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OJ 14/9, [2] - Handwritten letter from Victor Schiff to Paul Schiff, dated December 19, [1925]
Upon receipt by Paul Schiff of this letter from his older brother Victor, Paul’s wife Anna transcribed it, and that transcription was later sent to Jeanette. It is thus in Anna’s hand, and may have undergone changes, intentional or unintentional, in the copying process.
(Nach seinem Bekenntnis zum Judentum, welches schon in dem Brief an Klara enthalten ist, schrieb er folgendes[:]) 1 Es wäre ungerecht, mein lieber Paul, wollte ich hier meinen Brief schließen, ohne vom Handel gesprochen zu haben. Unsere Stammväter beschäftigten sich fast ausschließlich mit Ackerbau und Viehzucht. Das Leben unseres Volkes aber war ein sehr gezwungenes in den letzten 2000 Jahren u. es entwickelte sich in unserer Rasse eine ganz hervorragende merkantile Eigenschaft. Der Handel u. der Handel allein trägt unbegrenzte Möglichkeiten in sich. Nur der Wille ist nötig u. die Ausdauer. Als ich in Bolivien lebte, während des Krieges, ließ ich meine seel. Frau auf dem Gute, welches ich gepachtet hatte. Sie führte die Wirtschaft allein. Ich packte meine Maulesel u. mit Ware beladen betrat ich die langen Pfade. Durch Sumpf u. Urwald, über Steppe u. Hochland drang ich in noch unerforschtes Gebiet vor, wo die Eingeborenen noch kein Geld kennen. Für Dinge von geringem Werte tauschten sie mit mir Goldstaub u. edle Steine. Die Kälte im Hochland, in brennender Sonnenglut, ich hab’s alles mitgemacht ich hab’s kennen gelernt der Handel vergütet alle Opfer. Wenn ein Mensch eine gewisse Altersgrenze erreicht hat, wird er naturgemäß nach einem sehr aktiven Leben sich umsehen nach einem Orte, wo er sein spätes Alter verleben kann. 2 Er wird sich dann einen Ort aussuchen, wo er seiner Ansicht nach zu Hause ist. Wo man ihn versteht u. wo Menschen leben, die ihm sympatisch sind. Als ich nach Chile kam, glaubte ich, daß dieses Land für mich geeignet wäre. Ich baute mir ein Häuschen, ich baute es selbst; nahm mir einige Arbeiter u. leitete den Bau. Als es fertig war, wurde mir ein Angebot gemacht u. da ich es günstig verkaufen konnte, willigte ich gerne ein. Dann baute ich verschiedene Häuschen, kleine, größere. Es war ganz einträglich. Aber Chile gefällt mir nicht. {2} Ich will hier nicht leben. Philip schreibt mir aus Erez Israel, er fuhr von San Antonio, Texas. Auch David ist dort von Californien. Nur Marcos 3 ist noch im Norden, er schreibt mir immer von Iquique, er will absolut, ich solle mit ihm dem Norden geschäftlich bereisen, Handel. Ich selbst werde mich definitive in Erez Israel ansiedeln. Dort u. nur dort will ich mein Alter verleben. Dort werde ich mir eine Farm kaufen u. den Abend meines Lebens verbringen. Im Lande unserer Ahnen, die historische Heimat meines Volkes. Und so hoffe ich, daß mein Brief Dich nicht allzusehr überrascht, Dir am Ende eine Enttäuschung bereitet. Dir liegt an der Caracterisierung des Menschen u. ich schrieb Dir mit viel Offenheit. Was ich vom Leben denke? Hier werden wir wohl kaum verschiedene Ansichten haben. Der Sinn desselben — au fond, un seul: l’ideal de bonté et l’amour désintéressé. 4 Ich aber trage in meiner Brust eine Hoffnung, eine große, eine unsterbliche Hoffnung. Es ist die ewige Hoffnung meines Volkes. (folgen 5 Zeilen in hebräischer Schrift, die Paul – nicht übersetzten kann. Auch die Einleitung des Briefes begann mit einigen hebräischen Sätzen. ⇧ Diesen Brief x) habe ich vom Original abgeschrieben, während die Abschrift des Briefes von an Klara nur von einer Abschrift gemacht ist. x) Er ist die Antwort auf Pauls ersten Brief. Ein zweiter, in welchem Paul dringend rät, nicht nach Palästina zu fahren u. auch Gründe dafür angibt, ist noch unbeantwortet. © Transcription Ian Bent, 2024 |
(After his confession of the Jewish faith, which is contained in his letter to Klara, he wrote the following:) 1 It would be incorrect, my dear Paul, were I to end my letter at this point without having spoken about trade. Our [Jewish] ancestors worked almost exclusively in agriculture and cattle breeding. The life of our people was, however, a very constrained one during the past 2,000 years, and there developed among our race a wholly preeminent mercantile nature. Trade, and trade alone, offered unlimited possibilities. All that is necessary is the will, and perseverance. When I lived in Bolivia, during the war, I left my spiritual wife on the property that I had rented. She managed the household on her own. I packed my mule and, laden with my wares, set out on the trail. Through swamp, virgin forest, over steppes and highland, I trekked into uncharted territory where the natives were still unacquainted with money. For items of low value they exchanged gold dust and precious stones. The cold in the highland, in the glare of the sun – I persevered through it all; I learned that trade repays all sacrifice. When a man has reached a certain age barrier he will, by the very nature of things, after a highly active life look around for a place where he can live out his final years. 2 He will then seek out for himself a place where, in his estimation, he will feel at home, where others understand him, where people live who are sympathetic toward him. When I moved to Chile I thought this country was going to be well-suited to me. I built myself a small house; I built it on my own, found myself some workers and oversaw the building. When it was finished, an offer was made me, and since I could sell it at a profit I acceded. Then I built several different houses, small ones and larger ones. It was entirely advantageous. But Chile doesn’t please me. {2} I don’t want to live here. Philip writes to me from the land of Israel that he [had] moved from San Antonio, Texas. Likewise David is there, [having moved] from California. Only Marcos 3 is still in the North. He writes to me always from Iquique [in Northern Chile]; he really wants me to join him in traversing the North on business – trade. I myself will definitely resettle in the land of Israel. There and there alone will I live out my old age. I will buy myself a farm and spend the evening of my life there, in the land of our forefathers, the historical homeland of my people. And so I hope that my letter does not surprise you too very much – does not end by causing you a disappointment. It is for you to engage in the characterisation of man, and I have written to you with much openness. What do I think of life? It is here that we are hardly likely to have different opinions. The sense of self: “au fond, un seul: l’idéal de bonté et l’amour désinterressé.” 4 I however cherish in my breast a hope, a big, an immortal hope. It is the eternal hope of my people. (There follow five pages in Hebrew script that Paul can’t translate. Also, the introduction to the letter began with several sentences in Hebrew. © Translation Ian Bent, 2024 |
(Nach seinem Bekenntnis zum Judentum, welches schon in dem Brief an Klara enthalten ist, schrieb er folgendes[:]) 1 Es wäre ungerecht, mein lieber Paul, wollte ich hier meinen Brief schließen, ohne vom Handel gesprochen zu haben. Unsere Stammväter beschäftigten sich fast ausschließlich mit Ackerbau und Viehzucht. Das Leben unseres Volkes aber war ein sehr gezwungenes in den letzten 2000 Jahren u. es entwickelte sich in unserer Rasse eine ganz hervorragende merkantile Eigenschaft. Der Handel u. der Handel allein trägt unbegrenzte Möglichkeiten in sich. Nur der Wille ist nötig u. die Ausdauer. Als ich in Bolivien lebte, während des Krieges, ließ ich meine seel. Frau auf dem Gute, welches ich gepachtet hatte. Sie führte die Wirtschaft allein. Ich packte meine Maulesel u. mit Ware beladen betrat ich die langen Pfade. Durch Sumpf u. Urwald, über Steppe u. Hochland drang ich in noch unerforschtes Gebiet vor, wo die Eingeborenen noch kein Geld kennen. Für Dinge von geringem Werte tauschten sie mit mir Goldstaub u. edle Steine. Die Kälte im Hochland, in brennender Sonnenglut, ich hab’s alles mitgemacht ich hab’s kennen gelernt der Handel vergütet alle Opfer. Wenn ein Mensch eine gewisse Altersgrenze erreicht hat, wird er naturgemäß nach einem sehr aktiven Leben sich umsehen nach einem Orte, wo er sein spätes Alter verleben kann. 2 Er wird sich dann einen Ort aussuchen, wo er seiner Ansicht nach zu Hause ist. Wo man ihn versteht u. wo Menschen leben, die ihm sympatisch sind. Als ich nach Chile kam, glaubte ich, daß dieses Land für mich geeignet wäre. Ich baute mir ein Häuschen, ich baute es selbst; nahm mir einige Arbeiter u. leitete den Bau. Als es fertig war, wurde mir ein Angebot gemacht u. da ich es günstig verkaufen konnte, willigte ich gerne ein. Dann baute ich verschiedene Häuschen, kleine, größere. Es war ganz einträglich. Aber Chile gefällt mir nicht. {2} Ich will hier nicht leben. Philip schreibt mir aus Erez Israel, er fuhr von San Antonio, Texas. Auch David ist dort von Californien. Nur Marcos 3 ist noch im Norden, er schreibt mir immer von Iquique, er will absolut, ich solle mit ihm dem Norden geschäftlich bereisen, Handel. Ich selbst werde mich definitive in Erez Israel ansiedeln. Dort u. nur dort will ich mein Alter verleben. Dort werde ich mir eine Farm kaufen u. den Abend meines Lebens verbringen. Im Lande unserer Ahnen, die historische Heimat meines Volkes. Und so hoffe ich, daß mein Brief Dich nicht allzusehr überrascht, Dir am Ende eine Enttäuschung bereitet. Dir liegt an der Caracterisierung des Menschen u. ich schrieb Dir mit viel Offenheit. Was ich vom Leben denke? Hier werden wir wohl kaum verschiedene Ansichten haben. Der Sinn desselben — au fond, un seul: l’ideal de bonté et l’amour désintéressé. 4 Ich aber trage in meiner Brust eine Hoffnung, eine große, eine unsterbliche Hoffnung. Es ist die ewige Hoffnung meines Volkes. (folgen 5 Zeilen in hebräischer Schrift, die Paul – nicht übersetzten kann. Auch die Einleitung des Briefes begann mit einigen hebräischen Sätzen. ⇧ Diesen Brief x) habe ich vom Original abgeschrieben, während die Abschrift des Briefes von an Klara nur von einer Abschrift gemacht ist. x) Er ist die Antwort auf Pauls ersten Brief. Ein zweiter, in welchem Paul dringend rät, nicht nach Palästina zu fahren u. auch Gründe dafür angibt, ist noch unbeantwortet. © Transcription Ian Bent, 2024 |
(After his confession of the Jewish faith, which is contained in his letter to Klara, he wrote the following:) 1 It would be incorrect, my dear Paul, were I to end my letter at this point without having spoken about trade. Our [Jewish] ancestors worked almost exclusively in agriculture and cattle breeding. The life of our people was, however, a very constrained one during the past 2,000 years, and there developed among our race a wholly preeminent mercantile nature. Trade, and trade alone, offered unlimited possibilities. All that is necessary is the will, and perseverance. When I lived in Bolivia, during the war, I left my spiritual wife on the property that I had rented. She managed the household on her own. I packed my mule and, laden with my wares, set out on the trail. Through swamp, virgin forest, over steppes and highland, I trekked into uncharted territory where the natives were still unacquainted with money. For items of low value they exchanged gold dust and precious stones. The cold in the highland, in the glare of the sun – I persevered through it all; I learned that trade repays all sacrifice. When a man has reached a certain age barrier he will, by the very nature of things, after a highly active life look around for a place where he can live out his final years. 2 He will then seek out for himself a place where, in his estimation, he will feel at home, where others understand him, where people live who are sympathetic toward him. When I moved to Chile I thought this country was going to be well-suited to me. I built myself a small house; I built it on my own, found myself some workers and oversaw the building. When it was finished, an offer was made me, and since I could sell it at a profit I acceded. Then I built several different houses, small ones and larger ones. It was entirely advantageous. But Chile doesn’t please me. {2} I don’t want to live here. Philip writes to me from the land of Israel that he [had] moved from San Antonio, Texas. Likewise David is there, [having moved] from California. Only Marcos 3 is still in the North. He writes to me always from Iquique [in Northern Chile]; he really wants me to join him in traversing the North on business – trade. I myself will definitely resettle in the land of Israel. There and there alone will I live out my old age. I will buy myself a farm and spend the evening of my life there, in the land of our forefathers, the historical homeland of my people. And so I hope that my letter does not surprise you too very much – does not end by causing you a disappointment. It is for you to engage in the characterisation of man, and I have written to you with much openness. What do I think of life? It is here that we are hardly likely to have different opinions. The sense of self: “au fond, un seul: l’idéal de bonté et l’amour désinterressé.” 4 I however cherish in my breast a hope, a big, an immortal hope. It is the eternal hope of my people. (There follow five pages in Hebrew script that Paul can’t translate. Also, the introduction to the letter began with several sentences in Hebrew. © Translation Ian Bent, 2024 |
Footnotes
1 A letter from Paul Schiff to Jeanette, dated February 1
(OJ 14/8, [10]), 1926,
states: “Mit diesem Briefe folgt eine Abschrift eines Schreibens, das Viktor an Klara
geschickt hat u. gleichzeitig den Schlussabsatz eines Briefes von V. an mich.“ (“With this
letter follows a transcript of a letter that Viktor sent to Klara, and with it the final
paragraph of a letter from Viktor to myself”). — Heinrich’s diary for February 4, 1926
reports: “Von Paul: Victors Brief, von Anna abgeschrieben, Paul schreibt auch selbst.
Viktors Brief ist überaus warm, man versteht seine wiederholte Rückkehr zu den
Geschwistern, wie auch die Rückkehr zum Volk – die Quelle ist die gleiche! Um so
unangebrachter betragen sich die jüngeren Geschwister Klara, die ihn förmlich abkanzelt
mit dem grobe Wort „enttäuscht“! (Ja, würde Victor den Dollarbetrag nennen, den er seiner
Schwester vermacht, das wäre ein „Erfolg“.). Paul wirft Victor den Handel vor usw. In
seiner Selbständigkeit, seinem Wagemut u. insbesondere seiner Herzenswärme scheint Victor
seine Geschwister Paul u. Clara zu übertreffen.” 2 In December 1925 Victor had turned 40. He moved to Palestine in c. 1930, but was back in South America by 1933. His place and date of death are unknown. 3 Philip, David, Marcos: presumably Victor’s sons. 4 “fundamentally a solitary person, the ideal of goodness [and] disinterested love.” (source unknown). 5 In 1925, the last day of Hanukah fell on December 19. |
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Commentary
Digital version created: 2024-07-19 |