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Mein lieber Wilhelm! 1

Wir danken dir sehr herzlich für dein letztes Schreiben. 2 Wir nehmen also an, daß du früher in Wien sein wirst, als wir bei dir (was aber nur aufgeschoben ist). Für den Fall bitten wir dringend um deinen Besuch, einschließlich Mahlzeiten usw. Auch ich hätte dir Allerlei Wichtiges mitzuteilen, was sich zu Papier nicht so einfach bringen läßt. 3

So hart dir Schicksal sich plötzlich gestaltet hat, darfst du doch nicht über Mangel an Liebe klagen. Ohne daß du etwas davon erfährst, folgen wir seit vielen Jahren deinem Leben mit angespanntester Aufmerksamkeit, in der Absicht, dir irgendwelche Linderung, zumindest Annehmlichkeit zu bereiten.

{2} Vorläufig freilich bewegen sich blos unsere Gedanken in Liebe zu dir, u. Taten sind uns noch versagt, – etwas zaghaft lade ich dich manchmal nach Tirol ein, ein Zeichen des Denkens um dich –, aber, u. um das geht es, hat uns unser Vater weniger geliebt, weil er uns bei bestem Willen nicht mehr helfen konnte? Gewiß nicht. Auch ihm wäre es angenehmer gewesen, uns seine Vaterliebe durch Hilfeleistung zu erschöpfen, sicher litt er unter seinen Unvermögen, zu helfen, mehr als wir selbst. Als ich dir die Mutter brachte, litt ich mehr, als die Mutter u. als du. Ich wollte sie bei mir selbst haben, aber ich hatte nur ein Schulzimmer für den Schüler u. ein kleines Kabinett, wo ich schlief. Wo hätte ich da die Mutter unterbringen sollen? Und bei Freunden gieng es ja gar nicht mehr.

Urteile also nicht darnach, was wir dir zu bieten vermögen, sondern darnach, was wir wollten. Ich meine aber, du gehörst jetzt nach Wien, {3} zu den Brüdern. Wegen der Kinder müsstest du eine Wohnung hier haben, damit sie hier lernen u. arbeiten.

Ich meine ferner, du müsstest endlich Mozio zu Hilfe nehmen. Immer hat er sich mir versagt, aber dir wird er sich gewiß nicht versagen, zumal jetzt, wo er als Direktor der „Treuga“ seine Lage wesentlich verbessert hat.

Eben das Kapitel „Mozio“ müssen wir durchsprechen. Von ihm höre ich ja öfter, was bei dir vorgeht, aber das scheint nur nicht ganz stichhaltig. Ich möchte unserer Besprechung nicht vorgreifen u. wiederholen: komme nach Wien u. wir wollen hier bei guter Laune Alles Nötige durchberaten. Vielleicht findest du Gedanken wenn ich mein Material dir vorlege. Also: Gut Jontef! 4 Und komme rasch zu deinem dich gewiß liebenden


[signed:] Heinrich u. LieLie

20. XII

© Transcription William Drabkin, 2024



My dear Wilhelm, 1

We thank you most cordially for your last letter. 2 We thus assume that you will be in Vienna earlier than we will be at your home (which, however, is just a delay). In that case, we urgently request your visit, including meals, etc. I also have all manner of important things to convey that cannot easily be put down on paper. 3

As harshly as fate has suddenly played out for you, you certainly can’t complain about a lack of love. Without you finding out anything about it, we have been following your life for many years with the most intense attention, with the purpose of bringing you any sort of relief, at least comfort.

{2} For the time being, of course only our thoughts revolve lovingly around you, and deeds still elude us. Somewhat tentatively, I sometimes invite you to the Tyrol, a sign of thinking of you. But, and this is the issue, did our Father love us less because with the best of will he couldn’t help us? Certainly not. For him, too, it would have been more enjoyable to pour out all of his fatherly love by way of helping. He surely suffered from his inability to help, more than we ourselves. When I brought Mother to you, I suffered more than Mother and you. I wanted to have her with me, but I had only one teaching room for my pupils and a small room where I slept. Where was I supposed to accommodate Mother? And with friends it didn’t work at all.

Don’t judge, then, based on what we are able to offer you but rather on what we wanted. I mean, though, you now belong in Vienna, {3} to the brothers. On account of the children you would have to have an apartment here, so that they learn and work here.

Further, I think you must finally ask Mozio for help. He always failed me, but he certainly won’t fail you, especially now that, as director of the Treuga [Bank], he has improved his status considerably.

We now have to discuss the “Mozio” story thoroughly. I do often hear from him what is going on with you, but that appears not to be wholly valid. I don’t want to preempt our discussion and repeat: come to Vienna and we’ll consult about all necessary issues in a cheerful mood. Perhaps you’ll come up with ideas when I lay out my material for you. So: gut yontif, 4 and come quickly to your surely loving


[signed:] Heinrich and LieLie

December 20

© Translation Lee Rothfarb, 2024



Mein lieber Wilhelm! 1

Wir danken dir sehr herzlich für dein letztes Schreiben. 2 Wir nehmen also an, daß du früher in Wien sein wirst, als wir bei dir (was aber nur aufgeschoben ist). Für den Fall bitten wir dringend um deinen Besuch, einschließlich Mahlzeiten usw. Auch ich hätte dir Allerlei Wichtiges mitzuteilen, was sich zu Papier nicht so einfach bringen läßt. 3

So hart dir Schicksal sich plötzlich gestaltet hat, darfst du doch nicht über Mangel an Liebe klagen. Ohne daß du etwas davon erfährst, folgen wir seit vielen Jahren deinem Leben mit angespanntester Aufmerksamkeit, in der Absicht, dir irgendwelche Linderung, zumindest Annehmlichkeit zu bereiten.

{2} Vorläufig freilich bewegen sich blos unsere Gedanken in Liebe zu dir, u. Taten sind uns noch versagt, – etwas zaghaft lade ich dich manchmal nach Tirol ein, ein Zeichen des Denkens um dich –, aber, u. um das geht es, hat uns unser Vater weniger geliebt, weil er uns bei bestem Willen nicht mehr helfen konnte? Gewiß nicht. Auch ihm wäre es angenehmer gewesen, uns seine Vaterliebe durch Hilfeleistung zu erschöpfen, sicher litt er unter seinen Unvermögen, zu helfen, mehr als wir selbst. Als ich dir die Mutter brachte, litt ich mehr, als die Mutter u. als du. Ich wollte sie bei mir selbst haben, aber ich hatte nur ein Schulzimmer für den Schüler u. ein kleines Kabinett, wo ich schlief. Wo hätte ich da die Mutter unterbringen sollen? Und bei Freunden gieng es ja gar nicht mehr.

Urteile also nicht darnach, was wir dir zu bieten vermögen, sondern darnach, was wir wollten. Ich meine aber, du gehörst jetzt nach Wien, {3} zu den Brüdern. Wegen der Kinder müsstest du eine Wohnung hier haben, damit sie hier lernen u. arbeiten.

Ich meine ferner, du müsstest endlich Mozio zu Hilfe nehmen. Immer hat er sich mir versagt, aber dir wird er sich gewiß nicht versagen, zumal jetzt, wo er als Direktor der „Treuga“ seine Lage wesentlich verbessert hat.

Eben das Kapitel „Mozio“ müssen wir durchsprechen. Von ihm höre ich ja öfter, was bei dir vorgeht, aber das scheint nur nicht ganz stichhaltig. Ich möchte unserer Besprechung nicht vorgreifen u. wiederholen: komme nach Wien u. wir wollen hier bei guter Laune Alles Nötige durchberaten. Vielleicht findest du Gedanken wenn ich mein Material dir vorlege. Also: Gut Jontef! 4 Und komme rasch zu deinem dich gewiß liebenden


[signed:] Heinrich u. LieLie

20. XII

© Transcription William Drabkin, 2024



My dear Wilhelm, 1

We thank you most cordially for your last letter. 2 We thus assume that you will be in Vienna earlier than we will be at your home (which, however, is just a delay). In that case, we urgently request your visit, including meals, etc. I also have all manner of important things to convey that cannot easily be put down on paper. 3

As harshly as fate has suddenly played out for you, you certainly can’t complain about a lack of love. Without you finding out anything about it, we have been following your life for many years with the most intense attention, with the purpose of bringing you any sort of relief, at least comfort.

{2} For the time being, of course only our thoughts revolve lovingly around you, and deeds still elude us. Somewhat tentatively, I sometimes invite you to the Tyrol, a sign of thinking of you. But, and this is the issue, did our Father love us less because with the best of will he couldn’t help us? Certainly not. For him, too, it would have been more enjoyable to pour out all of his fatherly love by way of helping. He surely suffered from his inability to help, more than we ourselves. When I brought Mother to you, I suffered more than Mother and you. I wanted to have her with me, but I had only one teaching room for my pupils and a small room where I slept. Where was I supposed to accommodate Mother? And with friends it didn’t work at all.

Don’t judge, then, based on what we are able to offer you but rather on what we wanted. I mean, though, you now belong in Vienna, {3} to the brothers. On account of the children you would have to have an apartment here, so that they learn and work here.

Further, I think you must finally ask Mozio for help. He always failed me, but he certainly won’t fail you, especially now that, as director of the Treuga [Bank], he has improved his status considerably.

We now have to discuss the “Mozio” story thoroughly. I do often hear from him what is going on with you, but that appears not to be wholly valid. I don’t want to preempt our discussion and repeat: come to Vienna and we’ll consult about all necessary issues in a cheerful mood. Perhaps you’ll come up with ideas when I lay out my material for you. So: gut yontif, 4 and come quickly to your surely loving


[signed:] Heinrich and LieLie

December 20

© Translation Lee Rothfarb, 2024

Footnotes

1 Schenker’s diary entry for December 20, 1924 records the writing of a letter to Wilhelm, the summary of which matches the present letter: “An Wilhelm (Br.): wir versichern ihn unserer Liebe, die besteht, obgleich wir Taten der Liebe noch nicht gezeigt haben. Hat uns der Vater weniger geliebt, weil er uns nicht helfen konnte? Konnte ich doch auch der Mutter nicht helfen u. mußte deshalb mehr leiden, als sie selbst u. er. Lade ihn zu einem Besuch ein, um das Nötige zu besprechen – nötig wäre seine Uebersiedlung nach Wien, wo er die Kinder versorgen könnte.” (“To Wilhelm (letter): we assure him of our love for him which exists even though we have not yet shown him acts of love. Did our Father love us any less because he could not help us? I also could not help our Mother, and because of that I had to suffer more than she herself and [more than] he. I invite him to visit to discuss the necessities – it would be necessary for him to move to Vienna where he could provide for the children.”).

2 Schenker’s diary entry for December 19, 1924 records the receipt of a letter from Wilhelm: “Von Wilhelm (Br.): gar zu traurig, klagt über Einsamkeit u. Mangel an Liebe, lebt nur für die Pflichten gegenüber den Kindern, denen er Großvater u. Großmutter, Vater u. Mutter zu ersetzen hat. Möchte aufs Grab des Vaters, um sich dort auszuweinen, Sein Schicksal ist überaus hart, in letzter Linie Auswirkung ererbter Not. Zuerst verfiel er dem Onkel, dann der Frau Sch., u. damit kam er um eigene Nachkommenschaft.” (“From Wilhelm (letter): all too sad, complains of loneliness and the lack of love, lives only for his duty toward the children, for whom he substitutes as grandfather and grandmother, father and mother. He would like to go to father's grave to cry it out, His fate is very tough, ultimately the result of inherited difficulties. First he fell prey to his uncle, then to Mrs. Sch[imatowitsch], and with that he had no chance to have descendants of his own.”).

3 Heinrich and Jeanette were at home across the Christmas period with no sign of Wilhelm’s presence, which subsequent correspondence and diary entries confirm.

4 Gut yontif (Yiddish): “good ‘good day’” i.e. “Happy Holiday.” In 1924, Chanukah began in the evening of December 21.

Commentary

Format
3p letter (Bogen format), holograph salutation, message, valediction, and signatures
Provenance
Wilhelm Schenker (document date-1938?)—Jeanette Schenker (1938?-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Heinrich Schenker; deemed to be in the public domain
License
This document is deemed to be in the public domain as of January 1, 2006. Any claim to intellectual rights should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence[at]mus(dot)cam(dot)ac(dot)uk

Digital version created: 2024-06-12
Last updated: 2010-03-11