24.

Der Nebel der ersten Morgenstunden weicht bald u. eine ungewöhnliche Schönheit des Tages lockt uns ins Freie. Unter-HetzendorfHütteldorf. Wir überlassen es dem Zufall, uns neue Wege, Straßen u. Gassen zu weisen u. erfreuen uns beim Eintritt in das Hügelgelände hinter der Lainzer Haltestelle so mancher schönen Ansicht einer Villa, eines Baumes, u. s. w. Das Fallen der Blätter, der Boden als Massengrab der entseeltenr Blätter geben Anlass zu Wehmut, u. doch scheint diese sich mehr weniger auch in gehobene freudvolle Stimmung auflösen zu wollen, da uns die Auferstehung des Baumes im künftigen Frühling nicht blos Ahnung sondern Gewissheit ist. Nur möchte ich, nebenbei bemerkt, es lieber vermeiieden wissen, von den „leuchtenden“ Farben der absterbenden Bäume zu sprechen. So gebräuchlich diese Ausdrucksweise offenbar auf Grund einer von Empfindungen erscheint, enthält sie meiner Ansicht nach einen unheilbaren Widerspruch, da nicht wohl sSterben u. lLeuchten vereinbart werden können! Ein wunderbares Bild bot eine einsame Espe, deren Blätter weithin sichtbar u. hörbar rauschten, als ob wollten sie schon in der Ferne unserem Blick u. Ohr vorprahlen wollten [sic], der Wind sei zu Gast bei ihr. —

Zu Tisch in Hütteldorf; dort widerfährt uns ein Abenteuer: Wir bestellen gemäß der {17} Speisekarte unter anderem ein halbes Brathuhn, wofür ein Preis von Kr. 2.20 festgesetzt war. Kaum war die Bestellung geschehen, kam der Zahlkellner an unseren Tisch u. erhöhte vor unseren Augen den Preis auf Kr. 2.50 mit dem Bemerken, er habe sich geirrt. Sofort zog ich meine Bestellung zurück mit der Erwiderung: Nach Ihrer Aenderung ändere auch ich . . u. s. w. Daß der Kellner aus der Fassung gekommen wäre, davon war auf seinem Gesicht weit u. breit keine Spur zu sehen. —

Auf dem Rückwege setzen wir die Abenteuer der Gässchen u. Stege fort u. geraten so mitten in die schönsten Bilder. Da wir uns nach dem Besitzer einer bestimmten Villa erkundigen, erfahren wir, er habe sich erschossen, nachdem ihm eine Drahtgitter-Lieferung an Serbien nachgewiesen worden war. – Indem wir schließlich die Stege erreichen, die wir vor einigen Wochen zum erstenmal uns angeeignet, schließen wir gleichsam den Kreis der Wanderungsaufgabe u. freuen uns des befestigten Besitzes. – Einen sonderbaren Eindruck erlebten wir, da wir einen stillen Villenweg giengen u. der Haltestelle zustrebten. An einem Garten vorübergehend hören wir plötzlich hinter dem Zaun den Ruf „Hansl“ u. vermeinen , zunächst, den Weg fortsetzend, es habe ein Mann im Garten sich um jeden Preis bemerkbar machen wollen. Als wir uns aber umwendeten, erblickten wir zu unserem Erstaunen einen großen Raben, der offenbar der Sprecher war! Freilich war er zu mehr [illeg]Aussprache nicht zu bewegen. – Von den Plänen, das Nachmittags-Konzert des Tonkünstler-Orchesters, eventuell die Generalprobe der IX. Sinfonie anzuhören haben wir keinen zur Ausführung gebracht. 1

*

Kaufmann: Er sSchwärmt für die fFruchtbarmachung des Kapitals u. glaubt Wunder zu verrichten, wenn er gewisse Teile seines Barvermögens in Anlagen, Fabriken investiert oder sonstwie [sic] in Banken verzinsen läßt. Aber niemals wird er begreifen, daß er {18} gegen die Fruchtbarmachung am ärgsten selbst verstößt, wenn er überflüssige Gelder falsch, wenn auch zwar für sich dennoch aber falsch verwendet. Sagen wir, er setzt das überflüssige Kapital in überflüssigen Luxus um, so läßt sich begreifen, daß es ohne Zweifel verschiedene andere Möglichkeiten der Verwendung des Geldes gibt, die jenes Kapital viel fruchtbarer hätten wirken lassen. Damit ist aber auch erwiesen, daß unter Fruchtbarmachung des Kapitals der Kaufmann, seinem beschränkten Horizont nach, nur sehr naheliegende Investitionen begreift, im übrigen davon nur sehr wenig versteht, obgleich er beruflich das meiste verstehen sollte. —

*

Kaufmann: Er sSpricht viel vom Risiko, das er entsprechend vergütet wissen will. Indessen scheint das Risiko zu riskieren kein solches w Wagnis Risiko zu sein, als das er es hinstellt. Denn andererseits pflegt der Kaufmann, wenn man ihm zu anderen Berufen rät, zu erwidern, sie seien nicht so ertragfähig, wie der des Kaufmannes. Geht nicht aber daraus hervor, daß er seines Risikos mehr als sicher ist?

*

Besser wäre es um die Moral bestellt, wenn es in ihr so etwas gäbe, wie Saat u. Ernte, die im Laufe der kürzesten Zeit sichtbar u. wohltätig vor Augen abrollen würde. Könnte etwa im nächsten Jahre als Moralsaat aufgehen, was wir heuer säen gesät haben, dann hätte auch die Moral mehr Bekenner! —

*

Da gehen die Menschen die Straßen auf u. ab u. vermehren den Schmutz ins Unendliche. Nun kommen die Straßenkehrer u. säubern die Straßen. Hindert dies aber die Menschen nun wieder zu misten u. zu schmutzen? Es ist eben der Beruf der einen zu misten, der anderen zu reinigen. – Nicht anders aber geht es auf der großen Straße der Menschheit zu! Die Menschheit will u. muß misten u. setzt dieses schmutzige Geschäft be- {19} rufsmäßig fort, auch wenn nachdem geistige Straßenreiniger dazwischen den Schmutz für eine Weile beseitigent haben. —

*

In seiner letzten Nummer bemüht sich Karl Kraus, Heine – einem schon früher gefassten Plane nach – wieder einmal herabzusetzen. 2 Diesmal greift er ihn auf Grund von Briefen an den Baron Rotschild an, die von Hirth veröffentlicht wurden. 3 Was nun Kr. gegen den Briefschreiber vorbringt, zeigt in allem u. jedem einen unreifen, ja kindischen Standpunkt, der verrät, daß er von großen Bezügen des Lebens nicht eben die rechte Vorstellung hat. Schon seine Haupttendenz, Heine entgelten zu lassen, was seine Nachahmer in Zeitungen oder sonstwo verbrechen, ist ein echtes rechtes Schulbubenstück. Was kann Heine für die Folgen? K. scheint also nicht einmal dieses zu wissen, daß vielfach für die Folgen nur diejenigen verantwortlich sind, die nur als Folge eben selbst auftreten. Ihre Natur ist eben von Haus aus nur eine Folge. Was will er aber dagegen machen, was geht das Heine an? – Ein Anderes ist es, Heine an ihm selbst u. den Größeren gemessen auf seinen wahren Wert hin zu prüfen! Nun rennt K. aber gerade hier offene Türen ein, da es doch niemand in Deutschland gibt, der Heine etwa mit den Größten gleichstellen wollte will. Gegen seine eigne Methode verstößt Kr. indessen, wenn er im Falle RotschildHeine wieder nur Heine, die Folge, entgelten läßt, was er doch, seinem Prinzip gemäß, weit eher an Rotschild, dieals Ursache, adressieren sollte. Er hütet sich, Rotschild auf die Wage zu legen u. meint offenbar, Heine hätte auch trotz minderwertiger Beschaffenheit des Barons seinerseits sich keinerlei Inkorrektheit zuschulden kommen lassen dürfen. Dieses ist aber nur bis zu einer gewissen Grenze richtig; denn unter allen Umständen muß sich K. gegenwärtig halten, daß Heines Charakter, soweit hiefür spontane Züge entscheidend sind, lange nicht jene Minderwertigkeit von Haus aus zeigte, wie sie der des Ba- {20} rons aufweist, der aber gar nicht erst kritisiert wird. Sofort wäre der Tadel Kraus' um vieles gerechtfertigter, wenn er zunächst der im Baron gelegenen Ursache mit Tadel gedacht u. erst hernach den Angriff auf Heine gewagt hätte. Es ist der Gerechtigkeit u. der Moral nur wenig gedient, wenn man bei Beurteilung kaufmännischen Denkens u. Strebens, wie es dem Baron zu eigen war, den Standpunkt nur mit dem Kaufmanne teilt. Genau genommen ist es nur das Gebiet des Geldes, für das der Kaufmann den Begriff der Moral zuständig erklärt, aber man sehe nur, in welchem Sinne. Nicht unmoralisch erscheint es ihm, zu Geld wohl um jeden Preis, auch mit verwerflichsten Mitteln zu gelangen; dagegen erklärt er es sofort für unmoralisch, wenn umgekehrt von ihm Geld begehrt wird. Außerhalb der Geldsphäre aber scheint dem Kaufmann alles Fühlen u. Trachten neutral zu sein. Es bekümmert ihn wenig, was u. wie ers in diesen anderen Sphären vor sich geht u. er ist zufrieden, wenn nur ihm gegenüber in der Sphäre des Geldes Moral in seinem Sinne gewahrt wird. – Diesen beschränkten einseitigen Standpunkt teilt nun auch offenbar Karl Kraus. Mag sich Heine mit noch so viel Moral im Leben ausgewiesen haben, sei es in Beziehung zum Vaterland, in der Liebe zum Judentum, in dem Bestreben Schönes zu erzeugen – alles dieses fällt zusammen u. erscheint dem Tadler belanglos in dem Augenblicke, da von Heines Betragen in einer Geldsache gegenüber Rotschild in einem dem letzteren unsympathischen Sinne die Rede ist. Will vielleicht K., um seinen eben vom Kaufmann abgezogenen Standpunkt zu rechtfertigen, geltend machen, ihm sei, da er tadle, um das Idealbild eines Dichters zu tun, so begibt er sich dadurch wieder in Gemeinschaft mit jenen , die von Sentimentalität u. Egoismus besessenen Menschen, die vom Dichter die Erfüllung eines Idealbildes nur deshalb verlangen, weil sie dabei selbst am besten fahren. Wie bequem ist es doch, vom Dichter alles Schöne u. Gute erlangen zu können, wenn man noch außerdem von jeglicher Pflicht ihm gegenüber, ihm etwa in einer Not beizustehen {21} oder dgl., sich enthoben fühlt. Man leistet keinen Beitrag an ihn, wünscht dagegen seinen Beitrag an für sich selbst u. ist empört, wenn ein Dichter einen Strich durch den Egoismus macht. Ja freilich, der Künstler in der Dachstube Dichtungen, Symphonien aus der Feder träufelnd, niemand zur Last, – das ist das Idealbild der Egoisten, die sich noch viel darauf zugute halten, daß sie die Phantasie haben, ein solches Idealbild zu entwerfen. Da sagt nun einer: , vom Dichter erwarte er es so, doch erwarte ich dasselbe nicht auch von einem Baron Rotschild. Auch dieser Standpunkt, wie der frühere im Egoismus geboren, hält der Kritik nicht stand. Denn, gesetzt den Fall, ich weiß, daß ich von diesem bestimmten Bazillus nur Cholera zu erwarten habe, entbindet mich dies der Pflicht, den Bazillus zu bekämpfen? Mag nun also sein, daß ich von Baron Rotschild nichts anderes zu erwarten habe, als was er eben tut, muß ich da aber nicht dagegen Stellung nehmen noch ehe er Schaden in der Welt stiftet? Eben daran aber läßt es Karl Kraus fehlen. In der Affaire RotschildHeine läßt er den ersteren fast unangetastet, um desto ungestümer das zweite Opfer zu attakieren [sic]. Wer sagt ihm übrigens, ob hinter dem Brief Heines an den Baron nicht vielleicht die Baronin selbst steckt, die möglicherweise nur einen solchen Brief für zweckfordernd erklärt haben mochte?! Was weiß denn auch sonst Kr. von näheren Umständen, unter denen der Brief geschrieben wurde? – Mit wie viel Recht mag Heine ein Legat von seinem Onkel erwartet haben, vielleicht sogar von diesem selbst in dem Glauben gewiegt? Vielleicht hat er durchaus nur rechtschaffene Schulden gemacht in Erwartung des Legates? Und da sollte eine solche Infamie des Onkels den Dichter nicht mit Recht in Aufruhr versetzen? Und wenn Kr. gar Beethoven zum Vergleich heranzieht, so bemerke ich nur allzu deutlich, daß er sich des Tadels gegenüber Beethoven nicht so sehr aus starkem Drang nach Moral enthält, sondern vielmehr aus einem instinktiven Respekt vor dem großen Tondichter, während im {22} Grunde auch Beethoven in seinen Geldaffairen vielfach zu Notlügen greifen mußte, um sich eines Schadens von so mancher Seite zu erwehren. Kr. scheint eben noch nicht erfaßt zu haben, daß des Vornehmen Pflicht es wahrlich nicht ist, im Kampfe wider die Niedrigen unterzugehen, sondern im Gegenteil sie zu besiegen u. zu überleben, u. sei es, daß er um dieses Ziel zu erreichen sich zuweilen auch solcher Mittel bedient, deren sich sonst u. durchweg eben nur die Niedrigen bedienen. Die Mittel selbst, wenn sie nur vornehm gehalten werden, sind durchaus nicht die geeigneten Waffen im Kampfe gegen die Unvornehmen. Die letzteren vertragen Tadel, Spott, den Vorwurf der Ehrlosigkeit, Gefängnisstrafen u. verziehen nicht einmal die Mundwinkel – was würde es da nützen, sich im ungleichen Kampfe zu erschöpfen? Da heißt es lieber ein Mittel anwenden, dessen Sprache der Unvornehme versteht – u. dies ist gemeiniglich der Geldschaden! —

*

Desgleichen sündigt Karl Kraus in seiner letzten Nummer 4 wider alle Vernunft u. Moral, wenn er eben in ihrem Namen vom deutschen Volk Tugenden verlangt, die nur einzelnen Menschen gegeben sein konnen können. Oder er perhorresziert z. B. den deutschen Militarismus ohne zu bedenken, daß es Soldaten ewig geben müsse, daß das Soldatenhandwerk nicht einmal so auch große Männer wie z. B. Moltke, Hötzendorf u. s. w. aus einschließt. Auch scheint Kr. nur wenig Ahnung davon zu haben, daß wie er selbst es nur dem deutschen Militarismus zu danken habe, wenn er seine Tätigkeit entfalten darf. Ers brauchte sich nur zu denken, Deutschland gehe wegen mangelnder Gegenwehr zugrunde zu gehen; wäre es da möglich, daß einer wie er anderswo als in Deutschland wirken könnte?

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Wienerisches: Die Lichtaffaire findet einen glücklichen Ausgang durch Bemühungen des zweiten Partners, eines Selchers. Noch ehe aber die Lösung eintraf, sprach Lie-Liechens {23} Hausfrau die Absicht aus, sich an der elektrischen Leitung als 3. Partei zu beteiligen. Als darauf Lie-Liechen ganz folgerichtig meinte, sie solle unter solchen Umständen als dritte auch an den Kosten der Neueinrichtung teilnehmen, erwiderte die biedere Wienerin, sie habe keine Lust, in diese Wohnung Geld hineinzustecken. Dieser Gedankengang ist umso wienerisch trauriger, als ich selbst vor wenigen Tagen ihr deutlich in Erinnerung brachte, daß es wohl ihre Pflicht sei wäre , für die Reparatur aufzukommen, da sie das Zimmer ja mit elektrischer Beleuchtung vermietet habe. Trotzdem fand sie den Mut, nicht nur die Pflicht zu umgehen, sondern noch weit darüber hinaus die Zumutung an Lie-Liechen zu wagen, die Leitung auf ihre Kosten herstellen zu lassen! —

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© Transcription Marko Deisinger.

24.

The mist of the early morning hours quickly disperses, and an unusually beautiful day lures us out of doors. Lower Hetzendorf and Hütteldorf. We leave it to chance to point us along new paths, streets and alleys, and are delighted when we arrive in the hilly terrain behind the coach stop in Lainz, to have such beautiful views of a villa, of a tree, and the like. The fall of the leaves, the ground as a mass grave of desouled leaves gives us cause for sorrow; and yet these leaves seemed to want even to dissolve into an elevated, joyful mood, since – for us – the resurrection of the tree next spring is not merely a presentiment but a certainty. I just want to say in passing, that I would rather avoid hearing about the "glowing" colors of the dying trees. As commonly as this expression is used, evidently on grounds of feelings, in my opinion it contains an incurable contradiction, since dying and glowing surely cannot be united! A lone aspen, which could be seen and heard rustling, offered a wonderful image, as if it wished to boast to our eyes and ears – even from a distance – that the wind was its guest. —

At lunch in Hütteldorf, we encounter an adventure: we order from the menu, {17} among other things, a half roast chicken, for which a price of 2.20 Kronen was set. Hardly had we made the order than the head waiter came to our table and raised the price of 2.50 Kronen before our very eyes, with the remark that he had made a mistake. I immediately withdrew my order with the reply: "After your change, I too am changing …," etc. That the waiter was disconcerted, of that this face displayed not a single trace. —

On the return, we continued our adventure along alleyways and footbridges and thus arrived in the mist of the most beautiful images. When we ask about the owner of a particular villa, we discover that he had shot himself after it was revealed that he had made a shipment of wire grating to Serbia. – As we finally reach the footbridges of which we took possession a few weeks before, we close the circle of our hiking task and rejoice over our secured possession. – We experienced an unusual impression when we took a quiet road past some villas and aimed for the coach stop. Passing a garden, we suddenly hear the call "Hansel" behind the fence and, at first continuing on our way, we think that there was a man in the garden who wanted to make himself noticeable at all costs. But when we turned around, we espied to our astonishment a large raven, who was evidently the speaker! Of course, it could not be moved to say anything more. – We did not bring to realization any of our plans to attend the attend the afternoon concert of Tonkünstler Orchestra, and possibly the dress rehearsal of the Ninth Symphony. 1

*

The businessman: he dreams of making capital productive and believes that he can create miracles by investing certain parts of his monetary wealth in commodities or factories, or let it accrue interest in banks. But he will never understand that he {18} he offends against productivity in the worst way when he uses his extra money incorrectly, even if for his own benefit. If, let us say, he converts his extra capital in superfluous luxury items, then one can understand that, without doubt, there are many other possibilities for the use of the money, that would make that capital much more productive. From this it is also shown that, by productivity of capital, the businessman with his limited horizon understands only the most obvious investments, and moreover understands only a little about them, even though he ought from his profession to understand the most. —

*

Businessmen: they speak much about risk, against which they want to be appropriately covered. However, the risk of risking seems not the sort of risk that they imagine. For on the other hand they are accustomed to saying, when advised to take another profession, that they are not as lucrative as that of a businessman. Does it not follow, then, that they are more than secure in their risk?

*

Things would go better for morality if there were such a thing as seed and harvest, which could visibly and beneficially unfold before our eyes in the course of a very short time. If the seeds of morality that we have planted this year sprout the next year, then morality would also have more adherents! —

*

People walk up and down the streets, and produce an infinite quantity of debris. Now the streetcleaners come and clean the streets. But does this prevent people from making more mess and debris? It is the very occupation of the one to make a mess, of the other to clean. – It is no different along the great avenues of humanity! Humanity will, and must, make a mess and continue with this filthy business as its occupation, {19} even if intellectual streetcleaners have followed them and cleaned up the mess for a while. —

*

In his most recent issue , Karl Kraus is endeavoring once again – in accordance with an earlier plan – to disparage Heine. 2 This time he is going after him on the basis of letters to Baron Rothschild which were published by Hirth. 3 What Kraus is now accusing the letter writer of doing shows in each and every respect an immature, even childish point of view, which betrays that he does not actually have the correct understanding of great relationship in life. Already his principal tendency, to make Heine atone for the sins of his imitators in newspapers and elsewhere, is nothing more than a piece of schoolboy knavery. What can Heine do about his "following"? Kraus does not even seem to know that those who are alone responsible for the consequences are often only those who themselves appear as "following." Their character is, from the outset, only that of a following. But what will he do about it, and what does that have to do with Heine? – It is a different matter to evaluate Heine's true value, measured on his own terms or against the greater ones! But now Kraus is pushing at an open door, since there is actually no one in Germany who would place Heine on a par with the greatest. Thus Kraus contravenes his own method when he, in the case of Rothschild, has Heine atone only for Heine, for his following, when according to his principle he should much rather be addressing Rothschild as the cause. He avoids putting Rothschild on the scales and apparently thinks that Heine, in spite of the lesser qualities of the baron, should for his part ought not have committed any act of incorrectness at all. But this is only right up to a certain point: for under all circumstances Kraus should be aware that Heine's character, so far as spontaneous actions are crucial, did not by any means inherently show that inferiority that the Baron evinces, {20} though he is not in any way being criticized. Kraus's blame would be immediately justified to a greater degree if he had first thought of ascribing blame to the cause that lay in the baron, and only then dared to make an attack upon Heine. Justice and morality are but little served if, when judging businessman-like thinking and striving, as was characteristic of the Baron, one shares only the standpoint of the businessman. Strictly speaking, it is only in the field of money for which the businessman competently explains the concept of morality; but just look at how he does it. It doesn't appear amoral for him to acquire money at any price, even by the most reprehensible means; on the other hand, he immediately regards it as amoral when, conversely, money is requested of him. Outside the sphere of money, however, all feeling and aspiration seems neutral to him. It troubles him little what and how things proceed before him in these other spheres, and he is satisfied when morality is observed in the realm of money in accordance with his understanding. – This limited, one-sided viewpoint is something that Karl Kraus now seems to share. However much morality Heine may have demonstrated in his life – in his relationship to the father land, in his love of Jewry, in his efforts to produce things of beauty – all this crumbles and appears insignificant to the critic in the moment one is speaking of Heine's aspiration in a financial matter compared to Rothschild in that last, disagreeable sense. If perhaps Kraus wishes, in order to justify his standpoint derived in fact from the businessman, to plead that he is concerned with the ideal image of a poet, then he is again acting in accordance with those people possessed by sentimentality and egoism in demanding that a poet fulfills an ideal image only because it suits them best. How convenient it is, however, to be able to obtain everything good from a poet, when at the same time one feels relieved of any responsibility to stand by him in, say a difficult moment, or the like. {21} One is not making any contribution to him, but nonetheless wishes a contribution for oneself; and one is incensed when the poet cuts a trail through egoism. To be sure, the artist in his garret, trickling poems, symphonies from his pen, is not a burden upon anyone – that is the egoists' idea of the perfect image, on which they pride themselves even more for having the imagination to conceive such an image. So one will say: I expect so much from a poet, but I do not expect the same thing from a Baron Rothschild. This standpoint, too, like the earlier one that is inherent in egoism, does not stand up to criticism. For supposing that I know that I can expect only cholera from a specific germ, does this release me of the obligation to fight against cholera? Suppose, now, that it is the case than I cannot expect from Baron Rothschild anything other than what he in fact does, should I not, then, take a stand against it, before he causes damage in the world? It is precisely in this respect that Karl Kraus goes amiss. In the Rothschild-Heine affair, he lets the former go almost untouched, in order to attack his second victim all the more violently. Who might tell him, moreover, that behind Heine's letter to the baron the baroness herself may not be hiding, who may have possibly declared only such a letter as needed for a purpose?! What else does Kraus know of the particular circumstances under which the letter was written? – With how much justification may Heine have expected a bequest from his uncle, perhaps even himself counting on it? Perhaps he had run up only proper debts, in expectation of the bequest? And should not, then, such infamy on the uncle's part not rightly throw the poet into turmoil? And if Kraus even invokes Beethoven for comparison, then I can remark only too clearly that he refrains from criticizing Beethoven not because of a strong moral impulse but rather from an instinctive respect for the great composer, although in {22} principle even Beethoven had to resort in desperation to untruths in his financial affairs, to protect himself from damage from so many sides. Kraus appears not yet to have understood that it is really not the duty of a well-bred person to go down while struggling against persons of a lower order, but rather to be victorious over them, to survive them – and even if, in order to achieve this goal, he sometimes has to resort to those means which the lower orders would otherwise regularly employ. The means themselves, when they are upheld only virtuously, are by no means the weapons suitable in battling against those who are uncultivated. The latter can put up with criticism, derision, the accusation of dishonor, prison sentences; and they do not so much as curl the corners of their mouth – what purpose would then be served if they exhausted themselves on a playing field that was not level? Thus it is better to use a means whose language the uncultivated understand – and this is, generally speaking, the language of financial damages! —

*

In his latest issue , 4 Karl Kraus likewise sins against reason and morality when he demands virtues in their name from the German people that can be given only to individual persons. And he detests, for instance, German militarism without considering that there must forever be soldiers; that soldierly activity is also something that embraces great men, too, such as Moltke, Hötzendorf, and others. Kraus also appears to have little idea how much he should be indebted to German militarism that he is allowed to practice his occupation. Germany could easily go to ground on account of insufficient defensive power; would it then be possible for someone like him to work elsewhere than in Germany?

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Typically Viennese: the electricity matter finds a happy resolution, thanks to the efforts of the second partner, a meat curer. But before the solution was found, Lie-Liechen's {23} landlady expressed the intention of taking part in the management of the electrics as a third party. When Lie-Liechen then said, quite logically, that in such circumstances she should then – as a third party – also share in the costs of the new installation, the worthy Viennese lady said that she had no desire to contribute money to this apartment. This thought process is all the sadder, in the Viennese sense, as I myself clearly reminded her a few days before that it is surely her duty to take care of the repair as she was renting the room with electric lighting. Nonetheless, she found the courage not only to avoid her responsibility but even went so far as dare to expect Lie-Liechen to have the electricity supply installed at her own expense! —

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© Translation William Drabkin.

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Der Nebel der ersten Morgenstunden weicht bald u. eine ungewöhnliche Schönheit des Tages lockt uns ins Freie. Unter-HetzendorfHütteldorf. Wir überlassen es dem Zufall, uns neue Wege, Straßen u. Gassen zu weisen u. erfreuen uns beim Eintritt in das Hügelgelände hinter der Lainzer Haltestelle so mancher schönen Ansicht einer Villa, eines Baumes, u. s. w. Das Fallen der Blätter, der Boden als Massengrab der entseeltenr Blätter geben Anlass zu Wehmut, u. doch scheint diese sich mehr weniger auch in gehobene freudvolle Stimmung auflösen zu wollen, da uns die Auferstehung des Baumes im künftigen Frühling nicht blos Ahnung sondern Gewissheit ist. Nur möchte ich, nebenbei bemerkt, es lieber vermeiieden wissen, von den „leuchtenden“ Farben der absterbenden Bäume zu sprechen. So gebräuchlich diese Ausdrucksweise offenbar auf Grund einer von Empfindungen erscheint, enthält sie meiner Ansicht nach einen unheilbaren Widerspruch, da nicht wohl sSterben u. lLeuchten vereinbart werden können! Ein wunderbares Bild bot eine einsame Espe, deren Blätter weithin sichtbar u. hörbar rauschten, als ob wollten sie schon in der Ferne unserem Blick u. Ohr vorprahlen wollten [sic], der Wind sei zu Gast bei ihr. —

Zu Tisch in Hütteldorf; dort widerfährt uns ein Abenteuer: Wir bestellen gemäß der {17} Speisekarte unter anderem ein halbes Brathuhn, wofür ein Preis von Kr. 2.20 festgesetzt war. Kaum war die Bestellung geschehen, kam der Zahlkellner an unseren Tisch u. erhöhte vor unseren Augen den Preis auf Kr. 2.50 mit dem Bemerken, er habe sich geirrt. Sofort zog ich meine Bestellung zurück mit der Erwiderung: Nach Ihrer Aenderung ändere auch ich . . u. s. w. Daß der Kellner aus der Fassung gekommen wäre, davon war auf seinem Gesicht weit u. breit keine Spur zu sehen. —

Auf dem Rückwege setzen wir die Abenteuer der Gässchen u. Stege fort u. geraten so mitten in die schönsten Bilder. Da wir uns nach dem Besitzer einer bestimmten Villa erkundigen, erfahren wir, er habe sich erschossen, nachdem ihm eine Drahtgitter-Lieferung an Serbien nachgewiesen worden war. – Indem wir schließlich die Stege erreichen, die wir vor einigen Wochen zum erstenmal uns angeeignet, schließen wir gleichsam den Kreis der Wanderungsaufgabe u. freuen uns des befestigten Besitzes. – Einen sonderbaren Eindruck erlebten wir, da wir einen stillen Villenweg giengen u. der Haltestelle zustrebten. An einem Garten vorübergehend hören wir plötzlich hinter dem Zaun den Ruf „Hansl“ u. vermeinen , zunächst, den Weg fortsetzend, es habe ein Mann im Garten sich um jeden Preis bemerkbar machen wollen. Als wir uns aber umwendeten, erblickten wir zu unserem Erstaunen einen großen Raben, der offenbar der Sprecher war! Freilich war er zu mehr [illeg]Aussprache nicht zu bewegen. – Von den Plänen, das Nachmittags-Konzert des Tonkünstler-Orchesters, eventuell die Generalprobe der IX. Sinfonie anzuhören haben wir keinen zur Ausführung gebracht. 1

*

Kaufmann: Er sSchwärmt für die fFruchtbarmachung des Kapitals u. glaubt Wunder zu verrichten, wenn er gewisse Teile seines Barvermögens in Anlagen, Fabriken investiert oder sonstwie [sic] in Banken verzinsen läßt. Aber niemals wird er begreifen, daß er {18} gegen die Fruchtbarmachung am ärgsten selbst verstößt, wenn er überflüssige Gelder falsch, wenn auch zwar für sich dennoch aber falsch verwendet. Sagen wir, er setzt das überflüssige Kapital in überflüssigen Luxus um, so läßt sich begreifen, daß es ohne Zweifel verschiedene andere Möglichkeiten der Verwendung des Geldes gibt, die jenes Kapital viel fruchtbarer hätten wirken lassen. Damit ist aber auch erwiesen, daß unter Fruchtbarmachung des Kapitals der Kaufmann, seinem beschränkten Horizont nach, nur sehr naheliegende Investitionen begreift, im übrigen davon nur sehr wenig versteht, obgleich er beruflich das meiste verstehen sollte. —

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Kaufmann: Er sSpricht viel vom Risiko, das er entsprechend vergütet wissen will. Indessen scheint das Risiko zu riskieren kein solches w Wagnis Risiko zu sein, als das er es hinstellt. Denn andererseits pflegt der Kaufmann, wenn man ihm zu anderen Berufen rät, zu erwidern, sie seien nicht so ertragfähig, wie der des Kaufmannes. Geht nicht aber daraus hervor, daß er seines Risikos mehr als sicher ist?

*

Besser wäre es um die Moral bestellt, wenn es in ihr so etwas gäbe, wie Saat u. Ernte, die im Laufe der kürzesten Zeit sichtbar u. wohltätig vor Augen abrollen würde. Könnte etwa im nächsten Jahre als Moralsaat aufgehen, was wir heuer säen gesät haben, dann hätte auch die Moral mehr Bekenner! —

*

Da gehen die Menschen die Straßen auf u. ab u. vermehren den Schmutz ins Unendliche. Nun kommen die Straßenkehrer u. säubern die Straßen. Hindert dies aber die Menschen nun wieder zu misten u. zu schmutzen? Es ist eben der Beruf der einen zu misten, der anderen zu reinigen. – Nicht anders aber geht es auf der großen Straße der Menschheit zu! Die Menschheit will u. muß misten u. setzt dieses schmutzige Geschäft be- {19} rufsmäßig fort, auch wenn nachdem geistige Straßenreiniger dazwischen den Schmutz für eine Weile beseitigent haben. —

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In seiner letzten Nummer bemüht sich Karl Kraus, Heine – einem schon früher gefassten Plane nach – wieder einmal herabzusetzen. 2 Diesmal greift er ihn auf Grund von Briefen an den Baron Rotschild an, die von Hirth veröffentlicht wurden. 3 Was nun Kr. gegen den Briefschreiber vorbringt, zeigt in allem u. jedem einen unreifen, ja kindischen Standpunkt, der verrät, daß er von großen Bezügen des Lebens nicht eben die rechte Vorstellung hat. Schon seine Haupttendenz, Heine entgelten zu lassen, was seine Nachahmer in Zeitungen oder sonstwo verbrechen, ist ein echtes rechtes Schulbubenstück. Was kann Heine für die Folgen? K. scheint also nicht einmal dieses zu wissen, daß vielfach für die Folgen nur diejenigen verantwortlich sind, die nur als Folge eben selbst auftreten. Ihre Natur ist eben von Haus aus nur eine Folge. Was will er aber dagegen machen, was geht das Heine an? – Ein Anderes ist es, Heine an ihm selbst u. den Größeren gemessen auf seinen wahren Wert hin zu prüfen! Nun rennt K. aber gerade hier offene Türen ein, da es doch niemand in Deutschland gibt, der Heine etwa mit den Größten gleichstellen wollte will. Gegen seine eigne Methode verstößt Kr. indessen, wenn er im Falle RotschildHeine wieder nur Heine, die Folge, entgelten läßt, was er doch, seinem Prinzip gemäß, weit eher an Rotschild, dieals Ursache, adressieren sollte. Er hütet sich, Rotschild auf die Wage zu legen u. meint offenbar, Heine hätte auch trotz minderwertiger Beschaffenheit des Barons seinerseits sich keinerlei Inkorrektheit zuschulden kommen lassen dürfen. Dieses ist aber nur bis zu einer gewissen Grenze richtig; denn unter allen Umständen muß sich K. gegenwärtig halten, daß Heines Charakter, soweit hiefür spontane Züge entscheidend sind, lange nicht jene Minderwertigkeit von Haus aus zeigte, wie sie der des Ba- {20} rons aufweist, der aber gar nicht erst kritisiert wird. Sofort wäre der Tadel Kraus' um vieles gerechtfertigter, wenn er zunächst der im Baron gelegenen Ursache mit Tadel gedacht u. erst hernach den Angriff auf Heine gewagt hätte. Es ist der Gerechtigkeit u. der Moral nur wenig gedient, wenn man bei Beurteilung kaufmännischen Denkens u. Strebens, wie es dem Baron zu eigen war, den Standpunkt nur mit dem Kaufmanne teilt. Genau genommen ist es nur das Gebiet des Geldes, für das der Kaufmann den Begriff der Moral zuständig erklärt, aber man sehe nur, in welchem Sinne. Nicht unmoralisch erscheint es ihm, zu Geld wohl um jeden Preis, auch mit verwerflichsten Mitteln zu gelangen; dagegen erklärt er es sofort für unmoralisch, wenn umgekehrt von ihm Geld begehrt wird. Außerhalb der Geldsphäre aber scheint dem Kaufmann alles Fühlen u. Trachten neutral zu sein. Es bekümmert ihn wenig, was u. wie ers in diesen anderen Sphären vor sich geht u. er ist zufrieden, wenn nur ihm gegenüber in der Sphäre des Geldes Moral in seinem Sinne gewahrt wird. – Diesen beschränkten einseitigen Standpunkt teilt nun auch offenbar Karl Kraus. Mag sich Heine mit noch so viel Moral im Leben ausgewiesen haben, sei es in Beziehung zum Vaterland, in der Liebe zum Judentum, in dem Bestreben Schönes zu erzeugen – alles dieses fällt zusammen u. erscheint dem Tadler belanglos in dem Augenblicke, da von Heines Betragen in einer Geldsache gegenüber Rotschild in einem dem letzteren unsympathischen Sinne die Rede ist. Will vielleicht K., um seinen eben vom Kaufmann abgezogenen Standpunkt zu rechtfertigen, geltend machen, ihm sei, da er tadle, um das Idealbild eines Dichters zu tun, so begibt er sich dadurch wieder in Gemeinschaft mit jenen , die von Sentimentalität u. Egoismus besessenen Menschen, die vom Dichter die Erfüllung eines Idealbildes nur deshalb verlangen, weil sie dabei selbst am besten fahren. Wie bequem ist es doch, vom Dichter alles Schöne u. Gute erlangen zu können, wenn man noch außerdem von jeglicher Pflicht ihm gegenüber, ihm etwa in einer Not beizustehen {21} oder dgl., sich enthoben fühlt. Man leistet keinen Beitrag an ihn, wünscht dagegen seinen Beitrag an für sich selbst u. ist empört, wenn ein Dichter einen Strich durch den Egoismus macht. Ja freilich, der Künstler in der Dachstube Dichtungen, Symphonien aus der Feder träufelnd, niemand zur Last, – das ist das Idealbild der Egoisten, die sich noch viel darauf zugute halten, daß sie die Phantasie haben, ein solches Idealbild zu entwerfen. Da sagt nun einer: , vom Dichter erwarte er es so, doch erwarte ich dasselbe nicht auch von einem Baron Rotschild. Auch dieser Standpunkt, wie der frühere im Egoismus geboren, hält der Kritik nicht stand. Denn, gesetzt den Fall, ich weiß, daß ich von diesem bestimmten Bazillus nur Cholera zu erwarten habe, entbindet mich dies der Pflicht, den Bazillus zu bekämpfen? Mag nun also sein, daß ich von Baron Rotschild nichts anderes zu erwarten habe, als was er eben tut, muß ich da aber nicht dagegen Stellung nehmen noch ehe er Schaden in der Welt stiftet? Eben daran aber läßt es Karl Kraus fehlen. In der Affaire RotschildHeine läßt er den ersteren fast unangetastet, um desto ungestümer das zweite Opfer zu attakieren [sic]. Wer sagt ihm übrigens, ob hinter dem Brief Heines an den Baron nicht vielleicht die Baronin selbst steckt, die möglicherweise nur einen solchen Brief für zweckfordernd erklärt haben mochte?! Was weiß denn auch sonst Kr. von näheren Umständen, unter denen der Brief geschrieben wurde? – Mit wie viel Recht mag Heine ein Legat von seinem Onkel erwartet haben, vielleicht sogar von diesem selbst in dem Glauben gewiegt? Vielleicht hat er durchaus nur rechtschaffene Schulden gemacht in Erwartung des Legates? Und da sollte eine solche Infamie des Onkels den Dichter nicht mit Recht in Aufruhr versetzen? Und wenn Kr. gar Beethoven zum Vergleich heranzieht, so bemerke ich nur allzu deutlich, daß er sich des Tadels gegenüber Beethoven nicht so sehr aus starkem Drang nach Moral enthält, sondern vielmehr aus einem instinktiven Respekt vor dem großen Tondichter, während im {22} Grunde auch Beethoven in seinen Geldaffairen vielfach zu Notlügen greifen mußte, um sich eines Schadens von so mancher Seite zu erwehren. Kr. scheint eben noch nicht erfaßt zu haben, daß des Vornehmen Pflicht es wahrlich nicht ist, im Kampfe wider die Niedrigen unterzugehen, sondern im Gegenteil sie zu besiegen u. zu überleben, u. sei es, daß er um dieses Ziel zu erreichen sich zuweilen auch solcher Mittel bedient, deren sich sonst u. durchweg eben nur die Niedrigen bedienen. Die Mittel selbst, wenn sie nur vornehm gehalten werden, sind durchaus nicht die geeigneten Waffen im Kampfe gegen die Unvornehmen. Die letzteren vertragen Tadel, Spott, den Vorwurf der Ehrlosigkeit, Gefängnisstrafen u. verziehen nicht einmal die Mundwinkel – was würde es da nützen, sich im ungleichen Kampfe zu erschöpfen? Da heißt es lieber ein Mittel anwenden, dessen Sprache der Unvornehme versteht – u. dies ist gemeiniglich der Geldschaden! —

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Desgleichen sündigt Karl Kraus in seiner letzten Nummer 4 wider alle Vernunft u. Moral, wenn er eben in ihrem Namen vom deutschen Volk Tugenden verlangt, die nur einzelnen Menschen gegeben sein konnen können. Oder er perhorresziert z. B. den deutschen Militarismus ohne zu bedenken, daß es Soldaten ewig geben müsse, daß das Soldatenhandwerk nicht einmal so auch große Männer wie z. B. Moltke, Hötzendorf u. s. w. aus einschließt. Auch scheint Kr. nur wenig Ahnung davon zu haben, daß wie er selbst es nur dem deutschen Militarismus zu danken habe, wenn er seine Tätigkeit entfalten darf. Ers brauchte sich nur zu denken, Deutschland gehe wegen mangelnder Gegenwehr zugrunde zu gehen; wäre es da möglich, daß einer wie er anderswo als in Deutschland wirken könnte?

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Wienerisches: Die Lichtaffaire findet einen glücklichen Ausgang durch Bemühungen des zweiten Partners, eines Selchers. Noch ehe aber die Lösung eintraf, sprach Lie-Liechens {23} Hausfrau die Absicht aus, sich an der elektrischen Leitung als 3. Partei zu beteiligen. Als darauf Lie-Liechen ganz folgerichtig meinte, sie solle unter solchen Umständen als dritte auch an den Kosten der Neueinrichtung teilnehmen, erwiderte die biedere Wienerin, sie habe keine Lust, in diese Wohnung Geld hineinzustecken. Dieser Gedankengang ist umso wienerisch trauriger, als ich selbst vor wenigen Tagen ihr deutlich in Erinnerung brachte, daß es wohl ihre Pflicht sei wäre , für die Reparatur aufzukommen, da sie das Zimmer ja mit elektrischer Beleuchtung vermietet habe. Trotzdem fand sie den Mut, nicht nur die Pflicht zu umgehen, sondern noch weit darüber hinaus die Zumutung an Lie-Liechen zu wagen, die Leitung auf ihre Kosten herstellen zu lassen! —

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© Transcription Marko Deisinger.

24.

The mist of the early morning hours quickly disperses, and an unusually beautiful day lures us out of doors. Lower Hetzendorf and Hütteldorf. We leave it to chance to point us along new paths, streets and alleys, and are delighted when we arrive in the hilly terrain behind the coach stop in Lainz, to have such beautiful views of a villa, of a tree, and the like. The fall of the leaves, the ground as a mass grave of desouled leaves gives us cause for sorrow; and yet these leaves seemed to want even to dissolve into an elevated, joyful mood, since – for us – the resurrection of the tree next spring is not merely a presentiment but a certainty. I just want to say in passing, that I would rather avoid hearing about the "glowing" colors of the dying trees. As commonly as this expression is used, evidently on grounds of feelings, in my opinion it contains an incurable contradiction, since dying and glowing surely cannot be united! A lone aspen, which could be seen and heard rustling, offered a wonderful image, as if it wished to boast to our eyes and ears – even from a distance – that the wind was its guest. —

At lunch in Hütteldorf, we encounter an adventure: we order from the menu, {17} among other things, a half roast chicken, for which a price of 2.20 Kronen was set. Hardly had we made the order than the head waiter came to our table and raised the price of 2.50 Kronen before our very eyes, with the remark that he had made a mistake. I immediately withdrew my order with the reply: "After your change, I too am changing …," etc. That the waiter was disconcerted, of that this face displayed not a single trace. —

On the return, we continued our adventure along alleyways and footbridges and thus arrived in the mist of the most beautiful images. When we ask about the owner of a particular villa, we discover that he had shot himself after it was revealed that he had made a shipment of wire grating to Serbia. – As we finally reach the footbridges of which we took possession a few weeks before, we close the circle of our hiking task and rejoice over our secured possession. – We experienced an unusual impression when we took a quiet road past some villas and aimed for the coach stop. Passing a garden, we suddenly hear the call "Hansel" behind the fence and, at first continuing on our way, we think that there was a man in the garden who wanted to make himself noticeable at all costs. But when we turned around, we espied to our astonishment a large raven, who was evidently the speaker! Of course, it could not be moved to say anything more. – We did not bring to realization any of our plans to attend the attend the afternoon concert of Tonkünstler Orchestra, and possibly the dress rehearsal of the Ninth Symphony. 1

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The businessman: he dreams of making capital productive and believes that he can create miracles by investing certain parts of his monetary wealth in commodities or factories, or let it accrue interest in banks. But he will never understand that he {18} he offends against productivity in the worst way when he uses his extra money incorrectly, even if for his own benefit. If, let us say, he converts his extra capital in superfluous luxury items, then one can understand that, without doubt, there are many other possibilities for the use of the money, that would make that capital much more productive. From this it is also shown that, by productivity of capital, the businessman with his limited horizon understands only the most obvious investments, and moreover understands only a little about them, even though he ought from his profession to understand the most. —

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Businessmen: they speak much about risk, against which they want to be appropriately covered. However, the risk of risking seems not the sort of risk that they imagine. For on the other hand they are accustomed to saying, when advised to take another profession, that they are not as lucrative as that of a businessman. Does it not follow, then, that they are more than secure in their risk?

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Things would go better for morality if there were such a thing as seed and harvest, which could visibly and beneficially unfold before our eyes in the course of a very short time. If the seeds of morality that we have planted this year sprout the next year, then morality would also have more adherents! —

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People walk up and down the streets, and produce an infinite quantity of debris. Now the streetcleaners come and clean the streets. But does this prevent people from making more mess and debris? It is the very occupation of the one to make a mess, of the other to clean. – It is no different along the great avenues of humanity! Humanity will, and must, make a mess and continue with this filthy business as its occupation, {19} even if intellectual streetcleaners have followed them and cleaned up the mess for a while. —

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In his most recent issue , Karl Kraus is endeavoring once again – in accordance with an earlier plan – to disparage Heine. 2 This time he is going after him on the basis of letters to Baron Rothschild which were published by Hirth. 3 What Kraus is now accusing the letter writer of doing shows in each and every respect an immature, even childish point of view, which betrays that he does not actually have the correct understanding of great relationship in life. Already his principal tendency, to make Heine atone for the sins of his imitators in newspapers and elsewhere, is nothing more than a piece of schoolboy knavery. What can Heine do about his "following"? Kraus does not even seem to know that those who are alone responsible for the consequences are often only those who themselves appear as "following." Their character is, from the outset, only that of a following. But what will he do about it, and what does that have to do with Heine? – It is a different matter to evaluate Heine's true value, measured on his own terms or against the greater ones! But now Kraus is pushing at an open door, since there is actually no one in Germany who would place Heine on a par with the greatest. Thus Kraus contravenes his own method when he, in the case of Rothschild, has Heine atone only for Heine, for his following, when according to his principle he should much rather be addressing Rothschild as the cause. He avoids putting Rothschild on the scales and apparently thinks that Heine, in spite of the lesser qualities of the baron, should for his part ought not have committed any act of incorrectness at all. But this is only right up to a certain point: for under all circumstances Kraus should be aware that Heine's character, so far as spontaneous actions are crucial, did not by any means inherently show that inferiority that the Baron evinces, {20} though he is not in any way being criticized. Kraus's blame would be immediately justified to a greater degree if he had first thought of ascribing blame to the cause that lay in the baron, and only then dared to make an attack upon Heine. Justice and morality are but little served if, when judging businessman-like thinking and striving, as was characteristic of the Baron, one shares only the standpoint of the businessman. Strictly speaking, it is only in the field of money for which the businessman competently explains the concept of morality; but just look at how he does it. It doesn't appear amoral for him to acquire money at any price, even by the most reprehensible means; on the other hand, he immediately regards it as amoral when, conversely, money is requested of him. Outside the sphere of money, however, all feeling and aspiration seems neutral to him. It troubles him little what and how things proceed before him in these other spheres, and he is satisfied when morality is observed in the realm of money in accordance with his understanding. – This limited, one-sided viewpoint is something that Karl Kraus now seems to share. However much morality Heine may have demonstrated in his life – in his relationship to the father land, in his love of Jewry, in his efforts to produce things of beauty – all this crumbles and appears insignificant to the critic in the moment one is speaking of Heine's aspiration in a financial matter compared to Rothschild in that last, disagreeable sense. If perhaps Kraus wishes, in order to justify his standpoint derived in fact from the businessman, to plead that he is concerned with the ideal image of a poet, then he is again acting in accordance with those people possessed by sentimentality and egoism in demanding that a poet fulfills an ideal image only because it suits them best. How convenient it is, however, to be able to obtain everything good from a poet, when at the same time one feels relieved of any responsibility to stand by him in, say a difficult moment, or the like. {21} One is not making any contribution to him, but nonetheless wishes a contribution for oneself; and one is incensed when the poet cuts a trail through egoism. To be sure, the artist in his garret, trickling poems, symphonies from his pen, is not a burden upon anyone – that is the egoists' idea of the perfect image, on which they pride themselves even more for having the imagination to conceive such an image. So one will say: I expect so much from a poet, but I do not expect the same thing from a Baron Rothschild. This standpoint, too, like the earlier one that is inherent in egoism, does not stand up to criticism. For supposing that I know that I can expect only cholera from a specific germ, does this release me of the obligation to fight against cholera? Suppose, now, that it is the case than I cannot expect from Baron Rothschild anything other than what he in fact does, should I not, then, take a stand against it, before he causes damage in the world? It is precisely in this respect that Karl Kraus goes amiss. In the Rothschild-Heine affair, he lets the former go almost untouched, in order to attack his second victim all the more violently. Who might tell him, moreover, that behind Heine's letter to the baron the baroness herself may not be hiding, who may have possibly declared only such a letter as needed for a purpose?! What else does Kraus know of the particular circumstances under which the letter was written? – With how much justification may Heine have expected a bequest from his uncle, perhaps even himself counting on it? Perhaps he had run up only proper debts, in expectation of the bequest? And should not, then, such infamy on the uncle's part not rightly throw the poet into turmoil? And if Kraus even invokes Beethoven for comparison, then I can remark only too clearly that he refrains from criticizing Beethoven not because of a strong moral impulse but rather from an instinctive respect for the great composer, although in {22} principle even Beethoven had to resort in desperation to untruths in his financial affairs, to protect himself from damage from so many sides. Kraus appears not yet to have understood that it is really not the duty of a well-bred person to go down while struggling against persons of a lower order, but rather to be victorious over them, to survive them – and even if, in order to achieve this goal, he sometimes has to resort to those means which the lower orders would otherwise regularly employ. The means themselves, when they are upheld only virtuously, are by no means the weapons suitable in battling against those who are uncultivated. The latter can put up with criticism, derision, the accusation of dishonor, prison sentences; and they do not so much as curl the corners of their mouth – what purpose would then be served if they exhausted themselves on a playing field that was not level? Thus it is better to use a means whose language the uncultivated understand – and this is, generally speaking, the language of financial damages! —

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In his latest issue , 4 Karl Kraus likewise sins against reason and morality when he demands virtues in their name from the German people that can be given only to individual persons. And he detests, for instance, German militarism without considering that there must forever be soldiers; that soldierly activity is also something that embraces great men, too, such as Moltke, Hötzendorf, and others. Kraus also appears to have little idea how much he should be indebted to German militarism that he is allowed to practice his occupation. Germany could easily go to ground on account of insufficient defensive power; would it then be possible for someone like him to work elsewhere than in Germany?

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Typically Viennese: the electricity matter finds a happy resolution, thanks to the efforts of the second partner, a meat curer. But before the solution was found, Lie-Liechen's {23} landlady expressed the intention of taking part in the management of the electrics as a third party. When Lie-Liechen then said, quite logically, that in such circumstances she should then – as a third party – also share in the costs of the new installation, the worthy Viennese lady said that she had no desire to contribute money to this apartment. This thought process is all the sadder, in the Viennese sense, as I myself clearly reminded her a few days before that it is surely her duty to take care of the repair as she was renting the room with electric lighting. Nonetheless, she found the courage not only to avoid her responsibility but even went so far as dare to expect Lie-Liechen to have the electricity supply installed at her own expense! —

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 The program of the concert, given by the Vienna Tonkünstler Orchestra conducted by Bernhard Paumgartner, included Beethoven's Egmont Overture, Mozart's "Jupiter" Symphony, Schumann's Piano Concerto (soloist: Hedwig von Andrásffy) and Grieg's orchestral suite from Sigurd Jorsalfar. It was followed by the final rehearsal of Beethoven's Ninth Symphony, under Oskar Nedbal, which was performed the following day ("Theater- und Kunstnachrichten," Neue Freie Presse, No. 18382, October 24, 1915, p. 18).

2 Karl Kraus, 'Die Feinde Goethe und Heine'"" and "Die Freunde Heine und Rothschild. Eine Katharsis," Die Fackel 17 (October 1915), No. 406-412, pp. 52-89 and 90-93.

3 Friedrich Hirth, "Heine und Rothschild. Mit zehn ungedruckten Briefen," Deutsche Rundschau (Berlin) 41/2, (1915), vol. 162, pp. 232–47.

4 Die Fackel 17 (October 1915), No. 406–412.