3. V. 33

Mein lieber Herr van Hoboken ! 1

Nicht allein, weil d ich den Brauch von heute nicht kenne, sondern aus Überzeugung folge ich der alten Sitte: ich glaube an eine Gnade Gottes, an die Kraft der Wünsche, also wünsche ich Ihnen Beiden zur Vermählung, von der ich durch Prof. Deutsch erfahre, Erfüllung alles dessen, was Sie ersehnen, erhoffen. Meine Frau wünscht herzlichst mit!

Endlich kann ich Ihre „Frkf. Ztg“ zurückstellen. 2 Diese Sprache! Ist es überhaupt eine Sprache? Offenbar in Erinnerung an ein Spaniertum der Habs- {2} bürger nennt der Wiener Volksmund ein ähnlich Unverständliches „Spanisch,“ oder ist das schon das „Hebräisch,“ das in Deutschland heute aufdiktiert 3 wird? Doch sind die spanische wie hebräische Sprache ganz gewiß durchleuchteter, begabter, als der jämmerliche Unrat in Worten, den der Aufsatz in die Nase stäubt. Verstehen Sie etwas davon? Wehe Ihnen, wenn . . . Der Verfasser kenne ich von der „Musik“ her, der er pünktlich die hochtrabendsten Schweinereien liefert.

Nun lege ich zum Dank meinen Aufsatz aus der „D.A.Z.“ vom 28.IV 4 bei: Weder habe ich mich seinetwegen taufen lassen ‒ was übrigens ja gar nicht genützt hätte ‒, noch habe ich ihn im Original hebräisch geschrieben, u. doch hat es sich begeben, wie, weiß ich selbst nicht; ich habe ihn mitten Februar eingeschickt (noch vor Hitler). 5 {3} Daß im Umkreise der vielen „Musiker,“ „Kritiker,“ die das Blatt bedienen, meine „fremde Rasse“ nicht schon festgestellt worden wäre, glaube ich nicht. Ein Anderes ists: daß ebendiesen Herren mein Aufsatz unverständlich, eben „hebräisch“ bleiben muß. Daher die Vorbemerkung der Redaktion, auf die ich ebenso stolz bin, wie darauf, daß der Musikschreiber in Frankf. meinen Namen nicht nennt. Der Aufsatz ist zur Korrektor nicht vorgelegen, daher allerhand Druckfehler u. sonstige Unebenheiten. Sie sind gewiß Einer der sehr Wenigen, die wissen, was ich meine. Im Übrigen ist das Schicksal der Musik ja eben darum so traurig, daß von ihr allein in ihrer Eigensprache nicht gesprochen werden darf! Eine originelle {4} Zustimmung ist mir aber postwendend zugekommen: ein Mitglied der Kant-Gesellschaft in Berlin hat mir eine kleine Arbeit verehrt, auf die er als Motto die letzten Worte meines Aufsatzes gesetzt hat. 6

Endlich lege ich noch die Rechnung der „U.E.“ bei. Den Betrag, der kleiner geworden ist, als ich befürchtet habe ‒ was mag darum noch emporbetragen sein! ‒ habe ich schon erlegt. Den „Erlagschein“ behalte ich zu meiner Deckung noch hier. Den Rest erlege ich in Ihre Hand. Somit ist von dem mir von Ihrem so lieb zugedachten Betrag die in der Rechnung ausgewiesene Summe in Abzug zu bringen.

Nochmals vielen, vielen Dank!

Hoffentlich lassen Sie sich recht bald bei uns sehen!

Mit besten Grüßen Ihnen Beiden von uns Beiden,


Ihr
[signed:] H Schenker

© Transcription John Rothgeb and Heribert Esser, 2017


May 3, 1933

My dear Mr. van Hoboken, 1

Not only because I do not know the custom of today, but out of conviction, I follow the old manner: I believe in a divine grace, in the power of wishes; therefore, I wish you both on the occasion of your engagement, of which I learn through Prof. Deutsch, fulfillment of all that which you desire and hope for. My wife joins most sincerely in that wish!

At last I can return your Frankfurter Zeitung . 2 This language! Is it a language at all? Obviously in recollection of an Hispanic ethos of the Habsburgs, {2} the Viennese folk-tongue calls anything similarly incomprehensible "Spanish"; or is that already "Hebrew," which in Germany today is "mandatory"? 3 But the Spanish as well as the Hebrew language is more luminous, more gifted, than the miserable verbal garbage with which the essay assaults the nose. Do you understand any of that? Poor you, if . . . I recognize the author from Die Musik , to which he punctually delivers the most ostentatious filth.

Now I am including out of gratitude my essay from the D.A.Z. of April 28 4 I have neither deafened myself for its sake ‒ which, incidentally, would not have helped ‒ nor have I written Hebrew in the original; and yet it happened ‒ how, I myself do not know; I sent it off in mid-February (still before Hitler). 5 {3} That in the circle of the many "musicians," "critics" who follow the journal, my "alien race" would not already have been discovered, I do not believe. It is something else: that to these very gentlemen my essay would necessarily remain incomprehensible, exactly "Hebrew." Thus the preliminary note by the editors, of which I am just as proud as I am of the fact that the music writer in Frankfurt fails to mention my name. The essay was not submitted to the proofreader, and as a result contains all manner of misprints and other incongruities. You are certainly one of the very few who know what I mean. For the rest, the fate of music is, to be sure, just for that reason so sad that one may not speak of it alone in its native language! An original {4} message of concurrence, however, has come to me through the mail: a member of the Kant Society in Berlin has done me the honor of presenting me with a small work in which he has used as a motto the closing words of my essay. 6

Finally, I include as well the invoice from the Universal Edition; the amount due, which turns out to be less than I feared ‒ how much they may have marked up there! ‒ I have already paid. For now, I am keeping the deposit slip as my security. The rest I'll pay into your hand. Therefore the amount shown in the invoice has to be deducted from the total you so kindly allocated to me.

Again I say: many, many thanks!

We hope that you will pay us a visit quite soon!

With best greetings to you both from both of us,


Your
[signed:] H. Schenker

© Translation John Rothgeb and Heribert Esser, 2017


3. V. 33

Mein lieber Herr van Hoboken ! 1

Nicht allein, weil d ich den Brauch von heute nicht kenne, sondern aus Überzeugung folge ich der alten Sitte: ich glaube an eine Gnade Gottes, an die Kraft der Wünsche, also wünsche ich Ihnen Beiden zur Vermählung, von der ich durch Prof. Deutsch erfahre, Erfüllung alles dessen, was Sie ersehnen, erhoffen. Meine Frau wünscht herzlichst mit!

Endlich kann ich Ihre „Frkf. Ztg“ zurückstellen. 2 Diese Sprache! Ist es überhaupt eine Sprache? Offenbar in Erinnerung an ein Spaniertum der Habs- {2} bürger nennt der Wiener Volksmund ein ähnlich Unverständliches „Spanisch,“ oder ist das schon das „Hebräisch,“ das in Deutschland heute aufdiktiert 3 wird? Doch sind die spanische wie hebräische Sprache ganz gewiß durchleuchteter, begabter, als der jämmerliche Unrat in Worten, den der Aufsatz in die Nase stäubt. Verstehen Sie etwas davon? Wehe Ihnen, wenn . . . Der Verfasser kenne ich von der „Musik“ her, der er pünktlich die hochtrabendsten Schweinereien liefert.

Nun lege ich zum Dank meinen Aufsatz aus der „D.A.Z.“ vom 28.IV 4 bei: Weder habe ich mich seinetwegen taufen lassen ‒ was übrigens ja gar nicht genützt hätte ‒, noch habe ich ihn im Original hebräisch geschrieben, u. doch hat es sich begeben, wie, weiß ich selbst nicht; ich habe ihn mitten Februar eingeschickt (noch vor Hitler). 5 {3} Daß im Umkreise der vielen „Musiker,“ „Kritiker,“ die das Blatt bedienen, meine „fremde Rasse“ nicht schon festgestellt worden wäre, glaube ich nicht. Ein Anderes ists: daß ebendiesen Herren mein Aufsatz unverständlich, eben „hebräisch“ bleiben muß. Daher die Vorbemerkung der Redaktion, auf die ich ebenso stolz bin, wie darauf, daß der Musikschreiber in Frankf. meinen Namen nicht nennt. Der Aufsatz ist zur Korrektor nicht vorgelegen, daher allerhand Druckfehler u. sonstige Unebenheiten. Sie sind gewiß Einer der sehr Wenigen, die wissen, was ich meine. Im Übrigen ist das Schicksal der Musik ja eben darum so traurig, daß von ihr allein in ihrer Eigensprache nicht gesprochen werden darf! Eine originelle {4} Zustimmung ist mir aber postwendend zugekommen: ein Mitglied der Kant-Gesellschaft in Berlin hat mir eine kleine Arbeit verehrt, auf die er als Motto die letzten Worte meines Aufsatzes gesetzt hat. 6

Endlich lege ich noch die Rechnung der „U.E.“ bei. Den Betrag, der kleiner geworden ist, als ich befürchtet habe ‒ was mag darum noch emporbetragen sein! ‒ habe ich schon erlegt. Den „Erlagschein“ behalte ich zu meiner Deckung noch hier. Den Rest erlege ich in Ihre Hand. Somit ist von dem mir von Ihrem so lieb zugedachten Betrag die in der Rechnung ausgewiesene Summe in Abzug zu bringen.

Nochmals vielen, vielen Dank!

Hoffentlich lassen Sie sich recht bald bei uns sehen!

Mit besten Grüßen Ihnen Beiden von uns Beiden,


Ihr
[signed:] H Schenker

© Transcription John Rothgeb and Heribert Esser, 2017


May 3, 1933

My dear Mr. van Hoboken, 1

Not only because I do not know the custom of today, but out of conviction, I follow the old manner: I believe in a divine grace, in the power of wishes; therefore, I wish you both on the occasion of your engagement, of which I learn through Prof. Deutsch, fulfillment of all that which you desire and hope for. My wife joins most sincerely in that wish!

At last I can return your Frankfurter Zeitung . 2 This language! Is it a language at all? Obviously in recollection of an Hispanic ethos of the Habsburgs, {2} the Viennese folk-tongue calls anything similarly incomprehensible "Spanish"; or is that already "Hebrew," which in Germany today is "mandatory"? 3 But the Spanish as well as the Hebrew language is more luminous, more gifted, than the miserable verbal garbage with which the essay assaults the nose. Do you understand any of that? Poor you, if . . . I recognize the author from Die Musik , to which he punctually delivers the most ostentatious filth.

Now I am including out of gratitude my essay from the D.A.Z. of April 28 4 I have neither deafened myself for its sake ‒ which, incidentally, would not have helped ‒ nor have I written Hebrew in the original; and yet it happened ‒ how, I myself do not know; I sent it off in mid-February (still before Hitler). 5 {3} That in the circle of the many "musicians," "critics" who follow the journal, my "alien race" would not already have been discovered, I do not believe. It is something else: that to these very gentlemen my essay would necessarily remain incomprehensible, exactly "Hebrew." Thus the preliminary note by the editors, of which I am just as proud as I am of the fact that the music writer in Frankfurt fails to mention my name. The essay was not submitted to the proofreader, and as a result contains all manner of misprints and other incongruities. You are certainly one of the very few who know what I mean. For the rest, the fate of music is, to be sure, just for that reason so sad that one may not speak of it alone in its native language! An original {4} message of concurrence, however, has come to me through the mail: a member of the Kant Society in Berlin has done me the honor of presenting me with a small work in which he has used as a motto the closing words of my essay. 6

Finally, I include as well the invoice from the Universal Edition; the amount due, which turns out to be less than I feared ‒ how much they may have marked up there! ‒ I have already paid. For now, I am keeping the deposit slip as my security. The rest I'll pay into your hand. Therefore the amount shown in the invoice has to be deducted from the total you so kindly allocated to me.

Again I say: many, many thanks!

We hope that you will pay us a visit quite soon!

With best greetings to you both from both of us,


Your
[signed:] H. Schenker

© Translation John Rothgeb and Heribert Esser, 2017

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/6, p. 3830, May 2, 1933: "An Hoboken (Br. u. Aufsatz aus der DAZ; Frankf. Ztg. zurück, Rechnung der U.-E.): Wünsche zur Vermählung, Begleitworte zu den Stücken." ("To Hoboken (letter, and article from the DAZ; the Frankfurter Zeitung returned, invoice from UE): best wishes for his marriage; accompanying words for the [enclosed] items.").

2 Schenker acknowledged receipt of this article from Hoboken in OJ 89/6, [4] of March 22, when he said he would defer reading it. He is now commenting on and returning it.

3 "aufdiktiert" ("mandatory"): Schenker's coinage: Hitler, who had come to power only shortly before this letter was written, absurdly stipulated that Jews living in Germany were not Germans but were really Hebrews, and that whatever they wrote was originally written in the Hebrew language and only subsequently translated into German.

4 An essay by Schenker, "Was wird aus der Musik?" Deutsche allgemeine Zeitung, April 28, 1933, copies of which are preserved at OC A/274 and OJ 20/11. See also OJ 5/18, 25, from Schenker to Oswald Jonas, dated May 4, 1933. The article was reprinted in the Basler National-Zeitung, Sonntags-Beilage, Jg. 14, No. 241, May 28, 1933, a copy of which is preserved at OC 30/5. — The editor's Vorbemerkung mentioned here later reads: "Wir geben folgenden Ausführungen gerne Raum, gestehen aber, nicht immer gleicher Meinung zu sein." ("We gladly give space to the following remarks, but confess that we do not always concur with its opinions.")

5 Hitler was appointed German Chancellor on January 30, but it was on March 24 that he was granted full powers, independent of the Reichstag. — This elaborate outbreak of irony is a sendup of the Hitlerian nonsense recounted in footnote 3.

6 Starting from the premise that, built from intervals, counterpoint, diatony, coherence, and synthesis, music has achieved the status of Gleichnis ihrer selbst ("image of itself"), Schenker's article asserts that composers, in the name of "progress," have now thrown this away and music has become "chaos." The final sentence of the article reads: "Am Ende von jahrhundertelangen Erfahrungen mag der Menschheit der Triumph beschieden sein, die Musik in ihrem Gleichnis zu erschauen, dann mag ihr auch der erhebende Trost winken, gerade durch die abgezogene, nur in sich selbst ruhende Kunst der Musik Gottes Schöpfung als ein Gleichnis Gottes zu verstehen, Gott als Gleichnis Seiner selbst!" ("At the end of centuries-long experiences, may the triumph be granted to mankind of beholding music in its own image. Then may the uplifting comfort also encourage it, precisely through the abstracted, purely self-sufficient art of music, to understand God's creation as an image of God: God as image of Himself!")

Commentary

Rights Holder
Heirs of Henrich Schenker, deemed to be in the public domain.
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.
Format
4p letter, Bogen format, holograph salutation, message, valediction, and signature
Provenance
Hoboken, Anthony van ([document date]-1983)--Schneider, Hans (19??-2007)--University of California, Riverside (2007--)

Digital version created: 2017-12-08
Last updated: 2012-10-08