play a new song to me on Sunday.").

2 No paragraph-break in original at this point.

3 The meeting is recorded in Schenker's diary at OJ 2/1, p. 190, April 9, 1916: "Weisse erscheint um 10h; führt ein älteres Lied nach einer Korrektur von mir umgearbeitet vor. Nun bedeute ich ihm aber, daß wir von nun ab den Sonntag zu Ausflügen ins Freie benützen wollen. ‒ Leider läßt sich für diesen Tag die Versäumnis des Spazierganges nicht mehr einholen." ("Weisse appears at 10 a.m., presents me with an earlier song corrected and reworked. But now I propose to him that we should use the rest of Sunday for an outing into the open air. Sadly, the neglect of a walk no longer makes up for this day.").

Commentary

Format
3p letter, holograph salutation, message, valediction, and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Hans Weisse, reproduced with kind permission
License
Permission to publish granted on March 10, 2008 by the heirs of Hans Weisse. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence[at]mus(dot)cam(dot)ac(dot)uk

Digital version created: 2019-10-28
Last updated: 2010-06-25