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OJ 14/10, [29] - Handwritten letter with envelope from Rosa Weil to Jeanette Schenker, dated November 27, 1935
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{recto} [An:] ⇧ Frau Dr. Heinrich Schenker ⇧ Cottagegasse 21 ⇧ Wien XIX ⇧ Hasenauerstraße 12. [postmark:] || ÚS[TÍ NAD LABEM 2] | 28. XI. 35 [illeg] | 3f | * AUSSIG 2 * || ⇧ Antwort 30. XI. 35 {verso} ⇧ R. W. [Absender:] ⇧ Westphalenová 25. Ústí n/L C. S. R. [letter] ⇧ R. W. ⇧ Aussig, 27. November 1935. Meine liebe Schwester! 1 Ich weiß sehr wohl, daß ich unverzeihlich lange geschwiegen habe und nehme die ganze, große Schuld auf mich; doch schrieb ich Dir ja bereits einmal, daß ich leider noch hie und da mit Depressionen zu tun habe und daß ich in solchen Zeiten überhaupt keine Briefe schreibe, um meine Stimmung nicht auf andere zu übertragen. Der Herbst läßt da viel zu wünschen übrig und der November ist mein schlechtester Monat. {2} Vielleicht kannst Du verstehen und deshalb verzeihen. – Lene erzählte mir, wie lieb und nett Du sie aufgenommen und bewirtet hast und wie sehr ihr der Nachmittag bei Dir gefallen hat; Dein und Deines verewigten Gatten Lebenswerk hat ihr ganz gewaltig imponiert; — denn nur vor hoher Geistigkeit beugt sie sich bedingungslos; selbst ein seriöser Mensch mit hohen geistigen Bestrebungen und voller Hingebung an ihre geliebte Arbeit. Neulich hörte ich aus dem Munde eines hiesigen, wirklich anerkannten Internisten, bei dem sie im Sommer einen Monat gearbeitet hat, ein Lob, das mich als Mutter stolz und glücklich {3} gemacht hat. Trotzdem bin ich keine verblendete Mutter und sehe auch die Schattenseiten. Sie kam leider recht elend aussehend aus Wien zurück; fünf Kurse außer der täglichen Arbeit an der Klinik, die recht anstrengend und keineswegs gesundheitsfördernd ist. Als gehorsame Mutter will ich sie nicht allzusehr mit Ermahnungen belästigen aber ich hasse und fürchte die Strahlen, mit denen sie jetzt sehr viel zu tun hat. Für das Bild 2 will ich Dir noch einmal herzlich danken, daß Du gerade diesem meinem Kind geschenkt hast, weiß ich wohl zu schätzen; es hat in meiner schönen Wohnung, in der wir uns (unber[echenbar] muß man sagen) so wohl und glücklich fühlen, einen Ehrenplatz bekommen. {4} Zum Schluß muß ich Dir eine ganz traurige Mitteilung machen. Ing. Emil Weil, der einzige Bruder vom Arnold erlag in der Nacht vom 12. zum 13. Nov. einem Herzschlag und am 15. Nov. haben wir ihn in die Erde gebettet. Er stand im 64sten Lebensjahre und litt an Verkalkungen, hohem Blutdruck und Kreislaufstörungen; da wollte eben das Herz nichtmehr mit! Trotzdem war er bis 5 Tage vor seinem Tod ein blühender, noch fescher Mann und niemand konnte es fassen. Für Arnold war das ein harter Schlag und ich habe in diesen Tagen des Schreckens und der Aufregungen sehr um seine Gesundheit gebangt. — Seine Witwe Flora geb. Pachner is[t] gestern mit ihrer Tochter Anny Pick nach Znaim 3 gefahren um sich dort in der Nähe ihrer Kinder (sie hat einen 10jährigen Enkelsohn) ein neues Heim zu gründen. Ich hoffe Dich bei voller Gesundheit und bitte Dich, nur recht ausführlich über Dein jetziges Leben zu schreiben. © Transcription Ian Bent, 2024 |
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{recto} [To:] ⇧ Mrs. Heinrich Schenker ⇧ Cottagegasse 21 ⇧ Vienna XIX ⇧ Hasenauerstraße 12 [postmark:] || ÚS[TÍ NAD LABEM 2] | 28. XI. 35 [illeg] | 3f | * AUSSIG 2 * || ⇧ Answer[ed] November 30, 1935 {verso} ⇧ R. W. [From:] ⇧ Westphalenová 25 Ústí nad Labem Czechoslovakia [letter] ⇧ R. W. ⇧ Aussig, November 27, 1935 My dear sister! 1 I’m conscious of having been silent for an unforgiveable length of time, and I take full blame on myself. But as I’ve written to you previously at least once, I am unfortunately prone to bouts of depression now and again, and that on such occasions I write no letters whatsoever so as not to pass my mood on to others. The Fall leaves much to be desired, and November is my worst month. {2} Perhaps you can understand, and forgive me accordingly. – Lene told me how kind and gentle you were in welcoming and entertaining her, and how very much pleasure her afternoon at your place afforded her. Your life’s work and that of your immortalized husband has made a powerful impression upon her. She is drawn unconditionally only to high intellectuality, for she is herself a serious-minded person with high intellectual aspirations and imbued with a single-minded devotion for her beloved work. Recently I heard praise from the mouth of a highly renowned internist here with whom she worked for a month in the summer that made me, as her mother, feel proud and fortunate. {3} Even so, as a mother I am under no illusions; I see also the dark sides. She came back from Vienna looking sadly totally wretched – five courses on top of her daily work at the clinic, which is really strenuous and in no way beneficial to health. As a dutiful mother, I don’t want to pester her with too many warnings, but I hate and fear the X-rays with which she now has very much has to do. I should like to thank you again most heartily for the picture, 2 and for having bestowed it particularly on this child of mine, which I truly appreciate. It has a place of honor in my lovely house in which we feel ourselves so (incalculably, one must say) fortunate and at ease. {4} In closing, I have something truly sad that I must tell you. Engineer Emil Weil, the sole brother of Arnold, suffered a heart attack overnight on November 12–13, and we laid him to rest on November 15. He was in his 64th year, and suffered from calcification, high blood pressure, and circulatory disorders. His heart just couldn’t keep going any longer! For all of that, five days before his death he was a blooming, jaunty man, and no one could take the news in. For Arnold it was a hard blow, and I am very fearful, in these days of shock and commotion, for his health. His widow Flora (née Pachner) traveled with her daughter Anny Pick to Znaim, 3 where she will make a home for herself near to her children (she has a 10-year-old grandson). I hope you are in good health, and beg you to write to us in full detail about your present life. © Translation Ian Bent, 2024 |
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{recto} [An:] ⇧ Frau Dr. Heinrich Schenker ⇧ Cottagegasse 21 ⇧ Wien XIX ⇧ Hasenauerstraße 12. [postmark:] || ÚS[TÍ NAD LABEM 2] | 28. XI. 35 [illeg] | 3f | * AUSSIG 2 * || ⇧ Antwort 30. XI. 35 {verso} ⇧ R. W. [Absender:] ⇧ Westphalenová 25. Ústí n/L C. S. R. [letter] ⇧ R. W. ⇧ Aussig, 27. November 1935. Meine liebe Schwester! 1 Ich weiß sehr wohl, daß ich unverzeihlich lange geschwiegen habe und nehme die ganze, große Schuld auf mich; doch schrieb ich Dir ja bereits einmal, daß ich leider noch hie und da mit Depressionen zu tun habe und daß ich in solchen Zeiten überhaupt keine Briefe schreibe, um meine Stimmung nicht auf andere zu übertragen. Der Herbst läßt da viel zu wünschen übrig und der November ist mein schlechtester Monat. {2} Vielleicht kannst Du verstehen und deshalb verzeihen. – Lene erzählte mir, wie lieb und nett Du sie aufgenommen und bewirtet hast und wie sehr ihr der Nachmittag bei Dir gefallen hat; Dein und Deines verewigten Gatten Lebenswerk hat ihr ganz gewaltig imponiert; — denn nur vor hoher Geistigkeit beugt sie sich bedingungslos; selbst ein seriöser Mensch mit hohen geistigen Bestrebungen und voller Hingebung an ihre geliebte Arbeit. Neulich hörte ich aus dem Munde eines hiesigen, wirklich anerkannten Internisten, bei dem sie im Sommer einen Monat gearbeitet hat, ein Lob, das mich als Mutter stolz und glücklich {3} gemacht hat. Trotzdem bin ich keine verblendete Mutter und sehe auch die Schattenseiten. Sie kam leider recht elend aussehend aus Wien zurück; fünf Kurse außer der täglichen Arbeit an der Klinik, die recht anstrengend und keineswegs gesundheitsfördernd ist. Als gehorsame Mutter will ich sie nicht allzusehr mit Ermahnungen belästigen aber ich hasse und fürchte die Strahlen, mit denen sie jetzt sehr viel zu tun hat. Für das Bild 2 will ich Dir noch einmal herzlich danken, daß Du gerade diesem meinem Kind geschenkt hast, weiß ich wohl zu schätzen; es hat in meiner schönen Wohnung, in der wir uns (unber[echenbar] muß man sagen) so wohl und glücklich fühlen, einen Ehrenplatz bekommen. {4} Zum Schluß muß ich Dir eine ganz traurige Mitteilung machen. Ing. Emil Weil, der einzige Bruder vom Arnold erlag in der Nacht vom 12. zum 13. Nov. einem Herzschlag und am 15. Nov. haben wir ihn in die Erde gebettet. Er stand im 64sten Lebensjahre und litt an Verkalkungen, hohem Blutdruck und Kreislaufstörungen; da wollte eben das Herz nichtmehr mit! Trotzdem war er bis 5 Tage vor seinem Tod ein blühender, noch fescher Mann und niemand konnte es fassen. Für Arnold war das ein harter Schlag und ich habe in diesen Tagen des Schreckens und der Aufregungen sehr um seine Gesundheit gebangt. — Seine Witwe Flora geb. Pachner is[t] gestern mit ihrer Tochter Anny Pick nach Znaim 3 gefahren um sich dort in der Nähe ihrer Kinder (sie hat einen 10jährigen Enkelsohn) ein neues Heim zu gründen. Ich hoffe Dich bei voller Gesundheit und bitte Dich, nur recht ausführlich über Dein jetziges Leben zu schreiben. © Transcription Ian Bent, 2024 |
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{recto} [To:] ⇧ Mrs. Heinrich Schenker ⇧ Cottagegasse 21 ⇧ Vienna XIX ⇧ Hasenauerstraße 12 [postmark:] || ÚS[TÍ NAD LABEM 2] | 28. XI. 35 [illeg] | 3f | * AUSSIG 2 * || ⇧ Answer[ed] November 30, 1935 {verso} ⇧ R. W. [From:] ⇧ Westphalenová 25 Ústí nad Labem Czechoslovakia [letter] ⇧ R. W. ⇧ Aussig, November 27, 1935 My dear sister! 1 I’m conscious of having been silent for an unforgiveable length of time, and I take full blame on myself. But as I’ve written to you previously at least once, I am unfortunately prone to bouts of depression now and again, and that on such occasions I write no letters whatsoever so as not to pass my mood on to others. The Fall leaves much to be desired, and November is my worst month. {2} Perhaps you can understand, and forgive me accordingly. – Lene told me how kind and gentle you were in welcoming and entertaining her, and how very much pleasure her afternoon at your place afforded her. Your life’s work and that of your immortalized husband has made a powerful impression upon her. She is drawn unconditionally only to high intellectuality, for she is herself a serious-minded person with high intellectual aspirations and imbued with a single-minded devotion for her beloved work. Recently I heard praise from the mouth of a highly renowned internist here with whom she worked for a month in the summer that made me, as her mother, feel proud and fortunate. {3} Even so, as a mother I am under no illusions; I see also the dark sides. She came back from Vienna looking sadly totally wretched – five courses on top of her daily work at the clinic, which is really strenuous and in no way beneficial to health. As a dutiful mother, I don’t want to pester her with too many warnings, but I hate and fear the X-rays with which she now has very much has to do. I should like to thank you again most heartily for the picture, 2 and for having bestowed it particularly on this child of mine, which I truly appreciate. It has a place of honor in my lovely house in which we feel ourselves so (incalculably, one must say) fortunate and at ease. {4} In closing, I have something truly sad that I must tell you. Engineer Emil Weil, the sole brother of Arnold, suffered a heart attack overnight on November 12–13, and we laid him to rest on November 15. He was in his 64th year, and suffered from calcification, high blood pressure, and circulatory disorders. His heart just couldn’t keep going any longer! For all of that, five days before his death he was a blooming, jaunty man, and no one could take the news in. For Arnold it was a hard blow, and I am very fearful, in these days of shock and commotion, for his health. His widow Flora (née Pachner) traveled with her daughter Anny Pick to Znaim, 3 where she will make a home for herself near to her children (she has a 10-year-old grandson). I hope you are in good health, and beg you to write to us in full detail about your present life. © Translation Ian Bent, 2024 |
Footnotes1 As the envelope shows, this letter was addressed to Jeanette’s new address as of early October 1935, but this had already to be readdressed, presumably by the current occupants of Hasenauerstraße 12, to Cottagegasse 21. By January 6, 1936, she had moved again, to Vienna I, Reichratsstraße 7 III/19 (OJ 11/31, [1], Sophie Guttmann to Jeanette), the address valid through at least February 2, 1938 (OJ 14/10, [31]). 2 Most likely the mezzotint that Victor Hammer made of Heinrich in 1925. 3 Znaim: the town of Znojmo in Moravia, 54 km (34 miles) southwest of Brno. |
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Commentary
Digital version created: 2024-08-01 |