Berlin 10/IV. 1902

Lieber Violin, 1

Sie müssen entschuldigen, daß ich Ihnen erst heute schreibe. Aber da Sie ‒ von mir ohnedies nicht erfahren können, was Sie erster Linie interessiert, wird die Verspätung doch hoffentlich nicht zu ernst genommen. Ich komme nämlich äußerst selten und nur auf Augenblick ins Theater und weiß daher gar nicht was dort vorgeht. Es ist das zum großen Theil Absicht, da ich möglichst wenig von dieser Pestilenz-Bande wissen will. Außerdem ist es mir angenehm im Arbeiten nicht gestört zu sein. ‒ Das einzige was ich weiß, ist, daß die Tournee'ler kaum noch zürückkehren werden und daß Frau D’Estree 2 mit ist. Die einzigen von Theater mit denen ich hie und da rede sind [?Levetzon] und Wendland.

{2} Ihre letzte Karte 3 war mir theilsweis [recte theilweise] unverständlich. Insbesondere der Satz in dem von 4 Sie von einem Tanz sprechen den Rosé und die Leihanstalt zu meinem Sextett 5 brauchen. Was meinen Sie damit? Bitte erklären Sie mir das näher. Ich habe von Rosé kaum Nachricht, weiß also garnicht, was das bedeuten soll und kann daher die Anspielung nicht verstehen.

Von Ihrem versprochenen Briefe mit 2färbigem Bericht über mein Sextett kann ich Sie nicht los sprechen. Den müssen Sie mir noch schreiben. Und dann auch was Sie von Gegnern „sachliches“ gehört haben. Aus den Kritiken kann man ja gar nichts diesbezügliches entnehmen. Schwätzereien über Kunstformen, Programmusik und dergleichen {3} interessieren mich nicht. Dagegen würde ich gerne einiges musikalisches darüber hören. Davon war in den Kritiken natürlich nichts zu lesen. Ich habe zwar nicht die Absicht mich nach den Rathschlägen der Kritik zu bessern, auch habe ich keine eingehende Analyse erwartet.

Aber ich möchte doch wissen, was meine Gegner musikalisch-sachlich gegen mein Werk einwenden. Also bitte schreiben Sie. Auch ausführlich Ihr Verhältnis dazu. —

Außer diesem nicht mehr Neuen nicht noch eine Gganze Unzahl anderer ebenfalls nicht mehr neuer Dinge nicht. Berichten kann ich Ihnen also sonst nichts. Aber Sie herzlichst grüßen und Ihnen sagen, daß ich auch auf Ihren Brief freue.


Ihr
[signed:] Arnold Schönberg

Berlin N./58 Letterstraße 9. I - rechts

© Transcription Ian Bent & William Drabkin, 2011, 2020


Berlin, April 10, 1902

Dear Violin, 1

You must excuse me for writing to you only now. But since in any event you cannot learn from me that which interests you most of all, then I hope that you will not take the delay too seriously. In fact I very rarely go to the Theater, and only on the spur of the moment, and so do not know anything about what goes on there. That is in great part intentional, since I want to have as little to do with this band of trouble-makers. In addition, I do not like to be disturbed when working ‒ The only thing that I know is that the touring companies will hardly ever return, and that Mrs. D'Estree 2 is among them. The only theaters with which I am occasionally in contact are the [?Levetzon] and the Wendland.

{2} Your last postcard 3 was partly unintelligible to me. In particular, the sentence in which you speak of a dance, which Rosé and the pawnbrokers need for my Sextet. 5 What do you mean by this? Please explain in greater detail. I hardly ever get news from Rosé and so have no idea what that might mean and can therefore not understand your allusion.

I cannot absolve you from writing your promised letter with a two-color report about my Sextet; you must still write it to me. And then also any "objective" comments you have heard from my opponents. From the reviews, one cannot gather anything along these lines. Blathering about art-forms, program music and the like {3} do not interest me. On the other hand, I would gladly like to hear something of musical substance about it; there was, naturally, nothing of this in the reviews. It is of course not my intention to improve myself according to the critics' advice; nor have I expected a detailed analysis.

But I would still like to know what my opponents have to say, from a musically objective point of view, against my work. So please write. And also, at length, your own relationship to it. —

Apart from this, nothing further that is new, not even a multitude of things that are no longer new. Thus I cannot report to you anything further. Except to greet you most cordially and to tell you that I look forward to your letter.


Your
[signed:] Arnold Schönberg

Berlin N./58 Letterstraße 9. I - right

© Translation William Drabkin, 2020


Berlin 10/IV. 1902

Lieber Violin, 1

Sie müssen entschuldigen, daß ich Ihnen erst heute schreibe. Aber da Sie ‒ von mir ohnedies nicht erfahren können, was Sie erster Linie interessiert, wird die Verspätung doch hoffentlich nicht zu ernst genommen. Ich komme nämlich äußerst selten und nur auf Augenblick ins Theater und weiß daher gar nicht was dort vorgeht. Es ist das zum großen Theil Absicht, da ich möglichst wenig von dieser Pestilenz-Bande wissen will. Außerdem ist es mir angenehm im Arbeiten nicht gestört zu sein. ‒ Das einzige was ich weiß, ist, daß die Tournee'ler kaum noch zürückkehren werden und daß Frau D’Estree 2 mit ist. Die einzigen von Theater mit denen ich hie und da rede sind [?Levetzon] und Wendland.

{2} Ihre letzte Karte 3 war mir theilsweis [recte theilweise] unverständlich. Insbesondere der Satz in dem von 4 Sie von einem Tanz sprechen den Rosé und die Leihanstalt zu meinem Sextett 5 brauchen. Was meinen Sie damit? Bitte erklären Sie mir das näher. Ich habe von Rosé kaum Nachricht, weiß also garnicht, was das bedeuten soll und kann daher die Anspielung nicht verstehen.

Von Ihrem versprochenen Briefe mit 2färbigem Bericht über mein Sextett kann ich Sie nicht los sprechen. Den müssen Sie mir noch schreiben. Und dann auch was Sie von Gegnern „sachliches“ gehört haben. Aus den Kritiken kann man ja gar nichts diesbezügliches entnehmen. Schwätzereien über Kunstformen, Programmusik und dergleichen {3} interessieren mich nicht. Dagegen würde ich gerne einiges musikalisches darüber hören. Davon war in den Kritiken natürlich nichts zu lesen. Ich habe zwar nicht die Absicht mich nach den Rathschlägen der Kritik zu bessern, auch habe ich keine eingehende Analyse erwartet.

Aber ich möchte doch wissen, was meine Gegner musikalisch-sachlich gegen mein Werk einwenden. Also bitte schreiben Sie. Auch ausführlich Ihr Verhältnis dazu. —

Außer diesem nicht mehr Neuen nicht noch eine Gganze Unzahl anderer ebenfalls nicht mehr neuer Dinge nicht. Berichten kann ich Ihnen also sonst nichts. Aber Sie herzlichst grüßen und Ihnen sagen, daß ich auch auf Ihren Brief freue.


Ihr
[signed:] Arnold Schönberg

Berlin N./58 Letterstraße 9. I - rechts

© Transcription Ian Bent & William Drabkin, 2011, 2020


Berlin, April 10, 1902

Dear Violin, 1

You must excuse me for writing to you only now. But since in any event you cannot learn from me that which interests you most of all, then I hope that you will not take the delay too seriously. In fact I very rarely go to the Theater, and only on the spur of the moment, and so do not know anything about what goes on there. That is in great part intentional, since I want to have as little to do with this band of trouble-makers. In addition, I do not like to be disturbed when working ‒ The only thing that I know is that the touring companies will hardly ever return, and that Mrs. D'Estree 2 is among them. The only theaters with which I am occasionally in contact are the [?Levetzon] and the Wendland.

{2} Your last postcard 3 was partly unintelligible to me. In particular, the sentence in which you speak of a dance, which Rosé and the pawnbrokers need for my Sextet. 5 What do you mean by this? Please explain in greater detail. I hardly ever get news from Rosé and so have no idea what that might mean and can therefore not understand your allusion.

I cannot absolve you from writing your promised letter with a two-color report about my Sextet; you must still write it to me. And then also any "objective" comments you have heard from my opponents. From the reviews, one cannot gather anything along these lines. Blathering about art-forms, program music and the like {3} do not interest me. On the other hand, I would gladly like to hear something of musical substance about it; there was, naturally, nothing of this in the reviews. It is of course not my intention to improve myself according to the critics' advice; nor have I expected a detailed analysis.

But I would still like to know what my opponents have to say, from a musically objective point of view, against my work. So please write. And also, at length, your own relationship to it. —

Apart from this, nothing further that is new, not even a multitude of things that are no longer new. Thus I cannot report to you anything further. Except to greet you most cordially and to tell you that I look forward to your letter.


Your
[signed:] Arnold Schönberg

Berlin N./58 Letterstraße 9. I - right

© Translation William Drabkin, 2020

Footnotes

1 The document from which this edition was made is a photocopy; the whereabouts of the original is not known.

2 Olga d'Estrée, singer associated with Wolzogen's Buntes Theater.

3 Violin's postcard is not known to survive.

4 Schoenberg has omitted to cross out this "von" after having changed from passive to active voice midway through the sentence.

5 Schoenberg's Verklärte Nacht for string sextet, completed in December 1899, was first performed at the Vienna Musikverein on March 18, 1902.