24. I. 16 -1°; wolkenloser Himmel.

— Zu Dr. Orlay, 9. Weg; definitive Plombe. —

— Mittags im Caféhaus mit Paul de Conne wegen der neu aufzunehmenden Schülerin. Es stellt sich heraus, daß er nur deshalb einer mündlichen Aufklärung be- {109} dürfte, weil er vor der eigenen Schülerin nicht im unvorteilhaften Licht eines billigeren Lehrers stehen wollte. Ich durchschaute sofort die Schwierigkeit seiner Situation; statt aber nachzugeben drang ich in ihn, meinem Prinzipe zu folgen. Es wird sich nun bald zeigen, wie intensiv das Bedürfnis des Mädchens ist, bezw. ob der Vater der kleinen Differenz halber das Bedürfnis einfach als nicht vorhanden erklären wird. —

— Spät zu Tisch u. mit Mühe noch rechtzeitig im Caféhaus erschienen. —

*

Recomm. Schreiben an die Steuerbehörde aufgegeben. —

— Der „Morgen“ publiziert einen von mehreren deutschen u. oesterreichischen Professoren unterzeichneten Aufruf, worin die Deutschen in ihrem eigenen Interesse gewarnt werden, ihre Gegner zu hassen. 1 Die Herren Professoren predigen Liebe u. verständnisvolles eEntgegenkommen „den alten Kulturvölkern gegenüber“. Die Herren wissen eben nicht, wie die großen Denker die Nächstenliebe verstanden haben wollten. So gut derm Vater- oder Mutterliebe zugebilligt wird, ihre eigenen Kinder der Erziehung halber hie u. da zu verprügeln, so gut sollten jene Prediger der Nächstenliebe zu den Äußerungen der Liebe wohl auch drastische Züchtigungsmittel zu zählen wissen. In der Tat äußert sich Liebe unter Umständen im gewaltsamen Aufdrängen von Wohltaten höheren Charakters. In unserem Falle wäre es eine größere Liebe auf Seite der Deutschen, wenn sie den Franzosen, Engländern u. Italienern mit den gewaltsamsten Mitteln der Verachtung u. vielleicht noch schärferen Mitteln ihre Arroganz, ihre geringere Fähigkeit, ihre Unehrlichkeit, Eitelkeit, Wehleidigkeit, Feigheit u. sonstige Erbärmlichkeit u. Niedrigkeit gehörig zum Bewußtsein bringen würden. Die Verachtung wäre in diesem Falle ein Mittel zum Zweck u. würde gegenüber so rückständigen Menschenkategorien sicher eine bessere Wirkung erzielen als jene Liebe, die sich in {110} Hätschelei , dieer Laster kundgibt. Nur eine solche Liebe, die vor Demütigung u. krassester Bestrafung der einander feindlich gegenüberstehenden Rassen u. Nationen nicht zurückschrecken würde, wäre auch in der Lage, sie vom praktischen Nutzen der Tugend zu überzeugen, worin sich der höchste Triumph der Liebe äußeren müßte. Ich meine also: Man lasse dem Ekel vor der Niedrigkeit so lange freien Lauf, bis die Betroffenen sich unter seiner Wucht besinnen u. den Weg zu den Deutschen suchen.

Uebrigens, wird nun schon einmal Liebe gepredigt, so sollten die deutschen Professoren ihre Aufrufe doch vor allem nach Paris, London, Petersburg u. Rom schicken u. auf die Gegner dahin einzuwirken suchen, daß eher doch sie von nun ab mit Liebe den Deutschen entgegenkommen. Wozu Warum den Deutschen etwas predigen, wozu sie von Haus aus neigen? Warum nicht lieber das Alphabet der Liebe jenen aufzwingen, die es noch nicht stammeln können? Hat man es denn doch noch nicht in Erfahrung gebracht, daß eine rückständige Bevölkerung so lange allen Neuerungen gegenüber ablehnend sich verhält, bis man sie mit Gewalt dazu anhält? Muss man nicht auch in der Schule Kinder mit Zwangsmaßregeln dazu Dingen anhalten, was die später nur zu ihrem Segen gereichen sollen? So mögen denn die Professoren zu unseren Gegnern gehen u. dort predigen, was in Deutschland ohnehin schon anerkannt ist. Mögen sie dabei insbesondere des Beispiels Christi nicht vergessen, das am besten zeigt, wie wenig weit man es selbst mit der idealsten Liebe bringen kann, wenn die Partner für Liebe keine Schulung empfangen haben. Wie wäre es doch absurd, den Heiland noch weiterhin zu ermahnen, sich seinen Feinden gegenüber in Liebe zu betätigen! Wahrlich, an ihm selbst lag es nicht, er tat was er konnte u. erschöpfte sich in Akten der Liebe; weit besser wäre gewesen, seinen Gegnern beizubringen, worin Christus ohnehin schon Muster u. Meister gewesen.

Die Herren Professoren befürchten, die Welt würde über dem großen Brande des {111} Hasses in Trümmern gehen, die Nationen, Staaten u. Rassen würden auseinanderklaffen in unüberbrückbaren Gegensätzen. Weit gefehlt, meine Herren! Die Ehrlosigkeit der Händler wird in Verfolgung ihrer Geldzwecke sich um Hass u. dergleichen Aeußerungen so wenig bekümmern, wie bisher, u. sie wird – leider nicht im gewünschten Sinne! – jene gewisse Nähe unter den Menschen wieder hervorbringen, die freilich gegebenen Falles vor Kriegen nicht schützt.

*

Im „Morgen“ äußert sich wieder ein Kunsthistoriker zum Thema des jüngsten Konfliktes. 2 Nun denn: So lange das Gesetz wirken wird, wornach schon die kleinste Leistung den Kleinen zur Ueberhebung drängt, ist jede Verständigung darüber ausgeschlossen, wem der Vorrang gebühre, dem Künstler oder dem Historiker. Die Mahnung zur Bescheidenheit kann zu den Historikern nicht dringen, die die wahre Bescheidenheit des Künstlers auch nicht annähernd begreifen können, u. so harren Situationen, die zu solchen Konflikten Anlass geben, eigentlich immer der Lösung durch ein gütiges Schicksal, das plötzlich einen ganz großen Künstler auf dem Horizonte zeigt, dem gegenüber alle Einwände selbst der Historiker verstummen.

*

Skutari besetzt! 3 — Brief an Paul de Conne, worin ich den Besuch seines Konzertes ablehne, um mir ein eventuelles Zusammentreffen mit mißliebigen Personen zu ersparen. —

— „Wilhelm Meister“, 8. Buch, II. Kap. 4

*

Wenn der Einzige fehlt, der vermöge seiner überragenden Fähigkeiten unwidersprochen auf den Platz berufen werden mußte, so ist es völlig müßig, wenn die Minderwertigen darüber streiten, wer von ihnen mit mehr Recht an des Fehlenden Stelle kommen soll. Wenn also unter den Künstlern u. Kunsthistorikern sich der eine nicht {112} findet, so ist der Streit unter den anderen ohne Pointe. Alle anderen sind eben ungeeignet, folglich könnte der Streit ewig dauern. Und so übrigens auch auf allen anderen Gebieten. Wenn Findet sich z. B. kein Staatsmann von den Fähigkeiten eines Bismarck findet, so ist es eben deplaziert [sic], wenn Aristokraten u. Bürger darüber debattieren, ob prinzipiell nur die ersteren das Privileg haben sollten oder nicht. Immer dreht es sich um den Einen, der Rest ist lieber [recte lauter] Streit u. Schweigen. —

*

Der Reiche findet in seinem Kreise keine Verwendung für Geist, daher verwendet er auch kein Geld zur Erwerbung von geistigen Gütern. Da aber verschiedene Staatsämter immerhin auch gewisse Fähigkeiten voraussetzen, so gerät er ins Dilemma, wie er zu diesen Ehrenämtern zu gelangen, u. dennoch aber die geistigen Güter zu ersparen wären könnte. Er legt in diesem Dilemma Nachdrück auf Reichtum u. Rang u. es gelingt ihm in der Tat die Aemter auch ohne Befähigung zu erlangen. Daher gerät aber auch der Staat oft in Verlegenheit, so oft bald er einen befähigten Beamten braucht, u. gerade diesem der Weg durch Rang u. Reichtum versperrt ist. —

*

© Transcription Marko Deisinger.

January 24, 1916, -1°; cloudless sky.

— Ninth visit to Dr. Orlay; permanent filling. —

— At midday, in the coffee house with Paul de Conne concerning the new pupil he would like me to take on. It turns out that he only needed a verbal clarification {109} because he did not wish to appear in front of his own pupil in the disadvantageous light of a cheaper teacher. I immediately saw the difficulty of his situation, instead of giving way, however, I urged him to follow my principles. We shall soon see how strong the girl's need is; that is, whether her father will say that her need is simply not significant for sake of the small difference. —

— Late for lunch, and with difficulty I still arrived at the coffee house on time. —

*

Registered letter sent to the tax authorities. —

— Der Morgen publishes a letter signed by several German and Austrian professors, in which the Germans are warned, in their own interests, not to hate their opponents. 1 The professors are preaching love and a sympathetic accommodation "towards the ancient civilized nations." The gentlemen do not actually know how the great thinkers understood the concept of loving one's neighbors. As long as it is agreed that, in the name of fatherly or motherly love, their own children should occasionally be punished for sake of their upbringing, then those who preach the love of one's neighbors surely ought to reckon drastic measures of chastisement, too, among the expressions of love. In fact, love can be expressed, under certain conditions, in the forceful imposition of good deeds of a higher character. In our case, it would be a greater love on the part of the Germans if they properly brought to the attention of the French, English and Italians their arrogance, their lesser capability, their dishonorableness, their vanity, self-pity, cowardice and other wretchedness and baseness, using the most forceful means of contempt and perhaps even stronger means. The contempt would in this case be a means to an end and, against such backward categories of humanity, would surely achieve a better effect than that love that promotes vice by cosseting. {110} Only a love of that sort, which does not shrink from demoralizing and crudely punishing the races and nations that confront one another inimically, would also be capable of convincing them of the practical worth of virtue, by which the highest triumph of love would express itself. I mean this: give the revulsion a free run in front of the baseness until those affected recognize its force and seek the path to the Germans.

Moreover, now that love is finally being preached, the German professors should send their appeals above all to Paris, London, St. Petersburg and Rome and seek to influence our opponents, that they might now approach the Germans with love from now on. Why preach something to the Germans, why instinctively pick on them? Why not instead make those learn the alphabet of love who have not yet been able to stammer it? Have we in fact not yet learned that a backwards population will continue to behave in a hostile way towards all improvements until they are forced to accept them? Must one not also use forceful means in schools to coerce children to do things which later ought to be a blessing for them? Let the professors, then, go to our opponents and preach there what, at any rate, is already recognized in Germany. May they, in doing so, not forget Christ's example, in particular, which at best shows how little one is able to achieve, even with the most ideal love, if one's partners have received no tuition in love. How absurd it would be to urge our Savior yet further to exert himself in acts of love towards his enemies! In truth, it was not his responsibility, he did what he could and exhausted himself in acts of love; it would have been far better for Christ to teach his enemies the things in which he was model and master.

The professorial gentlemen fear that the world will go to ruin, in the conflagration of hatred, {111} that the nations, states and races would break up into unbridgeable extremes. Way off the mark, gentlemen! The dishonorableness of traders will, in pursuit of money, be concerned as little with hatred and similar expressions as they had been before; and they will – not in the desired way, unfortunately! – again bring about that certain proximity among people which, of course, will not protect them from wars.

*

In Der Morgen , an art historian again addresses the theme of the most recent conflict. 2 Well, then: as long as the principle applies, according to which even the smallest achievement makes a little man arrogant, any agreement must be ruled out on the matter as to whether precedence should be given to the artist or the historian. The urging of modesty cannot get through to the historians, who are unable even to come close to understanding the true modesty of the artist; and so situations that give rise to such conflicts must, in fact, always await the resolution by a happy fate – that suddenly a truly great artist appears on the horizon, in the face of whom all objection, even those of the historians, vanish.

*

Scutari occupied! 3 — Letter to Paul de Conne, in which I turn down attending his concert in order to spare myself a possible encounter with dislikeable persons. —

— Wilhelm Meister, Book 8, Chapter 2 4

*

When the one person is missing, who would have been able to exert his unquestioned authority in a given situation, then it is completely pointless for the less capable to argue over which of them has more right to be given the place of the missing person. If, then, such a person cannot be found among artists and art historians, {112} then the conflict among the others is pointless. All others being equally unsuitable, the conflict could go on indefinitely. And likewise in all other fields. If, for example, a statesman with the capability of a Bismarck cannot be found, then it is misguided for aristocrats and ordinary citizens to debate about whether in principle only the former should or should not have the privilege. Things always revolve around the one person; the rest is nothing but conflict and silence. —

*

The rich man finds no use for intellect in his sphere; for this reason he also spends no money for the acquisition of intellectual goods. But as various state offices nonetheless also presume certain abilities, he is confronted with a dilemma: how he will achieve these honorific posts and yet still be able to spare himself intellectual goods. In this dilemma, he places emphasis on wealth and position, and actually succeeds in attaining the offices without the capability for them. Thus, however, the state too often gets itself into difficulties whenever it needs a more competent official, and for precisely this person the path via rank and riches is blocked. —

*

© Translation William Drabkin.

24. I. 16 -1°; wolkenloser Himmel.

— Zu Dr. Orlay, 9. Weg; definitive Plombe. —

— Mittags im Caféhaus mit Paul de Conne wegen der neu aufzunehmenden Schülerin. Es stellt sich heraus, daß er nur deshalb einer mündlichen Aufklärung be- {109} dürfte, weil er vor der eigenen Schülerin nicht im unvorteilhaften Licht eines billigeren Lehrers stehen wollte. Ich durchschaute sofort die Schwierigkeit seiner Situation; statt aber nachzugeben drang ich in ihn, meinem Prinzipe zu folgen. Es wird sich nun bald zeigen, wie intensiv das Bedürfnis des Mädchens ist, bezw. ob der Vater der kleinen Differenz halber das Bedürfnis einfach als nicht vorhanden erklären wird. —

— Spät zu Tisch u. mit Mühe noch rechtzeitig im Caféhaus erschienen. —

*

Recomm. Schreiben an die Steuerbehörde aufgegeben. —

— Der „Morgen“ publiziert einen von mehreren deutschen u. oesterreichischen Professoren unterzeichneten Aufruf, worin die Deutschen in ihrem eigenen Interesse gewarnt werden, ihre Gegner zu hassen. 1 Die Herren Professoren predigen Liebe u. verständnisvolles eEntgegenkommen „den alten Kulturvölkern gegenüber“. Die Herren wissen eben nicht, wie die großen Denker die Nächstenliebe verstanden haben wollten. So gut derm Vater- oder Mutterliebe zugebilligt wird, ihre eigenen Kinder der Erziehung halber hie u. da zu verprügeln, so gut sollten jene Prediger der Nächstenliebe zu den Äußerungen der Liebe wohl auch drastische Züchtigungsmittel zu zählen wissen. In der Tat äußert sich Liebe unter Umständen im gewaltsamen Aufdrängen von Wohltaten höheren Charakters. In unserem Falle wäre es eine größere Liebe auf Seite der Deutschen, wenn sie den Franzosen, Engländern u. Italienern mit den gewaltsamsten Mitteln der Verachtung u. vielleicht noch schärferen Mitteln ihre Arroganz, ihre geringere Fähigkeit, ihre Unehrlichkeit, Eitelkeit, Wehleidigkeit, Feigheit u. sonstige Erbärmlichkeit u. Niedrigkeit gehörig zum Bewußtsein bringen würden. Die Verachtung wäre in diesem Falle ein Mittel zum Zweck u. würde gegenüber so rückständigen Menschenkategorien sicher eine bessere Wirkung erzielen als jene Liebe, die sich in {110} Hätschelei , dieer Laster kundgibt. Nur eine solche Liebe, die vor Demütigung u. krassester Bestrafung der einander feindlich gegenüberstehenden Rassen u. Nationen nicht zurückschrecken würde, wäre auch in der Lage, sie vom praktischen Nutzen der Tugend zu überzeugen, worin sich der höchste Triumph der Liebe äußeren müßte. Ich meine also: Man lasse dem Ekel vor der Niedrigkeit so lange freien Lauf, bis die Betroffenen sich unter seiner Wucht besinnen u. den Weg zu den Deutschen suchen.

Uebrigens, wird nun schon einmal Liebe gepredigt, so sollten die deutschen Professoren ihre Aufrufe doch vor allem nach Paris, London, Petersburg u. Rom schicken u. auf die Gegner dahin einzuwirken suchen, daß eher doch sie von nun ab mit Liebe den Deutschen entgegenkommen. Wozu Warum den Deutschen etwas predigen, wozu sie von Haus aus neigen? Warum nicht lieber das Alphabet der Liebe jenen aufzwingen, die es noch nicht stammeln können? Hat man es denn doch noch nicht in Erfahrung gebracht, daß eine rückständige Bevölkerung so lange allen Neuerungen gegenüber ablehnend sich verhält, bis man sie mit Gewalt dazu anhält? Muss man nicht auch in der Schule Kinder mit Zwangsmaßregeln dazu Dingen anhalten, was die später nur zu ihrem Segen gereichen sollen? So mögen denn die Professoren zu unseren Gegnern gehen u. dort predigen, was in Deutschland ohnehin schon anerkannt ist. Mögen sie dabei insbesondere des Beispiels Christi nicht vergessen, das am besten zeigt, wie wenig weit man es selbst mit der idealsten Liebe bringen kann, wenn die Partner für Liebe keine Schulung empfangen haben. Wie wäre es doch absurd, den Heiland noch weiterhin zu ermahnen, sich seinen Feinden gegenüber in Liebe zu betätigen! Wahrlich, an ihm selbst lag es nicht, er tat was er konnte u. erschöpfte sich in Akten der Liebe; weit besser wäre gewesen, seinen Gegnern beizubringen, worin Christus ohnehin schon Muster u. Meister gewesen.

Die Herren Professoren befürchten, die Welt würde über dem großen Brande des {111} Hasses in Trümmern gehen, die Nationen, Staaten u. Rassen würden auseinanderklaffen in unüberbrückbaren Gegensätzen. Weit gefehlt, meine Herren! Die Ehrlosigkeit der Händler wird in Verfolgung ihrer Geldzwecke sich um Hass u. dergleichen Aeußerungen so wenig bekümmern, wie bisher, u. sie wird – leider nicht im gewünschten Sinne! – jene gewisse Nähe unter den Menschen wieder hervorbringen, die freilich gegebenen Falles vor Kriegen nicht schützt.

*

Im „Morgen“ äußert sich wieder ein Kunsthistoriker zum Thema des jüngsten Konfliktes. 2 Nun denn: So lange das Gesetz wirken wird, wornach schon die kleinste Leistung den Kleinen zur Ueberhebung drängt, ist jede Verständigung darüber ausgeschlossen, wem der Vorrang gebühre, dem Künstler oder dem Historiker. Die Mahnung zur Bescheidenheit kann zu den Historikern nicht dringen, die die wahre Bescheidenheit des Künstlers auch nicht annähernd begreifen können, u. so harren Situationen, die zu solchen Konflikten Anlass geben, eigentlich immer der Lösung durch ein gütiges Schicksal, das plötzlich einen ganz großen Künstler auf dem Horizonte zeigt, dem gegenüber alle Einwände selbst der Historiker verstummen.

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Skutari besetzt! 3 — Brief an Paul de Conne, worin ich den Besuch seines Konzertes ablehne, um mir ein eventuelles Zusammentreffen mit mißliebigen Personen zu ersparen. —

— „Wilhelm Meister“, 8. Buch, II. Kap. 4

*

Wenn der Einzige fehlt, der vermöge seiner überragenden Fähigkeiten unwidersprochen auf den Platz berufen werden mußte, so ist es völlig müßig, wenn die Minderwertigen darüber streiten, wer von ihnen mit mehr Recht an des Fehlenden Stelle kommen soll. Wenn also unter den Künstlern u. Kunsthistorikern sich der eine nicht {112} findet, so ist der Streit unter den anderen ohne Pointe. Alle anderen sind eben ungeeignet, folglich könnte der Streit ewig dauern. Und so übrigens auch auf allen anderen Gebieten. Wenn Findet sich z. B. kein Staatsmann von den Fähigkeiten eines Bismarck findet, so ist es eben deplaziert [sic], wenn Aristokraten u. Bürger darüber debattieren, ob prinzipiell nur die ersteren das Privileg haben sollten oder nicht. Immer dreht es sich um den Einen, der Rest ist lieber [recte lauter] Streit u. Schweigen. —

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Der Reiche findet in seinem Kreise keine Verwendung für Geist, daher verwendet er auch kein Geld zur Erwerbung von geistigen Gütern. Da aber verschiedene Staatsämter immerhin auch gewisse Fähigkeiten voraussetzen, so gerät er ins Dilemma, wie er zu diesen Ehrenämtern zu gelangen, u. dennoch aber die geistigen Güter zu ersparen wären könnte. Er legt in diesem Dilemma Nachdrück auf Reichtum u. Rang u. es gelingt ihm in der Tat die Aemter auch ohne Befähigung zu erlangen. Daher gerät aber auch der Staat oft in Verlegenheit, so oft bald er einen befähigten Beamten braucht, u. gerade diesem der Weg durch Rang u. Reichtum versperrt ist. —

*

© Transcription Marko Deisinger.

January 24, 1916, -1°; cloudless sky.

— Ninth visit to Dr. Orlay; permanent filling. —

— At midday, in the coffee house with Paul de Conne concerning the new pupil he would like me to take on. It turns out that he only needed a verbal clarification {109} because he did not wish to appear in front of his own pupil in the disadvantageous light of a cheaper teacher. I immediately saw the difficulty of his situation, instead of giving way, however, I urged him to follow my principles. We shall soon see how strong the girl's need is; that is, whether her father will say that her need is simply not significant for sake of the small difference. —

— Late for lunch, and with difficulty I still arrived at the coffee house on time. —

*

Registered letter sent to the tax authorities. —

— Der Morgen publishes a letter signed by several German and Austrian professors, in which the Germans are warned, in their own interests, not to hate their opponents. 1 The professors are preaching love and a sympathetic accommodation "towards the ancient civilized nations." The gentlemen do not actually know how the great thinkers understood the concept of loving one's neighbors. As long as it is agreed that, in the name of fatherly or motherly love, their own children should occasionally be punished for sake of their upbringing, then those who preach the love of one's neighbors surely ought to reckon drastic measures of chastisement, too, among the expressions of love. In fact, love can be expressed, under certain conditions, in the forceful imposition of good deeds of a higher character. In our case, it would be a greater love on the part of the Germans if they properly brought to the attention of the French, English and Italians their arrogance, their lesser capability, their dishonorableness, their vanity, self-pity, cowardice and other wretchedness and baseness, using the most forceful means of contempt and perhaps even stronger means. The contempt would in this case be a means to an end and, against such backward categories of humanity, would surely achieve a better effect than that love that promotes vice by cosseting. {110} Only a love of that sort, which does not shrink from demoralizing and crudely punishing the races and nations that confront one another inimically, would also be capable of convincing them of the practical worth of virtue, by which the highest triumph of love would express itself. I mean this: give the revulsion a free run in front of the baseness until those affected recognize its force and seek the path to the Germans.

Moreover, now that love is finally being preached, the German professors should send their appeals above all to Paris, London, St. Petersburg and Rome and seek to influence our opponents, that they might now approach the Germans with love from now on. Why preach something to the Germans, why instinctively pick on them? Why not instead make those learn the alphabet of love who have not yet been able to stammer it? Have we in fact not yet learned that a backwards population will continue to behave in a hostile way towards all improvements until they are forced to accept them? Must one not also use forceful means in schools to coerce children to do things which later ought to be a blessing for them? Let the professors, then, go to our opponents and preach there what, at any rate, is already recognized in Germany. May they, in doing so, not forget Christ's example, in particular, which at best shows how little one is able to achieve, even with the most ideal love, if one's partners have received no tuition in love. How absurd it would be to urge our Savior yet further to exert himself in acts of love towards his enemies! In truth, it was not his responsibility, he did what he could and exhausted himself in acts of love; it would have been far better for Christ to teach his enemies the things in which he was model and master.

The professorial gentlemen fear that the world will go to ruin, in the conflagration of hatred, {111} that the nations, states and races would break up into unbridgeable extremes. Way off the mark, gentlemen! The dishonorableness of traders will, in pursuit of money, be concerned as little with hatred and similar expressions as they had been before; and they will – not in the desired way, unfortunately! – again bring about that certain proximity among people which, of course, will not protect them from wars.

*

In Der Morgen , an art historian again addresses the theme of the most recent conflict. 2 Well, then: as long as the principle applies, according to which even the smallest achievement makes a little man arrogant, any agreement must be ruled out on the matter as to whether precedence should be given to the artist or the historian. The urging of modesty cannot get through to the historians, who are unable even to come close to understanding the true modesty of the artist; and so situations that give rise to such conflicts must, in fact, always await the resolution by a happy fate – that suddenly a truly great artist appears on the horizon, in the face of whom all objection, even those of the historians, vanish.

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Scutari occupied! 3 — Letter to Paul de Conne, in which I turn down attending his concert in order to spare myself a possible encounter with dislikeable persons. —

— Wilhelm Meister, Book 8, Chapter 2 4

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When the one person is missing, who would have been able to exert his unquestioned authority in a given situation, then it is completely pointless for the less capable to argue over which of them has more right to be given the place of the missing person. If, then, such a person cannot be found among artists and art historians, {112} then the conflict among the others is pointless. All others being equally unsuitable, the conflict could go on indefinitely. And likewise in all other fields. If, for example, a statesman with the capability of a Bismarck cannot be found, then it is misguided for aristocrats and ordinary citizens to debate about whether in principle only the former should or should not have the privilege. Things always revolve around the one person; the rest is nothing but conflict and silence. —

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The rich man finds no use for intellect in his sphere; for this reason he also spends no money for the acquisition of intellectual goods. But as various state offices nonetheless also presume certain abilities, he is confronted with a dilemma: how he will achieve these honorific posts and yet still be able to spare himself intellectual goods. In this dilemma, he places emphasis on wealth and position, and actually succeeds in attaining the offices without the capability for them. Thus, however, the state too often gets itself into difficulties whenever it needs a more competent official, and for precisely this person the path via rank and riches is blocked. —

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Aufruf an Eltern, Lehrer und Erzieher!," Der Morgen, No. 4, January 24, 1916, 7th year, p. 7.

2 Max Eisler, "Von Königen und Kärrnern," Der Morgen, No. 4, January 24, 1916, 7th year, pp. 6-7.

3 "Einmarsch in Skutari," Neues Wiener Tagblatt, No. 24, January 24, 1916, 50th year, extra edition, p. 1.

4 Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre (Wilhelm Meister's Apprenticeship), first published in 1795–96 (Berlin: Johann Friedrich Unger).