Liebster Meister! 1

Die Stelle im Horntrio 1. Satz, T. 16–20 2

thumb

gibt mir folgendes Bedanken: Sollten dieses Stück Takte Mittelstück des 1. Gedankengruppe sein, so müssten sie, da sie doch in ihrer geringen Ausdehnung nicht genügend gegensätzlich auffallen, tonartlich gut voneinandergeschieden sein, wie doch überhaupt das Mittelstück durch die Gegensatzlichkeit der Diatonie hervorgehoben wird. Die Diatonie aber hat ebenso wenig Möglichkeit zur Entfaltung, sodass die obigen Takte sehr gut zu Es dur zu beziehen sind! Ist es daher richtig, wenn ich dieses Argument schriftlich so bekämpft habe?:

„…aber es offenbart sich in der Tonikalisierung des Sekundschrittes von a–b (Takt 18) gleichsam der geheime Wunsch der Töne 3 und des Autors hier ein wahrhaftiges B dur/moll glaubhaft zu machen!“

Es ist gleichsam über diese Taktreihe das Zwielicht zweier Har Diatonien ausgegossen: das ces entstanden aus der Mischung mit Es moll, das a als Tonikalisierung eben zu B als einer I. Stufe!

Richtig?


Herzlichst ganz der Ihre
[signed:] Hans


{2} Fort 4

Aus Schopenhauers Welt als Wille u. Vorstellung
I. Buch §8 Seite 42 der Brockhausgesamtausgabe

Und gute Troste derer, welche dem edlen und so schweren Kampf gegen den Irrthum, in irgend einer Art und Angelegenheit, Kraft und Leben widmen, kann ich mich nicht entbrechen, hier hinzusetzen, dass zwar solange, als die Wahrheit noch nicht dabesteht, der Irrthum sein Spiel treiben kann, wie Eulen und Fledermäuse in der Nacht: aber eher mag man erwarten, dass Eulen und Fledermäuse die Sonne zurück in den Osten scheuchen werden, als dass die erkannte und deutlich und vollständig ausgesprochene Wahrheit wieder verdrängt werde damit der alte Irrthum seinen Platz ungestört einnehme. Das ist die Kraft der Wahrheit, deren Sieg schwer und mühsam, aber dafür wenn einmal errungen, ihr nicht mehr zu entreissen ist. 5


Herzlichst Ihr
[signed:] Hans


{3} Zugleich eine Bitte, um ein Wort der Aufklärung über den 12. Walzer von Brahms, bei dessen Wundern ich grade stehe: 6

Die Tatsache, dass zu Beginn der Reprise Emoll also die Haupttonart erscheint, bestimmt mich, nicht abermals als von ihr wegzugehn und nachher Fdur anzunehmen, um hier abermals die Umdeutung nach Edur vorzunehmen! Die VI. Stufe motiviert die Mischung[,] die II phrygische F steht dann hier original, d. h. als DurDreiklang in Moll, und die Prozesse innerhalb der Takte 5 – 6 – 7 – 8 sind nichts andres als Innentonikalisierung gleichsam F dur! [cued from lower margin:] sie sind ja eben Bestandteile nur einer Stufe ebenso wie die ersten 4 Takte des ersten Teiles.[end cue])

Mir scheint dies organischer auch finde ich einen ähnlichen Fall in Beethovens op 7. 1. Satz Bdurgedanke, wo Sie selbst sich für Stufen und nicht neue Tonart entscheiden! 7


Herzlichst Ihr
[signed:] Hans

© Transcription William Drabkin, 2008, 2019



Dearest Master, 1

The passage in the Horn Trio, first movement, mm. 16–20 2

thumb

gives rise to the following thoughts of mine: if these measures represent the middle section of the first group of themes, then in spite of the fact that they strike one as insufficiently contrasting ‒ as a consequence of their modest development ‒ they must be distinguished from the surrounding material in terms of key, as a middle section is always singled out by an opposition of diatonic content. The diatonic content, however, has just as little opportunity to unfold, so that the above-cited measures must be closely related to the key of Eę! Is it thus correct for me to have argued in writing along the following lines:

"…but the tonicization of the step progression from A to Bę in m. 18 reveals here, so to speak, the secret intention of the notes, 3 and their author, to make a genuine Bę major/minor believable!"

It is as if the half-light of two diatonic collections has been spilled: the Cę , derived from the mixture with Eę minor, and the A as a note that tonicizes Bę as harmonic degree I!

Correct?


Most cordially, entirely your
[signed:] Hans


{2} continuation 4

From Schopenhauer's The World as Will and Representation,
Book 1, §8 (p. 42 in the Brockhaus collected edition):

I cannot refrain from setting down here the expression of my admiration of those who dedicate themselves to the noble and very difficult struggle against Error, whatever their method and occasion. Indeed, so long as Truth is not revealed, Error can pursue its game, like owls and bats in the night. But one may sooner expect owls and bats to drive the sun back into the east than that the Truth, recognized and clearly and completely expressed, will again prevail and that the old Error will assume its rightful place, undisturbed. That is the power of Truth, whose victory will be difficult and hard-won but, once achieved, is never to be snatched from her. 5


Most cordially, your
[signed:] Hans


{3} At the same time I would like to ask you for a word of explanation about the twelfth waltz by Brahms, whose wonders I am contemplating at this very moment: 6

The fact that, at the beginning of the recapitulation, the key of E minor appears, i.e. the home key, makes me think that it would be a mistake to leave that key and assume a modulation to F major once more, in order to anticipate the reinterpretation towards E major once again. The harmonic degree VI motivates the mixture, the phrygian II (F) stands here faithfully, i.e. as a major triad in the minor (key), and the processes within mm. 5–8 are nothing other than an interior tonicization of what appears to be F major! [cued from lower margin:]They are, indeed, just components of a single harmonic degree, just as the first four bars of the first part of the piece. [end cue]

This seems to be a more organic interpretation; I also find a similar passage in the Bę group in Beethoven's Op. 7 first movement, where you yourself have decided that there are new harmonic degrees, not a change of key! 7


Most cordially, your
[signed:] Hans

© Translation William Drabkin, 2008, 2019



Liebster Meister! 1

Die Stelle im Horntrio 1. Satz, T. 16–20 2

thumb

gibt mir folgendes Bedanken: Sollten dieses Stück Takte Mittelstück des 1. Gedankengruppe sein, so müssten sie, da sie doch in ihrer geringen Ausdehnung nicht genügend gegensätzlich auffallen, tonartlich gut voneinandergeschieden sein, wie doch überhaupt das Mittelstück durch die Gegensatzlichkeit der Diatonie hervorgehoben wird. Die Diatonie aber hat ebenso wenig Möglichkeit zur Entfaltung, sodass die obigen Takte sehr gut zu Es dur zu beziehen sind! Ist es daher richtig, wenn ich dieses Argument schriftlich so bekämpft habe?:

„…aber es offenbart sich in der Tonikalisierung des Sekundschrittes von a–b (Takt 18) gleichsam der geheime Wunsch der Töne 3 und des Autors hier ein wahrhaftiges B dur/moll glaubhaft zu machen!“

Es ist gleichsam über diese Taktreihe das Zwielicht zweier Har Diatonien ausgegossen: das ces entstanden aus der Mischung mit Es moll, das a als Tonikalisierung eben zu B als einer I. Stufe!

Richtig?


Herzlichst ganz der Ihre
[signed:] Hans


{2} Fort 4

Aus Schopenhauers Welt als Wille u. Vorstellung
I. Buch §8 Seite 42 der Brockhausgesamtausgabe

Und gute Troste derer, welche dem edlen und so schweren Kampf gegen den Irrthum, in irgend einer Art und Angelegenheit, Kraft und Leben widmen, kann ich mich nicht entbrechen, hier hinzusetzen, dass zwar solange, als die Wahrheit noch nicht dabesteht, der Irrthum sein Spiel treiben kann, wie Eulen und Fledermäuse in der Nacht: aber eher mag man erwarten, dass Eulen und Fledermäuse die Sonne zurück in den Osten scheuchen werden, als dass die erkannte und deutlich und vollständig ausgesprochene Wahrheit wieder verdrängt werde damit der alte Irrthum seinen Platz ungestört einnehme. Das ist die Kraft der Wahrheit, deren Sieg schwer und mühsam, aber dafür wenn einmal errungen, ihr nicht mehr zu entreissen ist. 5


Herzlichst Ihr
[signed:] Hans


{3} Zugleich eine Bitte, um ein Wort der Aufklärung über den 12. Walzer von Brahms, bei dessen Wundern ich grade stehe: 6

Die Tatsache, dass zu Beginn der Reprise Emoll also die Haupttonart erscheint, bestimmt mich, nicht abermals als von ihr wegzugehn und nachher Fdur anzunehmen, um hier abermals die Umdeutung nach Edur vorzunehmen! Die VI. Stufe motiviert die Mischung[,] die II phrygische F steht dann hier original, d. h. als DurDreiklang in Moll, und die Prozesse innerhalb der Takte 5 – 6 – 7 – 8 sind nichts andres als Innentonikalisierung gleichsam F dur! [cued from lower margin:] sie sind ja eben Bestandteile nur einer Stufe ebenso wie die ersten 4 Takte des ersten Teiles.[end cue])

Mir scheint dies organischer auch finde ich einen ähnlichen Fall in Beethovens op 7. 1. Satz Bdurgedanke, wo Sie selbst sich für Stufen und nicht neue Tonart entscheiden! 7


Herzlichst Ihr
[signed:] Hans

© Transcription William Drabkin, 2008, 2019



Dearest Master, 1

The passage in the Horn Trio, first movement, mm. 16–20 2

thumb

gives rise to the following thoughts of mine: if these measures represent the middle section of the first group of themes, then in spite of the fact that they strike one as insufficiently contrasting ‒ as a consequence of their modest development ‒ they must be distinguished from the surrounding material in terms of key, as a middle section is always singled out by an opposition of diatonic content. The diatonic content, however, has just as little opportunity to unfold, so that the above-cited measures must be closely related to the key of Eę! Is it thus correct for me to have argued in writing along the following lines:

"…but the tonicization of the step progression from A to Bę in m. 18 reveals here, so to speak, the secret intention of the notes, 3 and their author, to make a genuine Bę major/minor believable!"

It is as if the half-light of two diatonic collections has been spilled: the Cę , derived from the mixture with Eę minor, and the A as a note that tonicizes Bę as harmonic degree I!

Correct?


Most cordially, entirely your
[signed:] Hans


{2} continuation 4

From Schopenhauer's The World as Will and Representation,
Book 1, §8 (p. 42 in the Brockhaus collected edition):

I cannot refrain from setting down here the expression of my admiration of those who dedicate themselves to the noble and very difficult struggle against Error, whatever their method and occasion. Indeed, so long as Truth is not revealed, Error can pursue its game, like owls and bats in the night. But one may sooner expect owls and bats to drive the sun back into the east than that the Truth, recognized and clearly and completely expressed, will again prevail and that the old Error will assume its rightful place, undisturbed. That is the power of Truth, whose victory will be difficult and hard-won but, once achieved, is never to be snatched from her. 5


Most cordially, your
[signed:] Hans


{3} At the same time I would like to ask you for a word of explanation about the twelfth waltz by Brahms, whose wonders I am contemplating at this very moment: 6

The fact that, at the beginning of the recapitulation, the key of E minor appears, i.e. the home key, makes me think that it would be a mistake to leave that key and assume a modulation to F major once more, in order to anticipate the reinterpretation towards E major once again. The harmonic degree VI motivates the mixture, the phrygian II (F) stands here faithfully, i.e. as a major triad in the minor (key), and the processes within mm. 5–8 are nothing other than an interior tonicization of what appears to be F major! [cued from lower margin:]They are, indeed, just components of a single harmonic degree, just as the first four bars of the first part of the piece. [end cue]

This seems to be a more organic interpretation; I also find a similar passage in the Bę group in Beethoven's Op. 7 first movement, where you yourself have decided that there are new harmonic degrees, not a change of key! 7


Most cordially, your
[signed:] Hans

© Translation William Drabkin, 2008, 2019

Footnotes

1 Receipt of this letter appears not to be recorded in Schenker's diary. The tentative editorial dating to November 1913 is based, as a compromise, on the appearance of the Brahms Horn Trio and Waltz Op. 39, No. 12 in Schenker's lessonbook. See footnotes 2 and 6 for evidence.

2 Consideration of form and technique in the Brahms Horn Trio, Op. 40 figures in the entries for Weisse in Schenker's lessonbook on December 4, 11, 22, and 29, 1913 (first movement), January 5, (first movement, moving to Scherzo), 15 (Adagio) and 22 (Finale), 1914. Unfortunately, corroboration from contemporary correspondence is unavailable, since no Weisse‒Schenker letters survive between mid-October 1913 and early July 1914. — However, an entry in Schenker's diary at OJ 1/13, pp. 499‒50, December 31, 1913 should be noted as offering a possible alternative dating for this lesson: "Hans Weisse absent-mindedly barges in during Miss Elias's lesson! A poor action on the part of the boy, who could not get over the loss of a lesson and therefore seeks me out a day earlier, in order to ask me about a passage from [Brahms's] Op. 40. [...]"

3 fn3. "Wunsch der Töne": an interesting anticipation ‒ perhaps fortuitous ‒ of Schenker's later "Tonwille." Did Schenker use this phrase in a Weisse lesson?

4 "Fort," probably short for "Fortsetzung," is written in pencil.

5 Weisse is no doubt thinking of his teacher's mission to search for the truth in music, in opposition to those who commit and transmit errors, and also of his own part in that mission.

6 Weisse's immersion in the Brahms Waltzes Op. 39, as evidenced in Schenker's lessonbooks, extends from at least December 3, 1912 to October 30, 1913. Weisse had been writing waltzes of his own since July 1911 (OJ 15/15, [J]), and it is unclear precisely when attention switched, between then and December 1912, to the Brahms waltzes. Brahms's Waltz, Op. 39, No. 12 in E major was discussed in the lesson for October 27, 1913 "Vorhaltsauflösung durch Versetzung der Harmonie" ‒ "resolution of suspension through transposition of the harmony"). It is unclear whether this relates to the case raised in the present letter.

7 Weisse is referring here to a passage in Schenker's Harmonielehre , pp. 388‒94 and example 334 (Eng. transl., pp. 295‒98), which concludes "nicht jeder Tonart wirklich das ist, was sie scheinen mag." ("not every key is in reality what it seems to be.").

Commentary

Format
3p letter: p.1: holograph salutation, musical notation, message, valediction, and signature; p. 2: holograph heading, quotation, valediction, and signature; p. 3: holograph message, valediction, signature, with marginalia
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Hans Weisse, reproduced with kind permission
License
Permission to publish granted on March 10, 2008 by the heirs of Hans Weisse. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence[at]mus(dot)cam(dot)ac(dot)uk

Digital version created: 2019-10-21
Last updated: 2010-06-25