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OJ 14/8, [4] - Handwritten letter from Paul & Anna Schiff to Heinrich & Jeanette Schenker, dated August 16, 1925
Die schönen Tage meines Budweiser Aufenthaltes sind ohne unangenehmen Zwischenfall vorübergegangen, abgesehen von etwas Hunger & Kälte, etwas Nervosität in der Abgeschlossenheit einer Einzelzelle während eines Vierteljahres, bleibt, mir heute, bei aller Gesundheit, nur der Wunsch für die Zukunft, daß sich ein ähnlicher Fall schon in Interesse meiner Familie nicht mehr wiederholen möge. Ich habe bei alledem noch das Glück gehabt, meine Anstellung nicht zu verlieren, die uns, wenn auch in bescheidenen Ausmassen, doch eine einigermassen sichere Existenz bietet. Es wurde mir aber knapp nach meiner Rückkehr nach Prag die Ehre zu Teil, auch noch als Reservemann eine 14tägige Waffenübung in Trenčín (Slovakei) 2 mitzumachen, sodaß ich also in diesem Jahre „an allen Fronten des Staates“ gedient habe. Das entschuldigt gewiss, daß ich viel später als Anna auf Euere l. Zeilen antworte, die mich sehr, sehr gefreut haben. Umsomehr, als ich sonst mit niemandem unserer Verwandtschaft in schriftlichem Verkehr stehe; die Schwestern in Aussig, durch meine „Extravaganzen“ etwas verstimmt, sich nicht überflüssigerweise & nicht gern an mich erinnern u. sonst ja, außer meiner Frau, kein Mensch der sog. Verwandtschaft [two words beneath line crossed out] Anteil nimmt. Wo die Ansichten [cued from end of line:](die nicht einmal einträglich sind,)[end cue] über so allerlei Kleinigkeiten des Lebens so stark auseinandergehen, und jeder gemeinsame Interessenkreis fehlt, aber auch [?jede], selbst die bescheidenste Achtung vor den anderen, nicht am eigenen Herd gebackenen Anschauungen, dort ist es wohl verständlich, wenn auch die persönlichen Beziehungen erkälten. So ist es denn auch! Es hat mich aufrichtig gefreut, daß Lie-Lie nach vielen schweren Jahren schliesslich doch den Platz im Leben gefunden hat, der für sie eine innere Befriedigung, eine Entfaltung ihrer Kräfte u. eine Mitarbeit an dem Werke bedeutet, das ihr ein Lebensinhalt sein kann. Dieses große Glück ist selten u. wird nur von ganz wenigen gefunden. — {2} Und nur ganz wenige gehen den Weg, der ihr Weg ist, bis an sein Ende. Aber nur eine ganz kleine Schar erringt an eben diesem Ende auch noch den Sieg. Was ich im Laufe der letzten Jahre glaubte tun zu müssen, das wird die l. Anna ja gewiss ausführlich in ihrem letzten, während meiner Abwesenheit von Prag an Euch gerichteten Schreiben erwähnt haben, sodaß mir zu alledem nur noch zu sagen übrig bleibt, daß der Weg, so bunt er gewesen ist, immer nur unbestochen und unbeeinflüßt von allen Äusserlichkeiten u. vorübergehenden, kleinlichen Erfolgen gegangen wurde. Inmitten der allgemeinen Verkommenheit, halte ich diese Feststellung, die Ihr ernst nehmen dürfet, für notwendig. Zur Zeit leben wir hier an der Peripherie der Stadt, mit dem Blick auf die Hänge & Gärten um Prag, ein zurückgezogenes, bescheidendes Dasein, das nur hie & da ein Besuch, der mehr stört als erfreut, unterbricht. 3 Wir arbeiten, lesen u. lernen ein wenig, widmen uns ganz unserer kleinen Lisl, die wir täglich als ein besonderes Wunder neu entdecken und vielleicht ein klein wenig zu viel mit unserer Zärtlichkeit umgeben. Sie ist recht unser „schmerzliches Glück“, das uns in einem erfreut und betrübt zugleich und uns manches ersetzt, was wir für sie opfern. Doch ich will nicht zu lange schreiben, Anna hat auch noch etwas zu sagen, deshalb für diesmal ein Ende. Damit Ihr eine leise Ahnung habt, wie herzig unsere Tochter ist, sende ich Euch beiliegend ein Bildchen von ihr. 4 Als eingebildete Mutter behaupte {3} ich jedoch, daß das Original noch viel süßer ist. — — Dein Los, liebe Lie-Lie, ist ein glückliches und beneidenswertes! Du hast als Mitarbeiterin eines geliebten Mannes eine so schöne Lebensaufgabe, die – trotz aller Sorgen, welche ein großes Werk mit sich bringt – wertvoller ist, als alle Reichtümer. Wenn Ihr noch in Galtür seid, dann wünsche ich Euch für den restlichen Aufenthalt die beste Erholung [photograph of small girl enclosed, annotated on verso:] “Unsere Lisl am 3./8. 1925 im Liebener Park. 3¼ Jahre alt.” © Transcription William Drabkin, 2024 |
The lovely days of my stay in Budweis have passed without anything unpleasant, apart from some hunger and cold, some nervousness in my confinement to a single cell for a quarter of a year; with my good health, all that I now wish for the future is that, in the interests of my family, this should not be repeated. In spite of everything, I am still fortunate in not having lost my job which, even though in a modest way, offers us a secure existence. But shortly after my return to Prague, I was informed of having the honor of taking part as a reserve soldier in a two-week armed exercise in Trenčín (Slovakia), 2 so that I have this year served “on all frontiers of the state.” That will certainly excuse my answering your kind words, which pleased me a great deal, much later than Anna. All the more so, since I am otherwise in written communication with none of our relatives; my sisters in Aussig, somewhat upset by my “extravagances,” remember me when it is unnecessary to do so, and not gladly; and no one else in our so-called family circle, apart from my wife, [two words beneath line crossed out] takes an interest in me. Where our views [cued from end of line:](which are not even substantial)[end cue] on all petty matters of life diverge so starkly and we have no common circle of interests, and where not even the most modest attention is paid to viewpoints not originating in our own private sphere, then it is surely understandable if even personal relationships grow cold. And that is indeed how things are! I am genuinely delighted that Lie-Lie has, after so many years, finally found her place in life, one which signifies an inner satisfaction, a development of her powers, and a collaboration on a work that can amount to a life’s purpose. This great happiness seldom occurs and is found only by a very few. {2} And only very few pursue the path that is their path until its end-point. And only a tiny handful also reach victory at this end. That which I believed that I must do over the past years is something that dear Anna has surely relayed in detail in her last letter to you, written during my absence from Prague. All that remains for me to add to this is that my path, as colorful as it may have been, was always taken uncorrupted and uninfluenced by all superfluous matters and temporary and petty successes. In the midst of a general moral rot, I regard this assessment, which you may take seriously, as essential. For the time being, we pursue here on the periphery of the city, with a view of the slopes and gardens around Prague, a secluded and modest existence that is interrupted from time to time by a visit that is more disruptive than comforting. 3 We work, read, and learn a little, devoting ourselves entirely to our little Lisl, whom we daily rediscover to be a special miracle, and whom we perhaps envelop a little too much with our tenderness. She is verily our “painful joy,” who is at the same time our delight and our despair, and who replaces much that we sacrifice for her. But I shall not write at length, as Anna also has something to say; thus I come to an end for now. So that you have some inkling of how sweet our daughter is, I am enclosing a little picture of her. 4 As a vain mother, {3} I can assert that the original is much sweeter still. Your fate, dear Lie-Lie, is a happy and enviable one! As a collaborator with a beloved husband, you have such a beautiful task in life which, in spite of all the difficulties that embrace a great piece of work, is more valuable than any riches. If you are still in Galtür, then I wish you the best recovery for the remainder of your stay there [photograph of small girl enclosed, annotated on verso:] “Our Lisl on August 8, 1925 in Liebeň Park, three and a quarter years old.” © Translation William Drabkin, 2024 |
Die schönen Tage meines Budweiser Aufenthaltes sind ohne unangenehmen Zwischenfall vorübergegangen, abgesehen von etwas Hunger & Kälte, etwas Nervosität in der Abgeschlossenheit einer Einzelzelle während eines Vierteljahres, bleibt, mir heute, bei aller Gesundheit, nur der Wunsch für die Zukunft, daß sich ein ähnlicher Fall schon in Interesse meiner Familie nicht mehr wiederholen möge. Ich habe bei alledem noch das Glück gehabt, meine Anstellung nicht zu verlieren, die uns, wenn auch in bescheidenen Ausmassen, doch eine einigermassen sichere Existenz bietet. Es wurde mir aber knapp nach meiner Rückkehr nach Prag die Ehre zu Teil, auch noch als Reservemann eine 14tägige Waffenübung in Trenčín (Slovakei) 2 mitzumachen, sodaß ich also in diesem Jahre „an allen Fronten des Staates“ gedient habe. Das entschuldigt gewiss, daß ich viel später als Anna auf Euere l. Zeilen antworte, die mich sehr, sehr gefreut haben. Umsomehr, als ich sonst mit niemandem unserer Verwandtschaft in schriftlichem Verkehr stehe; die Schwestern in Aussig, durch meine „Extravaganzen“ etwas verstimmt, sich nicht überflüssigerweise & nicht gern an mich erinnern u. sonst ja, außer meiner Frau, kein Mensch der sog. Verwandtschaft [two words beneath line crossed out] Anteil nimmt. Wo die Ansichten [cued from end of line:](die nicht einmal einträglich sind,)[end cue] über so allerlei Kleinigkeiten des Lebens so stark auseinandergehen, und jeder gemeinsame Interessenkreis fehlt, aber auch [?jede], selbst die bescheidenste Achtung vor den anderen, nicht am eigenen Herd gebackenen Anschauungen, dort ist es wohl verständlich, wenn auch die persönlichen Beziehungen erkälten. So ist es denn auch! Es hat mich aufrichtig gefreut, daß Lie-Lie nach vielen schweren Jahren schliesslich doch den Platz im Leben gefunden hat, der für sie eine innere Befriedigung, eine Entfaltung ihrer Kräfte u. eine Mitarbeit an dem Werke bedeutet, das ihr ein Lebensinhalt sein kann. Dieses große Glück ist selten u. wird nur von ganz wenigen gefunden. — {2} Und nur ganz wenige gehen den Weg, der ihr Weg ist, bis an sein Ende. Aber nur eine ganz kleine Schar erringt an eben diesem Ende auch noch den Sieg. Was ich im Laufe der letzten Jahre glaubte tun zu müssen, das wird die l. Anna ja gewiss ausführlich in ihrem letzten, während meiner Abwesenheit von Prag an Euch gerichteten Schreiben erwähnt haben, sodaß mir zu alledem nur noch zu sagen übrig bleibt, daß der Weg, so bunt er gewesen ist, immer nur unbestochen und unbeeinflüßt von allen Äusserlichkeiten u. vorübergehenden, kleinlichen Erfolgen gegangen wurde. Inmitten der allgemeinen Verkommenheit, halte ich diese Feststellung, die Ihr ernst nehmen dürfet, für notwendig. Zur Zeit leben wir hier an der Peripherie der Stadt, mit dem Blick auf die Hänge & Gärten um Prag, ein zurückgezogenes, bescheidendes Dasein, das nur hie & da ein Besuch, der mehr stört als erfreut, unterbricht. 3 Wir arbeiten, lesen u. lernen ein wenig, widmen uns ganz unserer kleinen Lisl, die wir täglich als ein besonderes Wunder neu entdecken und vielleicht ein klein wenig zu viel mit unserer Zärtlichkeit umgeben. Sie ist recht unser „schmerzliches Glück“, das uns in einem erfreut und betrübt zugleich und uns manches ersetzt, was wir für sie opfern. Doch ich will nicht zu lange schreiben, Anna hat auch noch etwas zu sagen, deshalb für diesmal ein Ende. Damit Ihr eine leise Ahnung habt, wie herzig unsere Tochter ist, sende ich Euch beiliegend ein Bildchen von ihr. 4 Als eingebildete Mutter behaupte {3} ich jedoch, daß das Original noch viel süßer ist. — — Dein Los, liebe Lie-Lie, ist ein glückliches und beneidenswertes! Du hast als Mitarbeiterin eines geliebten Mannes eine so schöne Lebensaufgabe, die – trotz aller Sorgen, welche ein großes Werk mit sich bringt – wertvoller ist, als alle Reichtümer. Wenn Ihr noch in Galtür seid, dann wünsche ich Euch für den restlichen Aufenthalt die beste Erholung [photograph of small girl enclosed, annotated on verso:] “Unsere Lisl am 3./8. 1925 im Liebener Park. 3¼ Jahre alt.” © Transcription William Drabkin, 2024 |
The lovely days of my stay in Budweis have passed without anything unpleasant, apart from some hunger and cold, some nervousness in my confinement to a single cell for a quarter of a year; with my good health, all that I now wish for the future is that, in the interests of my family, this should not be repeated. In spite of everything, I am still fortunate in not having lost my job which, even though in a modest way, offers us a secure existence. But shortly after my return to Prague, I was informed of having the honor of taking part as a reserve soldier in a two-week armed exercise in Trenčín (Slovakia), 2 so that I have this year served “on all frontiers of the state.” That will certainly excuse my answering your kind words, which pleased me a great deal, much later than Anna. All the more so, since I am otherwise in written communication with none of our relatives; my sisters in Aussig, somewhat upset by my “extravagances,” remember me when it is unnecessary to do so, and not gladly; and no one else in our so-called family circle, apart from my wife, [two words beneath line crossed out] takes an interest in me. Where our views [cued from end of line:](which are not even substantial)[end cue] on all petty matters of life diverge so starkly and we have no common circle of interests, and where not even the most modest attention is paid to viewpoints not originating in our own private sphere, then it is surely understandable if even personal relationships grow cold. And that is indeed how things are! I am genuinely delighted that Lie-Lie has, after so many years, finally found her place in life, one which signifies an inner satisfaction, a development of her powers, and a collaboration on a work that can amount to a life’s purpose. This great happiness seldom occurs and is found only by a very few. {2} And only very few pursue the path that is their path until its end-point. And only a tiny handful also reach victory at this end. That which I believed that I must do over the past years is something that dear Anna has surely relayed in detail in her last letter to you, written during my absence from Prague. All that remains for me to add to this is that my path, as colorful as it may have been, was always taken uncorrupted and uninfluenced by all superfluous matters and temporary and petty successes. In the midst of a general moral rot, I regard this assessment, which you may take seriously, as essential. For the time being, we pursue here on the periphery of the city, with a view of the slopes and gardens around Prague, a secluded and modest existence that is interrupted from time to time by a visit that is more disruptive than comforting. 3 We work, read, and learn a little, devoting ourselves entirely to our little Lisl, whom we daily rediscover to be a special miracle, and whom we perhaps envelop a little too much with our tenderness. She is verily our “painful joy,” who is at the same time our delight and our despair, and who replaces much that we sacrifice for her. But I shall not write at length, as Anna also has something to say; thus I come to an end for now. So that you have some inkling of how sweet our daughter is, I am enclosing a little picture of her. 4 As a vain mother, {3} I can assert that the original is much sweeter still. Your fate, dear Lie-Lie, is a happy and enviable one! As a collaborator with a beloved husband, you have such a beautiful task in life which, in spite of all the difficulties that embrace a great piece of work, is more valuable than any riches. If you are still in Galtür, then I wish you the best recovery for the remainder of your stay there [photograph of small girl enclosed, annotated on verso:] “Our Lisl on August 8, 1925 in Liebeň Park, three and a quarter years old.” © Translation William Drabkin, 2024 |
Footnotes1 Receipt of this letter, in which a photograph of Lisl Schiff was enclosed, is recorded in Schenker’s diary for August 21, 1925: “Von Paul (Br. recomm.): das Bildchen der Kleinen; freut sich der aufrechten Verbindung sehr, verargt den übrigen Geschwistern, daß sie keine Achtung vor fremder Meinung haben. An einer Stelle des Briefes erwähnt er der Pflicht gegenüber seiner Familie, die ihn bestimmen könnte, sich vor einer ähnlichen Gefahr zu bewahren, doch ist dieser Gedanke offenbar noch nicht ganz reif in ihm. Spricht von engen aber gesicherten Verhältnissen” (“From Paul (registered letter): a small picture of the little girl; he is very pleased about the good contact [with us], criticizes the rest of the siblings for not respecting the opinions of others. In one passage of the letter, he mentions his duty to his family, which could cause him to guard against a similar danger, but this thought is not yet completely ripe in his mind. He talks about meager but stable conditions”). 2 Trenčín: a town in western Slovakia, close to the border with the what is now the Czech Republic, about 65 miles (105 km) northeast of Vienna. 3 Presumably visits by the police. 4 This photograph survives with the letter, but is not reproduced here. |
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Commentary
Digital version created: 2025-02-08 |