Partenkirchen, 5 September 1932

Verehrter und lieber Herr Dr.! 1

Nach unserem Besuche bei Ihnen 2 sind wir bestens heimgekert. Da es schon etwas spät geworden war, haben wir in Seefeld zu Abend gegessen und mussten dann die weitere Heimfahrt im Regen zurücklegen, was uns weiter nichts geschadet hat. Es hat uns beiden sehr gefreut, Sie in guter Gesundheit angetroffen zu haben.

Eine Bemerkung zum Schlusse unserer Unterhaltung wird Ihnen vielleicht etwas Kopfzerbrechen verursacht haben. Ich meine die verneinende Antwort von Frl. Boy auf Ihre Frage, ob Sie sie in Wien wiedersehen werden. Die hängt nun damit zusammen, dass ich mich endgültig entschlossen habe, meinen Wohnsitz in Wien aufzugeben. Die grosse Wohnung dort gefällt mir seit langem nicht mehr. Ausserdem umgibt sie mich mit einem Nimbus von Reichtum der den Tatsachen nicht mehr so entspricht wie zu der Zeit, wo ich sie bezog. Ich möchte kleiner wohnen, womöglich auch nicht mehr in einer Stadt, will mich aber mit der Wahl eines neuen Wohnsitzes Zeit lassen bis Manches, was jetzt noch unübersichtlich ist, sich geklärt haben wird.

Am 1 November verlasse ich also die Wohnung und Wien. Aber damit ist nicht gesagt dass ich nicht wiederkehren will. Ich habe absichtlich zwei Stunden bei Ihnen weiter belegt[,] weil ich glaube, dass ich öfters, mindestens aber zweimal im Jahre auf etwa 4 bis 6 Wochen nach Wien kommen werde[,] und weil ich den Kontakt mit Ihnen nicht verlieren möchte.

Auch meine Notensammlung will ich, sei es denn auch in viel bescheidenerem Masse wie bisher, weiter pflegen. Sie wird, zusammen mit meinem übrigen Inventar, bei der Firma Rosin & Knauer untergestellt[,] aber so, dass ich oder mein Bevollmächtiger zu jeder Zeit bequem Zutritt dazu hat. Das geschiet, damit ich Erstdrucke, die ich für meine Vergleichsarbeiten brauchen werde, zu jeder Zeit mir nachschicken lassen kann.

Die Photogramme dazu kann ich mir ja immer vom Archiv kommen lassen. Dieses lasse ich selbstverständlich nicht fallen, kann es aber auch nicht in {2} dem Stile wie bisher weiterführen. Ich habe hierüber dem Herrn Professor Haas einen längeren Brief geschrieben in welchem ich ihm meinen Standpunkt für die Zukunft auseinandersetzte; ich lege hiervon einen Durchschlag bei zu Ihrer Orientierung. 3

Wie ich Ihnen aber in Igls mitgeteilt habe, will ich am 2en Oktober in Wien eintreffen. Zum Arbeiten werde ich dann wohl schwerlich kommen, da während des Monats Oktober meine Möbel eingepakt werden. Aber vielleicht ist meine Vergleichsarbeit über das Scherzo Op. 54 bis dahin so weit gediehen, dass ich Sie mit Ihnen durchnehmen kann. 4 Ich will also am Freitag den 7en zur Stunde kommen. Ich bin dann auch gespannt zu erfahren, wie es um Ihre Arbeiten am „Freien Satz“ steht und ob Sie, wie Sie im Sommer meinten, zu den Vorarbeiten der Drucklegung bereits im Herbst über einen Teil der von mir zugesagten Druckkosten verfügen wollen. Ich bitte Sie, mir das dann mitzuteilen; die Summe steht Ihnen ja auch ganz zur Verfügung, wenn es schon sein muss.

Ich wünsche Ihnen noch einige schönen [sic] Tage zum Abschluss Ihres Sommeraufenthaltes. 5 Hier hat sich das Wetter gestern zum Schlechteren gewendet; bei Ihnen wird es wohl nicht anders gewesen sein. Aber heute sieht es wieder freundlicher aus und so hoffen wir, dass die Verschlechterung nur vorübergehend sein mag, da wir morgen oder übermorgen unsere Autofahrt durch die Dolomiten antreten wollen.

Mit den besten Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin begrüsse ich Sie, auch namens Frl. Boy, als


Ihr ganz ergebener
[unsigned]

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2017


Partenkirchen, September 5, 1932

Revered and dear Dr. [Schenker], 1

After our visit with you 2 we had an excellent return trip. As it had already become rather late, we ate dinner in Seefeld and then had to make the rest of the trip in the rain, which did us no harm. We both enjoyed very much finding you in good health.

A remark made at the end of our conversation will perhaps have been rather puzzling to you. I mean the negative answer from Miss Boy to your question whether you would see her again in Vienna. That has to do with the fact that I have finally decided to give up my residence in Vienna. The large house there has for some time no longer been to my liking. Besides, it surrounds me with a nimbus of wealth that no longer reflects the realities as it did at the time I had it built. I wish to live more modestly, if possible no longer in a city either, but I want to put off selection of a new place of residence until some still unsettled matters will have cleared up.

On November 1, then, I will leave the house and Vienna. But this does not mean that I shall not return. I have deliberately signed up for two more lessons with you because I believe that I will come to Vienna often, at least twice a year, for about four to six weeks, and because I do not want to lose contact with you.

I will also keep up my collection of scores, even if on a far more modest scale than heretofore. It together with my remaining inventory will be stored with the firm Rosin & Knauer, but in such a way that I or my designee will have easy access at all times. That is so that I can have original editions, which I will need for my comparison-work, sent to me at any time.

The photostats for this purpose I can of course always order from the Archive. Certainly, I will not abandon the latter, even if I cannot {2} maintain it in the former style. I have written Professor Haas a long letter about this in which I lay out my position for the future; I include a carbon copy for your orientation. 3

As I told you in Igls, however, I plan to arrive in Vienna on October 2. But at that time I will hardly be able to work, since during the month of October my furniture will be packed up. But perhaps my comparison-work on the Scherzo Op. 54 will progress far enough by that time that I can go through it with you. I will therefore come to the lesson on Friday the 7th. 4 I will then be eager to learn too about the state of your work on Free Composition , and whether, as you said in the summer, you need to have access already in the fall, in preparation for printing, to a part of the printing costs I have guaranteed. Please let me know about that; the whole sum is available to you at once if it is already needed.

I wish you several more fine days to end up your summer sojourn. 5 Here the weather took a turn for the worse yesterday; it has probably been no different where you are. But today it looks more agreeable, and so we hope that the worsening may have been only temporary, since tomorrow or the day after we want to begin our auto-tour through the Dolomites.

With best regards to your wife, I greet you, on behalf of Miss Boy too, as


Ihr ganz ergebener
[unsigned]

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2017


Partenkirchen, 5 September 1932

Verehrter und lieber Herr Dr.! 1

Nach unserem Besuche bei Ihnen 2 sind wir bestens heimgekert. Da es schon etwas spät geworden war, haben wir in Seefeld zu Abend gegessen und mussten dann die weitere Heimfahrt im Regen zurücklegen, was uns weiter nichts geschadet hat. Es hat uns beiden sehr gefreut, Sie in guter Gesundheit angetroffen zu haben.

Eine Bemerkung zum Schlusse unserer Unterhaltung wird Ihnen vielleicht etwas Kopfzerbrechen verursacht haben. Ich meine die verneinende Antwort von Frl. Boy auf Ihre Frage, ob Sie sie in Wien wiedersehen werden. Die hängt nun damit zusammen, dass ich mich endgültig entschlossen habe, meinen Wohnsitz in Wien aufzugeben. Die grosse Wohnung dort gefällt mir seit langem nicht mehr. Ausserdem umgibt sie mich mit einem Nimbus von Reichtum der den Tatsachen nicht mehr so entspricht wie zu der Zeit, wo ich sie bezog. Ich möchte kleiner wohnen, womöglich auch nicht mehr in einer Stadt, will mich aber mit der Wahl eines neuen Wohnsitzes Zeit lassen bis Manches, was jetzt noch unübersichtlich ist, sich geklärt haben wird.

Am 1 November verlasse ich also die Wohnung und Wien. Aber damit ist nicht gesagt dass ich nicht wiederkehren will. Ich habe absichtlich zwei Stunden bei Ihnen weiter belegt[,] weil ich glaube, dass ich öfters, mindestens aber zweimal im Jahre auf etwa 4 bis 6 Wochen nach Wien kommen werde[,] und weil ich den Kontakt mit Ihnen nicht verlieren möchte.

Auch meine Notensammlung will ich, sei es denn auch in viel bescheidenerem Masse wie bisher, weiter pflegen. Sie wird, zusammen mit meinem übrigen Inventar, bei der Firma Rosin & Knauer untergestellt[,] aber so, dass ich oder mein Bevollmächtiger zu jeder Zeit bequem Zutritt dazu hat. Das geschiet, damit ich Erstdrucke, die ich für meine Vergleichsarbeiten brauchen werde, zu jeder Zeit mir nachschicken lassen kann.

Die Photogramme dazu kann ich mir ja immer vom Archiv kommen lassen. Dieses lasse ich selbstverständlich nicht fallen, kann es aber auch nicht in {2} dem Stile wie bisher weiterführen. Ich habe hierüber dem Herrn Professor Haas einen längeren Brief geschrieben in welchem ich ihm meinen Standpunkt für die Zukunft auseinandersetzte; ich lege hiervon einen Durchschlag bei zu Ihrer Orientierung. 3

Wie ich Ihnen aber in Igls mitgeteilt habe, will ich am 2en Oktober in Wien eintreffen. Zum Arbeiten werde ich dann wohl schwerlich kommen, da während des Monats Oktober meine Möbel eingepakt werden. Aber vielleicht ist meine Vergleichsarbeit über das Scherzo Op. 54 bis dahin so weit gediehen, dass ich Sie mit Ihnen durchnehmen kann. 4 Ich will also am Freitag den 7en zur Stunde kommen. Ich bin dann auch gespannt zu erfahren, wie es um Ihre Arbeiten am „Freien Satz“ steht und ob Sie, wie Sie im Sommer meinten, zu den Vorarbeiten der Drucklegung bereits im Herbst über einen Teil der von mir zugesagten Druckkosten verfügen wollen. Ich bitte Sie, mir das dann mitzuteilen; die Summe steht Ihnen ja auch ganz zur Verfügung, wenn es schon sein muss.

Ich wünsche Ihnen noch einige schönen [sic] Tage zum Abschluss Ihres Sommeraufenthaltes. 5 Hier hat sich das Wetter gestern zum Schlechteren gewendet; bei Ihnen wird es wohl nicht anders gewesen sein. Aber heute sieht es wieder freundlicher aus und so hoffen wir, dass die Verschlechterung nur vorübergehend sein mag, da wir morgen oder übermorgen unsere Autofahrt durch die Dolomiten antreten wollen.

Mit den besten Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin begrüsse ich Sie, auch namens Frl. Boy, als


Ihr ganz ergebener
[unsigned]

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2017


Partenkirchen, September 5, 1932

Revered and dear Dr. [Schenker], 1

After our visit with you 2 we had an excellent return trip. As it had already become rather late, we ate dinner in Seefeld and then had to make the rest of the trip in the rain, which did us no harm. We both enjoyed very much finding you in good health.

A remark made at the end of our conversation will perhaps have been rather puzzling to you. I mean the negative answer from Miss Boy to your question whether you would see her again in Vienna. That has to do with the fact that I have finally decided to give up my residence in Vienna. The large house there has for some time no longer been to my liking. Besides, it surrounds me with a nimbus of wealth that no longer reflects the realities as it did at the time I had it built. I wish to live more modestly, if possible no longer in a city either, but I want to put off selection of a new place of residence until some still unsettled matters will have cleared up.

On November 1, then, I will leave the house and Vienna. But this does not mean that I shall not return. I have deliberately signed up for two more lessons with you because I believe that I will come to Vienna often, at least twice a year, for about four to six weeks, and because I do not want to lose contact with you.

I will also keep up my collection of scores, even if on a far more modest scale than heretofore. It together with my remaining inventory will be stored with the firm Rosin & Knauer, but in such a way that I or my designee will have easy access at all times. That is so that I can have original editions, which I will need for my comparison-work, sent to me at any time.

The photostats for this purpose I can of course always order from the Archive. Certainly, I will not abandon the latter, even if I cannot {2} maintain it in the former style. I have written Professor Haas a long letter about this in which I lay out my position for the future; I include a carbon copy for your orientation. 3

As I told you in Igls, however, I plan to arrive in Vienna on October 2. But at that time I will hardly be able to work, since during the month of October my furniture will be packed up. But perhaps my comparison-work on the Scherzo Op. 54 will progress far enough by that time that I can go through it with you. I will therefore come to the lesson on Friday the 7th. 4 I will then be eager to learn too about the state of your work on Free Composition , and whether, as you said in the summer, you need to have access already in the fall, in preparation for printing, to a part of the printing costs I have guaranteed. Please let me know about that; the whole sum is available to you at once if it is already needed.

I wish you several more fine days to end up your summer sojourn. 5 Here the weather took a turn for the worse yesterday; it has probably been no different where you are. But today it looks more agreeable, and so we hope that the worsening may have been only temporary, since tomorrow or the day after we want to begin our auto-tour through the Dolomites.

With best regards to your wife, I greet you, on behalf of Miss Boy too, as


Ihr ganz ergebener
[unsigned]

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2017

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/4, p. 3770, September 6, 1932: "Von v. Hoboken (Br. u. Durchschlag eines Briefes an Haas): entzieht Haas das Honorar, setzt Kromer auf S. 250, aber mit Pensionsberechtigung (!), deutet an, daß er an einer Verbindung mit mir festhalten will, in Worten, die auch auf das nächstfolgende Jahr sich beziehen könnten (? Lie-Lie). Für den freien Satz stellt er die S. 15000 auch sofort zur Verfügung – ob das nicht wieder ein bedenkliches Zeichen ist? –, kurz: ich könnte das Auge heben u. beruhigtere Tage schauen, sowohl meinet- wie meines theuern [sic] Lie-Liechens willen!"
("From Hoboken (letter, and summary of a letter to Haas): he is withdrawing his honorarium from Haas, is fixing that for Kromer at 250 shillings, but with pension entitlement (!); hints that he wants to retain a relationship with me in terms that could apply to the year after next (? Lie-Lie). For Free Composition, he will put the 15,000 shillings at my immediate disposal – is that not yet another noteworthy sign? In short, I could lift my eyes and look at calmer days to come, for my sake as well as that of my dear Lie-Liechen's.").

2 An account of the visit to the Schenkers in their Igls vacation resort by Hoboken and Miss Boy is given in Schenker's diary for August 30, 1932, OJ 4/5, pp. 3767-3768: "Bei Tisch meldet der Portier v. H. für 4h an. [...] — Von 4–6h mit v. H. u. Braut die Jause auf unserem Balkon (u. auf unsere Rechnung!). Er hat einen neuen Plan: „Ausgabe“ des Scherzo Edur – inkorrekt mit Benutzung von Vrieslanders Arbeit – um die früher geplante Brochure aus dem Felde zu räumen. „Ich will kein Honorar, nur soll der Verleger, vielleicht Strache – ! – die Kosten auf sich nehmen.“ Wie gnädig, wie schwungvoll! Denkt schon jetzt daran, nur zu einer der beiden Stunden zu erscheinen, um für 1933–1934 noch eine Stunde zu streichen, da er ja „keine Verwendung für sie habe“!"
("At lunch, the porter announces that Hoboken will arrive at 4 o’clock. [...] — From 4 to 6 o'clock, with Hoboken and his bride, afternoon snack on our balcony (and at our expense!). He has a new plan: "edition" of Scherzo in E major – improperly making use of Vrieslander's work – so as to jettison the previously planned booklet. "I do not want a fee; the publisher, perhaps Strache – ! – should merely assume the costs himself." How gracious, how spirited! He is already thinking of appearing only for one of his two lessons, so that he can cancel yet another lesson for 1933–34, since he indeed "has no use for it"!").

3 Not filed with this letter; presumably returned to Hoboken.

4 At his visit to Igls (see footnote 2) Hoboken had proposed making an edition of this work. Unfortunately, no lesson notes survive from 1932/33, so it is not possible to trace what work, if any, was done on this by Hoboken under Schenker's guidance.

5 The Schenkers returned to Vienna on September 12.

Commentary

Rights Holder
Heirs of Anthony van Hoboken, published here by kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Anthony van Hoboken February 3, 2007. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.
Format
2p letter, carbon copy, typewritten salutation, message, and valediction, unsigned
Provenance
Hoboken, Anthony van ([document date]-1983)--Schneider, Hans (19??-2007)--University of California, Riverside (2007--)

Digital version created: 2017-02-08
Last updated: 2012-11-19