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OJ 14/10, [30] - Handwritten letter with envelope from Rosa Weil to Jeanette Schenker, dated December 23, 1935
[envelope]
{recto} [An:] ⇧ Frau Dr. Heinrich Schenker Wien XVII Cottagegasse 21. [postmark:] || ÚS[TÍ NAD LABEM 2] | 24. XII. 35 [illeg] | 3f | * AUSSIG 2 * || ⇧ 30. XII. 35 Bild Palais {verso} [Absender:] ⇧ Weil, Westphalenstr. 25. Ústí n/L C. S. R. [letter] ⇧ Aussig, 23. Dez. 1935 Meine liebe Schwester! Nun ist es mit der Beantwortung Deines so lieben Briefes 1 wieder so spät geworden und ich wollte Dir schon so lange danken in Arnolds Namen (für) ebenso wie in meinem für Deine so warme Teilnahme und Deine lieben Worte anläßlich des Heimganges meines Schwagers. 2 Es gibt in dieser Zeit genügend Arbeit im Haus; außerdem war Arnold leider fast eine Woche bettlagerig; er hatte am Bein eine Infektion mit Beinhautentzündung und beinahe Venenentzündung und die Sache muß heute noch behandelt und sorgfältig gepflegt werden, obwohl er längst wieder ins Büro geht. – Es ist nur, damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen. – Lene wird die Weihnachtsfeiertage leider nicht mit uns verbringen, sie ist seit gestern in Ober-Gurgl; der Ski-Sport ist ihre größte Freude und da sie bei ihrem ständigen Aufenthalt in der Krankenhausluft eine Erholung in reiner Gebirgs-Schneeluft immer gut brauchen kann, will ich mich, wie gewöhnlich gerne bescheiden. Was Du vom Undank der Menschen schreibst, ist doch eine alte Geschichte, die sich täglich neu begibt und jeder von uns hat ihn irgendwann und irgendwo in irgendeiner Form erfahren. 3 {2} Du bist sehr unternehmungslustig, willst gar nach Chile reisen! 4 Das ist kein Katzensprung und will in jetziger Zeit wohl überlegt sein. Victor würde sich sicher riesig freuen, nur, ob Ihr Euch heute noch verstehen würdet, ist sehr fraglich; es liegt ein Menschenalter dazwischen, ein Ozean, ein Weltkrieg, der alles umundum gestürzt und verändert hat. Schön muß es schon sein, einmal die alte Welt abschütteln und soviel neues sehen und einmal nur schauen und nie gesehene Dinge kennenlernen. In Klaras Zustand hat sich leider nichts zum besseren gewendet; man hofft immernoch ein Bißchen, weil man Fälle kennt, wo solche Krankheiten nach 5 und mehr Jahren besser wurden. Besuchen kann man sie nicht, weil sie jedesmal Anfälle bekommt. Ich freue mich, daß Du es mit der Unterkunft jetzt so gut getroffen hast und beglückwünsche Dich dazu, sowie ich Dir für das kommende Jahr und für immer alles Gute und Schöne wünsche. Ich hoffe, Du kannst die Feiertage angenehm verbringen und hast ein bißchen nette Gesellschaft gefunden. Wir werden allein sein, aber Arnold braucht die Ruhe und Erholung dringend. Im Feber will er doch endlich ein bißchen ausspannen. © Transcription Ian Bent, 2024 |
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{recto} [To:] ⇧ Mrs. Heinrich Schenker Cottagegasse 21 Vienna XVII [postmark:] || ÚS[TÍ NAD LABEM 2] | 24. XII. 35 [illeg] | 3f | * AUSSIG 2 * || ⇧ December 30, 1935 Palace picture {verso} [From:] ⇧ Weil, Westphalenstraße 25 Ústí nad Labem Czechoslovakia [letter] ⇧ Aussig, December 23, 1935 My dear sister, Now it has become so late for me to answer your very dear letter, 1 and I was wanting to thank you in Arnold’s name as well as my own for your very warm sympathy and your precious words regarding the passing of my brother-in-law. 2 There has been ample work to do in our house in recent days; on top of that, Arnold was confined to bed for almost a week; he has had an infection in the bone, with shin splints and phlebitis, and the condition needs still today to be attended to and carefully nursed, albeit he has long since returned to his office. – There’s a limit to everything. – Sadly, Lene will not be spending the Christmas holidays with us. She has been in Ober-Gurgel since yesterday; skiing is her greatest pleasure and since, given her current spell breathing the hospital air she can always make good use of recreation in pure mountain air, I will as usual gladly content myself [with that thought]. What you write of the ingratitude of mankind is a familiar tale that grows daily ever new, and every one of us has experienced it sometime, somewhere, in one form or another. 3 {2} How adventurous of you to want to travel to Chile! 4 That’s no stone’s throw [at the best of times], and will be all the more difficult under current conditions. Victor would be overjoyed, but whether you would get along with one another is very questionable. Between the two of you lie a generation, an ocean, a world war that has changed everything and turned it upside down. It must be lovely for once to cast off the old world and to see so much that is new, and to get to know things never before seen. There has sadly been no change for the better in Klara’s condition. We maintain a glimmer of hope because cases are known in which such illnesses improve after five or more years. No one can visit her, because every time she has attacks. I’m pleased to hear that you have found accommodation so well-suited to you, and congratulate you on this as well as wishing you all the very best for the coming year and beyond. I hope that you can pass the holidays in pleasant fashion and have found some congenial company. We will be on our own, but Arnold urgently needs quiet and recuperation. In February he will finally be able to spread his wings a little. © Translation Ian Bent, 2024 |
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{recto} [An:] ⇧ Frau Dr. Heinrich Schenker Wien XVII Cottagegasse 21. [postmark:] || ÚS[TÍ NAD LABEM 2] | 24. XII. 35 [illeg] | 3f | * AUSSIG 2 * || ⇧ 30. XII. 35 Bild Palais {verso} [Absender:] ⇧ Weil, Westphalenstr. 25. Ústí n/L C. S. R. [letter] ⇧ Aussig, 23. Dez. 1935 Meine liebe Schwester! Nun ist es mit der Beantwortung Deines so lieben Briefes 1 wieder so spät geworden und ich wollte Dir schon so lange danken in Arnolds Namen (für) ebenso wie in meinem für Deine so warme Teilnahme und Deine lieben Worte anläßlich des Heimganges meines Schwagers. 2 Es gibt in dieser Zeit genügend Arbeit im Haus; außerdem war Arnold leider fast eine Woche bettlagerig; er hatte am Bein eine Infektion mit Beinhautentzündung und beinahe Venenentzündung und die Sache muß heute noch behandelt und sorgfältig gepflegt werden, obwohl er längst wieder ins Büro geht. – Es ist nur, damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen. – Lene wird die Weihnachtsfeiertage leider nicht mit uns verbringen, sie ist seit gestern in Ober-Gurgl; der Ski-Sport ist ihre größte Freude und da sie bei ihrem ständigen Aufenthalt in der Krankenhausluft eine Erholung in reiner Gebirgs-Schneeluft immer gut brauchen kann, will ich mich, wie gewöhnlich gerne bescheiden. Was Du vom Undank der Menschen schreibst, ist doch eine alte Geschichte, die sich täglich neu begibt und jeder von uns hat ihn irgendwann und irgendwo in irgendeiner Form erfahren. 3 {2} Du bist sehr unternehmungslustig, willst gar nach Chile reisen! 4 Das ist kein Katzensprung und will in jetziger Zeit wohl überlegt sein. Victor würde sich sicher riesig freuen, nur, ob Ihr Euch heute noch verstehen würdet, ist sehr fraglich; es liegt ein Menschenalter dazwischen, ein Ozean, ein Weltkrieg, der alles umundum gestürzt und verändert hat. Schön muß es schon sein, einmal die alte Welt abschütteln und soviel neues sehen und einmal nur schauen und nie gesehene Dinge kennenlernen. In Klaras Zustand hat sich leider nichts zum besseren gewendet; man hofft immernoch ein Bißchen, weil man Fälle kennt, wo solche Krankheiten nach 5 und mehr Jahren besser wurden. Besuchen kann man sie nicht, weil sie jedesmal Anfälle bekommt. Ich freue mich, daß Du es mit der Unterkunft jetzt so gut getroffen hast und beglückwünsche Dich dazu, sowie ich Dir für das kommende Jahr und für immer alles Gute und Schöne wünsche. Ich hoffe, Du kannst die Feiertage angenehm verbringen und hast ein bißchen nette Gesellschaft gefunden. Wir werden allein sein, aber Arnold braucht die Ruhe und Erholung dringend. Im Feber will er doch endlich ein bißchen ausspannen. © Transcription Ian Bent, 2024 |
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{recto} [To:] ⇧ Mrs. Heinrich Schenker Cottagegasse 21 Vienna XVII [postmark:] || ÚS[TÍ NAD LABEM 2] | 24. XII. 35 [illeg] | 3f | * AUSSIG 2 * || ⇧ December 30, 1935 Palace picture {verso} [From:] ⇧ Weil, Westphalenstraße 25 Ústí nad Labem Czechoslovakia [letter] ⇧ Aussig, December 23, 1935 My dear sister, Now it has become so late for me to answer your very dear letter, 1 and I was wanting to thank you in Arnold’s name as well as my own for your very warm sympathy and your precious words regarding the passing of my brother-in-law. 2 There has been ample work to do in our house in recent days; on top of that, Arnold was confined to bed for almost a week; he has had an infection in the bone, with shin splints and phlebitis, and the condition needs still today to be attended to and carefully nursed, albeit he has long since returned to his office. – There’s a limit to everything. – Sadly, Lene will not be spending the Christmas holidays with us. She has been in Ober-Gurgel since yesterday; skiing is her greatest pleasure and since, given her current spell breathing the hospital air she can always make good use of recreation in pure mountain air, I will as usual gladly content myself [with that thought]. What you write of the ingratitude of mankind is a familiar tale that grows daily ever new, and every one of us has experienced it sometime, somewhere, in one form or another. 3 {2} How adventurous of you to want to travel to Chile! 4 That’s no stone’s throw [at the best of times], and will be all the more difficult under current conditions. Victor would be overjoyed, but whether you would get along with one another is very questionable. Between the two of you lie a generation, an ocean, a world war that has changed everything and turned it upside down. It must be lovely for once to cast off the old world and to see so much that is new, and to get to know things never before seen. There has sadly been no change for the better in Klara’s condition. We maintain a glimmer of hope because cases are known in which such illnesses improve after five or more years. No one can visit her, because every time she has attacks. I’m pleased to hear that you have found accommodation so well-suited to you, and congratulate you on this as well as wishing you all the very best for the coming year and beyond. I hope that you can pass the holidays in pleasant fashion and have found some congenial company. We will be on our own, but Arnold urgently needs quiet and recuperation. In February he will finally be able to spread his wings a little. © Translation Ian Bent, 2024 |
Footnotes1 Jeanette’s letter does not survive, but we know from her annotation on the front of the envelope of OJ 14/10, [29] that she replied to Rosa’s previous letter on November 30, 1935. — The paragraph-breaks before paragraphs 5, 6, and 7 are editorial: at these points, Rosa inserted an en-dash and continued without break. 2 As reported in Rosa’s letter, Arnold’s brother Emil had died on November 13. (“Heimgang” is a euphemism.) 3 This recalls the stanza in Heinrich Heine’s poem “Ein Jüngling liebt ein Mädchen“: “Es ist eine alte Geschichte, / Doch bleibt es immer neu, / Und wem es just passieret, / Dem bricht das Herz entzwei“. 4 Jeanette travelled to Chile April 27 to September 30, 1936, writing a travel diary (OJ 35/9) throughout the journey. She did not encounter Victor. |
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Commentary
Digital version created: 2024-08-01 |