17.

Ein überaus glückliches Ereignis gibt mir Gelegenheit, den BriefWSLB 236 an Hertzka heute ganz zu vollenden. Nun mag der Wiener Verleger sehen, wie er die Sache schlichtet; ich aber hoffe unter allen Umständen meine Arbeiten ans Licht zu bringen.

*

Karte von Sophie, in der sie mir mitteilt, daß Mosio mit Dr. Schenker ein Rendezvous hatte. Somit hat meine Ahnung mich nicht getrügt, als ich der Schwester den Auftrag gab nachzuforschen, ob nicht Dr. Schenker trotz Ableugnung den Bruder gesehen hat.

*

Sträucher im Park zeigen heute, am 17. Januar, bereits gut entwickelte grüne Blattknospen. Neu wird nun nach dem Winter der Frühling kommen, doch leider nicht ebenso neu die Menschheit sich nach dem Kriege bewähren. Die Kämpfe in der Natur bringen immer neue Erscheinungen hervor, aber die Kämpfe, die die Menschheit ausficht, bringen sie leider nicht um einen Schritt vorwärts. Darum seien die Boten des Frühlings doppelt dem Menschen willkommen, der nicht wie sie wirklich neu geboren wird!!

*

Brief an Wilhelm mit Dokumentation der früheren, schon beglichenen Schuld in Graz. — BriefWSLB 236 an Hertzka abgeschickt.

*

Mit Lie-Liechen bei Mama, die sich Gott sei Dank wieder sehr wohl fühlt. Dort treffen wir weder Schwager noch Schwester an, die vermutlich noch in den Betten liegen, da sie nichts brauchen.

*

{842} Frau Deutsch hat auf ein irgendwo erschnapptes Wort hin die Stirne, für eine künftige Verbrüderung sämtlicher Nationen, die durch den Geist bewirkt wird, zu plaidieren. Den Luxus einer solchen Utopie erlaubt sich eine bis zur Perversität schmutzige Frau, die zu keinem Menschen der Welt, u. sei er ihr auch der nützlichste u. kostbarste, eine Beziehung aufbringt, wenn sie nur ein Quentchen ihres überflüssigen Geldes dabeifür opfern sollte!

*

Alfred Polgar schreibt zugunsten des französischen Esprits, übersieht aber, daß dieser nur eine billige, aus dem Sexualleben entsprossene Giftpflanze ist. Wo nur immer diese Sphäre berührt wird, kann man auf den Dank aller Menschen – man nennt ihn auch künstlerischen Genuß – rechnen. Aber warum merkt Herr Polgar nicht, daß außerhalb der Sexualsphäre die Franzosen den Esprit lange nicht so entwickeln wie die Herren Lessing, Goethe, Schiller oder Herder? Schließlich müßte man die Esprit-Kunst auch den Vortragenden in den Kabaretts nachrühmen! Will man die Sicherheit der Technik dabei bewundern, so ist diese gemäß dem leichteren Stoff eben leichter erreichbar; an schwereren Stoffen ist auch Formgebung eine schwierigere. Schade, daß Herr Polgar eine dem oberflächlichen französischen Esprit ohnehin geneigte Welt durch seine falsche Darstellung noch geneigter, weil gleichsam aus künstlerischer Ueberzeugung geneigter macht. Schließlich bedeutet die Kunst auch das Leben! Wenn der französische Esprit auch französisches Leben bedeutet, erweist sich nicht die fr. Lebenskunst heute zerbrechlich u. minderwertig gegenüber der deutschen? Fällt nicht ein Licht von dem französischen Esprit auf die oberflächliche Ffranzösische Lebenskunst u. umgekehrt von der französischen Lebenskunst auf den französischen Esprit? Die Deutschen sind eben von Haus aus ein viel gründlicheres u. tüchtigeres Volk, das lange nicht seine volle Befriedigung bei den leichten sexuellen Erörterungen findet. ; . gGeraten sie nun einmal an solche Stoffe, so vergeuden sie leider auch an diese etwas von jener Kraft, die einem stärkeren Stoffe zukommt. Aber sie können glücklicherweise aus ihrer Haut nicht heraus u. demnach auch nicht auf jene tiefe Stufe hinunter, auf der die Franzosen stehen!!

*

{843} Herr Zuckerkandl überbringt mir eine Bitte des Herrn Robert, für einen seiner Abende einen Continuo zu einer Klavier-Violinsonate von Seb. Bach beizustellen! Ich aber winke ab u. erkläre, daß es nicht opportun sei, sich in der laufenden Arbeit zu derangieren u. daß wir lieber programmgemäß erst nach dem Kontrapunkt den Generalbaß in Angriff nehmen werden.

*

© Transcription Marko Deisinger.

17.

A thoroughly fortunate event gives me the opportunity to reach the very end of my letterWSLB 236 to Hertzka today. Now the Viennese publisher can see how the matter will be negotiated; I, however, hope to bring my work to light in any event.

*

Postcard from Sophie, in which she tells me that Mosio had a rendezvous with Dr. Schenker. Thus my suspicions did not deceive me when I gave my sister the task of discovering whether Dr. Schenker had seen my brother, in spite of the latter's denial.

*

Shrubs in the park today, January 17, are already displaying well-developed green leaf-buds. Winter will now be followed anew by the arrival of spring; but unfortunately mankind will not likewise stand the test after the war. The struggles in nature bring forth ever new manifestations; but the struggles with which mankind contends do not, regrettably, bring it even one step forwards. May the harbingers of spring thus be doubly welcome to those who will not, like nature, be truly newborn!!

*

Letter to Wilhelm with documents attesting to the earlier debt, in Graz, which has already been paid. — LetterWSLB 236 to Hertzka sent off.

*

With Lie-Liechen to Mama who, thank God, is again feeling very well. There we meet neither brother-in-law nor sister, who are presumably still lying in bed since they need nothing.

*

{842} Mrs. Deutsch has somehow gotten the idea into her head to plead for a future brotherhood of all nations, which will be achieved through the spirit. The luxury of such a utopia is something that can be afforded by a woman, greedy to the point of perversity, who is incapable of forming a relationship with anyone in the world, not even one who is most useful and valuable to her, even if she should have to sacrifice just a tiny portion of her excess money for it!

*

Alfred Polgar writes in support of French "esprit" but overlooks the fact that this is only a cheap poisonous plant, sprouting from sexual life. Wherever this sphere is touched upon, one can count on the gratitude of all people – one also calls it artistic "enjoyment." But why doesn't Mr. Polgar observe that, except in the sexual sphere, the French have for a long time not developed the idea of esprit in such a way as Messrs. Lessing, Goethe, Schiller and Herder have? Ultimately one would have to credit cabaret artists with the art of esprit! Although one may marvel at the surety of technique there, it is indeed more easily achieved, in accordance with the easier material; with more difficult material, style also becomes a more difficult task. A pity that, for a world that inclines in any event to a superficial, French esprit, Mr. Polgar makes it even more inclined in that direction as a result of his false account, as if from artistic conviction. Ultimately, art also means life! If French esprit also signifies French life, does not that mean that the French art of living today is fragile and inferior, compared to the German? Does not a light fall from French esprit upon the superficial French art of living and, conversely, from the French art of living upon French esprit? The Germans are indeed inherently a sounder and more capable people, who for a long time have not found their complete satisfaction in easy sexual matters; but once they get involved in such materials, they unfortunately squander on this some of that power that befits a stronger material. Fortunately, however, they cannot change their character and, accordingly, cannot descend to that low level on which the French stand!!

*

{843} Mr. Zuckerkandl transmits to me a request from Mr. Robert to provide a continuo part for a Bach violin sonata, for one of his soirees! But I tell him I won't, and explain that is not appropriate to mess up the current program of work, and that we should rather take up thoroughbass only after studying counterpoint.

*

© Translation William Drabkin.

17.

Ein überaus glückliches Ereignis gibt mir Gelegenheit, den BriefWSLB 236 an Hertzka heute ganz zu vollenden. Nun mag der Wiener Verleger sehen, wie er die Sache schlichtet; ich aber hoffe unter allen Umständen meine Arbeiten ans Licht zu bringen.

*

Karte von Sophie, in der sie mir mitteilt, daß Mosio mit Dr. Schenker ein Rendezvous hatte. Somit hat meine Ahnung mich nicht getrügt, als ich der Schwester den Auftrag gab nachzuforschen, ob nicht Dr. Schenker trotz Ableugnung den Bruder gesehen hat.

*

Sträucher im Park zeigen heute, am 17. Januar, bereits gut entwickelte grüne Blattknospen. Neu wird nun nach dem Winter der Frühling kommen, doch leider nicht ebenso neu die Menschheit sich nach dem Kriege bewähren. Die Kämpfe in der Natur bringen immer neue Erscheinungen hervor, aber die Kämpfe, die die Menschheit ausficht, bringen sie leider nicht um einen Schritt vorwärts. Darum seien die Boten des Frühlings doppelt dem Menschen willkommen, der nicht wie sie wirklich neu geboren wird!!

*

Brief an Wilhelm mit Dokumentation der früheren, schon beglichenen Schuld in Graz. — BriefWSLB 236 an Hertzka abgeschickt.

*

Mit Lie-Liechen bei Mama, die sich Gott sei Dank wieder sehr wohl fühlt. Dort treffen wir weder Schwager noch Schwester an, die vermutlich noch in den Betten liegen, da sie nichts brauchen.

*

{842} Frau Deutsch hat auf ein irgendwo erschnapptes Wort hin die Stirne, für eine künftige Verbrüderung sämtlicher Nationen, die durch den Geist bewirkt wird, zu plaidieren. Den Luxus einer solchen Utopie erlaubt sich eine bis zur Perversität schmutzige Frau, die zu keinem Menschen der Welt, u. sei er ihr auch der nützlichste u. kostbarste, eine Beziehung aufbringt, wenn sie nur ein Quentchen ihres überflüssigen Geldes dabeifür opfern sollte!

*

Alfred Polgar schreibt zugunsten des französischen Esprits, übersieht aber, daß dieser nur eine billige, aus dem Sexualleben entsprossene Giftpflanze ist. Wo nur immer diese Sphäre berührt wird, kann man auf den Dank aller Menschen – man nennt ihn auch künstlerischen Genuß – rechnen. Aber warum merkt Herr Polgar nicht, daß außerhalb der Sexualsphäre die Franzosen den Esprit lange nicht so entwickeln wie die Herren Lessing, Goethe, Schiller oder Herder? Schließlich müßte man die Esprit-Kunst auch den Vortragenden in den Kabaretts nachrühmen! Will man die Sicherheit der Technik dabei bewundern, so ist diese gemäß dem leichteren Stoff eben leichter erreichbar; an schwereren Stoffen ist auch Formgebung eine schwierigere. Schade, daß Herr Polgar eine dem oberflächlichen französischen Esprit ohnehin geneigte Welt durch seine falsche Darstellung noch geneigter, weil gleichsam aus künstlerischer Ueberzeugung geneigter macht. Schließlich bedeutet die Kunst auch das Leben! Wenn der französische Esprit auch französisches Leben bedeutet, erweist sich nicht die fr. Lebenskunst heute zerbrechlich u. minderwertig gegenüber der deutschen? Fällt nicht ein Licht von dem französischen Esprit auf die oberflächliche Ffranzösische Lebenskunst u. umgekehrt von der französischen Lebenskunst auf den französischen Esprit? Die Deutschen sind eben von Haus aus ein viel gründlicheres u. tüchtigeres Volk, das lange nicht seine volle Befriedigung bei den leichten sexuellen Erörterungen findet. ; . gGeraten sie nun einmal an solche Stoffe, so vergeuden sie leider auch an diese etwas von jener Kraft, die einem stärkeren Stoffe zukommt. Aber sie können glücklicherweise aus ihrer Haut nicht heraus u. demnach auch nicht auf jene tiefe Stufe hinunter, auf der die Franzosen stehen!!

*

{843} Herr Zuckerkandl überbringt mir eine Bitte des Herrn Robert, für einen seiner Abende einen Continuo zu einer Klavier-Violinsonate von Seb. Bach beizustellen! Ich aber winke ab u. erkläre, daß es nicht opportun sei, sich in der laufenden Arbeit zu derangieren u. daß wir lieber programmgemäß erst nach dem Kontrapunkt den Generalbaß in Angriff nehmen werden.

*

© Transcription Marko Deisinger.

17.

A thoroughly fortunate event gives me the opportunity to reach the very end of my letterWSLB 236 to Hertzka today. Now the Viennese publisher can see how the matter will be negotiated; I, however, hope to bring my work to light in any event.

*

Postcard from Sophie, in which she tells me that Mosio had a rendezvous with Dr. Schenker. Thus my suspicions did not deceive me when I gave my sister the task of discovering whether Dr. Schenker had seen my brother, in spite of the latter's denial.

*

Shrubs in the park today, January 17, are already displaying well-developed green leaf-buds. Winter will now be followed anew by the arrival of spring; but unfortunately mankind will not likewise stand the test after the war. The struggles in nature bring forth ever new manifestations; but the struggles with which mankind contends do not, regrettably, bring it even one step forwards. May the harbingers of spring thus be doubly welcome to those who will not, like nature, be truly newborn!!

*

Letter to Wilhelm with documents attesting to the earlier debt, in Graz, which has already been paid. — LetterWSLB 236 to Hertzka sent off.

*

With Lie-Liechen to Mama who, thank God, is again feeling very well. There we meet neither brother-in-law nor sister, who are presumably still lying in bed since they need nothing.

*

{842} Mrs. Deutsch has somehow gotten the idea into her head to plead for a future brotherhood of all nations, which will be achieved through the spirit. The luxury of such a utopia is something that can be afforded by a woman, greedy to the point of perversity, who is incapable of forming a relationship with anyone in the world, not even one who is most useful and valuable to her, even if she should have to sacrifice just a tiny portion of her excess money for it!

*

Alfred Polgar writes in support of French "esprit" but overlooks the fact that this is only a cheap poisonous plant, sprouting from sexual life. Wherever this sphere is touched upon, one can count on the gratitude of all people – one also calls it artistic "enjoyment." But why doesn't Mr. Polgar observe that, except in the sexual sphere, the French have for a long time not developed the idea of esprit in such a way as Messrs. Lessing, Goethe, Schiller and Herder have? Ultimately one would have to credit cabaret artists with the art of esprit! Although one may marvel at the surety of technique there, it is indeed more easily achieved, in accordance with the easier material; with more difficult material, style also becomes a more difficult task. A pity that, for a world that inclines in any event to a superficial, French esprit, Mr. Polgar makes it even more inclined in that direction as a result of his false account, as if from artistic conviction. Ultimately, art also means life! If French esprit also signifies French life, does not that mean that the French art of living today is fragile and inferior, compared to the German? Does not a light fall from French esprit upon the superficial French art of living and, conversely, from the French art of living upon French esprit? The Germans are indeed inherently a sounder and more capable people, who for a long time have not found their complete satisfaction in easy sexual matters; but once they get involved in such materials, they unfortunately squander on this some of that power that befits a stronger material. Fortunately, however, they cannot change their character and, accordingly, cannot descend to that low level on which the French stand!!

*

{843} Mr. Zuckerkandl transmits to me a request from Mr. Robert to provide a continuo part for a Bach violin sonata, for one of his soirees! But I tell him I won't, and explain that is not appropriate to mess up the current program of work, and that we should rather take up thoroughbass only after studying counterpoint.

*

© Translation William Drabkin.